Sonntag, 20. Februar 2011

Farbenpracht der Kostüme

Wer alle Ausstellungen über die Ballets Russes verpasst hat und auch keinen Katalog sein Eigen nennt, kann sich virtuell auf Fahrt nach Australien begeben. Die Website zur Ausstellung "Ballets Russes: The Art of Costume" lädt ein bißchen, belohnt einen dann jedoch mit einem sehr realistischen Eindruck farbenprächtiger Ballettkostüme berühmter Designer.
Und wer die Reise in Wirklichkeit antreten will. Die Ausstellung in der National Gallery of Australia ist noch bis 20. März 2011 geöffnet.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Blaue Stunde

Gerüche aus der Kindheit, Düfte aus dem Urlaub - solche Erinnerungen bleiben ein Leben lang, aber vor allem im Deutschen hat sich nie eine ausreichende Kultur gebildet, sie wirklich beschreiben zu können. Wie beim Wein hangeln wir uns an Krücken von Vergleichen entlang, selten wagen wir uns an Metaphern. Und genau da rebelliert in mir die Synästhesistin - ich möchte Texte so gern duften lassen können...

Gestern habe ich eine Duftzeitreise veranstaltet. Die Ballets Russes, 1909 gegründet, waren bekanntlich ein Gesamtkunstwerk. Anders als in vielen modernen Opernhäusern wurde hier dem Publikum ein Vollrausch geboten: Musik, Tanz, bildende Kunst, Kostüme, Farben - all das forderte in bisher unerhörter Weise alle Sinne heraus. Aber nicht nur das - für die Ballets Russes und von ihnen inspiriert schufen die angesagten Modeschöpfer eine neue orientalisierte Mode, die es den Frauen ermöglichte, die Korsetts der Belle Epoque wegzulegen und sogar bequeme Haremshosen à la Nijinsky zu tragen. Und was man heute kaum noch weiß: Die Ballets Russes inspirierten die besten Parfumeure Frankreichs; neue Düfte entstanden parallel zu den Ballettpremieren.

Ich hatte gestern mein neues Buchprojekt im Kopf, das ich für mich BLAU nenne. Weil es so klingt, sich so anfühlt, so riecht, wie ein ganz bestimmtes Blau, das man aus einem reinen Ultramarin und Benois-Blau bekommt. Es müsste doch ein ähnlicher Duft auch in der Welt zu finden sein? Ich stellte mir das märchenhaft vor: einfach das passende Parfum auftragen und schon würden die Ideen in die Tastatur fließen. Manchmal muss man so herumspinnen, wenn die Muse Urlaub hat. Und natürlich fiel mir mein eigener Text über Nijinsky ein, da hatte ich ja all die parallel geschöpften Parfums beschrieben, von denen es noch heute einige gibt. War da nicht auch irgendetwas Blaues gewesen?

Natürlich. Einer der ganz großen Parfumeure (und dazu zählt die Firma noch heute), Guerlain, brachte 1912 ein Parfum auf den Markt, das laut Firmenmythos angeblich auf die Werke der Impressionisten zurückgeht. Der avantgardistisch-orientalische Duft kam in den Verkauf, nachdem Nijinsky den "Blauen Gott" getanzt hatte und schon längst zum Star geworden war, als alle Welt den orientalistischen Balletten der russischen Emigranten zujubelte und Modeschöpfer wie Juweliere in - Blau - schwelgten. Hatte ich da meinen Duft in L'Heure Bleue (die blaue Stunde), das noch in dem Flakon präsentiert wird, der von den Bühnen der Ballets Russes stammen könnte? Nicht jeder Duft, der blau heißt, riecht ja auch blau...

Dumm ist, dass man solche uralten wertvollen Düfte in fast keiner Drogerie mehr testen kann. Ketten, die auch bei Büchern hauptsächlich auf Schnelldreher setzen, verfahren mit Parfums ähnlich: Kurzlebiger Trend erschlägt irgendwann Qualität. In Deutschland sind die Trends wieder ganz andere als in Frankreich. Nur in manchen Edelkaufhäusern von Hauptstädten steht auch seltenere Ware. Also musste ich mich erst einmal über Worte annähern - und die versagen bekanntlich schnell, wenn es ums Riechen geht. So wurde meine Reise durch die Beschreibungen von L'Heure Bleue zu einer Entdeckungsreise menschlichen Riechverhaltens.

