Dienstag, 24. Mai 2011

Was für ein Kompliment

Das Buch ist noch nicht einmal in der Druckerei, schon kommt das schönste Kompliment, das man jemandem machen kann, der über Ballett schreibt und fürchtet, kaum jemand würde sich für Ballett interessieren:
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Manuskript druckfertig

Es ist soweit - das Manuskript ist druckfertig, alles ist bearbeitet und poliert, die Werbetexte fürs Sortiment stehen - jetzt müssen die Datenmengen nur noch in die Druckerei übertragen werden.
Wann das Buch dann im Handel sein wird, werde ich selbstverständlich rechtzeitig bekanntgeben!

Sonntag, 22. Mai 2011

Der lange Atem der Literatur

Gustav Mahler hat das mediale Pech, hundert Jahre tot zu sein. Allerorts weiß plötzlich jeder scheinbar alles über ihn, der noch vor Monaten die Augen verdreht hat, wenn eine Mahler-Symphonie gegeben wurde. Selten genug in den letzten Jahren. Aber auch die werden nun allerorts genudelt und wiedergekäut, mit vielen Liedern dazu, am liebsten den Kindertotenliedern. Denn von denen hat vielleicht selbst Tante Erna schon einmal mit Entsetzen gehört. Viel Mahler serviert man uns also, schlechten und fantastischen, grausig interpretierten und meisterhaft gekonnten. Double-Night und Triple Night, Sondersendungen. Und bis zum musikalischen Erbrechen das berühmte Adagietto aus seiner fünften Symphonie. Das nämlich hat sich sogar Onkel Ernst in seiner Jugend reingezogen, denn mit dieser Musik gondelte ein gewisser Gustav Aschenbach als Pseudo-Mahler am Lido von Venedig ein und starb dann auch zu dessen Klängen. Ein Kinoereignis, dieser "Tod in Venedig", den Visconti 1971 herausbrachte.

Warum ich mich so aufrege? Ich liebe die Musik Gustav Mahlers schon fast ein ganzes Leben lang. Synästhetisch erlebt ist sie so intensiv und fordernd, dass ich sie nur in gewissen Stimmungen und in völliger Ruhe anhören kann. Es ist eine Musik, der man sich ausliefern muss. Im Moment fühle ich mich jedoch einfach nur übermahlert. Man kann mit dem einträglichen Jubiläumsgedöns Künstler bekannt machen, aber auch Menschen überfüttern, die fortan nichts mehr von diesem Künstler wissen wollen. Gestern dann in 3sat die absolute Steigerung: Viscontis Film wurde gegeben. Und da geschah das Wunder auf einmal wieder, das selbst in der Medienüberfrachtung um die allbeliebten Jubiläen noch möglich ist: Auch beim etwa 25ten Mal war ich wieder hin und weg - in einer anderen Welt ... Und damit kamen die Erinnerungen und die Erkenntnis, wie lange manche Geschichten schwelen können, bevor sie zum Buch werden.

"Tod in Venedig" von Thomas Mann war eins der ganz großen Highlights meiner Schulzeit - und ich hatte das Glück, einen Ausnahmelehrer zu haben - der natürlich auch mit uns in Viscontis Film ging, um zu erfahren, was literarische Werke und literarische Verfilmungen ausmachen könnte. Während meine Schulkameraden sich eine Rocky Horror Picture Show nach der anderen reinpfiffen, sah ich mir Visconti sozusagen in Dauerschleife an und versank in kinofreien Zeiten in Mahlers Musik. Ich besitze heute noch das mit Erkenntnissen und Überlegungen vollgekritzelte, zerlesene Buch von Thomas Mann, das ich irgendwann durch eine Neuausgabe ersetzen musste, weil es auseinanderfiel. Als das Kultusministerium unvermutet eine Reform der Reform beschloss und festlegte, unser Jahrgang müsse für das Abitur eine Art Seminararbeit abliefern, stand mein Entschluss fest: Ich wollte, musste über diese Novelle schreiben!

