Sonntag, 27. März 2011

Buchproduktion

Das Manuskript geht in die Herstellung - mehr dazu hier.

Freitag, 25. März 2011

Le Sacre - neue Uraufführung

Gestern habe ich mir eine Eintrittskarte gegönnt für ein Ballett, das wie für mich platziert scheint zum Abschluss der Arbeiten am Nijinsky: Das Aterballetto aus Italien mit einer Uraufführung von Strawinskys Le Sacre in der Choreografie von Mauro Bigonzetti.
So sehr ich mich über dieses "Zeichen" freue, so aufgeregt bin ich. Ich kenne inzwischen Le Sacre fast Takt für Takt auswendig. Seither ertrage ich nur ganz bestimmte Aufnahmen und andere kann ich beim besten Willen nicht anhören. Und ich kenne die Rekonstruktion des Balletts nach der Choreografie Nijinskys ebenfalls fast in- und auswendig - eine der atemberaubendsten Choreografien überhaupt. Es ist nicht einfach, sich mit einem derart vorgefüllten Kopf auf ein neues Experiment des 21. Jahrhunderts einzulassen, zumal die Kritiken äußerst widersprüchlich sind.

Sollte das Aterballetto wirklich so nah am schönen Kitsch bauen, wie manche ihm nachsagen, würde es alles zerstören, was sich Strawinsky und Nijinsky zu diesem Stück je gedacht haben. Vielleicht aber ist auch das der Skandal unserer Zeit? Wo damals nur "Kakophonie" und "Verrenkung" schockierte, muss es heute vielleicht Schönheit und Kitsch sein? Ich bin schwer gespannt...

Für Interessierte noch ein Jahre alter Artikel über das Aterballetto und die Methode Berlusconi, das Tanztheater in Italien nachhaltig zu ruinieren. Auch diese Art von Kunst- und Kulturzerstörung hat Geschichte. Die Ballets Russes hätten in Paris 1909 nicht diese Erfolge feiern können, wenn nicht die Franzosen das Ballett in ihrem Land durch Vernachlässigung, fehlende Gelder und fehlenden Mut völlig zugrunde gerichtet hätten.

Fondazione Nationale della Danza Aterballetto(Choreograf Mauro Bigionzetti)
Uraufführung im Baden-Badener Festspielhaus am 8. und 9. April 2011
"Come un respiro" (Händel)
"Le Sacre du printemps" (Strawinsky)

Mittwoch, 16. März 2011

Gift und Galle

Vaslav Nijinskys Choreografie zu L'après-midi d'un faune mit der Musik von Claude Debussy war der erste große Ballettskandal der Geschichte. Es ist nicht ganz klar, ob er in der Schlussszene eine Masturbation auf der Bühne spielt, aber die Fotos von Baron de Meyer sprechen Bände. Undenkbar in den moralinsauren Kreisen im Paris des Jahres 1912 - ein willkommener und beklatschter Aufreger für die Intellektuellen, Künstler und Liberalen.

Auch der Zeitungsstreit ging in die Geschichte ein. Gaston Calmette, Chefredakteur von Le Figaro, kippte kurzerhand die vorgesehene Theaterkritik und setzte sich selbst an die Tasten, um am 30.5.1912 Gift und Galle gegen Nijinsky und die Ballets Russes zu spucken. Die Antwort von niemand geringerem als Auguste Rodin unter der Ghostwriterfeder von Marx im Le Matin war ebenfalls nicht von Pappe. Paris spaltete sich in Anhänger der Belle Epoque und der Avantgarde, das Ganze zog Kreise, die kurzzeitig beinahe die guten politischen Beziehungen zwischen Frankreich und Russland belastet hätten.

Spannend, wenn man solche Geschichten in Büchern nachlesen kann. Noch spannender aber, wenn man gleich die Originalzeitung auf dem Bildschirm hat. Dank französischer Nationalbibliothek ist das kein Problem, so dass ich auch für mein Buch direkt aus dem Original übersetzen kann.

