Mittwoch, 10. August 2011

Duftreise ins Jahr 1912

Viele Buchautoren werden während einer Buchrecherche wunderlich. Manche ernähren sich plötzlich eine Woche lang von mittelalterlichen Schleimsüppchen. Andere reisen an den Ort eines Verbrechens. Zuweilen bricht jemand in eine Ruine ein und stiehlt einen Kieselstein, um ihn neben den Computer zu legen. Viele verbinden mit ihrem Buch ein bestimmtes Musikstück, das sie immer und immer wieder hören. Das habe ich alles schon hinter mir gelassen. Als Synästhesistin musste ich mir zusätzlich zum Klang nämlich noch den Geruch meines Buchs besorgen. Eigentlich war es ein Sehnsuchtsduft - er war nämlich nirgends zu haben.

Als ich mich damit beschäftigte, wie die Ballets Russes mit ihren exotischen Balletten die Modeschöpfer, die wichtigsten Juweliere, die Designer und sogar die Luxusparfumeure ihrer Zeit beeinflussten, habe ich natürlich versucht, jedes noch erreichbare Parfum jener Zeit auszuprobieren. Die meisten waren zu den Premieren eines Balletts lanciert worden. Die Damen warfen sich nicht nur in orientalisch anmutende Kleider, durchsichtige Haremshosen oder wallende pelzverbrämte Mäntel in russischen Mustern - sie wollten passend zum Bühnenthema duften! Viele der Parfums aus dem "Dunstkreis" der Ballets Russes blieben Weltklassiker - Mitsouko, Shalimar, Chanel Nr. 5. Aber das wichtigste Parfum aus dem Jahr 1912, L'Heure Bleue von Guerlain, entzog sich mir. Es kam auf den Markt, als Nijinsky den "Blauen Gott" zur Musik von Reynaldo Hahn tanzte (Foto im Buch / die PR-Mär von Monets Seerosen ist neueren Datums). Warum das Blau für die Russen (und für mich) so wichtig war und welche Parfums damals kreiert wurden, habe ich hier beschrieben.

Kürzlich ist es dann passiert. Man nennt das in der Fachsprache wahrscheinlich "emotionsgetriebener Spontankauf". Will sagen, die Kundin hat völlig ihren Verstand verloren und sich gesagt, dafür wolle sie zur Not sogar im Winter eine Woche frieren, wenn sie doch nur diesen Flacon in ihren Besitz bringen könnte! Ich betrat sehr zufällig eine mir bis dahin unbekannte Parfumerie, kam, sah und probierte. L'Heure Bleue - das Parfum, das in meinem Kopf fest mit dem Blau der Ballets Russes gekoppelt war. Eine Rarität. Ein privater Mythos. Und dann passierte etwas, was mir noch mit keinem Parfum passiert ist (und ich habe früher beruflich viele getestet): eine richtig üble Geruchsattacke. Ich zuckte regelrecht zusammen. Meine Freundin, die dabei war, ging sofort auf Sicherheitsabstand, damit ihr nicht schlecht würde. Die Attacke war körperlich zu spüren, wie ein scharfer Schlag. Aber was sich dann entwickelte, vernebelte mir die Vernunft in Sachen Budget und ließ mich verliebt zurück ...

Ich muss ein wenig ausholen, um das zu erklären. Moderne, rein chemische Düfte, sind absolut stabil und deshalb für den leichten Abverkauf so beliebt - sie riechen immer gleich, nämlich so, wie in der Werbung versprochen. Alte und wertvolle Düfte dagegen bestehen zu großen Teilen aus reinen Naturstoffen. Diese haben die Eigenschaft, lebendig zu sein, sich verändern zu können. Das gleiche Parfum duftet je nach Luftfeuchtigkeit, Außentemperatur, Tageszeit und vor allem Hauteigenschaften anders. Auf keiner Frau, keinem Mann riecht so ein Duft gleich. Er wechselt sogar je nach Stimmungen und reagiert übrigens sehr empfindlich auf andere Chemiedüfte auf der Haut. Auch wenn heute die Edelparfumeure aus Naturschutzgründen verbotene Substanzen (z.B. Zibet, Ambra etc.) künstlich nachbauen müssen - die Parfums von Guerlain sind solche "lebenden" Düfte - man sollte sie öfter testen und auch sehr lange warten, wie sie sich entwickeln. Neugierig habe ich das dann noch einmal in Ruhe gemacht und versucht herauszufinden, warum dieser Duft zuerst wie eine Ohrfeige kam.

Frisch auf die Haut gesprüht verbinden sich Anisöl und Bergamotte mit einem schwül-scharfen Duft zu einem ungewöhnlichen Geruchserlebnis. Es wirkt stark animalisch, obwohl da keinerlei Moschus ist, erinnert an bitteren russischen Tee, an etwas Durchdringendes aus einem Tropenwald. Eine starke Aldehydnote lässt manche Leute an Desinfektionsmittel oder Arznei denken, im Untergrund erinnert es sogar an Aas - und ich vermeinte Ylang-Ylang herauszuriechen, das ich als reinen Duft absolut nicht ertrage. Tatsächlich aber ist es reichlich Tuberose, ein Duft, über den die Schriftstellerin Colette schrieb: "Sie, die Tuberose, zwingt mich in die Knie mit ihrer blühenden Allgewalt." Das Agavengewächs, das mit Rosen nichts zu tun hat, erklärt übrigens auch den Preis der Preziose, die Weltjahresproduktion von Tuberosenöl liegt bei gerade mal fünfzehn Kilogramm.

