Samstag, 13. August 2011

Der einzige Film mit Nijinsky

Nein, es gibt wirklich keinerlei Filmmaterial vom tanzenden Nijinsky, es gibt sogar nur sehr wenige echte Live-Fotografien - die meisten wurden im Studio oder auf der Bühne gestellt. Grund dafür war ein PR-Trick Sergej Diaghilews, der einen über moderne Künstlervermarktung nachdenken lassen könnte. Er war der Meinung, wenn ein Weltstar für weniger Geld in den Kinos und Vorführsälen zu sehen sei, würde weniger Publikum die teuren Eintrittskarten für die Vorstellungen kaufen. Und würde man gar Nijinskys Tanzbewegungen in Einzelbilder zerlegen können, wäre womöglich die Magie um den "Gott des Tanzes" erklärbar und damit entmystifiziert.

Für viel Aufsehen sorgten darum vor einiger Zeit angebliche "Filmaufnahmen" eines youtube-Accounts ("christiancomte"). Es handelt sich dabei jedoch um nichts anderes als um Animationen, die mit moderner Computertechnik aus Fotos hergestellt wurden.

Vaslav Nijinsky wurde live nach dem Stand der Forschung nur ein einziges Mal von einer Filmkamera erfasst und der Streifen - meines Wissens durch einen BBC-Bericht anlässlich seines Todes - konserviert. Die wenigen Sekunden, die ihn mit seiner Frau Romola zeigen, sind 1945 in Wien nach seiner abenteuerlichen Flucht vor der Ermordung durch die Nazis gedreht worden (die ganze Geschichte in meinem Buch). Nijinsky war zu dieser Zeit schwer durch abenteuerliche Therapien und die Entbehrungen im Krieg geschädigt und vorzeitig vergreist. Er ist in dem Filmausschnitt 56 Jahre alt und seit 26 Jahren immer wieder mehr oder weniger in psychiatrischer Behandlung. Bei der Befreiung durch russische Soldaten soll er kurzzeitig wieder aufgeblüht sein, es heißt, durch die heimatlichen Klänge habe er nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder gesprochen.

Berichte von Zeitgenossen über die Zeit danach sprechen eine andere Sprache: Vaslav Nijinsky soll nur noch reflexhaft reagiert haben und stumm geblieben sein - all die Pressefotos mit ihm an der Barre, der Schreibmaschine oder beim Kartenspielen und anderen Tätigkeiten seien gestellt gewesen, um Geld für die Stiftung aufzutreiben, mit der seine Therapie finanziert wurde. Romola versuchte bis zum Schluss, bei den Geldgebern die Hoffnung zu schüren, ihr Mann könne eines Tages wieder als Tänzer auftreten - nach Fotos wie denen unten im Film glaubte ihr das jedoch nicht einmal mehr die Presse. Anschauliche Beweise für den tatsächlichen Zustand Nijinskys gibt es neben subjektiven Augenzeugenberichten und Krankenakten keine - Nijinsky wurde eben auch nach seiner Tänzerkarriere nie näher oder gar im Interview im Film festgehalten. Fotos, die seinen jämmerlichen Zustand ahnen lassen und die während der arrangierten Presse-Shootings zufällig entstanden, wurden nicht veröffentlicht, sind aber heute in Datenbanken wie z.B. bei Getty Images zu finden.

Jener kleine sekundenlange Schnipsel Film hat sich ebenfalls bei youtube erhalten, er folgt auf eine Reihe abgefilmter Fotos aus dem Jahr 1945. Fünf Jahre später stirbt Vaslav Nijinsky an Nierenversagen - nach heutigen Erkenntnissen eine Folge der brutalen Insulinschocktherapie.

Ausführlicher wird die Geschichte in "Faszination Nijinsky" erzählt. In dem Buch gibt es auch die berühmte Live-Foto-Serie, bei der Nijinsky im Kostüm das erste und einzige Mal mitten im Sprung abgelichtet wurde.


Ob der Urheber des Videos alle Rechte abgeklärt hat, lässt sich leider nicht feststellen. Für etwaige Ansprüche wenden Sie sich bitte direkt an diesen.

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