Donnerstag, 29. November 2012

Sensation zum 100. eines Weltskandals

Eben erreicht mich eine Pressemeldung des Sankt Petersburger Mariinsky Theaters, bei der sich mir die Haare vor Ergriffenheit aufstellten:
"Ninety-nine and a half years ago, the stage of the Théâtre des Champs Elysées in Paris saw the world premiere of Igor Stravinsky’s ballet Le sacre du printemps (The Rite of Spring) choreographed by Vaslav Nijinsky, concept, set design and costumes by Nicholas Roerich. The work immediately caused a scandal, thus becoming one of the most famous of all classical music riots. In six months, on May 29, 2013, the day of the 100th anniversary of the work’s world premiere, the Mariinsky Ballet and Orchestra under Valery Gergiev will present Le sacre du printemps in its original version at the Théâtre des Champs Élysées. The same evening will see Sergei Prokofiev’s Prodigal Son choreographed by George Balanchine (another Parisian premiere, which was received in 1929) and once again Le sacre du printemps choreographed by Sasha Alexandra Waltz, created specially for the occasion."
Am 29.Mai 2013 jährt sich der größte Theaterskandal des 20. Jahrhunderts zum hundersten Mal: Die Uraufführung des Strawinsky-Ballets Le Sacre du printemps mit der Choreografie von Vaslav Nijinsky. Im Jahr 1990 wurde erstmals eine historische Rekonstruktion nach Originalentwürfen für Kostüme und Bühnenbild aufgeführt, die von Robert Joffrey, Millicent Hodson und Kenneth Archer minutiös erarbeitet worden war.
Das Petersburger Mariinsky Theater, das zu Lebzeiten seinen berühmten Balletteleven und dessen Impresario Sergej Diaghilew schon für äußerst harmlose Tänze geschmäht hatte, springt über den historischen Schatten und bringt Nijinskys Fassung an den Originalschauplatz Paris zurück. Und obendrein gibt es das Ballett in einer Choreografie von Sasha Waltz.
Das sind die großen Momente, wo sich Kreise in der Geschichte schließen!

Wer mehr wissen will: In meinem Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" geht es natürlich auch um diesen Aufstand, zu dem sogar die Polizei gerufen werden musste.

Sonntag, 19. August 2012

Ein Tod in Venedig

Heute vor dreiundachtzig Jahren starb im Alter von nur 57 Jahren eine der größten Persönlichkeiten des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie kaum ein anderer hat Sergej Diaghilew (31.3.1872-19.8.1929) die europäische und russische Kultur nicht nur tiefgründig beeinflusst und verändert, sondern auch zwei bahnbrechende Jahrzehnte lang vereint. Hier ein Ausschnitt aus meinem Buch "Faszination Nijinsky" über den Tod des Impresarios, der nie verwinden konnte, dass ihn seine große Liebe Vaslav Nijinsky verlassen hatte. Diaghilew war einst von einer Wahrsagerin geweissagt worden, er werde auf dem Wasser sterben - eine zwanghafte Angst hielt ihn seither von Schiffen möglichst fern. Schicksalshaft, denn in seiner Abwesenheit konnte Romola auf der Überfahrt nach Amerika Nijinsky den Kopf verdrehen ...

Leseprobe aus Petra van Cronenburg: "Faszination Nijinsky":
"Wie Thomas Manns Novellenfigur Aschenbach kann auch Diaghilew seine Liebe nicht leben, gewaltsam wie ein kleiner Tod wirkt auf ihn der plötzliche Bruch seiner Beziehung durch Nijinsky. Dass er verlassen wurde, erfährt er in Venedig durch ein Telegramm. Er tobt, wird depressiv, ist außer sich und schneidet ab, was ihn zu sehr schmerzt: Diaghilew entlässt Nijinsky fristlos aus den Ballets Russes, ebenfalls per Telegramm. Auf eine gewisse Art zeigt Nijinsky zu diesem Zeitpunkt eine verblüffende Naivität. Scheinbar ahnungslos fragt er Strawinsky, was denn eigentlich mit Diaghilew los sei. Der Komponist findet Nijinskys kindliche Ahnungslosigkeit unglaublich. Geht dem frisch Verheirateten wirklich jede Empathie für Diaghilew ab? Als Nijinsky endlich begreift, dass der Lebenspartner, den er verlassen hat, mit ihm nicht mehr arbeiten will, soll der Tänzer gegenüber Strawinsky geäußert haben: „Dann habe ich alles verloren.“

