Dienstag, 11. Februar 2014

Nachruf auf Nijinsky 1950

Eigentlich wird in diesem Jahr der 125. Geburtstag von Vaslav Nijinsky gefeiert. Unter den Fundstücken, die ich dazu in diesem Blog regelmäßig präsentieren möchte, soll aber auch ein Nachruf nicht fehlen. Der englische Guardian brachte ihn am 10. April 1950 - Vaslav Nijinsky starb in England.

Interessant dabei ist nicht so sehr, dass auch zu jener Zeit seine Berühmtheit keineswegs vergessen war: "No male dancer in perhaps any age has had greater fame or a more tragic ending to his career." Vielmehr gab es offensichtlich damals bei den Journalisten Wissenslücken, wie sie zu mancher Mythenbildung geführt haben mögen.

Im Guardian heißt es über Nijinskys Zeit im Ersten Weltkrieg, der Tänzer sei in einem österreichischen Kriegsgefangenenlager interniert gewesen und nur dank Diaghilew gerettet worden: "However, when Nijinsky was interned in an Austrian prison camp after the outbreak of war in 1914 it was Diaghileff who gained his release." Dass Diaghilew trotz ihrer zerrütteten Beziehung im Hintergrund die Fäden spann, um Nijinsky in die USA ausreisen zu lassen, ist richtig. Das ist ihm auch mithilfe politischer und diplomatischer Beziehungen fast im letzten Augenblick gelungen. Für Nijinskys Zustand womöglich zu spät. Falsch ist jedoch der Aufenthaltsort. Die Wahrheit, die wir heute kennen, ist noch viel tragischer. Vaslav Nijinsky geriet mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht nur wegen seines Passes zwischen die Fronten. Reichlich unfähig zu praktischen Lebensentscheidungen folgte er seiner ungarischen Frau in deren Heimat, weil Romola glaubte, in Ungarn sei der Russe sicher. Sie irrte sich angesichts der Weltlage.

Verblendung, die von der Geschichte bestraft wurde. Und dabei hatte Nijinsky noch "Glück". Man internierte ihn, als Zugeständnis an seine Berühmtheit, im Haus der Schwiegereltern: Hausarrest! Und hier begann das große Drama, das in einem echten Gefangenenlager so nie hätte stattfinden können: Die Ehefrau, die er damals schon ablehnt, im Dauerstreit mit ihrer eigenen Mutter, die Ablehnung von Nijinskys Sehnsüchten und Wünschen, das ständige Eingesperrtsein im Turmzimmer, ohne Tanz, ohne Bühnenbekanntschaften, einsam in einem Land, dessen Sprache er weder versteht noch sprechen kann! Zunächst versucht der Tänzer, in der Vaterrolle für die kleine Kyra aufzugehen, aber das Fehlen der Kunst und der Bühnenleute lässt sich nicht unterdrücken. Er greift, um nicht verrückt zu werden an diesem Gefängnis, zum einzigen Bewegungswerkzeug, das ihm bleibt: Er beginnt zu malen.

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