Donnerstag, 29. Januar 2015

In der Irrenanstalt

Asyle, die irre machten

Irrenanstalt nannte man die Häuser damals zu Vaslav Nijinskys Zeiten. Diagnosen im heutigen Sinne gab es zunächst nicht, die damaligen Therapien erinnern uns eher an Folter: Isolation und Deprivation, Dauerbäder in kaltem Wasser, Elektroschocks. Die "Insassinnen" oder "Irren" mussten nicht einmal wirklich erkrankt sein - viele wurden wegen Verhaltensauffälligkeiten oder fehlender Anpassung von Familienmitgliedern abgeschoben, so mancher auch, damit ein anderer an ein Erbe kam. Irrenhäuser waren Verwahranstalten. Am schlimmsten schienen die öffentlichen "Asyle", in denen die Menschen wie Gefangene völlig verwahrlost dahinvegetierten und erst an den Umständen irre wurden, wenn sie nicht schon verrückt waren.

Vaslav Nijinsky (aus dem Buch Faszination Nijinsky)
In solchen Asylen steckte Vaslav Nijinskys Bruder Stanislas, der sich seit einem Sturz aus dem Fenster und einer möglichen Hirnblutung nicht mehr richtig entwickelte. In russischen Asylen obendrein, die besonders schlimm gewesen sein mussten - denn hierher verfrachtete man auch Gegner des Zaren, um sie kaltzustellen. Vaslav liebte seinen Bruder innig und besuchte ihn regelmäßig, so oft er konnte - er wusste, was einen erwartete, wenn man plötzlich "austickte". Als es ihm dann tatsächlich passierte, hatte er Glück im Unglück: Er war ein weltberühmter und vermögender Mann im Westen, konnte sich die edelsten Privatkliniken in der Schweiz leisten. Und da war noch ein anderes relatives Glück seiner Zeit: Die Psychiatrie hatte einen wissenschaftlichen Durchbruch erreicht.

Die psychotherapeutische Revolution

Das eine war der Klinikchef der renommierten psychiatrischen Uniklinik Burghölzli von Zürich: Eugen Bleuler. Er entdeckte die Schizophrenie wie den Autismus und hatte - in Orientierung an Sigmund Freud - einen völlig neuen Denkansatz: Er unterschied nicht mehr streng zwischen geistiger Gesundheit und Krankheit. Vaslav Nijinsky, der unter brutalen Umständen 1919 zwangseingewiesen wurde (s.u.), erlebte seine besten und hellsten Momente unter dem Arzt Dr. Eugen Bleuler. Der riet ihm eher zur Scheidung denn zur Massivtherapie. Die andere fortschrittliche Klinik, das Bellevue in Kreuzlingen, orientiert sich an der Moderne und der Direktor lässt seine PatientInnen etwas völlig Ungewöhnliches tun, bisher in der Psychiatrie undenkbar: Sie sollten sich kreativ beschäftigen, malen, tanzen, schreiben ... In beiden Kliniken war Vaslav Nijinsky Patient, aber seine Tragik bestand darin, dass ihn seine Frau immer wieder solch wohltuender Therapie genau dann entriss, wenn sie anzuschlagen begann. Wenn er ihr zu entgleiten drohte.

Dass die Psychiatrie zu jener Zeit einen solch großen Fortschritt erlebte, war den zwei ganz Großen zu verdanken: Sigmund Freud und Carl Gustav Jung. Eugen Bleuler berief sich auf Freuds Methoden der Psychoanalyse. Carl Gustav Jung war zwischen 1900 und 1909 im Burghölzli einer seiner wichtigsten Mitarbeiter gewesen. In diese Zeit fällt der Skandal um Sabina Spielrein, die zuerst Patientin und dann Geliebte Jungs wurde. Sie promovierte als weltweit erste Frau mit einer psychoanalytischen Arbeit und arbeitete bis zum Verbot der Therapiemethode als Psychoanalytikerin in der späteren Sowjetunion.