Hier die Ausgabe von Le Figaro vom 30.5.1912 mit Calmettes Antwort auf Rodin und Diaghilew "à propos d'un faune" auf der ersten Seite:

Le Figaro (Paris. 1854)
Le Figaro (Paris. 1854)
Source: Bibliothèque nationale de France

Sonntag, 13. März 2011

Das kranke Genie

Einen Hunger nach Künstlerbiografien und eine Rückkehr zum Thema des "kranken Genies" will "Der Freitag" derzeit ausmachen. Der Mythos vom Künstler, der zwischen Genialität und psychischer Krankheit auf einem schmalen Grat wandert, ist als romantisches Sujet nicht kleinzubekommen. Natürlich passt in dieses Schema der Faszination Vaslav Nijinskys Leben perfekt. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms wurde er in die Psychiatrie zwangseingewiesen. Noch heute gelten seine Tagebücher und auch seine zahlreichen Zeichnungen vielen als Ergebnisse eines kranken Geistes. Dabei ist selbst die Diagnose "Schizophrenie" nach modernem Wissen nicht ganz unumstritten.

Anders als die im "Freitag" zitierte Kunsthistorikerin Bettina Gockel habe ich allerdings eher den Eindruck, dass sich durch die Ausstellungen sogenannter Outsider-Kunst die Diskussion um den Mythos des kranken Genies endlich versachlicht. Gerade die Ausstellung "Weltenwandler" in der Frankfurter Schirn hat verdeutlicht, dass Menschen, die in der Psychiatrie künstlerisch tätig werden, schon "draußen" und im gesunden Leben mit Kunst zu tun hatten - während auch das größte Genie unter schweren psychischen Krankheiten nicht mehr schöpferisch tätig sein kann. An Nijinsky sieht man diesen Zerfall besonders deutlich: Als ihm die Bühne genommen wird, konzentriert sich der Bewegungsmensch auf seine sehr dynamischen Zeichnungen und schließlich aufs Schreiben. Doch irgendwann ist er so krank, dass ihm Kunst auf keine Weise mehr gelingt.

Sind seine Bilder wirklich nur ein Ausdruck von Wahnsinn, Schmierereien eines Gestörten? Oder ist das "echte" Kunst, gibt es Parallelen zu künstlerischen Ideen seiner Zeit? Die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle "Nijinskys Auge und die Abstraktion" versuchte, einige seiner Bilder im Vergleich mit zeitgenössischer Malerei zu rehabilitieren. Doch eine Gesamtschau und Aufarbeitung des Themas steht noch aus (Der Ausstellungskatalog ist absolut empfehlenswert, Manko sind leider zeitweise briefmarkengroße Abbildungen gegen ganz- und doppelseitige.)

Vaslav Nijinsky war etwa zur gleichen Zeit in der gleichen Klinik wie der im Artikel genannte Maler Ernst Ludwig Kirchner (und andere Künstler) - und es gibt Hinweise, dass er zumindest in der ersten Zeit auch in der Klinik noch gemalt hat. Der Autor Ostwald verortet den Nachlass dieser Schweizer Klinik an der Universität Tübingen. Interessant ist der Hinweis deshalb, weil Bilder dieser Klinik vor allem in die weltberühmte Sammlung Prinzhorn eingingen. Die Sammlung Prinzhorn feiert im Mai 2011 in Heidelberg mit der Sonderausstellung "Von Kirchner bis heute" das zehnjährige Jubiläum des Museums und den 125. Geburtstag Prinzhorns.

In meinem Nijinsky-Buch wird es eine besondere Überraschung geben: Zusammen mit einem Fachmann beschäftige ich mich unter dem Aspekt der Malerei Nijinskys nicht nur eingehender mit der Prinzhorn-Sammlung, sondern auch mit dem Phänomen der Outsider-Kunst oder Art Brut. Ich möchte dabei dem Geheimnis ein wenig näher kommen, ob Nijinskys "andere" Kunst wirklich so verrückt war, wie sie so lange definiert wurde. Und ich möchte der Faszination auf die Spur kommen, der wir erliegen, wenn wir die sehr individuelle Kunst solcher Menschen wie Nijinsky auf uns wirken lassen.

Sonntag, 6. März 2011

Zeitenwenden

Kaum zu glauben, wie aktuell auch heute noch so vieles klingt, das um die Ballets Russes geschehen ist. Hier ein Zitat in englischer Übersetzung aus der Eröffnungsrede Sergej Diaghilews, die er zur Ausstellungseröffnung im Taurischen Palast in Sankt Petersburg im Jahr 1904 hielt:
"We are witnesses of the greatest moment of summing-up in history, in the name of a new and unknown culture, which will created by us, and which will also sweep us away.

