Donnerstag, 28. Juli 2011

Sommerpause

(c) by Petra van Cronenburg

Sonntag, 24. Juli 2011

Der Buchtrailer

Manchmal gibt es wunderbare Überraschungen, mit denen man überhaupt nicht rechnet. So bekam ich diesen Link zum Buchtrailer von "Faszination Nijinsky" - zum fröhlichen Weiterverteilen:



update!

Nun darf ich's doch verraten... Der Trailer wurde natürlich nicht von "irgendeinem Fan" einfach so gebastelt, was man schon an der Verwendung des Covers darin sehen kann. Das war natürlich eine Auftragsarbeit.

Der Urheber des Trailers heißt Ulrich Baum, die Musik stammt aus der von ihm komponierten Tondichtung "Die Nordsee" - zu hören war die Uraufführung mit dem Oratorienchor Letmathe und den Warschauer Symphonikern. Ulrich Baum hat als Multitalent auch das Cover von "Faszination Nijinsky" entworfen und die historischen Fotos bearbeitet.
Und ja, man kann ihn für solche Arbeiten buchen, allerdings muss ihn ein Buch inspirieren, um den Auftrag anzunehmen.
Dass ausgerechnet die Warschauer Symphoniker zu "Faszination Nijinsky" aufspielen, freut mich natürlich besonders, hat doch Nijinsky als kleines Kind seine ersten Tanzschrittchen auf der Bühne des Warschauer Teatr Wielki gemacht.

Dienstag, 19. Juli 2011

Der erste Leser?!

Ob es technisch mit dem Link klappt, weiß ich nicht: Bei Facebook hat sich der erste Leser von "Faszination Nijinsky" mit Foto geoutet! Außerhalb von FB kann man es hier sehen.
Menschen, die sich irgendwie mit dem Buch ablichten, sollen aber auch belohnt werden: Sie bekommen von mir das Buch "fernsigniert". Das dauert nur noch etwas, weil mir die Idee eben spontan kam und die Aufkleber mit Nijinsky in Sheherazade erst heute von England abgeschickt wurden. Und eine Adresse bräuchte ich natürlich auch im Hintergrund.

Übrigens - damit mehr Menschen etwas von der Aktion haben (manche FB-Accounts sind ja nicht öffentlich zu sehen), kann man die Fotos auch an öffentlicheren Plätzen einstellen - in Blogs, bei twitpic.com, bei picasa, lockerz.com, flickr etc. Dann gibt's einen Link obendrein.

Et voilà: Leser Nr. 2 ist da!
Heimlich still und leise vermehren sich die Leser - hier Leserin Nr. 3 im Blütenzauber.

Übrigens bin ich verdächtigt worden, es würde sich um eine bezahlte Werbekampagne handeln. So reich bin ich noch nicht. Ich kann es mir als Autorin nicht einmal leisten, mit Freiexemplaren um mich zu werfen wie ein Großverlag. Alle Menschen, die sich hier abgelichtet haben, mussten das Buch aus eigenen Mitteln kaufen. Und sie fotografieren sich völlig freiwillig, ohne geistigen, seelischen oder körperlichen Zwang.

Sonntag, 17. Juli 2011

Charlie Complete

Fans von Charlie Chaplin sollten sich sputen: Seit zwei Tagen läuft im Berliner Kino Babylon ein riesiges Stummfilmfest zu Ehren des Weltstars mit dem berühmten Watschelschritt, der vor 80 Jahren Berlin besuchte. Noch bis zum 7. August wird bei "Charlie Complete" sein Gesamtwerk gezeigt - 80 Filme in 24 Tagen, untermalt von Liveorchester und Piano, begleitet von einer Ausstellung über Charlie Chaplin und Veranstaltungen mit Geraldine Chaplin. (Programm von "Charlie Complete" / Artikel im Tagesspiegel / Artikel beim RBB). Unter dem Titel "Verrückt für die Welt" schreibt der TS: "Heute, 80 Jahre später, ist Chaplin zwar noch immer ein Weltstar, aber auch eine erstarrte Ikone." Das hat er mit anderen Ikonen der Weltgeschichte - ein wenig auch mit Vaslav Nijinsky - gemeinsam.

