Montag, 21. April 2014

Gänsehaut durch Sir Simon Rattle

Ich glaube, ich hörte kaum ein Stück des 20. Jahrhunderts so intensiv wie Strawinskys "Le Sacre". Begleitend zum Projekt "Faszination Nijinsky" habe ich es immer wieder gehört, habe mir jeden nur erreichbaren Film dazu angesehen und auch die Rekonstruktion der Choreografie. Die meist gehörte Version war dabei nichts Weltberühmtes: das ORF-Sinfonieorchester unter der Leitung von Milan Horvath 1992 (Stück bei Spotify anhören / Nachruf Horvath). Es gab aber auch Fassungen, bei denen mir die Zähne zogen und Strawinsky womöglich gestöhnt hätte. Kann man bei einem solch extremen Musikkonsum denn noch Genuss empfinden?

Ja, man kann. Je besser man in ein klassisches Stück "hineinschauen" kann, je mehr man versteht, wie es "funktioniert", desto größer wird das Staunen: "Le Sacre" ist für mich eine der größten Kompositionen des 20. Jahrhunderts - im Jahr 1913 seiner Zeit weit voraus, 2014 immer noch nicht gealtert.

Gestern gab es live bei den Osterfestspielen in Baden-Baden eine Fassung, die auch mir alten Dauerhörerin Gänsehaut vom Kopf bis zu den Zehenspitzen bescherte. Als Sir Simon Rattle die Berliner Symphoniker dirigierte, sah ich förmlich Vaslav Nijinsky hinter der Bühne laut durchzählen, damit die Tänzer gegen die Schreie des Publikums weitertanzen konnten. Ich sah das Ballett vor meinem geistigen Auge, ich sah aber auch, woher die wunderbaren Klangfarben kommen, die Strawinsky mit seiner damals extrem schrägen Orchesterzusammensetzung erreichte. Genuss vom Feinsten - könnte meine Lieblingsfassung werden (gibt es in einer Version von 2012 auch auf CD).

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...