Wir arbeiteten wie die Verrückten - bis uns Studenten des fünften Semesters Germanistik bescheinigten, wir könnten durchaus mit ihnen mithalten. Kurz vor Torschluss bemerkte das Kultusministerium, dass es die Schulen offensichtlich überforderte und verzichtete auf die Schnapsidee. Meine fünfundzwanzig Seiten, die ich damals mit Herzblut und offensichtlich guter Note geschrieben habe, sind auf immer und ewig in den Amtsmühlen des Oberschulamtes verloren. Geblieben ist mir nur die Aussage meines Lehrers: "Studieren Sie von mir aus, was sie wollen. Machen Sie ruhig Blödsinn. Aber hören Sie nie und nimmer auf zu schreiben!" Geblieben sind damals Mahler und Mann und ein literarisches Thema. Ich machte nämlich erst mal lieber Blödsinn.

Muss ich erzählen, dass ich mir in der Nacht, nachdem ich erfahren hatte, dass es plötzlich statt nach Kanada nach Polen gehen sollte, Mahlers Fünfte gab und dabei Weltschmerzgedichte verfasste? Natürlich landete ich nicht am Lido, aber ich schrieb weiter, schrieb viele unterschiedliche Texte. Als ich zum ersten Mal in meinem Leben das Warschauer Teatr Wielki betrat, ahnte ich noch nichts von der Zukunft. Ich wusste nicht, dass der von mir dort entdeckte Komponist Karol Szymanowski mit Sergej Diaghilew einen Liebhaber gemeinsam gehabt hatte. Ich erlebte im Teatr Wielki nur ein ungeheures Dejà vu, als sei ich in meinem ganzen Leben nie in einem anderen Opernhaus gewesen. Mit meiner Liebe zum Jugendstil ließ es sich erklären. Nicht erklären konnte ich mir einen gewissen Menschen, der in aller Munde war. Dazu reichte mein zunächst auf Alltagsfloskeln beschränktes Polnisch noch nicht.

Als ich nach Polen kam, war gerade Rudolf Nurejew gestorben. Er hatte die Menschen fürs Ballett begeistert wie kaum ein zweiter und mit seinen Skandalgeschichten die mediale Aufmerksamkeit aufs Ballett verstärkt. Jetzt, wo er gestorben war, verglich man den "zweiten Gott des Tanzes" mit einem ersten. Dessen weiche Namensklänge faszinierten mich ähnlich wie die Laute, die an Gustav Aschenbachs Ohr klingen, als er im Visconti-Film Tadzius Familie belauscht. Niżyński - erklang es überall. Noch war ich nicht fähig, die Schreibweise zu erhören, aber ich wusste: Das ist der weichste sch-Laut, den Sprachmusik hervorbringen kann. Im Teatr Wielki hatte er seine ersten Tanzschritte gelernt, als Kind hinter der Bühne gespielt - dieser Niżyński - so erzählte man mir. Im Kino zeigten sie einen alten Spielfilm über ihn, den ich verpasste, und Viscontis "Tod in Venedig". Gustav Mahlers Musik wurde zu einem Vehikel für eine Stimmung, die sich vom Lido bis zum Ballett spannte und mich all die Jahre begleitete.

 Als mich etwa fünfzehn Jahre später jemand fragte, ob ich mich mit den Ballets Russes und Nijinsky auskennen würde, musste ich trotzdem zuerst nachdenken. Die Ballets Russes waren mir ein Begriff, bei "Nijinsky" fehlte mir jedoch der Wiedererkennungsklang. Eingeholt hat mich das alles erst beim Anblick eines Gemäldes von Leon Bakst. In weißer Badekappe und kirschroter Badehose steht Nijinsky am Strand des Lido und hebt seinen Arm - eine Schönheit, die seinerzeit viele Männerherzen höher schlagen ließ. Als ich das Buch schrieb, sah ich all die Gemälde und Fotos in Bewegung. Der junge Gott drehte sich um, schritt ins Meer und streckte den Arm in die Ferne. Viscontis letzte Einstellung ... Visconti spielte weiter in meinem Kopf und statt Aschenbach lag Diaghilew sterbenskrank in einem Liegestuhl am Strand. Das war nun kein Film, denn er starb wirklich im Hotel Des Bains, das wir aus dem Film kennen.

