Donnerstag, 16. August 2012

Gänsehautgeschichten

Es gibt im Schriftstellerleben seltene Momente, wo sich ein Buch zu verselbstständigen scheint und einem ganz besondere Geschenke zuteil werden. Durch meine Auftritte und eine gewisse Mundpropaganda lerne ich inzwischen im ganz realen Leben jenseits des Schreibkämmerchens hochspannende Leute kennen, die irgendwie mit meiner Thematik zu tun haben oder sich dafür interessieren.

So ist das auch diese Woche geschehen. Eine Frau, die vollkommen begeistert von meinem Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" ist (gedruckte Fassung / E-Book), stellte mich jemandem vor, dem sie zuvor von meinem Buch erzählt hatte. Es war ein deutsch-amerikanischer Choreograf und Tänzer, der zufällig gerade in der Stadt weilte. Dass es eine gemeinsame Begeisterung in Sachen Nijinsky gab, war schon allein herrlich. Aber dann öffnete sich plötzlich eine Art Zeitloch, eine Zeitmaschine ...

Es gibt, wie gesagt, weder zeitgenössisches Filmmaterial von Nijinsky (außer einer Aufnahme nach 1945) noch kann man heute Augenzeugen befragen, denn die meisten Zeitgenossen sind schon tot oder in sehr hohem Alter. Nijinsky war so alt wie meine eigene Urgroßmutter - und die ist schon lange tot, obwohl sie knapp über 100 Jahre alt wurde.

Und plötzlich erzählt mir jener Choreograf von einem seiner Lehrer in der Anfangszeit. Ich mochte es zuerst gar nicht glauben: Jener Lehrer, ein polnischer Tänzer namens Leon Woicikowski, hatte nämlich für die Ballets Russes getanzt. Nicht etwa für eine der späteren Nachfolge-Compagnien, sondern für die originalen Ballets Russes von Sergej Diaghilew. Er stieß 1916 zur Truppe, hat Vaslav Nijinsky also persönlich noch drei Jahre lang erleben können. Seine Frau Helena Antonova, ebenfalls Tänzerin, war mit Nijinskys Schwester Bronislawa befreundet, die 1919 geborene Tochter Sonia - ein Patenkind von Pablo Picasso, wurde ebenfalls Balletttänzerin. Zum Glück hat Leon Woicikowski lange genug gelebt und seinen Schülern ganz private Eindrücke vom großen Genie Nijinsky erzählt! Eindrücke, die nie veröffentlicht wurden.

Da ist beispielsweise die Geschichte, die ich in meinem Buch besonders beschreibe: Nijinskys berühmter Fenstersprung am Ende des Ballets "Der Rosengeist". Ich denke, wer die Szene in meinem Buch liest, wird sich vorstellen können, welch eine Leistung Nijinsky hier vollbrachte und wie er bis an die eigenen Grenzen ging. Denn jener Fenstersprung hatte für ihn eine ganz besondere, sehr persönliche, sehr dramatische Bedeutung.

Ich hatte Gänsehaut, als mir jener Choreograph sozusagen aus zweiter Hand erzählte, dass Nijinsky diesen unwahrscheinlichen Sprung in den letzten Jahren rückwärts gesprungen ist. Wie er mir erzählte, dass die Truppe das damals schon recht seltsam fand und nicht so recht einzuordnen wusste. Was für eine Leistung! "Wahnsinn!", wäre auch heutzutage der spontane Ausruf des Erstaunens. Aber war es wirklich der reine Wahnsinn? Nijinsky hat sich bei allem, was er tat, bei jeder kleinen Schrittveränderung, sehr viel gedacht. Vor allem in den letzten Jahren war seine Choreografie von tiefer Spiritualität durchzogen. Nijinsky hat nicht einfach nur getanzt, er wollte im Tanz das Leben sichtbar machen, die Welt begreifen.

Und dann springt er sein Wahrzeichen, dieses Symbol seiner Inszenierungen, diesen Spiegel eines privaten Dramas, den Spiegel seiner Beziehung zum Publikum, einfach rückwärts. Obwohl das gegen alle körperlichen und technischen Regeln sprechen mag. Fünf Meter weit soll er so aus jenem symbolbeladenen Fenster gesprungen sein, rückwärts.

In diesem Moment hat sich für mich ein Fenster geöffnet. Nie fühlte ich mich jener erzählten Wirklichkeit so nah. Nie habe ich derart ungefiltert von Dingen gehört, die während des Ersten Weltkriegs geschehen sind. Warum hat er das getan? Was mag er sich dabei gedacht haben? Er muss auch diesen Sprung hart trainiert haben, das macht ein Tänzer nicht einfach so. Kann bei so viel Kalkül wirklich der reine Wahnsinn den Tanz führen? Oder hat ihn einfach kaum einer mehr verstehen können, verstehen wollen?

Es ist nur eine kleine Anekdote von mehreren, die mir da geschenkt worden ist. Wenn ich Glück habe, werde ich am Wochenende noch mehr hören. Aber allein dieses kleine Wunder ist kaum zu beschreiben in seiner Intensität, wie es mich berührt. Es ist, als habe sich mein Buch selbstständig gemacht und erzähle mir nun seinerseits Dinge. Es ist, als stünde ein Fenster in eine andere Welt offen ...

Ein Foto von Leon Woicikowski:
Leon W London Program 1929, Final Season - Russian Ballet History

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...