Weil die ganz alten Kurzfilme von Charlie Chaplin kaum noch gezeigt werden, ist eine hochinteressante Geschichte im kollektiven Bewusstsein untergegangen: Charlie Chaplin und Vaslav Nijinsky haben sich gekannt und geschätzt, wenn auch Charlie Chaplin später in seinen Memoiren schrieb, Nijinsky habe keinerlei Talent zur Komödie gehabt, dazu sei er zu "mönchisch" gewesen. Es gab sehr starke menschliche und künstlerische Berührungspunkte zwischen den beiden. Auch Chaplins Mutter war Tänzerin gewesen und W. C. Fields titulierte ihn einmal als "verdammten Ballettänzer" mit seinen Bewegungen.

Das Treffen der gleichaltrigen Giganten fand 1916 statt - der eine war bereits Weltstar des Tanzes, der andere Weltstar des Films. Charlie Chaplin besuchte die Premiere der Ballets Russes, Vaslav Nijinsky besuchte Chaplins Dreharbeiten. Auf Fotos sieht man die beiden in den Lone Star Studios bei den Dreharbeiten von Easy Street.

Nijinsky zeigte in diesem Jahr erste Anzeichen einer Überbelastung. Drei Jahre zuvor hatte er sich abenteuerlich in eine Ehe gestürzt, die schon bald darauf nicht mehr zu funktionieren schien. Sein Lebenspartner Sergej Diaghilew hatte ihn aufgrund der Heirat per Telegramm entlassen. Hinter Nijinsky lag die üble Internierung im Haus der Schwiegereltern in Ungarn aufgrund des Ersten Weltkriegs, die Isolation von der Bühne, vom Tanz, von der Möglichkeit der Bewegung. Im Jahr 1916 schien alles wieder vielversprechend anzugehen: Nijinsky durfte nach langem Hin und Her noch einmal mit den Ballets Russes auftreten und der Kriegshölle in Europa durch eine Amerikatournee entgehen. Doch Charlie Chaplin, dessen Mutter an schweren Depressionen litt und die mehrfach in Irrenanstalten eingeliefert wurde, hatte einen einfühlsameren Blick: Nijinsky erschien ihm depressiv.

Geblieben sind von dem Treffen der beiden lebenden Mythen Erinnerungen, Einflüsse von Nijinsky in Chaplins Filmen und das Zitat des Chaplin-Ganges im kubistischen Ballett Parade der Ballets Russes.

In meinem Buch  "Faszination Nijinsky" erzähle ich, wie Charlie Chaplin Nijinskys Rolle als Faun gleich in zwei Filmen zitiert. Ein Film bleibt sogar der Geschichte des Fauns treu. Die andere Szene entwarf er in einer griechischen Tunika, ließ sie filmen - und sehr lange unveröffentlicht liegen. Sie bezieht sich auf die legendäre Skandalszene Nijinskys, als der am Ende von L'après-midi d'un faune Koitusbewegungen mit dem Schal einer Nymphe nachahmt. Irgendwann kehrt Charlie Chaplin die Lage in jener Szene um, in einem völlig anderen Ambiente, in einem Kostüm, das Welten von der altgriechischen Mythenwelt trennen. Er inszeniert seinen eigenen "Tanz" zur Musik Richard Wagners.

Vielleicht ging die schließlich abgedrehte Szene wegen dieser eigenartigen Diskrepanz zwischen ballettleichtem Tanz und gemeiner Brutalität als eine der größten antidiktatorischen Filmszenen in die Geschichte ein. In der weltberühmten Hitlerparodie "Der große Diktator" tanzt Hynkel seinen Koitus mit der Weltenkugel - und wer Nijinskys rekonstruierte Choreografie des Nachmittag eines Fauns kennt, sieht die Inspirationen.

Ebenfalls im Buch: Wie Hollywood sich von Vaslav Nijinsky inspirieren ließ und eine Pseudorussin namens Winifred Hudnut aus Nijinskys erotischer Wirkung eine Werbekampagne machte - wie Charlie Chaplins Filme zur europäischen Avantgarde nach Paris gelangten und seine Figur von Fernand Léger und Man Ray in einem der berühmtesten experimentellen Filme zitiert wurde - und wie Igor Strawinsky mit Nijinsky als Petruschka versuchte, Zeit und Raum aufzulösen ... Jahre, bevor das im Film möglich wurde.