In dem Moment drehten die Räder wie wild in meinem Kopf. War es möglich, dass sich Thomas Mann und Vaslav Nijinsky nie begegnet sind, obwohl sie fast zur gleichen Zeit im gleichen Hotel abgestiegen sind? Obwohl Nijinsky dort über einen ganzen Saal zum Trainieren verfügte? War es möglich, dass Thomas Mann, dessen Bekannte mit den Ballets Russes in Paris dinierten, sich nie für Nijinsky interessiert hatte? Es begann eine Recherche, die für mich spannend war wie ein Krimi. Sie hat sich in einem ganzen Kapitel niedergeschlagen...

Ich habe mir dann noch eine Doku über Gustav Mahler zum zweiten Mal angeschaut. Nur um in all dem reichhaltigen historischen Fotomaterial einen winzigen Kopf zu erhaschen, den ich beim ersten Mal beinahe für meinen Großvater gehalten hätte. Der Vorfahr, der da völlig überraschend in einer Menge auftauchte, ist in der Familie immer wie ein rotes Tuch gewesen. Geschrieben hat er. Von Kindesbeinen an musste ich mir anhören: "Du lernst mal einen anständigen Beruf. Du wirst mal nicht so einer!" Als ich die Doku ein zweites Mal anschaute, war ich so beschwipst von Mahlers Musik, dass ich glaubte, unser schwarzes Schaf habe mir zugeblinzelt. Ich bin so eine geworden. Und habe nach über dreißig Jahren endlich den Text geschrieben, den ich damals in meinem ersten Visconti-Rausch hätte wünschen, aber nie bewältigen können.

Mittwoch, 11. Mai 2011

Vom Hörbuch zum Buch - geht das?

Wer den Werdegang des Nijinsky-Projekts mitverfolgt hat, weiß, dass mein Text ursprünglich als Auftragsarbeit direkt für ein Hörbuch konzipiert wurde. Etliche Unfälle später wurde daraus ein Printprojekt. Nun könnte man meinen, das sei einfach übertragbar. Schließlich werden alle Tage Printbücher vorgelesen - und als Hörbuch aufgenommen. Warum nicht auch umgekehrt?

Hörtext = Printtext?

Da ich selbst Texte für unterschiedliche Medien konzipiere und schreibe, bin ich überhaupt keine Freundin der bequemen 1:1-Übertragung. Wer je eine Website weggeklickt hat, weil man dort einfach eine Broschüre oder gar einen Geschäftsbericht abbildete, weiß, was ich meine. Bei Büchern ist das meiner Meinung nach nicht anders. Ein gedrucktes Buch schlicht als E-Book zu übertragen, wird den Möglichkeiten einer elektronischen Fassung nicht gerecht - da will ich zumindest Inhaltsverzeichnis und Register durchklicken können. Mit den Hörbüchern ist das auch so eine Sache. Denn nicht jeder fürs Lesen geschriebene Text hört sich auch gut an! Manchen Hörbüchern kann man nur sehr schwer folgen. Manche schläfern schrecklich ein, obwohl das gedruckte Buch ein Aufreger ist. Es gibt Texte, die werden erst gar nicht vertont, weil ihre Sprache nicht klingt. Ein "echtes" Hörbuch wäre eigentlich eines, das gleich für dieses Medium geschrieben worden wäre.