Diaghilew stürzt sich in Arbeit und Orgien, um zu vergessen. Später, als er seine Abkehr von Nijinsky längst bereut, versucht er gegen Romolas erbitterten Widerstand immer wieder Annäherungen, hilft der Familie, versucht, den einstigen Geliebten zu retten. Aus der Kriegsgefangenschaft in Ungarn, aus dem Wahnsinn. Aber da ist es schon zu spät. Romola hat ihren Privatgott wie ein Kind an der Hand. In der akuten Phase seines Krankwerdens scheint Nijinsky den Hass seiner Frau auf Diaghilew zu übernehmen, beschreibt den einstigen Geliebten wie einen künstlich verjüngten Aschenbach: „Diaghilew färbt sich die Haare, um nicht alt zu sein ... ich habe diese Pomade auf Diaghilews Kopfkissen bemerkt, deren Bezüge schwarz waren.“

Der junge Geliebte von einst ist zu diesem Zeitpunkt bereits zu verwirrt und isoliert, um noch zu erleben, wie sehr Diaghilew Thomas Manns Novelle Tod in Venedig nicht nur verehrt. Er inszeniert sich selbst bewusst als Aschenbach-Figur. Freunde bekommen das Buch von ihm geschenkt, zuletzt sein jugendlicher Liebhaber Boris Kochno. Diaghilew geschieht schließlich am Lido eine tragische Parallele, die er einmal nicht geplant haben kann: Am 19. August 1929 stirbt er wie Aschenbach im Hotel. Auf dem Wasser starb nur seine Partnerschaft mit Nijinsky, am Wasser dagegen starb er.

Und in gewisser Weise hat er seinen Tod selbst heraufbeschworen. Denn seit Jahren schon war Diaghilew schwer an Diabetes erkrankt. Das neu entwickelte Medikament Insulin weigerte er sich jedoch einzunehmen. Ihm hätte vielleicht das gleiche Medikament das Leben verlängern können, das Jahrzehnte später auf völlig unerwartete Weise Nijinsky das Leben kosten sollte. Diaghilew starb 1929, im Jahr nach einem letzten Treffen mit seinem ehemaligen Lebenspartner, den er nicht mehr retten konnte."

Donnerstag, 16. August 2012

Gänsehautgeschichten

Es gibt im Schriftstellerleben seltene Momente, wo sich ein Buch zu verselbstständigen scheint und einem ganz besondere Geschenke zuteil werden. Durch meine Auftritte und eine gewisse Mundpropaganda lerne ich inzwischen im ganz realen Leben jenseits des Schreibkämmerchens hochspannende Leute kennen, die irgendwie mit meiner Thematik zu tun haben oder sich dafür interessieren.

So ist das auch diese Woche geschehen. Eine Frau, die vollkommen begeistert von meinem Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" ist (gedruckte Fassung / E-Book), stellte mich jemandem vor, dem sie zuvor von meinem Buch erzählt hatte. Es war ein deutsch-amerikanischer Choreograf und Tänzer, der zufällig gerade in der Stadt weilte. Dass es eine gemeinsame Begeisterung in Sachen Nijinsky gab, war schon allein herrlich. Aber dann öffnete sich plötzlich eine Art Zeitloch, eine Zeitmaschine ...

Es gibt, wie gesagt, weder zeitgenössisches Filmmaterial von Nijinsky (außer einer Aufnahme nach 1945) noch kann man heute Augenzeugen befragen, denn die meisten Zeitgenossen sind schon tot oder in sehr hohem Alter. Nijinsky war so alt wie meine eigene Urgroßmutter - und die ist schon lange tot, obwohl sie knapp über 100 Jahre alt wurde.

Und plötzlich erzählt mir jener Choreograf von einem seiner Lehrer in der Anfangszeit. Ich mochte es zuerst gar nicht glauben: Jener Lehrer, ein polnischer Tänzer namens Leon Woicikowski, hatte nämlich für die Ballets Russes getanzt. Nicht etwa für eine der späteren Nachfolge-Compagnien, sondern für die originalen Ballets Russes von Sergej Diaghilew. Er stieß 1916 zur Truppe, hat Vaslav Nijinsky also persönlich noch drei Jahre lang erleben können. Seine Frau Helena Antonova, ebenfalls Tänzerin, war mit Nijinskys Schwester Bronislawa befreundet, die 1919 geborene Tochter Sonia - ein Patenkind von Pablo Picasso, wurde ebenfalls Balletttänzerin. Zum Glück hat Leon Woicikowski lange genug gelebt und seinen Schülern ganz private Eindrücke vom großen Genie Nijinsky erzählt! Eindrücke, die nie veröffentlicht wurden.