Dienstag, 12. Juli 2011

"Faszination Nijinsky" im Katalog

Ich bin völlig überrumpelt, habe es eben erst durch einen Fan bei Facebook erfahren - "Faszination Nijinsky" ist bereits im Verlagskatalog aufgenommen!!! Gleich zweimal, wohl weil ich so ungeduldig war ... das muss ich morgen noch checken. Bis ins Buchhandelssortiment dauert es allerdings noch etwas - der Zwischenbuchhandel braucht erfahrungsgemäß etwa 2-3 Wochen für die Aufnahme eines Titels. Also einfach direkt beim Verlag bestellen - tut auch Verlag und Autorin besser.
Kleiner Tipp: Hardcover werden immer nur dienstags hergestellt (weil aufwändiger) - die Bestellungen dafür sollten bis freitags erfolgen.
Ich hab mal wieder keinen Cremant im Haus und muss mich dafür bei über 30 Grad in die nächste Stadt quälen...

Was geht mich Ballett an?

Don Alphonso fordert in der FAZ, der alte Zopf des Balletts solle endlich abgeschnitten werden, befördere er doch nur noch einen überkommenen Kanon von "Namedropping und Bildungshuberei", der alle anderen Menschen ausschließe. Ist Ballett denn wirklich nur noch eine Befriedigungstechnik für die Arroganz eines überkommenen Spezialistentums, Honig ums Maul der Besserwisser unter den Insidern?

Die FAZ muss mit ihrer Leserschaft schon arg auf den Hund gekommen sein, wenn sie damit kokettiert, ausgerechnet ihr Kernzielpublikum auf diese Weise vorzuführen. Es mag neckisch sein und Don Alphonso hat mit den Beobachtungen der 180prozentigen Ballettangeber ja recht - aber ist das wirklich das Ballett? War dieser Mensch denn je selbst in einer Ballettaufführung ohne Tutu und Spitzentanz, hat er je mehr gesehen als den 1001. Nussknacker zu Weihnachten mit viereicht, es sind die Medien, die sich ihrer Vermittlungsfunktion verweigern und eine ganze Kunstsparte zur Unsichtbarkeit für diejenigen verdammen, die nicht in den Theatersälen sitzen. Und sich neuerdings auch noch lustig machen über diejenigen, die Ballettkarten kaufen.

"Was geht mich Ballett an?" - "Ich kenne mich mit Ballett nicht aus, warum soll ich mich für Nijinsky interessieren?" - "Ist das nicht extrem abseitig, sich mit einem Balletttänzer zu beschäftigen?" - Diese und ähnliche Fragen höre ich, seit ich davon erzähle, dass ich über Vaslav Nijinsky ein Buch schreibe. Ich kann diese Fragen sehr gut verstehen! Denn als mich eine Verlegerin darauf ansprach, ob ich mir vorstellen könne, ein Buch über die Ballets Russes zu schreiben, platzte ich spontan heraus: "Ich habe aber doch keinen blassen Schimmer von Ballett!" Ich sah mich selbst als Zuschauerin, als Teil des Publikums - entweder genoss ich einen Ballettabend oder ging unberührt nach Hause. Ich hatte meine Vorlieben und konnte mir Tänzernamen genauso schlecht merken wie Musikernamen. Als Kind spielte ich auf der Straße Robin Hood, anstatt in den Ballettunterricht zu gehen - die Bezeichnungen für einzelne Bewegungen musste ich erst mühsam lernen, auch wenn ich wusste, wie sie aussehen. Seit meiner Schulzeit schwärme ich für die Avantgarde - die Ballets Russes und ihre Künstler waren also irgendwo in meinem Kopf abgespeichert - aber für ein Buch sind ganz andere Tiefenrecherchen nötig.

Im Französischen sagt man zu Menschen wie mir "amateur", was den schönen Beigeschmack hat, dass man sich mit etwas beschäftigt, weil man es liebt ("aimer") - nicht weil man Fachmensch ist. Im Italienischen heißt es "dilettante": nicht etwa "Stümper", wie man gemeinhin im deutschen Sprachraum denkt, sondern im Sinne von "Kunstliebhaber", "einer, der sich an der Kunst erfreut". Das erste Freuen überhaupt kommt zustande durch Offenheit, durch eine manchmal nur zufällige Begegnung. Kunst wirkt auf mich ein, aber ich muss ihr auch die Chance geben, ihre Wirkung zu entfalten. So ist das auch mit dem Ballett. Neugier und Freude reichen für die Zuschauer, die Leser. Alles andere kann man lernen, kann man sogar vergnüglich oder mit Spannung lernen. Aber zuerst muss ich mich einfach nur einlassen.

