Samstag, 9. April 2011

Zu schön, um ein Aufreger zu sein

Als Igor Strawinskys Le sacre du printemps 1913 mit Vaslav Nijinsky als Choreograf uraufgeführt wurde, endete der Abend in einem der größten Eklats der Theatergeschichte. Das konservative Pariser Publikum der Belle Époque schlug sich mit der Avantgarde bereits während der Vorstellung. Nur dem Durchhalten des Dirigenten Pierre Monteux und dem lauten Taktzählen Nijinskys hinter der Bühne war es zu verdanken, dass die Tänzer durchhielten. Das begüterte Premierenpublikum empfand einfach alles als Zumutung, als brutale Provokation und Zerstörung alter Tanzidyllen: die "Kakophonie" aus der Feder Strawinskys; Nicholas Roerichs Kostüme, die in ein ethnologisches Museum für fremde Naturvölker gepasst hätten - und allem voran Vaslav Nijinskys Idee, jede Anmutung von Grazie durch seltsame Verrenkungen, zuckende Körper und Missgestalt zu ersetzen.

Wenig später jedoch erkannte man die ungeheure Moderne und Kraft dieses Stücks, in dem Strawinsky einen Naturkult aus heidnischen Zeiten inszenieren wollte. Männer und Frauen, Junge und Alte wollen Frühling und Fruchtbarkeit zur Rückkehr bringen und wählen ein Opfer aus - die Jungfrau tanzt sich in ihrem Kreis zu Tode. Wer je die Rekonstruktion dieser Urfassung von Hodson und Archer mit dem Chicagoer Joffrey Ballet 1987 gesehen hat, der kann ermessen, wie unerhört modern Nijinskys Choreografie selbst für heutige Verhältnisse ist. Zu Strawinskys Klangfarben inszenierte er Tanzfarben, zur harten Rhythmik die Raserei von Kult und Trance, das Entmenschlichen vor der Übermacht der Natur, das Tödliche und zugleich Befreiende an der Kunst. Es ist nicht leicht, in solchen Fußstapfen eine neue Choreografie zu finden, zumal es bereits über 200 davon gibt - darunter von Meistern wie Maurice Béjart, Pina Bausch oder John Neumeier. Der Italiener Mauro Bigonzetti hat es mit seinem Aterballetto, Italiens führender Ballett-Compagnie, in einer Produktion des Festspielhauses Baden-Baden gewagt - gestern gab man die Uraufführung.

Gewagt war jedenfalls die musikalische Wahl: Mauro Bigonzetti entschied sich für eine Aufnahme von Ernest Ansermet mit dem Orchestre de la Suisse Romande aus dem Jahr 1958. Das erscheint wie die Suche nach den Ursprüngen, denn Ansermet selbst dirigierte bei den Ballets Russes zwar nicht Le Sacre, war aber deren Dirigent bei der US-Tournee 1916*. Er war mit Strawinsky befreundet und ging als einer der bekannten Strawinsky-Dirigenten in die Geschichte ein. Seiner Interpretation nach der Orchesterpartitur von 1921 fehlt das Wuchtige und Schlagende mancher modernen Fassung, hier kommt ein eher feiner, distinguierter, auch noch im Leisen klangfarbenreicher Strawinsky daher. Aber leider ist bei der Aufnahme das Orchester nicht immer auf der Höhe, das Stück verschwimmt rhythmisch und wirkt manchmal zu gefällig unpointiert. Umso schlimmer, wenn dann auch die Tonanlage des Festspielhauses nicht auf der Höhe ist (leider zum wiederholten Male) - denn dieses idyllische Wasserrauschen zum hohen Fagottsolo, mit dem die Uraufführung zu Anfang länger zu kämpfen hatte, kam keineswegs von Strawinsky, sondern von einer nicht richtig ausgesteuerten alten Aufnahme, die auch die dröhnenden Basspassagen zumindestens auf den besseren Plätzen nicht gerade zum Genuss machte.

Zur Entschädigung gab es Augenschmaus. Mauro Bigonzetti inszeniert karg auf leerer Bühne in zurückhaltenden Kostümen, die archaisch wirken und ein wenig Nijinskys Faun zitieren. Ebenso sparsam gesetztes Licht bringt die Körper effektvoll in Szene, als Schatten vor blutrotem Hintergrund, energetisch tanzend vor orange-schwarzen Balken oder in Teilen hervorleuchtend aus einem die Imagination anregenden Dunkel. Intensiv hat der Choreograf dem Komponisten die Stimmungswechsel abgelauscht, er differenziert zwischen überraschend ruhigen Passagen, in denen die Tänzer die Spannung im Körper fast bis an die Grenzen halten oder sich bis zur Verwischung der Körpergrenzen wie eine sterbende Masse am Boden wälzen - und einer energetisch-leidenschaftlichen Bewegungsfreude, die sich nicht scheut, Handhaltungen aus dem Hip-Hop mit Gesten zu mischen, die an Fotos von Nijinskys Faun oder Petruschka erinnern.

