Freitag, 22. April 2011

Baden-Baden: Stadt fürs Inkognito

Künstler brauchen ihre kleinen Fluchten. Das sind nicht einfach nur Orte, um vor den Fans zu flüchten, sondern Umgebungen, die es einem erlauben, aus dem laufenden Kunstbetrieb in eine völlig andere Welt auszusteigen, Neues zu sehen und zu erleben. Kreativität braucht die frische Energie, die das Abschalten gibt. Irgendwie ist für mich im Laufe der Jahre Baden-Baden zu so einem Ort geworden. Es ist zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter im wahrsten Sinne des Wortes in seiner historischen Bausubstanz einfach schön. Allein ein Spaziergang durch die grüne Ader der Innenstadt, die weltberühmte Lichtenthaler Allee, versorgt mit aufmunternden Impressionen wie die Fotos der Baden-Badener Fotografin Nathalie Dautel zeigen. Baden-Baden heute regt die künstlerischen Ideen an, weil es kaum Mittelmaß gibt, aber umso mehr Extreme; weil die Stadt einer vergangenen Zeit nachhängt und mit dem Überleben in der Zukunft kämpft; weil man dort Menschen aus aller Herren Länder beobachten kann, die man sonst so nicht sieht - vor allem Russen.

Lichtenthaler Allee (Foto PvC)

Das ist alles andere als neu. Als Baden-Baden im 19. Jahrhundert zur Sommerhauptstadt Europas wurde, zog es die Adligen und die Schmarotzer, die Millionäre und die Spieler, die Gebildeten und die Eingebildeten, die Künstler und die Kulturlosen zwischen Paris und Petersburg in Scharen an. In seinem zu Unrecht eher vergessenen Roman "Der Rauch" zeichnet Iwan Turgenjew ein herrlich ironisches Bild der Baden-Badener Kur-Schickeria, das alles andere als angestaubt wirkt. Noch heute stolpert man über die Spuren der großen russischen Literaten: Turgenjew lebte nicht nur in der eigenen Villa, er lebte auch ein Dreiecksverhältnis mit der gefeierten Sopranistin Pauline Viardot. Gogol war da, und in dem Haus, in dem der Spieler Dostojewskij nach dem letzten Hemd suchte, das sich versetzen ließ, befindet sich heute eine Luxusimmobilienagentur. Kaum wundert es einen, wenn man auch noch über all die nur kurzzeitig im Kurort weilenden Berühmtheiten stolpert - etwa beim Sanatorium Dengler, in dem sich 1935 Sergej Rachmaninoff von seinen aufreibenden Konzerttourneen erholte.

Hier lebte Dostojewskij ärmlich in Miete (Foto PvC)

Viele große Russen kamen damals wie heute lieber inkognito. Baden-Baden war die sommerliche Verbindungsstelle zwischen Paris und Sankt Petersburg in einer Zeit, als die Avantgarde der europäischen und russischen Welt Kunst und Kultur gehörig umwälzte. So wunderte ich mich kaum, als ich auf eine illustre Liste von Gästen stieß, die sich 1913, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, im noch globalen Städtchen an der Oos erholte: Die Gäste hießen Sergej Diaghilew, Vaslav Nijinsky, Alexandre Benois und Walter Nouvel. Manchen Angaben zufolge soll sogar Igor Strawinsky zugegen gewesen sein, aber das bliebe zu verifizieren.

Die still und leise Erholung Suchenden waren niemand anders als das damalige Führungsgremium der Ballets Russes. Der Russe Walter Fjedorowitsch Nouvel (Nuwel), Musikkritiker für Diaghilews berühmte Kunstzeitschrift Mir Isskustva und sein Freund, war zuständig für die Verwaltung der Ballettunternehmung. Später schrieb er zusammen mit Arnold Hankell eine Diaghilew-Biografie und fungierte für Strawinskys Autobiografie als dessen Ghostwriter. Alexandre Benois, der damals berühmte Künstler, Bühnen- und Kostümbildner saß ebenfalls in der Hauptversammlung des Leitungsgremiums.