Hören gehorcht anderen Gesetzen

Das Texten fürs Hören gehorcht eigenen Gesetzen, die ein Printautor nicht unbedingt beachten muss. Hörtexte müssen Klang haben, aber auch mit der Rhythmik spielen. Spannung oder Aufmerksamkeit wird hier erzeugt, indem man einen sonst vielleicht gleichmäßigen Sprachfluss stärker verändert und variiert. Hörtexte bauen auf einer anderen Logikabfolge auf. Ich kann mit den Ohren nicht zurückblättern und nicht vorausschauen. Weil das Verstehen nur im Hier und Jetzt stattfindet, müssen gute Hörtexte streng linear erzählt werden.

Der Mensch baut sich bei gedruckten Texten leichter und schneller eigene innere Bilder auf und kann dadurch vor allem sehr theoretischen Texten besser folgen. Fürs Hören müssen vor allem Sachtexte viel verständlicher und "erzählter" konzipiert werden. Entweder nähert man sich einem lebendigen Vortrag, oder man konzentriert sich darauf, ständig starke Bilder zu schaffen, die vor jeder Theorie stehen. Als Autor muss man in diesem Fall durchs Ohr berühren und Emotionen auslösen. Dafür hat der Hörbuchautor jedoch auch ein ganz anderes Instrumentarium zur Verfügung als der Printautor: Bei der Aufnahme lässt sich Musik einspielen, die Stimmen der Schauspieler verändern den Text zusätzlich. Durch solch collagenartiges Schreiben lässt sich trotz aller Linearität in der Abfolge außerdem sehr viel schneller in einer Geschichte springen. Hörtexte sind zudem sehr viel kürzer als ihre Printentsprechungen (selbst 1:1 Buchaufnahmen werden kräftig gekürzt).

Das Nijinsky-Projekt wurde von mir als "narratives Sachbuch" direkt fürs Medium Hörbuch geschrieben. In den Text sollten die jeweiligen Ballettmusiken eingespielt werden, so dass sich ein völlig anderer "Atem" des Textes ergab, der sich zudem stark auf die jeweilige Stimmung der Musik bezog. Während ich schrieb, hatte ich die Partituren vor mir, denn ich musste entscheiden, welche Takte für welche Sätze passten und was in welche Längen gebracht werden musste. Text und Musik sollten von der CD-Menge her bezahlbar bleiben - dadurch kam der Text auf nur 80 Normseiten: viel zu wenig für ein Printbuch.

Mit dem Klingen hatte ich am wenigsten Probleme, ich sehe ohnehin zwischen Schreiben und Komponieren viele Parallelen und erlebe Sprache als Synästhesistin sehr stark als Farbklang. Trotzdem musste ich immer wieder laut lesen und intensiv feilen, damit das Ohr alles aufnehmen konnte. Meine Sätze wurden kürzer, ich verwendete mehr Reihungen, bekam einen völlig anderen Erzählton.

Dann musste plötzlich umdisponiert werden. Ließ sich der Hörtext einfach 1:1 drucken und damit zum Printtext machen? Warum eigentlich nicht, wenn Verlage doch auch Printtexte schlicht zu Hörtexten wandeln?

Was fehlt zum gedruckten Buch?

Es scheiterte schon an den Kleinigkeiten. Aus 80 Normseiten macht man kein Buch. Nahm man die Musikstücke heraus, ergaben sich manchmal starke Brüche. Zitate mussten anders kenntlich gemacht und Endnoten eingefügt werden. Was beim Hören knapp bleiben durfte, brauchte gedruckt mehr Erklärungen. Was beim Hören Dramatik brachte, wirkte für Print übertrieben. Ich habe also den gesamten Text noch einmal überarbeitet. Ein Glück hatte ich dabei: Mir liegt das "erzählte" Erzählen sehr viel mehr als ein ausgewalzter, verschachtelter, hochtheoretischer Text - selbst beim Sachbuch. Das Hörbuchschreiben hat mich so sehr geprägt, dass sich meine gesamte Autorenstimme verändert hat. Im Großen und Ganzen blieb der Text also erhalten.

