Dienstag, 12. Juli 2011

Was geht mich Ballett an?

Don Alphonso fordert in der FAZ, der alte Zopf des Balletts solle endlich abgeschnitten werden, befördere er doch nur noch einen überkommenen Kanon von "Namedropping und Bildungshuberei", der alle anderen Menschen ausschließe. Ist Ballett denn wirklich nur noch eine Befriedigungstechnik für die Arroganz eines überkommenen Spezialistentums, Honig ums Maul der Besserwisser unter den Insidern?

Die FAZ muss mit ihrer Leserschaft schon arg auf den Hund gekommen sein, wenn sie damit kokettiert, ausgerechnet ihr Kernzielpublikum auf diese Weise vorzuführen. Es mag neckisch sein und Don Alphonso hat mit den Beobachtungen der 180prozentigen Ballettangeber ja recht - aber ist das wirklich das Ballett? War dieser Mensch denn je selbst in einer Ballettaufführung ohne Tutu und Spitzentanz, hat er je mehr gesehen als den 1001. Nussknacker zu Weihnachten mit viereicht, es sind die Medien, die sich ihrer Vermittlungsfunktion verweigern und eine ganze Kunstsparte zur Unsichtbarkeit für diejenigen verdammen, die nicht in den Theatersälen sitzen. Und sich neuerdings auch noch lustig machen über diejenigen, die Ballettkarten kaufen.

"Was geht mich Ballett an?" - "Ich kenne mich mit Ballett nicht aus, warum soll ich mich für Nijinsky interessieren?" - "Ist das nicht extrem abseitig, sich mit einem Balletttänzer zu beschäftigen?" - Diese und ähnliche Fragen höre ich, seit ich davon erzähle, dass ich über Vaslav Nijinsky ein Buch schreibe. Ich kann diese Fragen sehr gut verstehen! Denn als mich eine Verlegerin darauf ansprach, ob ich mir vorstellen könne, ein Buch über die Ballets Russes zu schreiben, platzte ich spontan heraus: "Ich habe aber doch keinen blassen Schimmer von Ballett!" Ich sah mich selbst als Zuschauerin, als Teil des Publikums - entweder genoss ich einen Ballettabend oder ging unberührt nach Hause. Ich hatte meine Vorlieben und konnte mir Tänzernamen genauso schlecht merken wie Musikernamen. Als Kind spielte ich auf der Straße Robin Hood, anstatt in den Ballettunterricht zu gehen - die Bezeichnungen für einzelne Bewegungen musste ich erst mühsam lernen, auch wenn ich wusste, wie sie aussehen. Seit meiner Schulzeit schwärme ich für die Avantgarde - die Ballets Russes und ihre Künstler waren also irgendwo in meinem Kopf abgespeichert - aber für ein Buch sind ganz andere Tiefenrecherchen nötig.

Im Französischen sagt man zu Menschen wie mir "amateur", was den schönen Beigeschmack hat, dass man sich mit etwas beschäftigt, weil man es liebt ("aimer") - nicht weil man Fachmensch ist. Im Italienischen heißt es "dilettante": nicht etwa "Stümper", wie man gemeinhin im deutschen Sprachraum denkt, sondern im Sinne von "Kunstliebhaber", "einer, der sich an der Kunst erfreut". Das erste Freuen überhaupt kommt zustande durch Offenheit, durch eine manchmal nur zufällige Begegnung. Kunst wirkt auf mich ein, aber ich muss ihr auch die Chance geben, ihre Wirkung zu entfalten. So ist das auch mit dem Ballett. Neugier und Freude reichen für die Zuschauer, die Leser. Alles andere kann man lernen, kann man sogar vergnüglich oder mit Spannung lernen. Aber zuerst muss ich mich einfach nur einlassen.

Trotzdem - und das mag paradox klingen - hat mich Vaslav Nijinsky von Anfang an in den Bann geschlagen, weil er so wenig am Ballett allein festgemacht werden kann. Natürlich war der Mann Tänzer und Choreograf und hat für nichts anderes gelebt als für das Ballett. Aber seine Bedeutung liegt weit jenseits des Balletts - sie ist sogar universal. Er war Tänzer und Choreograf - so wie Wassily Kandinsky Maler, Gustav Mahler Komponist und Albert Einstein Physiker war. Das Lebenswerk ist vom Beruf nicht zu trennen, weil er kein Job, sondern Berufung bedeutete. Und doch hat ein Einstein auch Menschen etwas zu sagen, die keine Ahnung von Physik haben. Wir können Kandinskys Gedanken über die Welt verstehen, ohne je ein Bild von ihm gesehen zu haben. Mahler zeigt ein eindrucksvolles Künstlerschicksal - ob man seine Musik mag oder nicht. Nijinsky ist nicht allein durch seinen Tanz zum Mythos geworden - sondern durch seine Persönlichkeit.

Der volle Umfang seiner Bedeutung ging mir eigentlich erst nach dem Schreiben auf. Wenn man ein Buch verfasst, muss man es fast allzu oft selbst lesen, zum Überarbeiten, für Korrekturen - irgendwann scheine ich die eigenen Texte fast auswendig zu kennen und dann langweilen sie mich eine Zeitlang maßlos. Diesmal war das völlig anders. Bei jedem neuen Durchgang entdeckte ich eine andere Facette Nijinskys, die mich von Neuem faszinierte. So sehr, dass ich manchmal meine Arbeit vergaß und das Thema durch anderes Material vertiefte, obwohl das Buch längst in der Herstellung war. Da sind so viele unscheinbar wirkende Kleinigkeiten...