Historische Postkarte Hotel Stéphanie-les-Bains Baden-Baden

Die Russen stiegen ab, wo es die Schönen, Reichen und Berühmten am meisten hinzog: Im Hotel "Stéphanie-les-Bains". Auch als die Belle Époque bereits im Sterben lag, gab sich die Stadt edel im Idiom des Zarenhofs und von Paris - die Verbindungen mit Frankreich waren nicht nur sprachlich gesehen eng. Prinzessin Stephanie von Baden, die Landesmutter zwischen 1811 und 1818, war immerhin die Adoptivtochter Napoleons. Der ursprüngliche Gebäudekomplex des Hotels "Stephanienbad" steht nicht mehr (historische Ansichten), aber das Haupthaus mit der Villa Augusta zieht noch heute eine illustre Gästeliste an - als Brenner's Park Hotel & Spa, direkt an der Lichtenthaler Allee gelegen. Als die Männer von den Ballets Russes dort abstiegen, war am hinteren Teil der Allee gerade der neue Jugendstilgarten fertiggestellt worden, der heute unter dem Namen "Gönneranlage" einer der schönsten Rosengärten Europas sein soll.

Es lohnt sich ein Blick in die Gästeliste des Hotels, bevor Nijinsky dort ankam. Nach dem Maharadscha von Kapurthala hält im Jahr 1907 König Chulalongkorn von Siam und Laos im Hotel Stéphanie-les-Bains Hof. Was aber haben diese exotischen Persönlichkeiten mit den Ballets Russes zu tun? Die dinierten schließlich in Monaco wie Paris auch mit dem Aga Khan - man musste sich jede Menge Sponsoren warmhalten. Und 1907 weilte Nijinsky nicht in Baden-Baden.

Trotzdem ist jener sagenumwobene König von Laos und Siam, vor der Zeit, in der Mata Hari aufkam und die orientalischen Ballette Diaghilews, ein wichtiges "missing link", um Nijinskys Art zu tanzen zu verstehen. In vielen Büchern, vor allem in der sonst meisterhaften Nijinsky-Biografie des Psychiaters Ostwald, wird nämlich Nijinskys Arbeit mit Handstellungen und bizarren Fingerhaltungen nachträglich aus der Diagnosetheorie "Schizophrenie" interpretiert. Ostwald versteigt sich sogar so weit, zu behaupten, Nijinsky habe seine Handstellungen hirngeschädigten Kindern abgeschaut, die er bei Besuchen seines Bruders in Kliniken gesehen haben sollte. Der wahre Hintergrund ist jedoch ganz weltlich, gesund und sehr global. Jener König reiste nämlich nicht nur nach Baden-Baden, sondern hielt auch in Petersburg Hof. Vor allem aber hatte er einen für damalige Verhältnisse revolutionären Exportschlager dabei: seine eigene Tanztruppe. Die russische und europäische Avantgarde war hin und weg von den anmutigen und so völlig anderen Bewegungen der Siamesen. Nijinsky hat sie in Petersburg tanzen sehen und ihnen im Ballett "Les Orientales" selbst tänzerisch ein Denkmal gesetzt.

Heute: Brenner's Park Hotel & Spa, links die Villa Augusta (Foto PvC)

Als er selbst nach Baden-Baden kommt, kriselt es tüchtig in der Liebesbeziehung zwischen ihm und Diaghilew. Nijinsky hat gerade den zweiten großen Theaterskandal verkraften müssen, die Premiere zu Strawinskys "Le Sacre" sorgte kurzzeitig sogar für diplomatische Verwicklungen zwischen Frankreich und Russland. Nijinsky ist ausgepowert, wird von Fans verfolgt und von Feinden geschmäht. Und was da in Baden-Baden als Kurzurlaub deklariert ist, soll eigentlich ein völlig neues Ballett vorbereiten.