Mittwoch, 2. März 2011

Seltene Fotos

Im Moment bin ich dabei, Fotos für das Nijinsky-Buch auszuwählen und die Abdruckrechte zu klären und gegebenenfalls zu erwerben. Das ist nicht immer einfach, weil die Angaben in vielen alten Büchern schlampig gemacht sind und die Quellen dadurch nicht so leicht zu finden sind. So existiert etwa eine Aufnahme von Nijinsky in der Rolle des Petruschka, die laut Angabe der New York Public Library von einem berühmten Fotografen namens Herman Mishkin stammt und auch dessen Namensaufschrift trägt. Genau das gleiche Foto wird dagegen in der Bibliothèque Nationale von Paris als Aufnahme von Auguste Bert geführt - diesmal mit der Originalsignatur eines gewissen L. Roosen, der den Fundus von Bert nach dessen Tod erworben hatte.

Für jemanden, der es mit dem Urheberrecht etwas genauer nimmt als ein gewisser deutscher Exminister, macht der Name den großen Unterschied aus: Bert, der 1856 geboren wurde, ist schon lange genug tot - das Foto also rechtefrei. Mishkin dagegen starb erst 1948 und das ist noch keine 70 Jahre her. Zwar ließen sich auch die Abdruckrechte für Mishkin erwerben, doch würde dies für eine kleine Produktion wie die meine schlicht zu teuer. Erst der Hinweis über die Erbveräußerung in der Pariser Nationalbibliothek lässt es als ziemlich sicher erscheinen, dass die Aufschrift in New York wohl fehlerhaft ist und wahrscheinlich nicht einmal eine Originalsignatur, sondern die Notiz eines Bibliothekmitarbeiters.

Solchen Kuriositäten begegnet man bei wertvollen historischen Aufnahmen öfter. Denn nicht selten haben die Besitzer der Fotos ein wenig getrickst, wenn sie ihren Bestand in Auktionshäuser gaben. Ein Originalfoto ist nicht nur wegen der Sujets begehrt, mit der Berühmtheit des Fotografen steigt sein Wert außerdem. Die Klärung der Tatsachen wird dann manchmal zur Detektivarbeit, wenn man selbst bei Bibliotheksangaben Acht geben muss.

Dafür entdecke ich aber auch immer wieder Bilderschätze, die ich selbst nicht kannte. Etwa in der amerikanischen Library of Congress, die überhaupt eine Schatzkiste für globale historische Recherchen aller Art ist. Ich erinnere mich, wie ich einmal einem kleineren französischen Museum dort eine Online-Reprint-Ausgabe eines für das Museum absolut unverzichtbaren Werks aus dem frühen 19. Jahrhundert beschaffen konnte. In Frankreich wären dafür ein paar tausend Euro zu löhnen gewesen sein. Aber zufällig hatte der französische Autor auch in den USA sein Buch verkauft und dadurch blieb es der Nachwelt erhalten, kostenlos und global zugänglich.

Obwohl ich den Eindruck habe, schon fast alle Fotos in Sachen Ballets Russes zu kennen, bin ich nun auf eines gestoßen, das eine Schiffszwischenlandung auf der legendären Südamerika-Tournee 1913 zeigt. Fans erinnern sich: Es handelt sich um die schicksalhafte Überfahrt, nach der Nijinsky Knall auf Fall per Telegramm seinen Lebenspartner Sergej Diaghilew verließ, um eine Frau zu heiraten. Imposant sind die Gepäckboote im Hintergrund - und ich frage mich natürlich, unter welchem Hut sich Nijinsky verbergen mag. Gut hinschauen: Er steht genau neben Romola und ist an der Kopfform und dem Ohr gut zu erkennen.
Der Klick auf das Foto führt zur Ursprungsquelle in der Library of Congress, wo man sich das gesamte Bild im Großformat ansehen kann. Für mein Buch würde ich es deshalb nicht verwenden, weil nicht feststeht, wer der Fotograf war und wo darum die Rechte liegen.

The Ballets Russes Tours to South America, 1913
Ankunft der Truppe der Ballets Russes 1913 in Madeira
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