Ein Glücksfall war außerdem, dass ich mit dem Projekt auf keinen Verlag mehr Rücksicht zu nehmen hatte. Es wäre sonst ein sehr konventionelles, meiner Meinung nach austauschbares Sachbuch herausgekommen. Ich durfte auf Risiko spielen. Also begriff ich mein Buch nicht mehr als reinen Text, sondern als einen Ort unterschiedlicher erzählerischer Räume, die irgendwie verbunden werden wollten.

Erzählerische Räume statt Text

Da gab es den "Haupttext" über das Leben und die Kunst Nijinskys, der sich durchaus hören lässt. Ihn auf "Buchlänge" zu bringen, wäre eine Sünde gewesen - er war in seiner Länge sehr dicht, aber perfekt. Schließlich hatte ich ihn auf genau diese Länge hin komponiert! Ein zweiter Teil musste her.
Was bot sich mehr an als eine Art Text, die man ebenfalls nicht in einem Buch vermuten würde, schon gar nicht in dieser Kombination - weil man auch diesen Text eher hört? Ich kam nämlich auf die Idee, Gespräche zu führen. Ich nahm mir die beiden am stärksten faszinierenden Themen in Bezug auf Nijinsky vor, die im Erzähltext völlig anders und als "Leben" vorkamen. Da war seine skandalträchtige und absolut bahnbrechende Choreografie - und seine spätere psychische Krankheit, in deren Anfangsphase der Tänzer plötzlich zum Maler wurde. Jetzt musste ich nur noch zwei Interviewpartner finden, die genau von diesen Themen selbst fasziniert waren.

Die beiden Gespräche sind im zweiten Teil des Buchs genauso abgedruckt, wie ich sie geführt habe. Man kann sie auch sprechen. Trotzdem sind wir es durchs Zeitunglesen gewohnt, ein Interview bereits als Printform wahrzunehmen. Kenner werden unterscheiden können, welches Interview schriftlich oder mündlich geführt wird, aber beide Textarten verschwimmen sehr stark.

Bildnerische Räume

Die Verbindung beider Teile - zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Leben und Vertiefung der Lebensthemen, Nijinsky und der Projektion Nijinsky - habe ich mit meinen bescheidenen Mitteln grafisch zu gestalten versucht. So tritt auch in die ganz großen Musikpausen ein winzig kleines Emblem aus der Zeit Nijinskys. Die Brücke aber schafft der Tänzer selbst, auf Fotos, die damals wie heute die Fans faszinierten. Ich habe darauf verzichtet, sie wie üblich bequem im Block zu schalten - sie bewegen sich durchs gesamte Buch. Ob es je sichtbar werden wird, weiß ich nicht - neben der inhaltlichen Assoziation habe ich tatsächlich versucht, mit den Fotos Bewegungen oder Klammern zu bilden.

Nijinsky wurde zeitlebens nie gefilmt, Diaghilew hat dies erfolgreich zu verhindern gewusst. Er war sich klar darüber, dass im Zeitalter des aufkommenden Films weniger Leute in seine Vorstellungen strömen würden, wenn sie stattdessen billiger ins Kino gehen konnten. Er wollte das Gesamtkunstwerk nicht zerstören, aber vor allem das Schlimmste verhindern. Wer nämlich einen Film von Nijinsky besaß, würde jede einzelne Bewegung in Zeitlupe analysieren können. Der "Gott des Tanzes" würde entmystifiziert. Also gibt es von Nijinsky nur Fotos, nur gestellte Posen.

Ich habe während meiner Recherchen jedes nur erreichbare Foto immer wieder betrachtet und mit der Lupe angeschaut. Irgendwann bewegte sich der Tänzer. Ich hätte schwören können, ihn in einem Film gesehen zu haben. Und dann bin ich auf eine Fotoreihe gestoßen. Sie bildet die Drehangel zwischen beiden Buchteilen, wirkt wie ein Daumenkino. Es ist keine echte Bewegungsabfolge, aber Nijinsky dreht sich, bewegt die Arme und springt ... um ganz am Ende des Buchs wieder ins Buch hineinzutanzen.