Johann Sebastian Bach will man spielen, die Kostüme ganz im Rokoko halten. Nijinsky soll choreografieren. Von Baden-Baden aus unternehmen die Russen Besichtigungstouren im Badischen - die Barockschlösser haben es ihnen angetan. Auch Bruchsal und sogar Würzburg stehen auf ihrer Reiseliste. Von diesen Schlössern soll das Bühnenbild profitieren, das Benois entwerfen will. Der erinnert sich 1954 in einem französischen Radiointerview, dass der Inkognito-Kurzurlaub schlicht die Planung der nächsten Saison beinhaltete und "ein herbeigerufener Pianist" auf dem unzulänglichen Hotelflügel spielen musste.

Im August nach diesem Baden-Badener Intermezzo kommt der große Bruch. Nijinsky wird auf der Überfahrt zur Südamerikatournee von einer Frau eingefangen, die wir heute als Groupie bezeichnen würden: Zwei Jahre schon verfolgt sie den "Gott des Tanzes" auf Schritt und Tritt - sie will seine Ehefrau werden, dem Genie Kinder gebären und ihn von seiner Männerliebe "reformieren". Nach dieser Schiffahrt ist nichts mehr wie es einmal war ...

Diaghilew wird kurz vor seinem Tod im Jahr 1929 noch einmal mit seiner neuesten Talententdeckung in Baden-Baden Station machen: dem Dirigenten und Komponisten Igor Markevitch. Die beiden arbeiten an einem "deutschen" Ballett nach Musik von Paul Hindemith. Später - Nijinsky ist längst schon in seiner Wahnwelt gefangen - wird Igor Markevitch Nijinskys Tochter Kyra in erster Ehe heiraten.

Wann genau Igor Strawinsky in seiner Eigenschaft als Mitglied der Ballets Russes in Baden-Baden weilte, ist nicht ganz so einfach auszumachen. Als Musiker und Komponist jedenfalls war er der Stadt immer sehr verbunden - so verbunden, dass er einen seiner großen Exil-Grundsätze vergaß. Offiziell hatte Strawinsky 1933 sein letztes Konzert auf deutschem Boden gegeben. Im April 1936 machte er für Baden-Baden eine Ausnahme und spielte mit seinem Sohn Soulima dort das Concerto für zwei Solopianos. Erst 1951 sollte er wieder für ein Konzert nach Deutschland zurückkehren. Die Baden-Badener Philharmonie hält den Komponisten noch heute hoch und hat bei Haenssler-Klassik anlässlich des hundertjährigen Ballets-Russes-Jubiläums eine CD-Reihe mit Ballettmusiken herausgebracht.

Der Kreis schließt sich mit dem Festspielhaus, wo nicht nur John Neumeier mit seinem Hamburger Ballett regelmäßig gastiert, sondern auch das Sankt Petersburger Marijnsky-Theater, in dem Nijinsky einst seine Ausbildung absolvierte.

Auch das ist Baden-Baden: Mein Studium habe ich mir teilweise als "Hilfzimmermädchen" in Brenner's Park Hotel finanziert. Wenn ich den inzwischen renovierten Raum saugen musste, in dem man heute gepflegt Tee trinkt, saugte ich mich jedes mal in eine andere Welt. Ich schwebte in einem Film von Visconti: Tod in Venedig. Die Möbel, das Teppichmuster, die Architektur, sogar die Menschen darin - alles schien aus dieser fernen dekadenten Welt Thomas Manns herüber zu wabern. Damals ahnte ich nicht, wer alles über diesen Boden geschritten war, am wenigsten hatte ich von Nijinsky, dem Jahrhunderttänzer, gehört. Wenn man mir damals gesagt hätte, wie sich eines Tages der Ring schließen würde zwischen dem Hotel Stéphanie-les-Bains in Baden-Baden und dem Hotel Des Bains am Lido in Venedig, hätte ich denjenigen für verrückt erklärt. Diaghilew ist in letzterem verstorben - und er hat sich in seinen letzten Jahren geradezu als Aschenbach inszeniert. Könnten sich Sergej Diaghilew, Vaslav Nijinsky und Thomas Mann vielleicht sogar in einem dieser alten Grandhotels über den Weg gelaufen sein? Die Antwort verrate ich in meinem Buch - in dem übrigens Nijinsky auch in seiner Rolle in "Les orientales" zu sehen sein wird.