Trotzdem - und das mag paradox klingen - hat mich Vaslav Nijinsky von Anfang an in den Bann geschlagen, weil er so wenig am Ballett allein festgemacht werden kann. Natürlich war der Mann Tänzer und Choreograf und hat für nichts anderes gelebt als für das Ballett. Aber seine Bedeutung liegt weit jenseits des Balletts - sie ist sogar universal. Er war Tänzer und Choreograf - so wie Wassily Kandinsky Maler, Gustav Mahler Komponist und Albert Einstein Physiker war. Das Lebenswerk ist vom Beruf nicht zu trennen, weil er kein Job, sondern Berufung bedeutete. Und doch hat ein Einstein auch Menschen etwas zu sagen, die keine Ahnung von Physik haben. Wir können Kandinskys Gedanken über die Welt verstehen, ohne je ein Bild von ihm gesehen zu haben. Mahler zeigt ein eindrucksvolles Künstlerschicksal - ob man seine Musik mag oder nicht. Nijinsky ist nicht allein durch seinen Tanz zum Mythos geworden - sondern durch seine Persönlichkeit.

Der volle Umfang seiner Bedeutung ging mir eigentlich erst nach dem Schreiben auf. Wenn man ein Buch verfasst, muss man es fast allzu oft selbst lesen, zum Überarbeiten, für Korrekturen - irgendwann scheine ich die eigenen Texte fast auswendig zu kennen und dann langweilen sie mich eine Zeitlang maßlos. Diesmal war das völlig anders. Bei jedem neuen Durchgang entdeckte ich eine andere Facette Nijinskys, die mich von Neuem faszinierte. So sehr, dass ich manchmal meine Arbeit vergaß und das Thema durch anderes Material vertiefte, obwohl das Buch längst in der Herstellung war. Da sind so viele unscheinbar wirkende Kleinigkeiten...

Einmal heftete ich mich an die Spuren der Ballets Russes in Baden-Baden, erkundete die Stadt aus deren Zeit heraus, stieß auf ungeahnte Querverbindungen und faszinierende neue Geschichten. So entstand die Idee, hier im Blog all die Nebengeschichten zu erzählen, die in ein durchkomponiertes Buch nicht passen. Dann erinnerte mich die Jubiläumsausstellung der weltberühmten Sammlung Prinzhorn in Heidelberg (um diese Sammlung geht es auch im Buch) wieder daran, dass Nijinsky um ein Haar Teil dieser Sammlung hätte werden können. Er lebte viele Jahre immer wieder in der Klinik, aus der Prinzhorn seine Kunstwerke bezog - und auch er hat unzählige Bilder gemalt. Andere Parallelen, andere Geschichten treten zutage: Psychiatriegeschichte. Noch nicht lange vor Nijinskys Krankheitsausbruch hatte man die Krankheit Schizophrenie überhaupt erst entdeckt, noch ohne vergleichbare Diagnosemöglichkeiten wie heute. Wenn einer von Nijinskys Ärzten später eine Fehldiagnose einräumte - woran litt der Tänzer dann nach heutigen medizinischen Erkenntnissen? Wie sahen die Therapien zwischen 1919 und 1950 aus - was hatte er auszuhalten, wie half man ihm, wie schädigte man ihn? Und schließlich dieses übel dunkle Kapitel, das auch die meisten Prinzhorn-Künstler traf: Wie entging er der Ermordung durch die Nazis? Das war eine Abenteuergeschichte in sich...

