Dienstag, 12. März 2013

Happy Birthday, Nijinsky!

Im Jahr 1889 sieht die Landkarte anders aus als heute - der wohl berühmteste russische Tänzer aller Zeiten, Vaslav Nijinsky, kommt bei einer Tournee seiner polnischstämmigen Eltern in Kiew zur Welt. Die Mutter Eleonora Bereda und der Vater Tomasz Nieżyński sind beide Tänzer - das Söhnchen hüpft schon in Kleinkinderjahren im Warschauer Teatr Wielki bei den Proben auf der Bühne herum. Sehr eng ist das Verhältnis zu seinen Geschwistern Bronja und Stanislaw - Bronja, die später selbst eine weltberühmte Choreografin werden wird; Stanislaw, dessen tragisches Schicksal den Bruder zeitlebens nicht mehr loslassen wird, das er symbolisch auf der Bühne umsetzt. Ob Vaslav Nijinsky wirklich heute und wirklich 1889 Geburtstag hat, war lange Zeit jedenfalls nicht klar: Zu oft fälschte man seine Papiere, um der Karriere willen, um des Überlebens willen.

Vaslav Nijinsky 1910 als Prinz Albert in "Giselle". Neben tänzerischer Höchstleistung begeisterte er schon in jungen Jahren durch Aussehen und Charisma. Foto: Auguste Bert


Zuerst trickste wohl die Mutter, damit der Sohn nicht zum Militärdienst musste, denn gerade wurde er als Talent am Kaiserlichen Theater in Sankt Petersburg entdeckt, dem heutigen Mariinsky Theater. Später - die Landkarte änderte sich massiv und das alte Europa mit Russland zerfiel in Trümmer - da war Vaslav Nijinsky ein Opfer seiner Internationalität: Ein polnischstämmiger Russe mit dem Pass eines Staatenlosen, verheiratet mit einer Ungarin und zum falschen Zeitpunkt auf dem Boden Österreich-Ungarns. Kriegsgefangener, zum Glück aufgrund seiner Berühmtheit nur im Haus seiner Schwiegereltern interniert, zum Unglück am Tanzen gehindert. Wieder mussten alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, dem Impresario Sergej Diaghilew gelang es nur mit Hilfe oberster amerikanischer Behörden, den russischen Tänzer für eine Amerikatournee frei zu bekommen. Und dann der letzte Schwindel, wahrscheinlich mit den Papieren eines Toten. Damit Nijinsky, der wieder durch seine Frau zur falschen Zeit am falschen Ort gelandet war, in letzter Minute dank seines polnischen Pflegers vor der Ermordung durch die Nazis gerettet werden konnte. Da galt er schon als "Geisteskranker" und stand auf der Todesliste.

Die extremen Brüche ziehen sich durch sein Leben. In Russland lebt er als junger Eleve in der homosexuellen Glitzerwelt eines reichen Society-Mäzens. Es ist normal, dass sich die jungen Tänzer an Mäzene und Förderer verkaufen, vom mickrigen Honorar können sie und ihre Familien nicht überleben. Aber schon damals geht ein Mann in Nijinskys Familie aus und ein, der das außergewöhnliche Talent des jungen Mannes erkennt und aktiv fördert. Er macht Nijinsky mit den Künsten vertraut, mit der Literatur, schleppt ihn mit in Museen und gibt wahrscheinlich sogar dem Liebhaber-Mäzen Geld, damit dieser sich zurückzieht.

Der sehr viel ältere Sergej Diaghilew und Vaslav Nijinsky werden ein Paar. Unzertrennlich, weil keiner ohne den anderen leben kann, aber auch, weil es Sergej Diaghilews 1908 gegründete Ballets Russes nicht ohne seinen Startänzer gäbe - und der weltberühmte Balletttänzer und Choreograf ohne die Truppe ein Nichts wäre. Die beiden leben ihre Beziehung völlig offen, werden zum berühmtesten schwulen Paar Europas. Im Lieblingshotel der Szene, dem Grandhotel am Lido in Venedig, wo Nijinsky einen eigenen Trainingssaal hat, macht just zu jener Zeit ein deutscher Dichter Urlaub. Thomas Mann schreibt seine legendäre Novelle "Tod in Venedig". Keiner, weder der Dichter noch der Impresario ahnen, dass Sergej Diaghilew wie Aschenbach an genau diesem Ort sterben wird.

Nijinsky im Danse Siamoise des Balletts Les Orientales 1910. Foto: Eugène Druet, aufgenommen im Garten des Malers Jacques-Émile Blanche, der Nijinsky nach den Fotos malte. Die Fotoserie beinhaltet auch das einzige Foto von Nijinsky im Sprung, eines der ersten Bewegungsfotos dieser Art überhaupt.

