Sonntag, 22. Mai 2011

Der lange Atem der Literatur

Gustav Mahler hat das mediale Pech, hundert Jahre tot zu sein. Allerorts weiß plötzlich jeder scheinbar alles über ihn, der noch vor Monaten die Augen verdreht hat, wenn eine Mahler-Symphonie gegeben wurde. Selten genug in den letzten Jahren. Aber auch die werden nun allerorts genudelt und wiedergekäut, mit vielen Liedern dazu, am liebsten den Kindertotenliedern. Denn von denen hat vielleicht selbst Tante Erna schon einmal mit Entsetzen gehört. Viel Mahler serviert man uns also, schlechten und fantastischen, grausig interpretierten und meisterhaft gekonnten. Double-Night und Triple Night, Sondersendungen. Und bis zum musikalischen Erbrechen das berühmte Adagietto aus seiner fünften Symphonie. Das nämlich hat sich sogar Onkel Ernst in seiner Jugend reingezogen, denn mit dieser Musik gondelte ein gewisser Gustav Aschenbach als Pseudo-Mahler am Lido von Venedig ein und starb dann auch zu dessen Klängen. Ein Kinoereignis, dieser "Tod in Venedig", den Visconti 1971 herausbrachte.

Warum ich mich so aufrege? Ich liebe die Musik Gustav Mahlers schon fast ein ganzes Leben lang. Synästhetisch erlebt ist sie so intensiv und fordernd, dass ich sie nur in gewissen Stimmungen und in völliger Ruhe anhören kann. Es ist eine Musik, der man sich ausliefern muss. Im Moment fühle ich mich jedoch einfach nur übermahlert. Man kann mit dem einträglichen Jubiläumsgedöns Künstler bekannt machen, aber auch Menschen überfüttern, die fortan nichts mehr von diesem Künstler wissen wollen. Gestern dann in 3sat die absolute Steigerung: Viscontis Film wurde gegeben. Und da geschah das Wunder auf einmal wieder, das selbst in der Medienüberfrachtung um die allbeliebten Jubiläen noch möglich ist: Auch beim etwa 25ten Mal war ich wieder hin und weg - in einer anderen Welt ... Und damit kamen die Erinnerungen und die Erkenntnis, wie lange manche Geschichten schwelen können, bevor sie zum Buch werden.

"Tod in Venedig" von Thomas Mann war eins der ganz großen Highlights meiner Schulzeit - und ich hatte das Glück, einen Ausnahmelehrer zu haben - der natürlich auch mit uns in Viscontis Film ging, um zu erfahren, was literarische Werke und literarische Verfilmungen ausmachen könnte. Während meine Schulkameraden sich eine Rocky Horror Picture Show nach der anderen reinpfiffen, sah ich mir Visconti sozusagen in Dauerschleife an und versank in kinofreien Zeiten in Mahlers Musik. Ich besitze heute noch das mit Erkenntnissen und Überlegungen vollgekritzelte, zerlesene Buch von Thomas Mann, das ich irgendwann durch eine Neuausgabe ersetzen musste, weil es auseinanderfiel. Als das Kultusministerium unvermutet eine Reform der Reform beschloss und festlegte, unser Jahrgang müsse für das Abitur eine Art Seminararbeit abliefern, stand mein Entschluss fest: Ich wollte, musste über diese Novelle schreiben!

Wir arbeiteten wie die Verrückten - bis uns Studenten des fünften Semesters Germanistik bescheinigten, wir könnten durchaus mit ihnen mithalten. Kurz vor Torschluss bemerkte das Kultusministerium, dass es die Schulen offensichtlich überforderte und verzichtete auf die Schnapsidee. Meine fünfundzwanzig Seiten, die ich damals mit Herzblut und offensichtlich guter Note geschrieben habe, sind auf immer und ewig in den Amtsmühlen des Oberschulamtes verloren. Geblieben ist mir nur die Aussage meines Lehrers: "Studieren Sie von mir aus, was sie wollen. Machen Sie ruhig Blödsinn. Aber hören Sie nie und nimmer auf zu schreiben!" Geblieben sind damals Mahler und Mann und ein literarisches Thema. Ich machte nämlich erst mal lieber Blödsinn.