So viele Fragen ... haben alle Künstler diesen schmalen Grat in sich, über den man in den Wahnsinn kippen kann? Oder vielleicht sogar wir alle? Wie geht man mit sich und der Kunst um, damit man sie überlebt? Wie sind Kunst als Berufung und Leben unter einen Hut zu bringen? Nijinsky selbst hat sich so viele Fragen gestellt, oft unverstanden sogar von der eigenen Frau. Die Gräuel der ersten Weltenkatastrophe, des industriell beschleunigen Menschenabschlachtens im Ersten Weltkrieg hat er tagtäglich erlebt, ohne an der Front sein zu müssen. Ein Tourneetheater lebt in Zügen, reist durch die Länder, sieht die Bahnhöfe. War es so irre, sich damals mit den Idealen Tolstois auseinanderzusetzen, mit Pazifismus und einfachem Leben, mit bewusster vegetarischer Ernährung und mit Spiritualität? Auch das war Nijinsky - auf der einen Seite hochmodern, auf der anderen Seite eben ein Teil einer ganzen Bewegung seiner Zeit.

Er hat uns so viel zu sagen. Noch heute. Vielleicht liegt das Geheimnis darin, dass er kein glatter, prächtiger Superstar war. "Der Gott des Tanzes" tanzte nicht umsonst zuletzt ein Kreuz - er litt jämmerlich an der Welt. Er war ein Sucher, ein Getriebener und zuletzt ein Gebrochener. Aber er hat den Menschen noch im letzten Seelenrückzug etwas sagen können - wenn auch nicht mehr mit Worten. Mich hat er berührt, weil er eben nicht nur Ballettgenie war, nicht nur Künstler. Er war in unwahrscheinlicher und letzter Konsequenz Mensch.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Jetzt geht alles ganz schnell

Heute Mittag bekam ich den korrigierten Aushänger und habe vorhin endgültig die Druckfreigabe für das Nijinsky-Buch erteilt. Anders als bei herkömmlichen Büchern geht jetzt alles sehr schnell. Der Verlag meldet das Buch jetzt im Buchhandels-Sortiment und nimmt es in den eigenen Katalog auf. Was heißt das für die Leserinnen und Leser?
Auf dieser Seite hier kann beobachtet werden, wann das Buch im Verlagskatalog auftaucht (ich versuche, nicht gerade stündlich nachzuschauen...). Und wenn es da drin ist, kann es auch schon online direkt beim Verlag (in D. versandkostenfrei) bestellt werden! Jedes Exemplar wird individuell für den Besteller gedruckt und gebunden (Print on Demand Verfahren).

Das Buchhandelssortiment braucht etwas länger zur Verarbeitung der Daten, was zwischen einer und drei Wochen dauern kann. Man erkennt den Zeitpunkt daran, dass das Buch dann bei Libri und Amazon etc. auftaucht. In diesem Moment lässt es sich außerdem beim Leib- und Magenbuchhändler bestellen.

Ich werde jetzt ganz schnell meine eigenen ersten Exemplare sichern und eine extra Service-Seite in die Website bauen. Dann wird auch gleich der Titel verraten - es bleibt also spannend!

Sonntag, 3. Juli 2011

Die Zeit überlisten?

Es gab einmal eine Zeit, da veränderte sich für die Menschen in Europa - das kulturell bis nach Russland reichte - ihr altvertrautes Lebensgefühl komplett. Alles schien bis an die Grenzen der Erträglichkeit schneller, hektischer und unübersichtlicher zu werden. "Die technisierte Welt mit ihren Maschinen, Autos und Flugzeugen war auf bisher unvorstellbare Geschwindigkeit beschleunigt worden. Alles schien zu flimmern und zu schwirren" - wie Nachbilder auf einer überreizten Netzhaut. Die Wirklichkeit, wie man sie als greifbare und begreifbare Realität bisher kannte, brach an allen Ecken und Enden auseinander.

Da war das magische E-Wort, das die Nacht zum Tage machte, Leinwände zum Flimmern brachte und menschliches Sprechen durch Kabel in die Ferne schickte. Es trieb Maschinen an und die wiederum trieben die Menschen an. Die Zeit schien davonzulaufen - aber wohin? Eben erst hatte ein gewisser Herr Einstein auch den festen Raum zu Fall gebracht. Seine Relativitätstheorie, die funkensprühende Elektrizität, die Lehre vom Atom - das alles musste doch auf eine Realität hinter der Realität hindeuten, auf eine Art virtuellen Raum? Die Menschen waren von der neuen Zeit angewidert und fasziniert, sie beschworen Apokalypsen oder die Geburt eines goldenen Zeitalters, sie zogen sich ins heimelige Alte zurück oder versuchten, im neuen Lebensgefühl aufzugehen. Gurus mischten sich ein. Philosophen bekamen neuen Stoff zum Denken. Schon in wenigen Jahren würden Künstler es wagen, das Verrückte zu denken: Ob es eines Tages wohl möglich wäre, eine Art drahtloses "Radio" zu schaffen, mit dem die Menschen untereinander kommunizieren könnten, Bilder anschauen, Sendungen hören?