Unter dem Label "enhanced book" werde ich in unregelmäßigen Abständen auch nach Erscheinen meines Buchs die Geschichten erzählen, die naturgemäß aus einem Buch gestrichen oder gar nicht erst aufgenommen werden - weil sie vom Hundertsten ins Tausendste führen würden, nicht in die Komposition passen oder nur für ein sehr spezielles Spezialpublikum von Interesse wären. Das ist das Schöne an der Vernetzung unterschiedlicher Medien - das Blog wird zum "Extra". Selbstverständlich sind auch meine Blogtexte und eigenen Fotos urheberrechtlich geschützt!

Die Autorin steht für Auftritte in Baden-Baden zur Verfügung.

Montag, 18. April 2011

Ein Geheimnis wird gelüftet

Das Manuskript des Nijinsky-Buchs wird derzeit für die Druckerei fein gemacht - dort soll es nämlich nach Ostern landen.

Nun ist die Sache offiziell:
Das Nijinsky-Buch wird 128 Seiten haben und als Hardcover im Format 12,5 x 20,5 (B x H) in der Edition Octopus von Monsenstein & Vannerdat erscheinen. Das Cover wird sehr blau sein ... Das Buch hat eine farbige Abbildung und 21 Schwarz-Weiß-Fotos. Es wird etwa 16 Euro kosten - die genaue Kalkulation kann ich jedoch erst machen, wenn ich die genaue Seitenzahl vor mir habe.

Den Titel kann ich noch nicht verraten, weil ich das (geldsparende) Risiko eingegangen bin, keinen Titelschutz beantragt zu haben - und der Teufel ist bekanntlich ein Eichhörnchen. Aber natürlich wird er ganz exklusiv hier im Blog bekannt gegeben, sobald die Anmeldungen durch sind.

Ein Geheimnis kann ich zu diesem Zeitpunkt jedoch endlich lüften.
Regelmäßige Leser meines Hauptblogs werden sich vielleicht an den Artikel "Das Achterbahn-Komplott" erinnern, in dem ich die unwahrscheinlichen "Unfälle" beschrieben habe, die mein Manuskript von der Idee zur druckfertigen Fassung begleiteten. Es sah mehrmals so aus, als würde aus diesem Text nie ein Buch werden - bis mich ein sehr bedeutungsvoller Abend auf eine Idee brachte. An diesem "Petersburger" Abend wurde die Idee geboren, neben dem Text über Nijinsky etwas in Büchern dieser Art völlig Unübliches zu wagen - nämlich mit Fachleuten zu plaudern, die Faszinierendes zu erzählen haben.

Und weil alle so herrlich mitgefiebert haben, verrate ich jetzt auch, wer die beiden Menschen sind, die sich so großzügig und offen an Gesprächen zum Buch beteiligt haben: Der Ballettdirektor und Chefchoreograf Ralf Rossa von der Oper Halle, der selbst ein grandioses Nijinsky-Ballett inszeniert hat (Video rechts im Blog) - und der Kurator Dr. Michael Braunsteiner vom Museum für Gegenwartskunst im Stift Admont, der Teile der weltberühmten Prinzhorn-Sammlung nach Österreich gebracht hatte.

