Dienstag, 4. Februar 2014

Gehen, spüren, hören, fliegen

Die schwierigste Szene wahrscheinlich des ganzen Stücks: Ein Monolog Nijinskys, bevor der angelegte Konflikt eskaliert. Dünnhäutig wird er dabei, äußerst dünnhäutig. Aber nicht nur er soll fühlen: Ich will, dass das Publikum ihn spüren kann.

Um so etwas schreiben zu können, muss ich mich selbst dünnhäutig machen, muss durchlässig werden. Das sind die Tage, die schöpferisch Tätige auch in anderen Künsten kennen: Man meidet Menschenansammlungen, schließt sich vor dem Geschrei der Wirklichkeit da draußen ab, bringt sich in eine Art Schwebezustand. Nichts darf einen in diesem Moment zurückholen in die Gegenwart der anderen, denn dann wäre der Zauber gebrochen.

Manchmal reicht ein guter Kaffee, ein Fetzen Musik. Aber diesmal ist es anders. Es geht in die Schmerzen eines zutiefst Gepeinigten hinab. Nijinsky hat eine Liebe verloren, zwei seiner Stücke sind abgesetzt und was er vermutet, klingt nur vornehmlich wie Verfolgungswahn. Denn die Intrige, die er feinsinnig erspürt, ist echt. Dazu schwebt wie ein Damoklesschwert über ihm der Wunsch Diaghilews, er möge für ein Jahr aussetzen. Einfach nur aussetzen, Urlaub machen. Wie macht das einer, der ohne Bewegung nicht sein kann, dem die Bühne alles ist - das Leben, die große Liebe? Einer, der im Alltag nicht besteht, alles abgenommen bekommt vom Leibdiener und vom Geliebten? Ein Jahr ohne Tanz ... und das einem Vollbluttänzer, der von Kindesbeinen nichts anderes getan hat? Er will es nicht, aber er klammert sich an die große Aussicht: Ein Ballett nach Musik von Johann Sebastian Bach. Wieder Tänzer und Choreograph zugleich sein ...

Ich trage die Szene, die nun kommen soll, wohl schon ewig mit mir herum ... wie so viele ungeschriebene, aber erfühlte Szenen. Manche von ihnen brauchen Leben und Zeit und seltsame Zufälle um sich herum, um zu wachsen. Da ist der Choreograph, den ich kennenlernte, der als junger Ballettschüler einen ganz besonderen Lehrer hatte: Leon Wojcikowski, einen Tänzer, der noch persönlich mit Vaslav Nijinsky und den Ballets Russes auf der Bühne gestanden hatte! Näher kommt kaum etwas einem Augenzeugenbericht nach hundert Jahren. Und wie er mir vom Geheimnis des Fenstersprungs von Nijinsky erzählt ... etwas, das in keinem Buch steht. Das Niemandem, den ich kenne, auch nur irgendwie bewusst ist. Der Fenstersprung Nijinskys im Ballett "Der Rosengeist" war legendär - in meinem Buch beschreibe ich die schier unmenschliche Anstrengung dahinter. Aber warum sprang Nijinsky einmal rückwärts!?

Nijinsky, Vaslav 2104 / photog... Digital ID: nijinsky_2104v. New York Public Library

Nie werde ich den Gänsehauteffekt vergessen. Da war auf einmal dieses Gefühl aus Kindertagen. Wenn ich aufmerksam den Gehweg entlanggehüpft bin und nicht auf die Linien treten durfte. Immer nur ins Innere der Steinplatten. Auf eine Linie treten, das war wie Chaos in die Welt bringen, das musste ausradiert werden, rückgängig gemacht, mit einem Rückwärtssprung in die Mitte. Kinder haben solche magischen Spiele, die sie irgendwann vergessen. Nur manchmal ist da noch eine leise Ahnung, wie man sich den Kosmos in Ordnung hüpfte, wie es sich anfühlte, wenn er scheinbar in Unordnung geriet, wie man gegensteuerte, sich bewegte, hüpfte, tanzte. Nijinsky hat die Sache mit dem Fenster nicht zufällig getanzt. Sein geliebter Bruder war als Kind aus dem Fenster gefallen, Stockwerke tief. Tagelang lag er bewusstlos, dann das wundersame Erwachen. Aber etwas im Kopf des Bruders war ver-rückt, war aus der geordneten Bewegung geraten. Nijinsky sprang immer wieder für seinen Bruder ... zurück.

