Freitag, 25. Mai 2012

Aus Unvernunft geboren

Meine ganz persönliche Geschichte in Sachen Schriftstellerkuriositäten begann 2009 - und sie hat ständig irgendwie mit Boris Godunov zu tun. Oder mit diesen seltsamen Parallelwelten, wie sie sonst nur Schriftsteller erfinden.
Im Jahr 2009 erlag die Kulturwelt dem Ballets-Russes-Fieber, denn das berühmte Ensemble war hundert Jahre zuvor gegründet worden. Sergej Diaghilew, der seine Künstler aus dem damals Kaiserlichen Theater in Sankt Petersburg - dem heutigen Mariinsky - holte, hatte eigentlich schon 1908 mit der Aufführung der Oper Boris Godunov in Paris den Grundstein zu seinem Weltunternehmen gelegt. Das Ballett war aus Armut entstanden. Sein größter Mäzen war ihm plötzlich weggestorben, Diaghilews Ideen drohten am Geld zu scheitern - und Ballettproduktionen waren damals billiger als Oper.

Die Unvernunft hat gesiegt: Eine Karte für die Deutschlandpremiere des Mariinsky Theaters ist mein.

Auch ich schwelgte im Ballets-Russes-Fieber. Allerdings in voller Verzweiflung! Bei der Produktion meines Nijinsky-Portraits war alles schief gelaufen. Ich saß auf einem Stoff, der nicht produziert werden konnte - und auf einer für die neuen Verhältnisse viel zu teuren Eintrittskarte, die ich mir ursprünglich als "Belohnung" gekauft hatte. Valerij Gergiev und Musiker des Mariinsky gaben eine vorgetragene Partie aus der Oper Boris Godunov in Baden-Baden. Wäre ich vernünftig gewesen, hätte ich damals die Karte noch rechtzeitig zurückgegeben und hätte mir für das Geld etwas zu Essen gekauft. Aber ich befand mich an dem Abgrund, vor dem man sich als Schriftstellerin am meisten fürchtet: Ich war nach diesem Rückschlag bereit, das Schreiben völlig aufzugeben - für immer. Stattdessen war ich unvernünftig und erlebte einen äußerst seltsamen Abend.

Wie sehr dieser Abend mein Leben verändert hat, weiß ich erst heute. Heute bin ich Mitglied in der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft in Baden-Baden und habe dort gerade eine Lesung meines Buchs "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" (gedruckte Ausgabe / E-Book) hinter mir. An jenem Abend 2010 hatte mich die Sehnsucht gepackt, wieder Russisch zu lernen, Russen kennenzulernen. An jenem Abend habe ich den gesunden Trotz entwickelt, weiter an meinem Herzensprojekt zu arbeiten. Mir war bei diesen Musikern wieder eines klar geworden: Man darf seine Talente nicht verraten. Das Können, das einem so scheinbar leicht gegeben wird, birgt auch eine große Verantwortung in sich. Die Verantwortung, sich notfalls auch alleine durchzubeißen und nie ein Projekt aufzugeben, an das man glaubt und für dessen Durchführung man Wege finden kann.

Die Oper Boris Godunov begleitet mich seither und zieht wieder seltsame Kreise. Ich hätte jeden für verrückt erklärt, der mir gesagt hätte, dass ich mein Buch eines Tages für Valerij Gergiev signieren würde. Ich hätte jeden für verrückt erklärt, der mir prophezeit hätte, dass ich innerhalb eines Jahres wieder so viel Russisch "erinnern" und lernen würde, dass ich immerhin schon grobe Themen in Dialogen ausmachen kann. Ich hätte wahrscheinlich jeden zum Mond geschossen, der mir gesagt hätte, ich solle einen noch deutlicheren Blick auf die Oper und die Zeiten und Orte werfen und eines Tages ein Buch direkt für die Russen produzieren. Der Mann, bei dessen Originalaufnahmen es mir heiß und kalt über den Rücken rinnt, der mit den Ballets Russes engste Kontakte pflegte, und in den Nijinskys Schwester Bronja schrecklich verliebt gewesen war - war auch einmal in Baden-Baden. Ein russischer Bekannter hat mir die Anekdote erzählt, wie Fjodor Schaljapin, der berühmteste Bass der Welt zu seiner Zeit, in einer Kneipe sieben hintereinander stehende Kerzen nur mit seinem Gesang ausgeblasen habe. Fjodor Schaljapin ist einer der vielen bekannten Russen, die in meinem neuen Buch vorkommen werden.

In Sankt Petersburg ist man ebenfalls mit diesen Themen beschäftigt. Gemeinsam mit dem Festspielhaus Baden-Baden hat das Mariinsky Theater Sankt Petersburg für dieses Jahr die Originalfassung der Oper Boris Godunov von Modest Mussorgsky produziert, unter der Leitung von Valerij Gergiev (Dirigent) und der Regie des Briten Graham Vick. Völlig unvernünftig habe ich mir eine Karte für die Deutschlandpremiere gekauft. Die Vernunft in mir schalt mich: Leg das Geld zurück für die nächste Autoreparatur, einen Tierarzttermin oder all die anderen vernünftigen Kleinigkeiten. Die Unvernunft siegte: Manchmal müssen sich Kreise schließen. Manchmal müssen Zeiten und Räume auf geheimnisvolle Weise miteinander kommunizieren. Schließlich will das nächste völlig verrückte Projekt entstehen, in dem diesmal Literaten und Musiker eine sehr wichtige Rolle spielen werden. Ein Projekt, das eine Reise nach Russland antreten soll - in russischer Übersetzung.