Die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg feiert übrigens von Mai bis August mit der Sonderausstellung "Von Kirchner bis heute" ihr zehnjähriges Bestehen als Museum und den 125. Geburtstag Prinzhorns, der sich mit seinem Buch "Die Bildnerei der Geisteskranken" einen Namen machte und in Verbindung mit Nijinskys erster Klinik stand. Ich erinnere: Von Nijinsky gibt es einen größeren Fundus an Zeichnungen, der zuletzt in der Hamburger Kunsthalle zu sehen war.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal ganz herzlich der wunderbaren Presseabteilung der Oper Halle danken, die nicht nur vorbildliche Arbeit leistet, sondern selbst alte Journalistenhasen mit ihrer Schnelligkeit und Hilfsbereitschaft überraschen kann. Übrigens kamen beide Kontakte via Social Media zustande, bevor sie auf "old fashioned" Menschen-Kommunikation verlegt wurden.

Samstag, 9. April 2011

Neue Infos zum Buch

Mit der Herstellung des Nijinsky-Buchs geht es voran - darum wurden nun auch die oberen Links "Über mich" und "Nijinsky - das Buch" aktualisiert.

Zu schön, um ein Aufreger zu sein

Als Igor Strawinskys Le sacre du printemps 1913 mit Vaslav Nijinsky als Choreograf uraufgeführt wurde, endete der Abend in einem der größten Eklats der Theatergeschichte. Das konservative Pariser Publikum der Belle Époque schlug sich mit der Avantgarde bereits während der Vorstellung. Nur dem Durchhalten des Dirigenten Pierre Monteux und dem lauten Taktzählen Nijinskys hinter der Bühne war es zu verdanken, dass die Tänzer durchhielten. Das begüterte Premierenpublikum empfand einfach alles als Zumutung, als brutale Provokation und Zerstörung alter Tanzidyllen: die "Kakophonie" aus der Feder Strawinskys; Nicholas Roerichs Kostüme, die in ein ethnologisches Museum für fremde Naturvölker gepasst hätten - und allem voran Vaslav Nijinskys Idee, jede Anmutung von Grazie durch seltsame Verrenkungen, zuckende Körper und Missgestalt zu ersetzen.

Wenig später jedoch erkannte man die ungeheure Moderne und Kraft dieses Stücks, in dem Strawinsky einen Naturkult aus heidnischen Zeiten inszenieren wollte. Männer und Frauen, Junge und Alte wollen Frühling und Fruchtbarkeit zur Rückkehr bringen und wählen ein Opfer aus - die Jungfrau tanzt sich in ihrem Kreis zu Tode. Wer je die Rekonstruktion dieser Urfassung von Hodson und Archer mit dem Chicagoer Joffrey Ballet 1987 gesehen hat, der kann ermessen, wie unerhört modern Nijinskys Choreografie selbst für heutige Verhältnisse ist. Zu Strawinskys Klangfarben inszenierte er Tanzfarben, zur harten Rhythmik die Raserei von Kult und Trance, das Entmenschlichen vor der Übermacht der Natur, das Tödliche und zugleich Befreiende an der Kunst. Es ist nicht leicht, in solchen Fußstapfen eine neue Choreografie zu finden, zumal es bereits über 200 davon gibt - darunter von Meistern wie Maurice Béjart, Pina Bausch oder John Neumeier. Der Italiener Mauro Bigonzetti hat es mit seinem Aterballetto, Italiens führender Ballett-Compagnie, in einer Produktion des Festspielhauses Baden-Baden gewagt - gestern gab man die Uraufführung.

Gewagt war jedenfalls die musikalische Wahl: Mauro Bigonzetti entschied sich für eine Aufnahme von Ernest Ansermet mit dem Orchestre de la Suisse Romande aus dem Jahr 1958. Das erscheint wie die Suche nach den Ursprüngen, denn Ansermet selbst dirigierte bei den Ballets Russes zwar nicht Le Sacre, war aber deren Dirigent bei der US-Tournee 1916*. Er war mit Strawinsky befreundet und ging als einer der bekannten Strawinsky-Dirigenten in die Geschichte ein. Seiner Interpretation nach der Orchesterpartitur von 1921 fehlt das Wuchtige und Schlagende mancher modernen Fassung, hier kommt ein eher feiner, distinguierter, auch noch im Leisen klangfarbenreicher Strawinsky daher. Aber leider ist bei der Aufnahme das Orchester nicht immer auf der Höhe, das Stück verschwimmt rhythmisch und wirkt manchmal zu gefällig unpointiert. Umso schlimmer, wenn dann auch die Tonanlage des Festspielhauses nicht auf der Höhe ist (leider zum wiederholten Male) - denn dieses idyllische Wasserrauschen zum hohen Fagottsolo, mit dem die Uraufführung zu Anfang länger zu kämpfen hatte, kam keineswegs von Strawinsky, sondern von einer nicht richtig ausgesteuerten alten Aufnahme, die auch die dröhnenden Basspassagen zumindestens auf den besseren Plätzen nicht gerade zum Genuss machte.