Schon bei so einfachen Dingen wie der Einordnung von Kopf-, Herz- und Basisnote (mehr dazu in "Das Buch der Rose") divergieren die Beschreibungen enorm. Laut Guerlain sind als Kopfnote Bergamotte und Anis zu riechen. Durchforstet man Erlebnisberichte im Internet, duften da jedoch je nach Gusto auch schon mal "alte Apotheken", manche wollen Estragon und Salbei riechen (verwandte Stoffe im Anisöl), andere haben Pralinen und Bonbons vor sich, wieder andere sind angeekelt von "Desinfektionsmittel". Weil letzteres vor allem Amerikanern passiert, steht die Vermutung nahe, alte Desinfektionsmittel dort seien vielleicht mit Anisöl parfumiert gewesen- und dann ruft ein Duft eine Assoziationskette ab. Wie aber beschreibt man einem Fremden zuverlässig einen Duft, den der eine als Bonbon und der andere als Apotheke wahrnimmt?

Wenn schon die einfachen Dufteinordnungen nicht mehr funktionieren, greifen manche Menschen gern zu Assoziationen und Vergleichen. Vordergründig werden diese von perfekten Werbetextern der Parfumbranche initiiert. Eine Parfumwerbung funktioniert dann, wenn sich möglichst viele Menschen mit diesem Mythos, diesem Image identifizieren können. Kein Wunder, dass sich so viele in die blaue Abenddämmerung versetzt fühlen, impressionistische Bilder von Wasser und womöglich noch Monets Seerosen sehen, das alles will der Firmenmythos so, der jedem Parfum einen ersten Bilderreigen zuordnet und manchmal auch nach neuen Moden verändert.

Aber dann gibt es wiederum Vergleiche von Laien, die sichtbar sensibel auf Düfte reagieren und Dinge "sehen", die sie gar nicht wissen können. Jemand schrieb, das Parfum dufte so, wie die Musik von Reynaldo Hahn klinge. Sicher wusste er um den Zeitgenossen dieser Schöpfung von 1912. Aber wusste er auch, dass eben dieser Reynaldo Hahn die Musik zu Nijinskys Ballett Le Dieu Bleu geschrieben hatte, nach dessen Premiere das Parfum L'Heure Bleue diesen Erfolg hatte?

Jemand anderes wollte den Bruch gerochen haben, zwischen der Avantgarde und der Belle Epoque - und viele Männer entdecken den Duft heute wieder für sich. Da las ich, was auch ich noch nicht wusste: Während sich heute vor allem Frauen an Männerdüften bedienen und die Industrie deshalb immer mehr Unisex-Produkte auf den Markt bringt, war das um die Jahrhundertwende genau andersherum. Viele dieser heute als "Frauendüfte" legendären ersten Aldehydparfums wurden damals auch von Männern getragen. Frauen wollten so zunächst nicht duften, zu hart schien die orientalisierte Moderne gegen die "erlaubten" reinen Blumenparfums. Und in einer Zeit, in der Nijinsky mit seiner legendären Androgynität Männern wie Frauen den Kopf verdrehte, waren Männer zudem mutiger als heute, was Düfte betraf.

Dann beschreibt eine Künstlerin das Parfum, wie sie es auftrug, wie es sie inspirierte und doch mit einer Art melancholischer Sehnsucht erfüllte. Sie verglich es mit Citizen Kanes "rosebud", diesem Symbol für die unerfüllte Suche nach etwas, das man nicht genau greifen kann. Da sprang in mir etwas an. Hatte ich nicht eben dieses rosebud in einem meiner Bücher verwendet und untersucht? Ich brauchte ziemlich lang, um mich zu erinnern, in welchem (Das Buch der Rose). Denn eigentlich habe ich ja schon wieder eine Rosenknospe vor mir, die ihr Inneres noch vor mir versteckt, die noch nicht duften will und von der ich nur eine Ahnung habe, wie sie vollerblüht schön sein könnte. Diesmal war ich auf der Suche nach Blau...

