Sonntag, 17. Juli 2011

Charlie Complete

Fans von Charlie Chaplin sollten sich sputen: Seit zwei Tagen läuft im Berliner Kino Babylon ein riesiges Stummfilmfest zu Ehren des Weltstars mit dem berühmten Watschelschritt, der vor 80 Jahren Berlin besuchte. Noch bis zum 7. August wird bei "Charlie Complete" sein Gesamtwerk gezeigt - 80 Filme in 24 Tagen, untermalt von Liveorchester und Piano, begleitet von einer Ausstellung über Charlie Chaplin und Veranstaltungen mit Geraldine Chaplin. (Programm von "Charlie Complete" / Artikel im Tagesspiegel / Artikel beim RBB). Unter dem Titel "Verrückt für die Welt" schreibt der TS: "Heute, 80 Jahre später, ist Chaplin zwar noch immer ein Weltstar, aber auch eine erstarrte Ikone." Das hat er mit anderen Ikonen der Weltgeschichte - ein wenig auch mit Vaslav Nijinsky - gemeinsam.

Weil die ganz alten Kurzfilme von Charlie Chaplin kaum noch gezeigt werden, ist eine hochinteressante Geschichte im kollektiven Bewusstsein untergegangen: Charlie Chaplin und Vaslav Nijinsky haben sich gekannt und geschätzt, wenn auch Charlie Chaplin später in seinen Memoiren schrieb, Nijinsky habe keinerlei Talent zur Komödie gehabt, dazu sei er zu "mönchisch" gewesen. Es gab sehr starke menschliche und künstlerische Berührungspunkte zwischen den beiden. Auch Chaplins Mutter war Tänzerin gewesen und W. C. Fields titulierte ihn einmal als "verdammten Ballettänzer" mit seinen Bewegungen.

Das Treffen der gleichaltrigen Giganten fand 1916 statt - der eine war bereits Weltstar des Tanzes, der andere Weltstar des Films. Charlie Chaplin besuchte die Premiere der Ballets Russes, Vaslav Nijinsky besuchte Chaplins Dreharbeiten. Auf Fotos sieht man die beiden in den Lone Star Studios bei den Dreharbeiten von Easy Street.

Nijinsky zeigte in diesem Jahr erste Anzeichen einer Überbelastung. Drei Jahre zuvor hatte er sich abenteuerlich in eine Ehe gestürzt, die schon bald darauf nicht mehr zu funktionieren schien. Sein Lebenspartner Sergej Diaghilew hatte ihn aufgrund der Heirat per Telegramm entlassen. Hinter Nijinsky lag die üble Internierung im Haus der Schwiegereltern in Ungarn aufgrund des Ersten Weltkriegs, die Isolation von der Bühne, vom Tanz, von der Möglichkeit der Bewegung. Im Jahr 1916 schien alles wieder vielversprechend anzugehen: Nijinsky durfte nach langem Hin und Her noch einmal mit den Ballets Russes auftreten und der Kriegshölle in Europa durch eine Amerikatournee entgehen. Doch Charlie Chaplin, dessen Mutter an schweren Depressionen litt und die mehrfach in Irrenanstalten eingeliefert wurde, hatte einen einfühlsameren Blick: Nijinsky erschien ihm depressiv.

Geblieben sind von dem Treffen der beiden lebenden Mythen Erinnerungen, Einflüsse von Nijinsky in Chaplins Filmen und das Zitat des Chaplin-Ganges im kubistischen Ballett Parade der Ballets Russes.

In meinem Buch  "Faszination Nijinsky" erzähle ich, wie Charlie Chaplin Nijinskys Rolle als Faun gleich in zwei Filmen zitiert. Ein Film bleibt sogar der Geschichte des Fauns treu. Die andere Szene entwarf er in einer griechischen Tunika, ließ sie filmen - und sehr lange unveröffentlicht liegen. Sie bezieht sich auf die legendäre Skandalszene Nijinskys, als der am Ende von L'après-midi d'un faune Koitusbewegungen mit dem Schal einer Nymphe nachahmt. Irgendwann kehrt Charlie Chaplin die Lage in jener Szene um, in einem völlig anderen Ambiente, in einem Kostüm, das Welten von der altgriechischen Mythenwelt trennen. Er inszeniert seinen eigenen "Tanz" zur Musik Richard Wagners.

Vielleicht ging die schließlich abgedrehte Szene wegen dieser eigenartigen Diskrepanz zwischen ballettleichtem Tanz und gemeiner Brutalität als eine der größten antidiktatorischen Filmszenen in die Geschichte ein. In der weltberühmten Hitlerparodie "Der große Diktator" tanzt Hynkel seinen Koitus mit der Weltenkugel - und wer Nijinskys rekonstruierte Choreografie des Nachmittag eines Fauns kennt, sieht die Inspirationen.

Ebenfalls im Buch: Wie Hollywood sich von Vaslav Nijinsky inspirieren ließ und eine Pseudorussin namens Winifred Hudnut aus Nijinskys erotischer Wirkung eine Werbekampagne machte - wie Charlie Chaplins Filme zur europäischen Avantgarde nach Paris gelangten und seine Figur von Fernand Léger und Man Ray in einem der berühmtesten experimentellen Filme zitiert wurde - und wie Igor Strawinsky mit Nijinsky als Petruschka versuchte, Zeit und Raum aufzulösen ... Jahre, bevor das im Film möglich wurde.

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...