Da ist beispielsweise die Geschichte, die ich in meinem Buch besonders beschreibe: Nijinskys berühmter Fenstersprung am Ende des Ballets "Der Rosengeist". Ich denke, wer die Szene in meinem Buch liest, wird sich vorstellen können, welch eine Leistung Nijinsky hier vollbrachte und wie er bis an die eigenen Grenzen ging. Denn jener Fenstersprung hatte für ihn eine ganz besondere, sehr persönliche, sehr dramatische Bedeutung.

Ich hatte Gänsehaut, als mir jener Choreograph sozusagen aus zweiter Hand erzählte, dass Nijinsky diesen unwahrscheinlichen Sprung in den letzten Jahren rückwärts gesprungen ist. Wie er mir erzählte, dass die Truppe das damals schon recht seltsam fand und nicht so recht einzuordnen wusste. Was für eine Leistung! "Wahnsinn!", wäre auch heutzutage der spontane Ausruf des Erstaunens. Aber war es wirklich der reine Wahnsinn? Nijinsky hat sich bei allem, was er tat, bei jeder kleinen Schrittveränderung, sehr viel gedacht. Vor allem in den letzten Jahren war seine Choreografie von tiefer Spiritualität durchzogen. Nijinsky hat nicht einfach nur getanzt, er wollte im Tanz das Leben sichtbar machen, die Welt begreifen.

Und dann springt er sein Wahrzeichen, dieses Symbol seiner Inszenierungen, diesen Spiegel eines privaten Dramas, den Spiegel seiner Beziehung zum Publikum, einfach rückwärts. Obwohl das gegen alle körperlichen und technischen Regeln sprechen mag. Fünf Meter weit soll er so aus jenem symbolbeladenen Fenster gesprungen sein, rückwärts.

In diesem Moment hat sich für mich ein Fenster geöffnet. Nie fühlte ich mich jener erzählten Wirklichkeit so nah. Nie habe ich derart ungefiltert von Dingen gehört, die während des Ersten Weltkriegs geschehen sind. Warum hat er das getan? Was mag er sich dabei gedacht haben? Er muss auch diesen Sprung hart trainiert haben, das macht ein Tänzer nicht einfach so. Kann bei so viel Kalkül wirklich der reine Wahnsinn den Tanz führen? Oder hat ihn einfach kaum einer mehr verstehen können, verstehen wollen?

Es ist nur eine kleine Anekdote von mehreren, die mir da geschenkt worden ist. Wenn ich Glück habe, werde ich am Wochenende noch mehr hören. Aber allein dieses kleine Wunder ist kaum zu beschreiben in seiner Intensität, wie es mich berührt. Es ist, als habe sich mein Buch selbstständig gemacht und erzähle mir nun seinerseits Dinge. Es ist, als stünde ein Fenster in eine andere Welt offen ...

Ein Foto von Leon Woicikowski:
Leon W London Program 1929, Final Season - Russian Ballet History

Freitag, 25. Mai 2012

Aus Unvernunft geboren

Meine ganz persönliche Geschichte in Sachen Schriftstellerkuriositäten begann 2009 - und sie hat ständig irgendwie mit Boris Godunov zu tun. Oder mit diesen seltsamen Parallelwelten, wie sie sonst nur Schriftsteller erfinden.
Im Jahr 2009 erlag die Kulturwelt dem Ballets-Russes-Fieber, denn das berühmte Ensemble war hundert Jahre zuvor gegründet worden. Sergej Diaghilew, der seine Künstler aus dem damals Kaiserlichen Theater in Sankt Petersburg - dem heutigen Mariinsky - holte, hatte eigentlich schon 1908 mit der Aufführung der Oper Boris Godunov in Paris den Grundstein zu seinem Weltunternehmen gelegt. Das Ballett war aus Armut entstanden. Sein größter Mäzen war ihm plötzlich weggestorben, Diaghilews Ideen drohten am Geld zu scheitern - und Ballettproduktionen waren damals billiger als Oper.