Eine solche Bebilderung ist mehr als "Illustration". Für mich bilden die Fotos einen eigenen Erzählraum, der im Idealfall mit beiden Texträumen einen Dialog aufnimmt. Dieses Spannungsfeld des Erzählens jenseits der Erzählung könnte ähnlich wie die Musik in einem Hörbuch im Leser etwas bewirken, mit ihm sprechen...
Das ist ein Ideal und ein Experiment. Ob es funktioniert, muss sich erst erweisen.

Utopien fürs Jetzt

Jedenfalls glaube ich nicht, dass es jedem Text gut tut, wenn man ihn einfach 1:1 in ein anderes Medium überträgt. Es ist einfach bequem und billiger. Ich hoffe, dass eines Tages die spezifischen Eigenheiten unterschiedlicher Medien viel stärker genutzt werden. Als Autorin habe ich Blut geleckt - ich würde gern sehr viel stärker "transmedial" erzählen, neue Erzählwelten schaffen. Leider sehe ich innerhalb der viel zu risikoscheuen Verlagswelt derzeit kaum Chancen. Ich habe zu viele Ideen im Kopf, als dass ich damit warten wollte...

Das Nijinsky-Projekt geht am Montag in die Druckerei.
Infos zum Buch
Leseprobe aus Teil 1 (vor Lektorat und Satz)
Warum Eigenproduktion?

Das umgekehrte Beispiel ist mein bei Hanser erschienenes Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" (Buchreihe wurde leider eingestellt, die 3. Auflage wird 2011 in anderer Form erscheinen). Hier wurde das Hörbuch mit winzigen Kürzungen eingelesen und ein paar der Rezepte wanderten einfach ins Beiheft. Das Hörbuch mit der von ARTE und SWR 2 bekannten Sprecherin Doris Wolters ist noch zu haben.

Montag, 2. Mai 2011

Schwein gehabt

Wenn ein Thema in der Luft liegt, ist die Gefahr groß, dass mehrere Menschen auf der Welt auf ähnliche Ideen kommen. Diese Angst vor dem Risiko bewegte in Sachen Nijinsky deutschsprachige Verlage massiv - viele verzichteten deshalb lieber ganz darauf, überhaupt ein Buch zum Thema zu verlegen. So kommt es auch, dass Romola Nijinskys Biografie ihres Mannes und die Tagebücher von Nijinsky im Ausland weiter zu haben sind und inzwischen auch in jeder Piratenbörse - der sonst so backlistfreudige Suhrkamp-Insel-Verlag jedoch auch zum 100jährigen Jubiläum der Ballets Russes seine beiden Taschenbücher nicht wieder aufgelegt hat. Von der Hardcoverversion der Tagebücher im Berlin Verlag ganz zu schweigen.

In den Niederlanden hat derweil Arthur Japin mit seinem Nijinsky-Roman großen Erfolg - und sein Verlag ist gar nicht dumm. Der hat nicht nur die Tagebücher in der niederländischen Übersetzung wieder zugänglich gemacht, sondern bietet sie auch im Geschenkpaket zum Roman an.

Als ich das Cover sah, bin ich erst einmal tüchtig erschrocken. Ideen kreisen wohl öfter einmal virulent durch die Welt. Es ähnelt unwahrscheinlich stark dem allerersten Entwurf für mein Nijinsky-Cover. Zum Glück haben wir das in einer sehr frühen Phase verworfen! Natürlich bibbere ich, dass nicht noch mehr solche zufälligen und unfreiwilligen "Doppler" auftauchen:

Ein früher, verworfener Entwurf für mein Nijinsky-Buch

  
Die niederländische Ausgabe von Nijinskys Tagebüchern
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