Donnerstag, 10. Mai 2012

Fundstück mit Gänsehauteffekt

Manchmal werden große Rätsel fast wie durch Zufall gelöst. Bei meiner Lesung aus dem Buch "Faszination Nijinsky" am Dienstag in Baden-Baden ging es unter anderem darum, wie Nijinsky im Vorfeld seiner psychischen Krankheit immer größere spirituelle Bedürfnisse entwickelte. Er las mit Begeisterung Maurice Maeterlinck und tat etwas, das seine Frau Romola gegen ihn aufbrachte: Nijinsky verehrte Tolstoi.
Für einen Russen nichts ungewöhnliches, für einen Ballettänzer, der seinen Abschluss am Kaiserlichen Theater in Sankt Petersburg gemacht hatte, erst recht nicht. Denn die Eleven bekamen zum bestandenen Examen die Gesamtausgabe von Tolstois Werken geschenkt, wie sie bis dahin aussah. Nijinsky, das erzählt seine Schwester Bronislawa, hat die Bücher immer und immer wieder gelesen.

Doch dann entwickelt er - wie viele Menschen seiner Zeit - einen tieferen Bezug zum Nationalschriftsteller. Nijinsky befindet sich mit den Ballets Russes 1916 auf Amerika-Tournee, die Compagnie ist für eine kurze Zeit den Gräueln und Gefahren des Ersten Weltkrieges in Europa entronnen. Aber es ist nur eine Atempause. Jeder weiß, zuhause erwarten sie Leid, Hunger, brutales, industrialisiertes Menschenabschlachten, das Irrewerden an einer einst kosmopolitischen Welt, in der sich nun alle gegenseitig zerfleischen.

Nijinsky ist völlig überarbeitet, leidet als sensibler Künstler unter den Zeitumständen, aber mehr noch an der falschen Glitzerwelt der Superstars. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als nach Russland zurück zu kehren, einfach wie ein Bauer auf dem Lande zu leben, ruhiger zu werden. Als er sich nicht nur in dieser Hinsicht an Tolstois spirituellen Ideen orientiert, sondern auch wie dieser Vegetarier werden will, hat Romola genug. Ihre emotionale Erpressung ist klar. Entweder Tolstoi oder sie.

Nijinsky kapituliert nicht gleich. Zu sehr faszinieren ihn die Ideen von Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit in diesem irrsinnigen Krieg. Im fernen Amerika schließt er sich zwei russischen Tänzern an, diskutiert mit ihnen ganze Nächte über Tolstoi, der zu jener Zeit schon sechs Jahre tot ist, aber keinesfalls vergessen. Bei jenen Tänzern muss es sich um "Jünger" Tolstois handeln, wie sie damals predigend durch die Lande zogen, oft schon so fanatisch, dass sie selbst Tolstoi bei Lebzeiten nicht mehr ganz geheuer waren. Es gab aber immer jenes geheimnisvolle "missing link": Hatten die Russen alte Bücher mitgenommen? Woher bezogen sie die Inhalte ausgerechnet in den USA? Warum waren sie nicht schon in Paris, mitten im kriegsgebeutelten Europa auf solche Ideen gekommen?

Auf der Bildungsplattform Open Culture habe ich eben via Twitter eine absolute Rarität entdeckt: Lew Tolstoi liest in vier Sprachen aus seinem letzten Werk, das in der Sowjetunion verboten war. Die Lesung stammt aus dem Gründungsjahr der Ballets Russes 1909, ein Jahr vor seinem Tod. Tolstoi hat eine Art spirituellen Kalender verfasst, mit Sinnsprüchen und Nachdenklichem - von eben jenen Autoren, über die sich auch Nijinsky unterhält.

Das Verrückte aber ist die Schallplatte, auf die "Wise Thoughts For Every Day" aufgenommen worden ist. Es handelt sich um das weltberühmte Grammophon-Label "His Master's Voice". Ist Nijinsky auf diese Art an jenes "erbauliche" Werk gekommen? Haben die drei Männer in ihrer Gottsuche in den USA diese Schallplatte abgespielt? Sind sie in den USA auf die Platte gestoßen, als Nijinsky sich dort begeistert mit technischen Neuerungen befasste? Um dies zu verifizieren, müsste man genauer recherchieren. Im Moment ist es nur eine gewagte Hypothese.

Aber ich denke, der Zauber, der diesem Fund innewohnt, ist nachzuspüren: Hier hören wir nicht nur den großen Tolstoi aus einem fernen Jahrhundert - hier hören wir eine Stimme, die Nijinsky zu seiner Zeit hören konnte, einen Schriftsteller, den er verehrte und der sein Leben veränderte. Unsterblichkeit in Tönen.

Zur Information empfehle ich den Einleitungsartikel mit einer Transskription des englischen Textes (Tolstoi ist sehr schwer zu verstehen). Der Spezialist für russische Literatur Andrew D. Kaufman hat auf seiner Website weitere Tonzeugnisse von Tolstoi gesammelt.

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