Die Unvernunft hat gesiegt: Eine Karte für die Deutschlandpremiere des Mariinsky Theaters ist mein.

Auch ich schwelgte im Ballets-Russes-Fieber. Allerdings in voller Verzweiflung! Bei der Produktion meines Nijinsky-Portraits war alles schief gelaufen. Ich saß auf einem Stoff, der nicht produziert werden konnte - und auf einer für die neuen Verhältnisse viel zu teuren Eintrittskarte, die ich mir ursprünglich als "Belohnung" gekauft hatte. Valerij Gergiev und Musiker des Mariinsky gaben eine vorgetragene Partie aus der Oper Boris Godunov in Baden-Baden. Wäre ich vernünftig gewesen, hätte ich damals die Karte noch rechtzeitig zurückgegeben und hätte mir für das Geld etwas zu Essen gekauft. Aber ich befand mich an dem Abgrund, vor dem man sich als Schriftstellerin am meisten fürchtet: Ich war nach diesem Rückschlag bereit, das Schreiben völlig aufzugeben - für immer. Stattdessen war ich unvernünftig und erlebte einen äußerst seltsamen Abend.

Wie sehr dieser Abend mein Leben verändert hat, weiß ich erst heute. Heute bin ich Mitglied in der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft in Baden-Baden und habe dort gerade eine Lesung meines Buchs "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" (gedruckte Ausgabe / E-Book) hinter mir. An jenem Abend 2010 hatte mich die Sehnsucht gepackt, wieder Russisch zu lernen, Russen kennenzulernen. An jenem Abend habe ich den gesunden Trotz entwickelt, weiter an meinem Herzensprojekt zu arbeiten. Mir war bei diesen Musikern wieder eines klar geworden: Man darf seine Talente nicht verraten. Das Können, das einem so scheinbar leicht gegeben wird, birgt auch eine große Verantwortung in sich. Die Verantwortung, sich notfalls auch alleine durchzubeißen und nie ein Projekt aufzugeben, an das man glaubt und für dessen Durchführung man Wege finden kann.

Die Oper Boris Godunov begleitet mich seither und zieht wieder seltsame Kreise. Ich hätte jeden für verrückt erklärt, der mir gesagt hätte, dass ich mein Buch eines Tages für Valerij Gergiev signieren würde. Ich hätte jeden für verrückt erklärt, der mir prophezeit hätte, dass ich innerhalb eines Jahres wieder so viel Russisch "erinnern" und lernen würde, dass ich immerhin schon grobe Themen in Dialogen ausmachen kann. Ich hätte wahrscheinlich jeden zum Mond geschossen, der mir gesagt hätte, ich solle einen noch deutlicheren Blick auf die Oper und die Zeiten und Orte werfen und eines Tages ein Buch direkt für die Russen produzieren. Der Mann, bei dessen Originalaufnahmen es mir heiß und kalt über den Rücken rinnt, der mit den Ballets Russes engste Kontakte pflegte, und in den Nijinskys Schwester Bronja schrecklich verliebt gewesen war - war auch einmal in Baden-Baden. Ein russischer Bekannter hat mir die Anekdote erzählt, wie Fjodor Schaljapin, der berühmteste Bass der Welt zu seiner Zeit, in einer Kneipe sieben hintereinander stehende Kerzen nur mit seinem Gesang ausgeblasen habe. Fjodor Schaljapin ist einer der vielen bekannten Russen, die in meinem neuen Buch vorkommen werden.

In Sankt Petersburg ist man ebenfalls mit diesen Themen beschäftigt. Gemeinsam mit dem Festspielhaus Baden-Baden hat das Mariinsky Theater Sankt Petersburg für dieses Jahr die Originalfassung der Oper Boris Godunov von Modest Mussorgsky produziert, unter der Leitung von Valerij Gergiev (Dirigent) und der Regie des Briten Graham Vick. Völlig unvernünftig habe ich mir eine Karte für die Deutschlandpremiere gekauft. Die Vernunft in mir schalt mich: Leg das Geld zurück für die nächste Autoreparatur, einen Tierarzttermin oder all die anderen vernünftigen Kleinigkeiten. Die Unvernunft siegte: Manchmal müssen sich Kreise schließen. Manchmal müssen Zeiten und Räume auf geheimnisvolle Weise miteinander kommunizieren. Schließlich will das nächste völlig verrückte Projekt entstehen, in dem diesmal Literaten und Musiker eine sehr wichtige Rolle spielen werden. Ein Projekt, das eine Reise nach Russland antreten soll - in russischer Übersetzung.