Zur Entschädigung gab es Augenschmaus. Mauro Bigonzetti inszeniert karg auf leerer Bühne in zurückhaltenden Kostümen, die archaisch wirken und ein wenig Nijinskys Faun zitieren. Ebenso sparsam gesetztes Licht bringt die Körper effektvoll in Szene, als Schatten vor blutrotem Hintergrund, energetisch tanzend vor orange-schwarzen Balken oder in Teilen hervorleuchtend aus einem die Imagination anregenden Dunkel. Intensiv hat der Choreograf dem Komponisten die Stimmungswechsel abgelauscht, er differenziert zwischen überraschend ruhigen Passagen, in denen die Tänzer die Spannung im Körper fast bis an die Grenzen halten oder sich bis zur Verwischung der Körpergrenzen wie eine sterbende Masse am Boden wälzen - und einer energetisch-leidenschaftlichen Bewegungsfreude, die sich nicht scheut, Handhaltungen aus dem Hip-Hop mit Gesten zu mischen, die an Fotos von Nijinskys Faun oder Petruschka erinnern.

Bigonzettis Frauen sind keine Opfer, sie erscheinen wie archaische Göttinnen, die den Männern Paroli bieten, die tanzend kämpfen, sich vereinen, sich wehren und umschlingen - um ihnen aber schließlich doch nur ihre Energie zu schenken, die aus der sterbenden Gruppe eine wilde Jagd macht. In seiner Choreografie steht diese Paarung vor dem Hintergrund der gesichtslosen Gruppe im Mittelpunkt - die Tänzerinnen wechseln, Strawinskys Plot wird aufgebrochen. So gibt es auch keinen Tänzer und keine Tänzerin, die gesondert gefeiert werden, ein paar ragen durch ihre Leistungen und ihre Persönlichkeit heraus, aber ansonsten erscheint das Ballett wie ein einziger Tanzkörper, eine ganz und gar nicht hierarchische Veranstaltung. Leider machen diese Brüche das Stück teilweise dann auch wieder zu beliebig, kaum hat sich ein Bild von apokalyptischer Wucht eingeschlichen, wird es durch banale Übergänge konterkariert. Beinahe kommt ein aufregender Pas-de-Deux zu einer Aussage, schon wird sie durch die reine Schönheit des Körperdrapierens aufgelöst.

Und genau das ist mein Problem mit Mauro Bigonzetti und seinem Aterballetto: Es ist zu schön. Keine Frage, das ist Tanz der höchsten Genussklasse, im ersten Teil des Abends mit Come un respiro nach Musik von Händel wirklich atemberaubend gut und weitgehend überraschend in der Verschmelzung von unterschiedlichen Tanz- und Bewegungsformen. Aber bei Le Sacre werden die schönen Gesten vor allem in Armen und Händen zu Manierismen, die man schon vorher woanders gesehen hat; treten die Frauen ein paar mal zu viel nach den Männern, als dass die Geste noch von subtiler Bedeutung wäre. Das ist Handschrift, eine sehr deutliche Choreografenhandschrift, aber gerade darum macht sie die Szenen irgendwann austauschbar. Nijinsky hat die emotionslose Tödlichkeit der Natur der ritualisierten Raserei einer Gruppendynamik gegenübergestellt, hat eine einzelne Tänzerin - bedroht von der Masse - in diesem Spannungsfeld die mystische Hochzeit mit der Kunst, mit dem Tanz, durchleben lassen. Das Originalballett ist von Besessenheit gezeichnet und entwickelt wohl darum selbst in der bloßen Rekonstruktion Auflehnung und Abscheu, Faszination und Verführung, Sog und Wucht - eben eine Ahnung dessen, was den Menschen und Zivilisation ausmachen könnte.