Wer einmal per Film in jene Zeit des psychiatrischen Aufbruchs und das Umfeld, das Vaslav Nijinsky ab 1919 erwartete, hineinschauen will, dem empfehle ich David Cronenbergs wunderbar besetzten Film "Eine dunkle Begierde", der die Geschichte um Sabina Spielrein und das Zerwürfnis der Giganten Freud und Jung verarbeitet (im Moment in der Mediathek bei ARTE). Bis Vaslav Nijinsky in der Psychiatrie eingeliefert wird, vergeht allerdings noch der Erste Weltkrieg, der die Kliniken mit Traumatisierten überschwemmt, mit Menschen, die an den Kriegsgräueln irre wurden.

Spannend sind die berühmten Protagonisten dieses Films noch in anderer Hinsicht bezüglich Nijinskys Schicksal. Es sind Ende 2014 neue Unterlagen aufgetaucht, die mir zum Zeitpunkt der Fertigstellung meines Buchs "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" noch nicht zur Verfügung standen: Unterlagen von Freud, Jung und Adler.

So weiß man nun mehr über Nijinskys Zwangseinweisung 1919:

Es passierte am Tag nach dem Besuch bei Eugen Bleuler und dessen Diagnose der Schizophrenie (die der Arzt übrigens später widerrief). Nijinskys Schwiegermutter soll ihre Tochter Romola vorsätzlich auf einen Spaziergang gelockt und währenddessen die Zwangseinweisung veranlasst haben.
Vaslav Nijinsky lag nichtsahnend im Bett und wartete aufs Frühstück. Plötzlich brachen Polizei und Feuerwehr in sein Zimmer ein, packten ihn gewaltsam noch im Pyjama. Er fragt nach seiner Frau, stellt Fragen, was das soll - und bekommt keine Antwort. Er wird auf Veranlassung seiner Schwiegermutter verschleppt. Als seine Frau vom Spaziergang zurückkehrt, erfährt nicht einmal sie, wohin man ihren Mann verbracht hat. Sie bittet Eugen Bleuler, ihn zu suchen. Der findet Vaslav Nijinsky mit dreißig anderen Patienten im Staatlichen Asyl - aufgrund des Schocks und der gewalttätigen Behandlung bereits im katatonischen Zustand. In sechs Monten im Bellevue in Kreuzlingen entwickelt er in der Folge Halluzinationen. Wie viel hätte ohne diese Zwangseinweisung vermieden werden können!

Die drei Koryphäen:

Romola Nijinsky hat immer wieder die größten psychiatrischen Koryphäen angefragt, um ihren Mann zu behandeln. Zumindest hat sie es zeitlebens behauptet: Freud, Jung, Adler. In der Harvard Theater Collection sind seit langem Originalbriefe zwischen Familie und Therapeuten aufbewahrt, die erschütternde Familienbeziehungen offenlegen. Neu aufgetaucht sind allerdings zwei Briefe aus Privatbesitz in einer Auktion, beide aus dem Jahr 1933 - der eine von Sigmund Freud, der andere von Carl Gustav Jung, beide an eine amerikanische Kunststudentin gerichtet. Im Vergleich wird deutlich, dass auch die inzwischen unzensierte Fassung von Romolas Nijinsky-Biografie kritisch untersucht werden muss.

Romola, der bei ihrem aufwändigen Lebensstil ständig Geld für die Kliniken fehlte, tat einiges, um Nijinskys Berühmtheit immer wieder in klingende Münze umzuwandeln. Für die PR der Veranstaltungen wurden dann schon einmal blumige Geschichten erzählt oder Fotos mit dem nunmehr schwer Kranken künstlich gestellt. Bei einer Ausstellung von Nijinskys Zeichnungen und Malereien im New Yorker Waldorf-Astoria etwa wurde vollmundig behauptet, Freud und Jung wären auf diese Malereien aufmerksam geworden und hätten sie in Kommentaren hoch gelobt. Romola wollte die Zeichnungen gut verkaufen.
Bis vor kurzem wusste niemand, dass eine Kunststudentin in Ohio damals bei den beiden Psychotherapeuten nachgefragt hat, ob das denn auch stimme. Bis die Erbin 2014 in einer Fernsehsendung davon erzählte. (Quelle: Detroit Roadshow)

Sigmund Freud
soll eine Therapie Nijinskys rundweg abgelehnt haben. Mit einem Mann, der in einer schweren Katatonie steckte und nicht mehr sprach, ließ sich keine Psychoanalyse durchführen, behauptete Romola. 1933 schreibt Freud jener Amerikanerin allerdings: "In Wirklichkeit habe ich den Tänzer Nijinsky nie gesehen und mit seinem Fall nichts zu tun gehabt." Auch die Kunstwerke hat er nie gesehen. (Brief auf Deutsch)