Donnerstag, 10. Mai 2012

Fundstück mit Gänsehauteffekt

Manchmal werden große Rätsel fast wie durch Zufall gelöst. Bei meiner Lesung aus dem Buch "Faszination Nijinsky" am Dienstag in Baden-Baden ging es unter anderem darum, wie Nijinsky im Vorfeld seiner psychischen Krankheit immer größere spirituelle Bedürfnisse entwickelte. Er las mit Begeisterung Maurice Maeterlinck und tat etwas, das seine Frau Romola gegen ihn aufbrachte: Nijinsky verehrte Tolstoi.
Für einen Russen nichts ungewöhnliches, für einen Ballettänzer, der seinen Abschluss am Kaiserlichen Theater in Sankt Petersburg gemacht hatte, erst recht nicht. Denn die Eleven bekamen zum bestandenen Examen die Gesamtausgabe von Tolstois Werken geschenkt, wie sie bis dahin aussah. Nijinsky, das erzählt seine Schwester Bronislawa, hat die Bücher immer und immer wieder gelesen.

Doch dann entwickelt er - wie viele Menschen seiner Zeit - einen tieferen Bezug zum Nationalschriftsteller. Nijinsky befindet sich mit den Ballets Russes 1916 auf Amerika-Tournee, die Compagnie ist für eine kurze Zeit den Gräueln und Gefahren des Ersten Weltkrieges in Europa entronnen. Aber es ist nur eine Atempause. Jeder weiß, zuhause erwarten sie Leid, Hunger, brutales, industrialisiertes Menschenabschlachten, das Irrewerden an einer einst kosmopolitischen Welt, in der sich nun alle gegenseitig zerfleischen.

Nijinsky ist völlig überarbeitet, leidet als sensibler Künstler unter den Zeitumständen, aber mehr noch an der falschen Glitzerwelt der Superstars. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als nach Russland zurück zu kehren, einfach wie ein Bauer auf dem Lande zu leben, ruhiger zu werden. Als er sich nicht nur in dieser Hinsicht an Tolstois spirituellen Ideen orientiert, sondern auch wie dieser Vegetarier werden will, hat Romola genug. Ihre emotionale Erpressung ist klar. Entweder Tolstoi oder sie.

Nijinsky kapituliert nicht gleich. Zu sehr faszinieren ihn die Ideen von Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit in diesem irrsinnigen Krieg. Im fernen Amerika schließt er sich zwei russischen Tänzern an, diskutiert mit ihnen ganze Nächte über Tolstoi, der zu jener Zeit schon sechs Jahre tot ist, aber keinesfalls vergessen. Bei jenen Tänzern muss es sich um "Jünger" Tolstois handeln, wie sie damals predigend durch die Lande zogen, oft schon so fanatisch, dass sie selbst Tolstoi bei Lebzeiten nicht mehr ganz geheuer waren. Es gab aber immer jenes geheimnisvolle "missing link": Hatten die Russen alte Bücher mitgenommen? Woher bezogen sie die Inhalte ausgerechnet in den USA? Warum waren sie nicht schon in Paris, mitten im kriegsgebeutelten Europa auf solche Ideen gekommen?

Auf der Bildungsplattform Open Culture habe ich eben via Twitter eine absolute Rarität entdeckt: Lew Tolstoi liest in vier Sprachen aus seinem letzten Werk, das in der Sowjetunion verboten war. Die Lesung stammt aus dem Gründungsjahr der Ballets Russes 1909, ein Jahr vor seinem Tod. Tolstoi hat eine Art spirituellen Kalender verfasst, mit Sinnsprüchen und Nachdenklichem - von eben jenen Autoren, über die sich auch Nijinsky unterhält.

Das Verrückte aber ist die Schallplatte, auf die "Wise Thoughts For Every Day" aufgenommen worden ist. Es handelt sich um das weltberühmte Grammophon-Label "His Master's Voice". Ist Nijinsky auf diese Art an jenes "erbauliche" Werk gekommen? Haben die drei Männer in ihrer Gottsuche in den USA diese Schallplatte abgespielt? Sind sie in den USA auf die Platte gestoßen, als Nijinsky sich dort begeistert mit technischen Neuerungen befasste? Um dies zu verifizieren, müsste man genauer recherchieren. Im Moment ist es nur eine gewagte Hypothese.