1913 erscheint wieder einer der unbegreiflichen Brüche. Im Sommer sitzt das Leitungsgremium der Ballets Russes, darunter Sergej Diaghilew und Vaslav Nijinsky, noch incognito im Baden-Badener Hotel Stéphanie Les Bains (dem heutigen Brenners Parkhotel). Scheinbar einvernehmlich besuchen sie Barockschlösser, um Inspirationen für ein neues Bühnenbild zu suchen, sie wollen die neue Saison planen. Die Baden-Badener wissen wohl gar nicht, dass sie es mit Weltberühmtheiten zu tun haben. Im Hotel steht kein Flügel zur Verfügung, erst nach einigem Hin- und her wird ein Piano von irgendwo herbeigeschafft.

Ein Jahr zuvor hat Nijinsky mit seiner ersten Choreografie einen Skandal in Paris verursacht, der bis in höchste politische Kreisen Spuren hinterließ. Da ist er gerade einmal 23 Jahre alt. Debussys "Faun" hat er nicht nur in einer völlig abstrakten Choreografie auf die Bühne gebracht, sondern mit einer Masturbationsszene auf der Bühne beendet. Sein Altersgenosse Charlie Chaplin wird von dem Stück begeistert sein! Kurz vor dem Baden-Badener Aufenthalt dann der zweite, vielleicht noch größere Skandal: Igor Strawinskys "Le Sacre du printemps" wird von Musikern als Lärm und Getöse beschimpft, Nijinskys Choreografie ist ihrer Zeit so weit voraus, dass aus dem Pfeifkonzert eine Prügelei im Publikum wird. Avantgarde prügelt auf Belle Époque und umgekehrt - die Polizei muss eingreifen.

Alles könnte so wunderbar laufen in jenem Schicksalssommer vor hundert Jahren. Aber es gibt Spannungen beruflicher Art. Dann reist Nijinsky ohne seinen Lebenspartner auf eine Tournee nach Südamerika ab. Mit an Bord: ein Society-Girl aus Ungarn, eine verwöhnte junge Frau, die gewohnt ist, zu bekommen, was sie haben will. Seit zwei Jahren verfolgt sie wie ein Groupie Nijinsky auf Schritt und Tritt quer durch Europa, viel hat sie dafür bezahlt, mit an Bord gehen zu können. Ihr einziges Ziel: Auf dieser Schiffsreise, fern von Diaghilew, Nijinsky zu ihrem Mann zu machen und von diesem Genie einmal Kinder zu bekommen. Völlig überstürzt heiraten die beiden bald nach der Ankunft - eine der rätselhaftesten Hochzeiten der Geschichte.

Für Nijinsky ist die Heirat Romolas der Anfang vom Ende. Was nun folgt, ist eine Verkettung von unglücklichen Zufällen, unglücklicher Ehe und dem Festhalten an der Fassade. Krankheitsanzeichen mehren sich. Der Tänzer, der nie Urlaub machte, wirkt vollkommen erschöpft und treibt sich mit letzter Kraft zu Höchstleistungen. Die Ehefrau interessiert sich eher für Geld und Ruhm als für Kunst. 1919 bricht Nijinsky endgültig zusammen. Diagnose: Schizophrenie, die Krankheit wurde in jener Zeit überhaupt erst entdeckt. Heute, nach Lage der Krankenakten, kommen ganz andere Dinge zutage.

Romola hat ein Verhältnis mit Nijinskys Arzt und beide mischen ihm das süchtig machende Chlorhydrat ins Essen. Der von ihm angeblich getanzte "Wahnsinn" hat völlig reale Hintergründe, war Jahre zuvor von ihm und Diaghilew so angedacht gewesen. War Nijinsky manisch-depressiv? Würde er heute wegen eines Burnout-Syndroms behandelt werden? Damals gab es kein Zurück. Der Erste Weltkrieg, der Verlust des Tanzens, die familiären Probleme ... zuerst versucht sich der Bewegungssüchtige in die Malerei zu retten, schließlich ins Schreiben. Seine weltberühmten Tagebücher sind das letzte, was Vaslav Nijinsky vor seiner völligen Umnachtung 1919 hinterließ. Gelebt hat er bis 1950. Die Jahre des großen Tanzmythos bis dahin erscheinen wie eine große griechische Tragödie.

Lesetipp:
Petra van Cronenburg: Vaslav Nijinsky. Annäherung an einen Mythos (Seite mit großer Leseprobe)
Rezension des Buchs bei Tanznetz
Das Buch kann in der Buchhandlung Strass in Baden-Baden auch signiert vorbestellt werden.

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...