Freitag, 14. Oktober 2011

Herzklopfen beim Signieren

Ich habe zeitlebens ein Arbeitsprinzip, wegen dem ich schon mehrfach für verrückt erklärt worden bin: Ich "konstruiere Magie". Oder anders gesagt: Wenn sich beim Arbeiten Kreise wie von selbst schließen, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Viele Kreise mischen sich zu einem dichten Netz ohne Ecken. Und dann kann es passieren, dass irgend ein sinnlos erscheinender Umweg in der Vergangenheit sich plötzlich als die Kernqualifikation in der Zukunft entpuppt. Klingt zu kompliziert? Nun, gestern hat sich so ein Kreis geschlossen, ein konkretes Beispiel.

Im vergangenen Jahr habe ich für meine Verhältnisse viel Geld beiseite gelegt, um mich für die harte Recherchearbeit an meinem Buch "Faszination Nijinsky" zu belohnen. Viele Monate im Voraus gönnte ich mir einen preziosen Platz im Baden-Badener Festspielhaus. Der weltberühmte Dirigent Valery Gergiev würde mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters Ausschnitte aus Mussorgskys Oper "Boris Godunov" geben. Den Abend hatte ich nicht zufällig gewählt. "Boris Godunov" war hundert Jahre zuvor Diaghilews Debut in Paris gewesen, bevor er mit Ballettaufführungen begann. Der Chef der Pariser Oper verlachte ihn übrigens damals, so etwas habe man noch nie gemacht! Wir kennen solche Bedenkenträger gegenüber dem Neuen, dem Wagnis, auch heute nur allzu gut ...

Aber wie das so ist, wenn man Karten zu früh bestellt, konnte ich nicht ahnen, welche Katastrophen in der Zwischenzeit auf mich warteten. Kurz vor der Aufführung war klar, dass es meinen Verlag nicht mehr geben würde. Wie einige meiner Verlage vorher auch ... Ich stand da mit der Arbeit von einem Jahr, die wohl das Licht der Welt nie erblicken würde. Mit einem Text, den ich als meinen besten bisher empfand. Ich war deprimiert über dieses Ausgeliefertsein, so deprimiert, dass ich ernsthaft daran dachte, das Schreiben ganz aufzugeben. Und ich war so pleite wie schon lange nicht mehr - schließlich hatte ich ein Jahr lang kaum noch andere Aufträge annehmen können. Jeder vernünftige Mensch hätte die Karte storniert.

Ich hatte nicht mehr viel im Kühlschrank, aber ich bin ins Festspielhaus gegangen, in meinem schönsten Kleid. Jetzt erst recht, dachte ich mir. Wenigstens sollte meine Laufbahn als Autorin eine angemessene Beerdigung erfahren, so ein Zarentod auf der Bühne war doch wie geeignet dafür! Ich beschloss, nicht ans Morgen zu denken und das Konzert zu genießen.

Ich kann nicht genau sagen, was dann alles passierte. Ich kam genau in dem Moment aus der Tiefgarage, als die Musiker zum Bühneneingang strömten. Hörte ihr Russisch, vielleicht war das Licht ein seltsames an diesem Abend, plötzlich war ich weg. Im Jahr 1909, in meinem Buch hinter der Bühne, sah Diaghilew, der sein letztes Geld zusammengekratzt hatte, um etwas auf die Beine zu stellen, das man noch nie gemacht hatte. Das Konzert hinterließ tiefe Spuren. Schon in der Pause konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wie ich je auf die wahnsinnige Idee gekommen war, man könne der Kunst einfach kündigen. Als die Musiker des Mariinsky wieder in den Bus stiegen, schwor ich mir im Inneren: "Wartet, eines Tages reise ich zu euch, nach Petersburg. Und jetzt werde ich alle Hebel in Bewegung setzen, dass mir das auch gelingen mag."

Ich musste also mein Manuskript ins Leben bringen. Wider alle Katastrophen und Erwartungen ist mir das auch gelungen - ein Jahr später erschien das Buch.

Aber ich habe meine Rechnung nicht mit dem Leben gemacht. So viel ist passiert, so viel hat sich verändert. Die Reise nach Petersburg ist eigentlich nur noch eine Frage von Geld, sehr greifbar geworden. In Baden-Baden stehen die Herbstfestspiele an. Valery Gergiev wird mit den Musikern des Mariinsky die diesjährigen Tschaikowsky-Preisträger vorstellen.

Gestern habe ich mein Buch für ihn signiert. Jemand will es ihm beim abendlichen Zusammensein schenken. Ich war so aufgeregt, dass ich das Zittern unter Kontrolle halten musste. Nie hatte ich so viel Angst, mich zu verschreiben. Und wie signiert man so ein Buch? Eine Freundin musste mir soufflieren, wir haben Formulierungen verworfen, Sätze geschnitzt. Wie redet man ihn an und wie buchstabiert man "Maestro", auch wenn man doch ganz genau weiß, wie man es schreibt? - Ich habe mich zum Glück nicht verschrieben.

Es ist womöglich idiotisch, sich über solche Dinge zu freuen. Wenn man mir das vor einem Jahr gesagt hätte, was auf mich zukommen wird, hätte ich denjenigen für absolut durchgeknallt gehalten. Aber der Kreis, der sich hier schließt, zeigt mir ganz deutlich, dass man seine Kunst nie verraten sollte, indem man ihr mit der Kündigung droht. Sie tritt einem irgendwann ans Schienbein und fordert einen zurück.

Lesetipp:
Petra van Cronenburg: Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos, edition octopus

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Heute "Nijinskys Auge" im TV

Heute abend in ZDF neo um 23:30 Uhr Wiederholung der Doku "Nijinskys Auge". Es geht darin um die Hamburger Ausstellung gleichen Namens, bei der zum ersten Mal John Neumeiers Kollektion von Bildern zu sehen war, die Nijinsky gezeichnet hat. Lange Zeit wurde dieses Schaffen als reine Aktion im Wahn herabgesetzt. Die Hamburger Ausstellung hat Nijinskys Bildsprache mit der von zeitgenössischen Künstlern der Avantgarde verglichen.

Einem anderen Aspekt von Nijinskys bildnerischem Schaffen bin ich nachgegangen: Kann man Nijinskys Bilder als sogenannte Outsider-Kunst betrachten, oder wie manche sagen "Art Brut"? Hans Prinzhorn hat zu Lebzeiten Nijinskys eine berühmte Sammlung der "Bildnerei von Geisteskranken" zusammengetragen, u.a. aus der Klinik, in der Nijinsky behandelt wurde. Nijinskys Art zu malen, zeigt durchaus Parallelen dazu. Ich habe deshalb in meinem Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" Dr. Michael Braunsteiner, den Kuratur von Admont, interviewt. Er hatte die weltberühmte Sammlung Prinzhorn für eine Ausstellung nach Österreich geholt und beschäftigt sich intensiv mit Outsider Art. Er konnte viel Spannendes erzählen über den Mythos von Genie und Wahnsinn, über Grenzgänge in der Kunst und echte künstlerische Begabung in der Krankheit. Und er erklärt, was uns an der Vorstellung vom wahnsinnigen Künstler so fasziniert und gleichzeitig Angst macht. Seine Deutung, wie ein Balletttänzer und Choreograf so scheinbar plötzlich zur Bildenden Kunst kommt, ist sehr überzeugend.
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