Es war die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in dem sich schließlich Maschinen auch zu Tötungsmaschinen wandelten und die größte denkbare Katastrophe durchindustrialisiert wurde. Die künstlerische Avantgarde suchte nach Möglichkeiten, die Brüche von Zeit und Raum, das neue Lebensgefühl, abzubilden. Filmemacher experimentieren. Auf den Gemälden der Kubisten sah man Gegenstände gleichzeitig aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
"Die Welt tickte im Maschinentakt, Töne, Lärm, Werbebilder und elektrische Lichter stürmten auf die Sinne ein wie nie zuvor. Mühsam musste sich der Mensch in der selbst geschaffenen künstlichen Überfülle orientieren lernen, Freiräume finden. Wie viel am modernen Menschen war Puppe? Wie kann ein Apparat Lebendiges nachahmen?"
Das waren Fragen, die Igor Strawinsky umtrieben, als er 1911 das Ballett Petruschka auf die Bühne brachte. Das farbenfrohe Spektakel um die Puppe Petruschka, der sich in eine Ballerina verliebt und den Tod findet, spielt auf einem Jahrmarkt im Sankt Petersburg von 1830. Zu jener Zeit sind die Folklorekostüme und der idyllische Rummel auch in Russland nur noch eine märchenhafte Erinnerung an die Vergangenheit. Das Wesen, das Nijinsky zwischen Puppe und Mensch tanzt, tanzt die Freude und Verzweiflung an der Gegenwart. Würde die Menschheit in dieser Beschleunigung Mensch bleiben dürfen oder zur funktionierenden, gut geölten Maschinerie verkommen?

Strawinsky wollte damals noch einen Schritt weiter gehen. Er versuchte, künstlerisch das Konzept von der Zeit zu brechen, Gleichzeitigkeit und dieses seltsame Verwirbeln fühlbar zu machen. Leider war seine Idee der Zeit völlig voraus. Im letzten der vier "Bilder" stirbt Petruschka. Strawinsky hätte gern auf der Bühne gezeigt, wie sich Petruschka durch ein Guckloch selbst beim Sterben zusieht - und er hätte gern die ganze Bühne mit dem sterbenden und beobachtenden Petruschka zu einem Guckkasten gemacht, den das Publikum wiederum durch ein Guckloch betrachtet.

Technisch war diese Idee damals noch nicht umsetzbar. Erst viele Jahre später wurden Film und Bühnengeschehen kombiniert und der Parallelschnitt erfunden. In eben dieser Zeit experimentierte ein französischer Künstler, der auch für die Ballets Russes gearbeitet hatte, mit dem Absoluten Film. Die Ballets Russes hinterließen darin ihre Spuren. Ein Fragment aus der Zeit, als sich die beiden gleichaltrigen Giganten Vaslav Nijinsky und Charlie Chaplin getroffen hatten, wurde in den Streifen hinübergerettet. Es ist ein wilder, hypnotisierender Tanz jener Zeit, ein Tanz der Maschinen, ein Feuerwerk der Elektrizität - das Abbild eines Lebensgefühls in der Beschleunigung.

Der Künstler Fernand Léger drehte "Ballet méchanique" (das mechanische Ballett) 1924. Dudley Murphy besorgte die Synchronisation und an der Kamera stand niemand geringerer als der weltberühmte Man Ray. Das geheimnisvolle Androgyn im Film wird von seiner Geliebten gespielt, dem berüchtigten Künstlermodell der Avantgarde, Kiki de Montparnasse.

Alle Zitate aus meinem Buch über Vaslav Nijinsky, wo die Geschichte um Petruschka und die experimentellen Filme ausführlicher nachgelesen werden kann.

Ballet méchanique Teil 1


Ballet méchanique Teil 2
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