Carl Gustav Jung
schreibt der Kunststudentin auf Englisch, er glaube, es sei während des ersten Weltkriegs gewesen, dass ihn Romola wegen ihres Mannes kontaktiert habe, er erinnere sich aber nicht mehr genau (Nijinskys Zwangseinweisung war 1919). Nijinsky habe zu jener Zeit an einem schweren katatonischen Zustand von Schizophrenie gelitten und "was mentally so stuperous", dass eine Unterhaltung mit ihm unmöglich gewesen sei. Etwaige Kunstwerke habe man ihm weder gezeigt noch welche erwähnt.
Interessant ist, dass Carl Gustav Jung dann erwähnt, van Gogh sei ein dankbareres Sujet für die Arbeit der Studentin und diese solle sich doch einmal mit der Sammlung Prinzhorn beschäftigen.
Hier schließt sich ein Kreis - mehr zu dieser Sammlung und den Zusammenhängen schreibe ich in meinem Buch "Faszination Nijinsky".

Alfred Adler
Glaubt man Romola Nijinsky, so habe sie zuerst Alfred Adler für eine Therapie engagiert, diesen jedoch aus Unzufriedenheit fristlos entlassen und daraufhin Carl Gustav Jung angefragt. Das stimmt schon von den tatsächlichen Daten her nicht. Für die 1946 veröffentlichten Tagebücher Nijinskys hatte Alfred Adler außerdem bereits 1936 ein Vorwort geschrieben, das von Romola zensiert wurde und nicht mehr veröffentlicht werden durfte. Zuerst hatte Romola den Abdruck bis zu ihrem Tode verboten, dann Adlers Familie, bis man es endlich 1981 in "The Archives of General Psychiatry" zum ersten Mal öffentlich machte.

Seither weiß man, dass Alfred Adler sehr wohl Vaslav Nijinsky untersucht und diagnostiziert hatte - aber was er herausfand, wollte Nijinskys Frau nicht hören. Adler war der Meinung, Nijinskys Krankheit resultiere aus einem sehr starken Minderwertigkeitskomplex, der aus dem dysfunktionalen Familienumfeld, dem Fehlen einer traditionellen Erziehung, mangelnder Kommunikation und Schwierigkeiten mit höheren Gesellschaftsklassen erklärt werden könne. Damit dürfte er ins Schwarze getroffen haben, aber Romola wollte keine Therapie, die auf Verständnis basierte, sondern lediglich stärkere Medikamente.

1934 hat Adler Nijinsky im Sanatorium besucht und als wohl genährt, ruhig, an Besuch interessiert, aber absolut schweigsam erlebt. Seine motorischen, visuellen und auditiven Fähigkeiten hätten weit über dem Durchschnitt gelegen. Adler beschreibt Nijinsky weniger als einen typischen Schizophrenen als vielmehr soziopathisch von Kindheit an: Ein Mensch ohne Freunde, isoliert und sich selbst genügend, der auf diese Weise durchaus Weltkarriere machen kann - bis er an den Anforderungen des Sozial- und Privatlebens zerbrach. Das wollte Romola nicht hören, die Adler im Vorwort absolut totschweigt. Ungewöhnlich für ihn, denn Familie spielte in seiner Therapie eine große Rolle.
Ich denke, wenn ich Zeit genug gehabt hätte, hätte ich ihn heilen können."
Das schrieb Alfred Adler 1936 - Adler starb 1937. 1938 unterzieht Romola ihren Mann gegen den Rat des Klinikleiters von Bellevue einer der brutalsten Therapien seiner Zeit, an deren Folgen er 1950 stirbt.

Lesetipp:
Das Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos"
enthält neben dem Portrait des Tänzers und historischen Fotos ein ausführliches Interview mit dem Museumskurator von Admont und Spezialisten für die Kunst von psychisch Kranken, Dr. Michael Braunsteiner, über die Sammlung Prinzhorn und die heutige Sicht auf die sogenannte "Outsider Art".
Als Hardcover im Print (auch überall im Buchhandel) oder E-Book zu haben.

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...