Ich fürchte, ich werde allenfalls in Straßburg fündig werden, um an L'Heure Bleue zu schnuppern - ein Parfum auf Verdacht zu kaufen, kann nämlich böse ins Auge gehen. Vor allem diese alten, sehr reinen Kompositionen verbinden sich mit Haut und Schweiß zu völlig individuellen Düften, die sogar je nach persönlicher Verfassung von Tag zu Tag wechseln können. Mancher kennt das vielleicht - so schön ein Parfum aus der Flasche oder auf Papier duftet, man selbst fühlt sich plötzlich in verbrannte Zwiebeln oder abgestandenen Urin gehüllt. Dann muss man entweder die Haut wechseln oder das Parfum.

Aber neugierig auf den blauen Duft von 1912 bin ich schon, Bergamotte und Anis, später Nelken, Rosen, Veilchen und Tuberrosen und schließlich Iriswurzel, Vanille und Benzoeharz... Der Duft spielt mit kalt und warm, mit berauscht und melancholisch, mit männlich und weiblich, mit scharf und pudrig. Gegensätze, wie sie Nijinsky vereinte, lebte, tanzte. Und dieses Parfum hatte er dabei in der Nase - denn es war damals der letzte Schrei in Paris. Die Zeitmaschine ist also längst erfunden - und der Zugang führt durch die Nase.

Dieser Beitrag wurde am 16.1.2010 auf cronenburg veröffentlicht.

Donnerstag, 3. Februar 2011

Boris Godunov

Ich tauge nicht zur Kritikerin für klassische Musik, aber vielleicht kann ich ein wenig die Zeit der Ballets Russes hier fühlbar und vor allem hörbar machen. Denn trotz aller nötigen Recherche stellt sich für uns Autoren immer wieder die Frage: Wie tauche ich in eine mir bisher fremde Welt oder Zeit ein? Oberflächlich lässt sich das bereits beim Frühstück erreichen. So saß ich heute bei frischem russischem Schwarzbrot (mit zartem Korianderduft) und Buchweizenhonig, nebst einem dampfenden Schwarztee in der Tasse. Nicht irgendeinem, sondern einem, den auch Nijinsky theoretisch hätte trinken können. Die Geheimmischung mit Vanille, Zitrusfrüchten  und Gewürzen wurde 1888 in Sankt Petersburg kreiert, um die Gründung des Russischen Reichs 900 Jahre zuvor zu feiern. Während draußen der Regen Eis auf die Straße legte, hörte ich dazu Musik - aber nicht irgendeine...

Ich halte nämlich seit ein paar Tagen eine ganz besondere Aufnahme von Modest Mussorgskys Oper Boris Godunov in Händen. Ballets-Russes-Kenner wissen: Mit dieser Oper eroberte Sergej Diaghilew 1908 Paris im Sturm - in der Bearbeitung von Rimski-Korsakoff* war sie der erste Kulturimport (außer seinen Kunstausstellungen), den er vom Osten in den Westen brachte. Und Diaghilew hatte damals eine Gesangslegende engagiert: Fjodor Iwanowitsch Schaljapin (Chaliapin*), den zu Lebzeiten international berühmten Bass. Nijinskys Schwester Bronja verliebte sich damals unsterblich in den viel älteren Sänger, von dessen Auftritten bereits ihre Eltern den Kinder vorgeschwärmt hatten. In ihren Memoiren hat Bronja Nijinska bezaubernde Tagebucherinnerungen einer Jugendlichen an Schaljapin hinterlassen.

Meine Aufnahme der Oper Boris Godunov* entdeckte ich in schicksalshaftem Zusammenhang mit dem Nijinsky-Projekt und ich ziehe sie allen anderen vor: Es ist die Aufnahme aus dem Pariser Elysée-Theater vom Juli 1952, in welcher der ebenfalls legendäre Boris Christoff eindrucksvoll gleich drei Rollen singt: den Boris Godunov, Pimen und Varlaam.
Hier eine spätere Aufnahme von Boris Christoff* mit der Sterbeszene aus Boris Godunov (1980er):



URL bei Hörproblemen (s.u.): http://www.youtube.com/watch?v=fLAy9d4tiw8

Bei meiner CD-Aufnahme handelt sich ebenfalls um die Bearbeitung durch Rimsky-Korsakov (oder Rimski-Korsakoff*). Es wirken außerdem mit: Nicolai Gedda, Eugenia Zareska, Ludmilla Lebedeva u.a., der Russische Chor von Paris und das französische Radiosymphonieorchester unter der Leitung von Issay Dobrowen. Die drei CDs sind bei Naxos Historical erschienen.



