Sonntag, 3. Juli 2011

Die Zeit überlisten?

Es gab einmal eine Zeit, da veränderte sich für die Menschen in Europa - das kulturell bis nach Russland reichte - ihr altvertrautes Lebensgefühl komplett. Alles schien bis an die Grenzen der Erträglichkeit schneller, hektischer und unübersichtlicher zu werden. "Die technisierte Welt mit ihren Maschinen, Autos und Flugzeugen war auf bisher unvorstellbare Geschwindigkeit beschleunigt worden. Alles schien zu flimmern und zu schwirren" - wie Nachbilder auf einer überreizten Netzhaut. Die Wirklichkeit, wie man sie als greifbare und begreifbare Realität bisher kannte, brach an allen Ecken und Enden auseinander.

Da war das magische E-Wort, das die Nacht zum Tage machte, Leinwände zum Flimmern brachte und menschliches Sprechen durch Kabel in die Ferne schickte. Es trieb Maschinen an und die wiederum trieben die Menschen an. Die Zeit schien davonzulaufen - aber wohin? Eben erst hatte ein gewisser Herr Einstein auch den festen Raum zu Fall gebracht. Seine Relativitätstheorie, die funkensprühende Elektrizität, die Lehre vom Atom - das alles musste doch auf eine Realität hinter der Realität hindeuten, auf eine Art virtuellen Raum? Die Menschen waren von der neuen Zeit angewidert und fasziniert, sie beschworen Apokalypsen oder die Geburt eines goldenen Zeitalters, sie zogen sich ins heimelige Alte zurück oder versuchten, im neuen Lebensgefühl aufzugehen. Gurus mischten sich ein. Philosophen bekamen neuen Stoff zum Denken. Schon in wenigen Jahren würden Künstler es wagen, das Verrückte zu denken: Ob es eines Tages wohl möglich wäre, eine Art drahtloses "Radio" zu schaffen, mit dem die Menschen untereinander kommunizieren könnten, Bilder anschauen, Sendungen hören?

Es war die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in dem sich schließlich Maschinen auch zu Tötungsmaschinen wandelten und die größte denkbare Katastrophe durchindustrialisiert wurde. Die künstlerische Avantgarde suchte nach Möglichkeiten, die Brüche von Zeit und Raum, das neue Lebensgefühl, abzubilden. Filmemacher experimentieren. Auf den Gemälden der Kubisten sah man Gegenstände gleichzeitig aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
"Die Welt tickte im Maschinentakt, Töne, Lärm, Werbebilder und elektrische Lichter stürmten auf die Sinne ein wie nie zuvor. Mühsam musste sich der Mensch in der selbst geschaffenen künstlichen Überfülle orientieren lernen, Freiräume finden. Wie viel am modernen Menschen war Puppe? Wie kann ein Apparat Lebendiges nachahmen?"
Das waren Fragen, die Igor Strawinsky umtrieben, als er 1911 das Ballett Petruschka auf die Bühne brachte. Das farbenfrohe Spektakel um die Puppe Petruschka, der sich in eine Ballerina verliebt und den Tod findet, spielt auf einem Jahrmarkt im Sankt Petersburg von 1830. Zu jener Zeit sind die Folklorekostüme und der idyllische Rummel auch in Russland nur noch eine märchenhafte Erinnerung an die Vergangenheit. Das Wesen, das Nijinsky zwischen Puppe und Mensch tanzt, tanzt die Freude und Verzweiflung an der Gegenwart. Würde die Menschheit in dieser Beschleunigung Mensch bleiben dürfen oder zur funktionierenden, gut geölten Maschinerie verkommen?

Strawinsky wollte damals noch einen Schritt weiter gehen. Er versuchte, künstlerisch das Konzept von der Zeit zu brechen, Gleichzeitigkeit und dieses seltsame Verwirbeln fühlbar zu machen. Leider war seine Idee der Zeit völlig voraus. Im letzten der vier "Bilder" stirbt Petruschka. Strawinsky hätte gern auf der Bühne gezeigt, wie sich Petruschka durch ein Guckloch selbst beim Sterben zusieht - und er hätte gern die ganze Bühne mit dem sterbenden und beobachtenden Petruschka zu einem Guckkasten gemacht, den das Publikum wiederum durch ein Guckloch betrachtet.

Technisch war diese Idee damals noch nicht umsetzbar. Erst viele Jahre später wurden Film und Bühnengeschehen kombiniert und der Parallelschnitt erfunden. In eben dieser Zeit experimentierte ein französischer Künstler, der auch für die Ballets Russes gearbeitet hatte, mit dem Absoluten Film. Die Ballets Russes hinterließen darin ihre Spuren. Ein Fragment aus der Zeit, als sich die beiden gleichaltrigen Giganten Vaslav Nijinsky und Charlie Chaplin getroffen hatten, wurde in den Streifen hinübergerettet. Es ist ein wilder, hypnotisierender Tanz jener Zeit, ein Tanz der Maschinen, ein Feuerwerk der Elektrizität - das Abbild eines Lebensgefühls in der Beschleunigung.

Der Künstler Fernand Léger drehte "Ballet méchanique" (das mechanische Ballett) 1924. Dudley Murphy besorgte die Synchronisation und an der Kamera stand niemand geringerer als der weltberühmte Man Ray. Das geheimnisvolle Androgyn im Film wird von seiner Geliebten gespielt, dem berüchtigten Künstlermodell der Avantgarde, Kiki de Montparnasse.

Alle Zitate aus meinem Buch über Vaslav Nijinsky, wo die Geschichte um Petruschka und die experimentellen Filme ausführlicher nachgelesen werden kann.

Ballet méchanique Teil 1


Ballet méchanique Teil 2

Kommentare:

Rabenblut hat gesagt…

Liebe Petra,

Und dafür liebe ich Youtube. Weil es Menschen gibt, die sich die Mühe machen, solche Schätze zu veröffentlichen.
Vielen Dank für den mitreißenden Text dazu!

Liebe Grüße
Nikola

P.S. In 'Coco Chanel & Igor Stravinsky' hat Nijinsky leider nur einen kurzen Part, aber dieser demonstriert großartig, wie schockierend seine Tänze auf das 'melodisch-getrimmte' Publikum gewirkt haben musste.

PvC hat gesagt…

Liebe Nikola,
gerade zur Recherche gibt es so viele historische Schätze dort, ich fand sogar ein Schnipsel, in dem Isadora Duncan tanzt.
Der Choreograf Ralf Rossa erzählt in meinem Buch übrigens, wie er bei der Recherche für sein Nijinsky-Ballett bei der Suche nach ganz seltener, nicht mehr verlegter Musik u.a. auch bei youtube fündig wurde.
Und gut, dass du mich an den Film erinnerst, ich bin dazumal dabei eingeschlafen und habe den Nijinsky verpasst, muss ich nochmal anschauen...

Schöne Grüße,
Petra

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