Aber ich denke, der Zauber, der diesem Fund innewohnt, ist nachzuspüren: Hier hören wir nicht nur den großen Tolstoi aus einem fernen Jahrhundert - hier hören wir eine Stimme, die Nijinsky zu seiner Zeit hören konnte, einen Schriftsteller, den er verehrte und der sein Leben veränderte. Unsterblichkeit in Tönen.

Zur Information empfehle ich den Einleitungsartikel mit einer Transskription des englischen Textes (Tolstoi ist sehr schwer zu verstehen). Der Spezialist für russische Literatur Andrew D. Kaufman hat auf seiner Website weitere Tonzeugnisse von Tolstoi gesammelt.

Donnerstag, 26. April 2012

Nijinsky in Baden-Baden

Pressetext

Im Badischen ist die Buchautorin Petra van Cronenburg, die in Rastatt geboren ist und im Elsass lebt, durch ihre Bezüge zur Region bekannt geworden: Ihr Frankreichroman „Lavendelblues“ (Lübbe) spielt in Teilen in Baden-Baden, mit ihrem literarischen Reisebuch „Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt“ (Hanser / ab 2013 Insel-Suhrkamp) machte sie Appetit auf Küche, Land und Leute. Nun kommt die Schriftstellerin mit einem „russischen Thema“ in ihre persönliche Lieblingsstadt zurück. Sie liest und erzählt aus ihrem neuesten Buch: „Nijinsky. Annäherung an einen Mythos“.

Vaslav Nijinsky, Star der Ballets Russes unter Leitung von Sergej Diaghilew, war der größte und wohl auch skandalträchtigste Tänzer des 20. Jahrhunderts. Isadora Duncan wollte vom „Gott des Tanzes“ ein Kind. Er inspirierte Charlie Chaplin und Rudolph Valentino, aber auch die Pariser Modewelt um Cartier, Chanel und Guerlain. Igor Strawinsky komponierte die Musik für seinen größten Ballettskandal, das „Frühlingsopfer“. Die enge Beziehung des Komponisten zu Baden-Baden ist bekannt. Die Autorin Petra van Cronenburg wird jedoch auch erzählen, wie Nijinsky und das Führungsgremium der Ballets Russes incognito in Baden-Baden weilten, um ein russisches Ballett mit Inspirationen aus dem Badischen auszustatten. Es war im Schicksalsjahr 1913: Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes stürzte der Tänzer ab. Eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie, zweifelhafte Diagnosen und Therapieexperimente trieben seine Seele ins Unerreichbare.

Vaslav Nijinsky und Sergej Diaghilew stiegen incognito im Hotel Stéphanie-les-Bains ab, dessen Nachfolger das Brenner's Parkhotel ist. (Foto: Petra van Cronenburg)
Mit ihren Wurzeln im Sankt Petersburger Mariinsky-Theater und Auftritten ausschließlich im Ausland waren die Ballets Russes zwischen 1909 und 1929 das erste globale Theaterphänomen. Die ganze Welt geriet ins Ballettfieber, von der europäischen Avantgarde bis nach Hollywood ließ man sich vom sogenannten „russischen Orientalismus“ inspirieren. Petra van Cronenburg macht in ihrem Portrait des Startänzers die schillernde Welt wieder lebendig, in der Frauen plötzlich Turban und Haremshosen trugen und Männer die schwülen Düfte der Bühnenmärchen.

tanznetz.de, das größte deutsche Tanzportal, über das Buch:
"Das Besondere an diesem Buch ist, wie Petra van Cronenburg sowohl die künstlerische wie die menschliche Seite Nijinskys nahebringt, auf ganz unprätentiöse, einfühlsame Art, vor allem aber immer darauf bedacht, der vielschichtigen Persönlichkeit Nijinskys im Rahmen seiner Zeit gerecht zu werden. Da ist viel Neugier spürbar, aber auch großer Respekt, Zuneigung und Zurückhaltung, Bewunderung und Skepsis. Auf diese Weise holt sie auch diejenigen unter ihren Lesern ab, die mit Nijinsky bisher vielleicht nicht so viel anfangen konnten. Sie macht ihn und sein Leben, seine Kunst, verstehbar, nachvollziehbar."

