Dienstag, 21. Januar 2014

Walk like an Egyptian

Wer hat nicht sofort den Ohrwurm "Walk like an Egyptian" im Ohr und möchte gleich lostanzen zum Nummer-1-Hit der Bangles aus dem Jahr 1986! Lustig war das, mit diesen komischen Bewegungen wie auf altägyptischen Friesen - die Hände vorgeruckt ... wie im nicht minder legendären Video der Band. Es heißt, der Song sei von Leuten inspiriert worden, die herumeierten, um von einer Fähre zu kommen - den Texter habe das an alte ägyptische Fresken erinnert. Aber das ist wohl nur eine Mär, denn der Text selbst gibt einen viel spannenderen Hinweis, wenn es von diesen alten Figuren heißt: "They do the sand dance ..."

Der Sand Dance war nämlich nicht minder berühmt und verbreitete sich einst wie ein Virus. Dabei hatte alles so harmlos angefangen: Ein Komponist namens Alexandre Luigini schrieb die Musik für ein "Ballet égyptien", das genau hundert Jahre vor den Bangles als Teil der Oper Aida Aufsehen erregte. In einer Fassung als Orchester-Suite hatte das Stück auch noch im beginnenden 20. Jahrhundert großen Erfolg - die Leute waren verrückt nach exotischen Themen. In den 1920ern fand diese Musik als Hit aus den Konzerthäusern hinaus in die Variétés und Music Halls von Amerika und Europa. Das Trio Wilson, Keppel and Betty (gegr. 1917) brachte mit seinem "Sand Dance" das Publikum nicht nur zum Kochen ... sondern zum Mittanzen. Der Sand Dance war voll in Mode, die Leute schwelgten im Ägyptenfieber. Abgesehen von den Bewegungen, die alten Fresken nachempfunden waren, war das Ganze auch noch lustig und als "Cleopatra's Nightmare" machte der Tanz dann vor allem in den 1930ern Furore ... Weltweit berühmt war das Trio - nur im Deutschen Reich führte ihre Darbietung, die sie 1936 in Berlin noch gaben, zum Verbot durch Goebbels als "entartete Kunst". Die Tänzerin Betty erlebte eine späte Genugtuung - sie wechselte später in den Journalismus und wurde Korrespondentin bei den Nürnberger Prozessen.
Ob der Songwriter von The Bangles wirklich nichts von diesem Vorbild wusste?
Cleopatra's Nightmare bei youtube anschauen
Wilson, Keppel & Betty bei youtube anschauen
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Die wenigsten Menschen jedenfalls kennen den sogenannten Missing Link, das wirkliche Vorbild, das zwischen dem 19. Jahrhundert und den 1920er Jahren überhaupt erst die Ägyptomanie in der Tanzsszene salonfähig machte ... zu seiner Zeit jedoch reichlich skandalumwittert: Vaslav Nijinsky!

Es ist 1912. Vaslav Nijinsky tanzt nach seiner eigenen - übrigens ersten - Choreographie "L'après-midi d'un faune" von Debussy. Die Tänzer tragen Kostüme, die an alte griechische Statuen erinnern, aber ihre seltsamen Bewegungen erinnern an altägyptische Fresken:
"Den Oberkörper unbeweglich zum Publikum gewandt, zeigen ihre Füße schon in Fluchtrichtung, die Köpfe jedoch starr rückwärts zum Faun. Und dann immer wieder das gleiche Spiel: Brust oder Rücken bleiben starr zum Publikum gerichtet, Füße und Köpfe verdrehen sich ins Profil. Keine Miene verzieht sich während der zwölfminütigen Aufführung. In abrupten, starren Winkelungen entwickeln die Gliedmaßen ein Eigenleben, als seien sie abgebrochen von einer Statue, als müssten sie auf einer zweidimensionalen Fläche agieren." (Petra van Cronenburg: Faszination Nijinsky)
Wie es dazu kam, darüber gibt es eine nette Anekdote: Wie immer scheuchte der Impresario Diaghilew seinen Startänzer Nijinsky und den Bühnen- und Kostümbildner Leon Bakst zu Studienzwecken ins Museum. Dumm nur, dass die beiden ausgerechnet im Louvre aneinander vorbei liefen! Bakst wartete im Erdgeschoss auf Nijinsky, sichtlich fasziniert von den Sammlungen aus dem antiken Griechenland. Nijinsky war wieder einmal zu schnell vorausgestürmt: in die ägyptischen Sammlungen einen Stock darüber. Ob er schon einmal einen frühen "Sand Dance" auf der Bühne gesehen hat, ist nicht überliefert. Aber er hat sich seine Bewegungen auf eben jenen altägyptischen Fresken abgeschaut. Seine Idee von der Choreografie war bahnbrechend: Alles sollte so aussehen, als sei es zweidimensional auf eine Wand gemalt!

Als die Ballets Russes dieses Ballett und schließlich auch "Cléopatre" auf die Bühne brachten, grassierte in Europa gerade das Altägyptenfieber. Spektakuläre archäologische Funde rückten die Antike wieder ins Blickfeld - einer der berühmtesten war der Fund der Nofretete 1912. Man schwelgte in den Farben der Fresken und ahmte den Stil der alten Ägypter in Mode und Design nach. Bis die zweite große Welle dieser Mode kam - mit der Öffnung des Grabs von Tut-ench-Amun 1922. Ob Wilson, Kettle & Betty nicht sogar die Vorbilder der Ballets Russes parodierten? Sie gründeten ihre Gruppe im Jahr nach deren legendärer USA-Tournee ...

L'Après-midi d'un faune aus einem Film von 1931. Ein besonderer Leckerbissen für Kenner - die Choreographie stammt vom ehemaligen Mitglied der Ballets Russes, Leon Woizikowski, der noch mit Vaslav Nijinsky auf der Bühne gestanden hat. Er versuchte damals zum ersten Mal, dessen Choreographie einigermaßen zu rekonstruieren. Die Version des Joffrey Ballet (Farbe), das eine wissenschaftlichere Rekonstruktion versuchte, kann man hier anschauen.



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