Einmal heftete ich mich an die Spuren der Ballets Russes in Baden-Baden, erkundete die Stadt aus deren Zeit heraus, stieß auf ungeahnte Querverbindungen und faszinierende neue Geschichten. So entstand die Idee, hier im Blog all die Nebengeschichten zu erzählen, die in ein durchkomponiertes Buch nicht passen. Dann erinnerte mich die Jubiläumsausstellung der weltberühmten Sammlung Prinzhorn in Heidelberg (um diese Sammlung geht es auch im Buch) wieder daran, dass Nijinsky um ein Haar Teil dieser Sammlung hätte werden können. Er lebte viele Jahre immer wieder in der Klinik, aus der Prinzhorn seine Kunstwerke bezog - und auch er hat unzählige Bilder gemalt. Andere Parallelen, andere Geschichten treten zutage: Psychiatriegeschichte. Noch nicht lange vor Nijinskys Krankheitsausbruch hatte man die Krankheit Schizophrenie überhaupt erst entdeckt, noch ohne vergleichbare Diagnosemöglichkeiten wie heute. Wenn einer von Nijinskys Ärzten später eine Fehldiagnose einräumte - woran litt der Tänzer dann nach heutigen medizinischen Erkenntnissen? Wie sahen die Therapien zwischen 1919 und 1950 aus - was hatte er auszuhalten, wie half man ihm, wie schädigte man ihn? Und schließlich dieses übel dunkle Kapitel, das auch die meisten Prinzhorn-Künstler traf: Wie entging er der Ermordung durch die Nazis? Das war eine Abenteuergeschichte in sich...

So viele Fragen ... haben alle Künstler diesen schmalen Grat in sich, über den man in den Wahnsinn kippen kann? Oder vielleicht sogar wir alle? Wie geht man mit sich und der Kunst um, damit man sie überlebt? Wie sind Kunst als Berufung und Leben unter einen Hut zu bringen? Nijinsky selbst hat sich so viele Fragen gestellt, oft unverstanden sogar von der eigenen Frau. Die Gräuel der ersten Weltenkatastrophe, des industriell beschleunigen Menschenabschlachtens im Ersten Weltkrieg hat er tagtäglich erlebt, ohne an der Front sein zu müssen. Ein Tourneetheater lebt in Zügen, reist durch die Länder, sieht die Bahnhöfe. War es so irre, sich damals mit den Idealen Tolstois auseinanderzusetzen, mit Pazifismus und einfachem Leben, mit bewusster vegetarischer Ernährung und mit Spiritualität? Auch das war Nijinsky - auf der einen Seite hochmodern, auf der anderen Seite eben ein Teil einer ganzen Bewegung seiner Zeit.

Er hat uns so viel zu sagen. Noch heute. Vielleicht liegt das Geheimnis darin, dass er kein glatter, prächtiger Superstar war. "Der Gott des Tanzes" tanzte nicht umsonst zuletzt ein Kreuz - er litt jämmerlich an der Welt. Er war ein Sucher, ein Getriebener und zuletzt ein Gebrochener. Aber er hat den Menschen noch im letzten Seelenrückzug etwas sagen können - wenn auch nicht mehr mit Worten. Mich hat er berührt, weil er eben nicht nur Ballettgenie war, nicht nur Künstler. Er war in unwahrscheinlicher und letzter Konsequenz Mensch.

Kommentare:

Matthias hat gesagt…

Schöner Beitrag. Würde ich dein Nijinsky-Buch nicht ohnehin lesen wollen, spätestens jetzt wäre ich überzeugt.
Wenngleich ich den FAZ-Blog-Artikel von Don Alphonso mit großem Vergnügen gelesen habe - nämlich als Persiflage auf das typische Kulturspießertum, wie man es in deutschen Opernhäusern und Kulturtempeln keineswegs nur an Premierenabenden bestaunen kann. Hier wird der Kanon noch immer zur Waffe, mindestens aber zum Schutzschild. Da bleibe ich lieber draußen - und genieße Musik mit dem übrigen Kunstproletariat ganz unprätentiös z. B. bei Met im Kino (http://www.cinemaxx.de/MET/Programm) Da gibt es übrigens auch Ballett - aber das weißt du bestimmt. Die Kinovorstellungen sind übrigens bei uns meistens ausverkauft. Und das ohne jede staatliche Subvention. Einfach weil Menschen einen schönen Abend mit großer Musik in bequemen Sesseln bei erträglichen Preisen haben wollen.

PvC hat gesagt…

Das mit den 180ig-Prozentigen fand ich ja auch witzig, wobei mich diese Leute weniger abschrecken als mit Mitleid erfüllen. Allerdings ist da, wo ich in Konzerte / Ballett etc. gehe, das Publikum sehr bunt gemischt.

In Sachen Kino sitze ich leider in einer ganz üblen Brache, beidseits des Rheins. Bis ich im nächsten ordentlichen Kino bin, habe ich schneller das Festspielhaus Baden-Baden erreicht. Und was die wenigsten Menschen ahnen: In diesem berühmten Kulturtempel kann man in einem sehr internationalen Rahmen schon für rund 25 bis 30 Euro das Feinste genießen - auch in Jeans.

Da oute ich mich sogar als Premierengängerin - Valerij Gergiev präsentiert dort im Herbst exklusiv die drei Tschaikowsky-Preisträger...

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