Es ist ein Bild für meine Szene. Und da ist noch eine Kindheitserinnerung von ihm, nicht mir, hochemotional. Ich muss in Nijinskys Sprache, seinen Tonfall, seinen Atem finden.

Ich gehe. Gehe über Wiesen, Felder, durch den Wald. Höre Gustav Mahlers Fünfte und gehe ins Gefühl hinein. So viel Traurigkeit, so viel Sehnen ... fast ist die Musik nicht auszuhalten. Es erdet mich mein Hund, der ganz andere Linien verfolgt als choreographische. Aber ich darf nicht stehenbleiben, wie ich dünnhäutiger werde. Raben begleiten mich und Vorfrühlingsvogelsang, der ins Pianissimo dringt. Wie ist das, wenn einem die Kunst genommen werden soll? Wenn man funktionieren soll wie all die anderen da draußen, im Alltag, da, wo es laut ist und das Leben quirlt. Was muss sich einer abschneiden, der das Leben aus sich heraustanzt, der gefühlt werden will von den anderen, der vor Liebe nur so überströmt, als andere ihn abschieben wollen?

Es ist nicht einfach. Daheim, am Laptop sitzend, schalte ich leise, ganz leise Schostakowitsch ein. Das ist die Musik für so etwas: die fünfte Symphonie, auch bei ihm die fünfte .... als ginge es um eine verborgene Symmetrie. Man hört die Anklänge von Mahler bei Schostakowitsch obendrein. Zufallswahl. Zufall? Das Stichwort: Symmetrie. Bevor ich daran gehe, sie komplett zu zerstören.

Dann ist es da. Es schreibt mich. Ich nehme nichts mehr wahr, bin ganz da, ganz vorhanden in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Ich bin mit Nijinsky Kind und ich sitze verzweifelt mit ihm im Hotelzimmer. Spreche für ihn, fühle ...

Irgendwann noch ein Durchgang, ein wenig feilen. Wie immer, wenn etwas so aus mir herausgeflossen ist, muss nicht viel verändert werden. Eine ganze Symphonie lang hat dieser kleine Monolog gebraucht. So viele Tage stecken in dieser winzigen Szene. Der letzte Ton - ein Punkt. Mein erschreckter Blick auf die Uhr, die jemand vorgedreht haben muss ... und dann der Schüttelfrost.

Ich klappere mit den Zähnen, bin völlig ausgelaugt und erschöpft. Einen Espresso und einen Kraftriegel später bin ich fähig, meine eigenen Worte laut durchzulesen. Worte, die mir immer fremd vorkommen und die mit dem Musiker enden, den ich während des Prozesses eigenartigerweise nicht habe hören können:
"Ich gebe ihnen nicht mehr das Tier. Bach. Das ist der Knall Gottes. Das Rauschen hinter dem geöffneten Fenster. Bach ist die Mathematik der getanzten Formen. Fliegen, ohne je gesprungen zu sein."
Habe ich das geschrieben? Es muss wohl so sein. Morgen wird Diaghilew ins Zimmer platzen, Nijinskys Monolog genau an dieser Stelle unterbrechen. Morgen muss ich in Sergej Diaghilew schlüpfen ...

Bevor ich diesen Beitrag hier schreibe, schlage ich nach: 5. Symphonie von Schostakowitsch. Und lese dessen Worte:
"Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich hin: Jubeln sollen wir, jubeln sollen wir ..."
Seltsam. Genau das hätte mein Nijinsky in jener Szene auch sagen können.

Der Vorverkauf für die Premiere in Baden-Baden hat bereits begonnen: Hier Karten reservieren!

1 Kommentar:

Born hat gesagt…

Es ist ihnen gelungen; da Rhythmus über Haut laufen ist. Der jeden Körper zum tanzten fängt. Sie benutzten Sätze, die wie; gut, ich habe es für mich, anders Übersetz!
Füße lassen die Langeweile, aus, Hände fangen an gefangen sein, Fingerkuppen zankten zittern, Lippen bissen drauf zu, Gedanken Leiden, die Situation undurchsichtig sein. Der Rhythmus ist die Geselligkeit spielender Töne; wie schrieb ich es mir ein… der Körper ist Rhythmus. Liebe gibt den Ton dazu.

Charmant. Tanz hält nicht auf.

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