Lesung
Petra van Cronenburg: „Nijinsky. Annäherung an einen Mythos“
bei der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft e.V.
8. Mai 2012, 19 Uhr, im Saal Aurelian des Hotels Aqua Aurelia (gegenüber Vincenti-Parkhaus)
Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt frei.

Samstag, 7. April 2012

Rezension im Tanznetz

Annette Bopp schreibt über "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" bei tanznetz.de:
"Das Besondere an diesem Buch ist, wie Petra van Cronenburg sowohl die künstlerische wie die menschliche Seite Nijinskys nahebringt, auf ganz unprätentiöse, einfühlsame Art, vor allem aber immer darauf bedacht, der vielschichtigen Persönlichkeit Nijinskys im Rahmen seiner Zeit gerecht zu werden. Da ist viel Neugier spürbar, aber auch großer Respekt, Zuneigung und Zurückhaltung, Bewunderung und Skepsis. Auf diese Weise holt sie auch diejenigen unter ihren Lesern ab, die mit Nijinsky bisher vielleicht nicht so viel anfangen konnten. Sie macht ihn und sein Leben, seine Kunst, verstehbar, nachvollziehbar." 
Hier die gesamte Rezension lesen.

Freitag, 2. März 2012

Rezension: "Mitten im Geschehen"

Farbtafel aus dem Buch "Faszination Nijinsky": Kostümentwurf von Bakst
"Es gab Momente, da hörte, sah und roch ich alles, was beschrieben wurde, als wäre ich mitten im Geschehen ..."
- so schreibt die Buchautorin Christa S. Lotz in ihrer Rezension von "Faszination Nijinsky". Mich hat die Rezension sehr berührt, weil ich daran ablesen konnte, wie ein Text, den man irgendwann loslassen muss, auf die Außenwelt wirkt. Die Kollegin hat mir ein wenig das Mysterium erklärt, wovon denn Leser berührt und in völlig fremde Welten gezaubert werden. Vor allem aber habe ich wieder dabei gelernt, dass Vaslav Nijinsky noch lange nicht zum "alten Eisen" gehört, sondern den Menschen von heute immer noch viel zu sagen hat - gar nicht allein auf  das Ballett bezogen, sondern als Künstler, der sich am Leben reibt ... danke!

Mittwoch, 29. Februar 2012

Vaslav Nijinsky in Köln

Weil ich in Frankreich lebe, entgeht mir meist eines der größten Vergnügen, die es für Autorinnen und Autoren gibt: das eigene Buch in einer Buchhandlung zu entdecken. Das ist immer der Moment, in dem einem bewusst wird, dass aus einem Text im Kopf, einem virtuellen Text im Computer, tatsächlich ein echtes Buch geworden ist, welches Menschen kaufen können. Dank Internet sind die Entfernungen geschrumpft und so bekam ich von Burkhard Schirdewahn von der Kölner Bunt Buchhandlung Ehrenfeld ein Foto geschickt, das mir das Herz aufgehen ließ!

Die Buchhandlung macht ihrem Namen alle Ehre, so farbenfroh, licht und weit wirkt sie, dass sich darin sicher nicht nur Schreibblockaden, sondern auch alle Leserlaunen kurieren lassen. Was soll ich sagen - ich habe nur über beide Backen gegrinst und mich wie verrückt gefreut, mein Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" so passend und geschmackvoll eingeordnet zu sehen. Umgeben von Ballets-Russes-Blau und die "Gay Lives" gleich daneben - wenn das kein Plätzchen für Vaslav Nijinsky und Sergej Diaghilew ist!

"Faszination Nijinsky" in der Kölner Bunt Buchhandlung Ehrenfeld

Ich schlage vor, die Fans stürmen jetzt gleich mal die Buchhandlung:
BUNT Buchhandlung Ehrenfeld
Venloer Strasse 338
50823 Köln
Denn wer mir eine Adresse zukommen lässt, der bekommt das Buch "fernsigniert". Das heißt, ich signiere auf einem eigens angefertigten Nijinsky-Aufkleber, den man sich ins Buch kleben kann. Damit sparen sich meine Leserinnen und Leser die enormen Portokosten zwischen Frankreich und anderen Ländern.
Andere Buchhändler, die mir ein Foto vom Buch im Laden senden (bitte unter 2 MB), werden ebenfalls in diesem und im Blog über Vaslav Nijinsky erwähnt.