Und jetzt zaubern wir ein wenig. Wir begeben uns zurück ins Jahr 1928. Die Ballets Russes gehen immer noch auf Welttournee. Es ist Juli und wir befinden uns im Londoner Covent Garden - dort, wo auch Nijinsky auftrat. Nijinsky ist zu dieser Zeit krank, sehr krank. Doch Diaghilew kann seinen früheren Geliebten nicht vergessen, er hofft immer noch, ihm irgendwie helfen zu können. Fünf Monate später wird er ein letztes Experiment wagen: Er glaubt fest daran, dass man Nijinsky nur zurück zur Truppe und auf die Bühne bringen müsse. Vielleicht würde ein Wiedererkennen oder ein heilsamer Schock eine Rückkehr ins normale Leben ermöglichen?

Die Fotos von jener Aufführung von Petruschka im Dezember 1928 gehen um die Welt: Sie lächeln alle in die Kamera, nur Nijinsky lächelt wie aus einer anderen Welt. Kaum kann man erkennen, wie er auf der Bühne gestützt wird. Es ist zu spät. Zu lange war er vom Theater isoliert, 1919 hat er das letzte Mal getanzt. Harry Graf Kessler brachte ihn nach der Vorstellung mit Diaghilew zum Auto und zu seinen Pflegerinnen. Er erinnerte sich daran, wie er den einstigen Festgefährten nicht erkannte in diesem Mann, den er als einen völlig ausgebrannten Menschen beschreibt, mit dem Blick eines leidenden, traurigen Tiers. Diaghilew hat wie immer seine Gefühle scheinbar unter Kontrolle, aber er kommt nicht darüber hinweg, dass Nijinsky nicht mehr erreichbar ist. Ein Jahr später stirbt Sergej Diaghilew am Lido von Venedig und die glorreiche Ära der Ballets Russes ist endgültig zu Ende.

Hören wir nun den Mann, in den sich Bronja Nijinska verliebt hatte, der mit der Truppe der Ballets Russes bestens bekannt war und den Diaghilew 1908 auf die Pariser Bühne brachte. Mit seinem Boris Godunov fing all der Zauber an. Ohne diesen Bühnenerfolg der Oper Boris Godunov mit Schaljapin hätte es die Ballets Russes womöglich nie gegeben, die 1909 Premiere hatten. Der junge Nijinsky in seiner Glanzzeit hat Schaljapin persönlich öfter getroffen und so gehört, wie wir das trotz schwieriger Aufnahmebedingungen und unzulänglicher Technik heute noch erahnen können:
Fjodor Schaljapin singt in einer Liveaufnahme vom Covent Garden 1928 die Todesszene aus Boris Godunov:


(wer Hörprobleme hat, kopiere folgende URL hier ein:
http://www.youtube.com/watch?v=t7fWS8nTA-Y )

Anmerkung* : Die Umschriften russischer Namen divergieren z.T. erheblich je nach Sprache. Bei der CD habe ich mich für die englische Umschrift entschieden, damit man die Musik finden kann. Die Links auf Wikipedia zeigen dann meist die deutsche Umschrift, also z.B. Boris Godunow.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Nijinskys Spielzeugente

Wer hätte das gedacht: Vaslav Nijinsky liebte auch in Erwachsenenjahren raffiniertes Spielzeug. Der Musikkritiker Edwin Evans erinnerte sich in seinen "Ballet Memories" in der Radio Times vom 25.6.1937 an eine Spielzeugente, die sozusagen an einem der größten Ballettskandale der Geschichte beteiligt war.

Evans hatte das hölzerne Entchen in Chelsea entdeckt, weil es außergewöhnlich ausdrucksvolle eckige Bewegungen machen konnte. Und weil er von Nijinskys Begeisterung wusste, brachte er ihm eine mit.

Ein Jahr später hatte das Ballett "Sacre du printemps" von Igor Strawinsky Premiere - Nijinskys damals bahnbrechend neue, ungewöhnliche und skandalöse Choreografie ist noch heute Legende. Danach fragte Nijinsky Evans, ob er etwas wiedererkannt hätte. Evans stutzte, kam nicht darauf. Die Ente, meinte Nijinsky. Er habe schließlich dem Kritiker erzählt, dass er dieser Spielzeugente einige der eindrucksvollsten Bewegungen seiner Choreografie abgeschaut habe.
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