Solche Theaterrevolutionen sind heutzutage kaum mehr zu erwarten, dafür wurde Le sacre zu oft bearbeitet. Mauro Bigonzetti geht in meinen Augen dort nicht weiter, wo er kraftvoll und überzeugend wirkt. Seine Zitate, wie etwa vom Faun, haben durchaus Humor; aber kaum kommt eine Emotion auf, wird sie durch einfach nur schöne Bilder schon wieder entschärft. Der wirkungsvolle Augenschmaus mag einem Publikum gefallen, das dem der Belle Epoque ähnelt - er setzt der Sattheit ebenso wie hyperrealistischen Sehgewohnheiten in modernen Theatern überbordende Ästhetik entgegen. Wie ästhetisch aber ist Strawinskys Le Sacre an sich? Wie stark darf so ein bahnbrechendes Werk, modern nach wie vor, eigentlich ein Publikum mitreißen, fordern, gar erschrecken?

Mauro Bigonzettis Inszenierung von Le Sacre mit dem Aterballetto ist höchstes ästhetisches Vergnügen und Schwelgen in Schönheit. Sein Konsum jedoch ist alles andere als gefährlich, da geht nichts an die Nieren, nichts fordert Widerstand heraus, nichts macht Gänsehaut - die Emotionen beim Zuschauen resultieren aus Staunen und Befriedigung. Vielleicht ist es gerade dadurch ein Spiegel unserer modernen Befindlichkeiten, ein Zeichen für unseren künstlerischen Umgang mit den großen Urthemen der Menschheit, ihren Abgründen und Höhen. In meinen Augen jedenfalls ist es zu schön, um ein Aufreger zu sein. Es macht satt, aber auf eine Weise satt, die zu schnell wieder hungrig macht.
Mein persönlicher Geheimtipp wäre dagegen der erste, wirklich mitreißende und zur Musik von Händel in einer Version von Keith Jarrett meisterlich passende erste Teil des Abends: Come un respiro. (PvC)

Das Aterballetto gastiert noch heute und morgen im Festspielhaus Baden-Baden. Da selbst die Uraufführung nicht ausverkauft war, könnte es noch Karten geben. Einen kleinen Vorgeschmack auf Come un respiro gibt es bei youtube.
Außerdem hat der Sender 3sat die Aufführung mitgeschnitten und wird den gesamten Abend am Samstag, den 23.4. um 20:15 Uhr senden.
Die Originalgeschichte um Vaslav Nijinskys Choreografie gibt es in meinem Nijinsky-Buch, das gerade in der Herstellung ist und bald erscheinen wird. 

Anmerkung:
Ernest Ansermet hat aller Wahrscheinlichkeit die von Nijinsky choreografierten Werke und seinen Tanz nicht in den Uraufführungen erlebt. Diaghilew lernte er erst in Genf kennen und dirigierte zunächst 1915 für die Ballets Russes, um dann mit ihnen (und Nijinsky) 1916 auf Amerikatournee zu gehen. Vaslav Nijinsky war aufgrund seiner Heirat seit 1913 nicht mehr Mitglied der Ballets Russes und kam 1916 nur ausnahmsweise zurück. Im Netz kursieren viele widersprüchliche Angaben über Ansermets Arbeit für Diaghilew, die fälschlicherweise vor 1915 Ansermet mit Pierre Monteux verwechseln.


Eine ganz andere Meinung: Der bekannte Ballettkritiker Horst Koegler schreibt über die Uraufführung im Koegler-Journal beim Tanznetz
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