Freitag, 10. Februar 2012

"Ergänzung zu Pina"

Ich muss einfach mal wieder meinem fantastischen Publikum danken, das mein Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" entdeckt und liest, obwohl es in kaum einem Buchladen ausliegen dürfte. Mit Freude stelle ich fest, dass es heute bei Amazon Platz 19 unter allen Ballettbüchern erreicht hat - das hätte ich mir beim Schreiben nie träumen lassen.
Im Teatr Wielki in Warschau machte Nijinsky als Kleinkind seine ersten Tanzschritte (Foto: Gabi Eder  / pixelio.de)

Bei der Gelegenheit habe ich auch neue Rezensionen entdeckt, bei denen mir ganz warm ums Herz wird. Dass mein Buch nun aber auch noch von P. Kopf in einem Atemzug mit Wim Wenders "Pina" genannt wird, macht mich sprachlos:
"Nachdem ich mir gerade den Film "Pina" angesehen hatte, war dieses Buch wie eine Ergänzung. Petra van Cronenburg versteht es wunderbar, aus Worten Bewegung zu zaubern und uns in die Welt des Tanzes, in die Anfänge des Ausdruckstanzes zu führen.
Das Buch vermittelt klare Bilder, zeigt sich wie ein Film dem inneren Auge und man würde sehr gerne noch weiter "gucken".
Hier noch ein paar Ausschnitte aus anderen Rezensionen von Leserinnen und Lesern:
"... wie gerne hätte ich mehr von Frau Cronenburg über Nijinsky gelesen. Frau Cronenburg schafft es, die Welt um ihn wieder aufstehen zu lassen. Sie nimmt einen mit, und gerade deswegen dachte ich oft beim Lesen: nein, halt, nicht schon weitergehen in der Zeit, laß uns noch etwas verweilen, erzähl mir noch mehr, mach noch ein paar Lampen mehr an auf dieser Bühne." (Chräcker)

"Cronenburg schaffte es, diese Faszination auch in mir zu wecken. Ein Teil des Buches beinhaltet die (literarische) Darstellung seiner mitunter skandalösen, aber immer revolutionären Tänze.
Das vermag sie mit soviel Poesie und Sinnlichkeit zu beschreiben, dass man gebannt den Atem anhält. ... Beim Lesen fühlt man sich als Zeitreisender, wünscht sich, nur an einem einzigen dieser Diners teilnehmen zu dürfen, die im "Freundeskreis um die Ballett Russes" stattfanden." (Mrs Lefroy) 

Montag, 6. Februar 2012

Filmtipp: Ballets Russes

 In meinem Buch "Faszination Nijinsky" kommen auch einige Filme vor - historische innerhalb der Geschichte, moderne habe ich zur Recherche benutzt. Einen Film davon will ich heute empfehlen: die Dokumentation "Ballets Russes" von Geller / Goldfine aus dem Jahr 2005. Der Film ist auch bei deutschen Onlinehändlern noch als DVD zu haben*.

Grandios an dieser Doku ist nicht nur der filmische, absolut faszinierende Einblick in die berühmten Ballets Russes, die 1909 gegründet wurden. Geller / Goldfine besuchten ein Jubiläumstreffen aller noch lebenden Tänzer, lassen sie von damals erzählen und zeigen Ausschnitte aus ihrem jetzigen Leben. Einige sind noch vor dem ersten Weltkrieg geboren, viele im hohen Alter erstaunlich beweglich oder aktiv als Ballettlehrer. Damit ist diese Dokumentation nicht nur ein wichtiges Filmzeugnis und ein wunderbarer Ballettfilm geworden, sondern auch ein unverbrauchter Blick auf ein würdevolles Altern, auf die Schönheit des Alters - und auf die Kraft, die Künstler aus ihrer Berufung ziehen, die auch nach einer offiziellen Bühnenkarriere nie richtig aufhören können. Kritiken dazu bei Rotten Tomatoes.

* Geller / Goldfine haben auch eine Doku über Isadora Duncan gedreht, die Nijinsky ja persönlich kannte - ich erzähle in meinem Buch die Geschichte, wie sie ein Kind von ihm haben wollte ... Leider gelangte dieser Film nicht als DVD in den Verkauf.
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