L'Heure Bleue war in seinem Schöpfungsjahr 1912 ein absolut neuartiges Schockparfum. Die Damen der Belle Époque trugen züchtig reine, unschuldig wirkende Blumendüfte. Sie waren leichte Parfums gewohnt, die ihre Trägerin nicht zu sehr in den Vordergrund drängten und schon gar nicht körperlich betonten. Aber etwas hatte sich verändert. Vaslav Nijinsky hatte als Faun mit dem Skandal einer (gespielten?) Masturbation auf der Bühne ganz Paris aufgemischt. Er zelebrierte seinen Körper - die orientalischen Ballette die Lust obendrein. Die Avantgarde machte den scharfen Schnitt, ihre Anhänger wollten den Bruch mit allen Konventionen. Guerlain machte mit: L'Heure Bleue ist der erste Aldehydduft mit orientalischer Note nach den zarten Blumenparfums (über Aldehyde / Aldehydduft). Wie muss die Kopfnote die distinguierte Gesellschaft damals geschockt haben! So roch vielleicht ein verschwitzer Balletttänzer oder eine verruchte orientalische Despotin, wie sie die Tänzerin Ida Rubinstein gab. Anis und Bergamott, gefolgt von Tuberose - das ist Sex und Tod, Lust und Verfall, Männliches und Weibliches. Nichts, was man sich freiwillig hinter die Ohren tupft!

Das Parfum trägt man besser eine Stunde vor dem Ausgehen auf. Was dann folgt, erzählt regelrecht Geschichten. Zum Anis tritt Sandelholz, Bilder von alten gewachsten Möbeln kommen mir in den Sinn, aber schon wird der Duft pudrig. Die Schärfe ist völlig verflogen, etwas Veilchen blitzt auf, gefolgt von einem unwahrscheinlich märchenhaften Geruch - dem Heliotrop - einem warmen Vanilleton, pfeffrig untermalt. Echter Rosenduft kommt hinzu, der jedoch nicht süßlich wird - die Tuberrose lässt ihn "grün" wirken, männlich, an Iris erinnernd. Jetzt denke ich an altes Papier, Leder, einen schweren, gut gereiften Cognac und junge Mädchen in wehenden weißen Kleidern in der Frühlingssonne. Zigarrenkisten aus Sandelholz, alte Briefe sind da. Der Heliotrop sendet nun seinen starken Dämmerungsduft aus, den er am Tag nicht hat. Nelken untermalen seine pfeffrige Schärfe mit einem leicht bitteren Unterton, der nahtlos in Orangenblüten übergeht. Die jungen Frauen lachen unter einem grünen Blätterdach, das überallhin seine Reflexe abbildet.

Das Parfum entwickelt sich zur Symphonie: Da ist Fruchtiges auf papieren-pudrigen Tönen, die Blumen wechseln zwischen ölig-fruchtigen Nuancen und den schwindenden Erinnerungen getrockneter Blüten. Immer wieder wuchert der grüne Anfangsduft hinein, bis die warme, weiche vanillige Tonkabohne einen Kontrapunkt setzt. Zu diesem Parfum hört man am besten Gustav Mahler und am allerbesten die fünfte Symphonie. Da bin ich wieder bei den Ballets Russes, bei den Urlauben am Lido von Venedig, in jenem Hotel, in dem Thomas Mann Urlaub machte und Visconti später dessen Novelle "Tod in Venedig" verfilmte. L'Heure Bleue, die blaue Stunde, reagiert stark auf Körpertemperaturen. In der Schwüle bleibt es länger blumig und ölig - von frischer Luft umweht kommen Vanille, Tonka und Sandelholz zum Tragen.

Es ist ein Duft, der es wagt, die Blumengerüche der Belle Époque zu welken, zu trocknen, orientalisch zu überhöhen. Er ist animalisch und sanft, kühl und warm, erschreckend und liebkosend, hell und dunkel, scharf und weich - nie eindeutig zu fassen, sich ständig verändernd; ein Parfum, das Kapriolen schlägt. L'Heure Bleue ist in all seiner Zweideutigkeit einer der androgynsten Düfte, den ich kenne. Nicht umsonst wurden diese ersten avantgardistischen Parfums zunächst eher von Männern getragen. Das Geruchserlebnis hält auch am zweiten Tag an. Da ist noch ein Hauch von Heliotrop und Tonkabohne zu spüren, ein undefinierbarer, vollkommen natürlicher Hautgeruch, der an sonnengetrocknetes, warmes Leinen erinnert und an Zigarrenkisten, in denen jemand edle Pralinen versteckt hatte. L'Heure Bleue ist kein bequemes, einfaches Parfum und schon gar kein Massenduft. Man muss sich ihm langsam und behutsam nähern, muss hinspüren, ja sogar damit kämpfen. Die Gefahr, ihm nach einer solchen Duftreise endgültig zu verfallen, ist jedoch immens.

Mehr zur wilden Mode der Zeit, in der Frauen sich den Turban bei Nijinsky abschauten und die Korsetts fallen ließen, in "Faszination Nijinsky".

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