Muss ich erzählen, dass ich mir in der Nacht, nachdem ich erfahren hatte, dass es plötzlich statt nach Kanada nach Polen gehen sollte, Mahlers Fünfte gab und dabei Weltschmerzgedichte verfasste? Natürlich landete ich nicht am Lido, aber ich schrieb weiter, schrieb viele unterschiedliche Texte. Als ich zum ersten Mal in meinem Leben das Warschauer Teatr Wielki betrat, ahnte ich noch nichts von der Zukunft. Ich wusste nicht, dass der von mir dort entdeckte Komponist Karol Szymanowski mit Sergej Diaghilew einen Liebhaber gemeinsam gehabt hatte. Ich erlebte im Teatr Wielki nur ein ungeheures Dejà vu, als sei ich in meinem ganzen Leben nie in einem anderen Opernhaus gewesen. Mit meiner Liebe zum Jugendstil ließ es sich erklären. Nicht erklären konnte ich mir einen gewissen Menschen, der in aller Munde war. Dazu reichte mein zunächst auf Alltagsfloskeln beschränktes Polnisch noch nicht.

Als ich nach Polen kam, war gerade Rudolf Nurejew gestorben. Er hatte die Menschen fürs Ballett begeistert wie kaum ein zweiter und mit seinen Skandalgeschichten die mediale Aufmerksamkeit aufs Ballett verstärkt. Jetzt, wo er gestorben war, verglich man den "zweiten Gott des Tanzes" mit einem ersten. Dessen weiche Namensklänge faszinierten mich ähnlich wie die Laute, die an Gustav Aschenbachs Ohr klingen, als er im Visconti-Film Tadzius Familie belauscht. Niżyński - erklang es überall. Noch war ich nicht fähig, die Schreibweise zu erhören, aber ich wusste: Das ist der weichste sch-Laut, den Sprachmusik hervorbringen kann. Im Teatr Wielki hatte er seine ersten Tanzschritte gelernt, als Kind hinter der Bühne gespielt - dieser Niżyński - so erzählte man mir. Im Kino zeigten sie einen alten Spielfilm über ihn, den ich verpasste, und Viscontis "Tod in Venedig". Gustav Mahlers Musik wurde zu einem Vehikel für eine Stimmung, die sich vom Lido bis zum Ballett spannte und mich all die Jahre begleitete.

 Als mich etwa fünfzehn Jahre später jemand fragte, ob ich mich mit den Ballets Russes und Nijinsky auskennen würde, musste ich trotzdem zuerst nachdenken. Die Ballets Russes waren mir ein Begriff, bei "Nijinsky" fehlte mir jedoch der Wiedererkennungsklang. Eingeholt hat mich das alles erst beim Anblick eines Gemäldes von Leon Bakst. In weißer Badekappe und kirschroter Badehose steht Nijinsky am Strand des Lido und hebt seinen Arm - eine Schönheit, die seinerzeit viele Männerherzen höher schlagen ließ. Als ich das Buch schrieb, sah ich all die Gemälde und Fotos in Bewegung. Der junge Gott drehte sich um, schritt ins Meer und streckte den Arm in die Ferne. Viscontis letzte Einstellung ... Visconti spielte weiter in meinem Kopf und statt Aschenbach lag Diaghilew sterbenskrank in einem Liegestuhl am Strand. Das war nun kein Film, denn er starb wirklich im Hotel Des Bains, das wir aus dem Film kennen.

In dem Moment drehten die Räder wie wild in meinem Kopf. War es möglich, dass sich Thomas Mann und Vaslav Nijinsky nie begegnet sind, obwohl sie fast zur gleichen Zeit im gleichen Hotel abgestiegen sind? Obwohl Nijinsky dort über einen ganzen Saal zum Trainieren verfügte? War es möglich, dass Thomas Mann, dessen Bekannte mit den Ballets Russes in Paris dinierten, sich nie für Nijinsky interessiert hatte? Es begann eine Recherche, die für mich spannend war wie ein Krimi. Sie hat sich in einem ganzen Kapitel niedergeschlagen...

Ich habe mir dann noch eine Doku über Gustav Mahler zum zweiten Mal angeschaut. Nur um in all dem reichhaltigen historischen Fotomaterial einen winzigen Kopf zu erhaschen, den ich beim ersten Mal beinahe für meinen Großvater gehalten hätte. Der Vorfahr, der da völlig überraschend in einer Menge auftauchte, ist in der Familie immer wie ein rotes Tuch gewesen. Geschrieben hat er. Von Kindesbeinen an musste ich mir anhören: "Du lernst mal einen anständigen Beruf. Du wirst mal nicht so einer!" Als ich die Doku ein zweites Mal anschaute, war ich so beschwipst von Mahlers Musik, dass ich glaubte, unser schwarzes Schaf habe mir zugeblinzelt. Ich bin so eine geworden. Und habe nach über dreißig Jahren endlich den Text geschrieben, den ich damals in meinem ersten Visconti-Rausch hätte wünschen, aber nie bewältigen können.

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