Bigonzettis Frauen sind keine Opfer, sie erscheinen wie archaische Göttinnen, die den Männern Paroli bieten, die tanzend kämpfen, sich vereinen, sich wehren und umschlingen - um ihnen aber schließlich doch nur ihre Energie zu schenken, die aus der sterbenden Gruppe eine wilde Jagd macht. In seiner Choreografie steht diese Paarung vor dem Hintergrund der gesichtslosen Gruppe im Mittelpunkt - die Tänzerinnen wechseln, Strawinskys Plot wird aufgebrochen. So gibt es auch keinen Tänzer und keine Tänzerin, die gesondert gefeiert werden, ein paar ragen durch ihre Leistungen und ihre Persönlichkeit heraus, aber ansonsten erscheint das Ballett wie ein einziger Tanzkörper, eine ganz und gar nicht hierarchische Veranstaltung. Leider machen diese Brüche das Stück teilweise dann auch wieder zu beliebig, kaum hat sich ein Bild von apokalyptischer Wucht eingeschlichen, wird es durch banale Übergänge konterkariert. Beinahe kommt ein aufregender Pas-de-Deux zu einer Aussage, schon wird sie durch die reine Schönheit des Körperdrapierens aufgelöst.

Und genau das ist mein Problem mit Mauro Bigonzetti und seinem Aterballetto: Es ist zu schön. Keine Frage, das ist Tanz der höchsten Genussklasse, im ersten Teil des Abends mit Come un respiro nach Musik von Händel wirklich atemberaubend gut und weitgehend überraschend in der Verschmelzung von unterschiedlichen Tanz- und Bewegungsformen. Aber bei Le Sacre werden die schönen Gesten vor allem in Armen und Händen zu Manierismen, die man schon vorher woanders gesehen hat; treten die Frauen ein paar mal zu viel nach den Männern, als dass die Geste noch von subtiler Bedeutung wäre. Das ist Handschrift, eine sehr deutliche Choreografenhandschrift, aber gerade darum macht sie die Szenen irgendwann austauschbar. Nijinsky hat die emotionslose Tödlichkeit der Natur der ritualisierten Raserei einer Gruppendynamik gegenübergestellt, hat eine einzelne Tänzerin - bedroht von der Masse - in diesem Spannungsfeld die mystische Hochzeit mit der Kunst, mit dem Tanz, durchleben lassen. Das Originalballett ist von Besessenheit gezeichnet und entwickelt wohl darum selbst in der bloßen Rekonstruktion Auflehnung und Abscheu, Faszination und Verführung, Sog und Wucht - eben eine Ahnung dessen, was den Menschen und Zivilisation ausmachen könnte.

Solche Theaterrevolutionen sind heutzutage kaum mehr zu erwarten, dafür wurde Le sacre zu oft bearbeitet. Mauro Bigonzetti geht in meinen Augen dort nicht weiter, wo er kraftvoll und überzeugend wirkt. Seine Zitate, wie etwa vom Faun, haben durchaus Humor; aber kaum kommt eine Emotion auf, wird sie durch einfach nur schöne Bilder schon wieder entschärft. Der wirkungsvolle Augenschmaus mag einem Publikum gefallen, das dem der Belle Epoque ähnelt - er setzt der Sattheit ebenso wie hyperrealistischen Sehgewohnheiten in modernen Theatern überbordende Ästhetik entgegen. Wie ästhetisch aber ist Strawinskys Le Sacre an sich? Wie stark darf so ein bahnbrechendes Werk, modern nach wie vor, eigentlich ein Publikum mitreißen, fordern, gar erschrecken?

Mauro Bigonzettis Inszenierung von Le Sacre mit dem Aterballetto ist höchstes ästhetisches Vergnügen und Schwelgen in Schönheit. Sein Konsum jedoch ist alles andere als gefährlich, da geht nichts an die Nieren, nichts fordert Widerstand heraus, nichts macht Gänsehaut - die Emotionen beim Zuschauen resultieren aus Staunen und Befriedigung. Vielleicht ist es gerade dadurch ein Spiegel unserer modernen Befindlichkeiten, ein Zeichen für unseren künstlerischen Umgang mit den großen Urthemen der Menschheit, ihren Abgründen und Höhen. In meinen Augen jedenfalls ist es zu schön, um ein Aufreger zu sein. Es macht satt, aber auf eine Weise satt, die zu schnell wieder hungrig macht.
Mein persönlicher Geheimtipp wäre dagegen der erste, wirklich mitreißende und zur Musik von Händel in einer Version von Keith Jarrett meisterlich passende erste Teil des Abends: Come un respiro. (PvC)

Das Aterballetto gastiert noch heute und morgen im Festspielhaus Baden-Baden. Da selbst die Uraufführung nicht ausverkauft war, könnte es noch Karten geben. Einen kleinen Vorgeschmack auf Come un respiro gibt es bei youtube.
Außerdem hat der Sender 3sat die Aufführung mitgeschnitten und wird den gesamten Abend am Samstag, den 23.4. um 20:15 Uhr senden.
Die Originalgeschichte um Vaslav Nijinskys Choreografie gibt es in meinem Nijinsky-Buch, das gerade in der Herstellung ist und bald erscheinen wird. 

Anmerkung:
Ernest Ansermet hat aller Wahrscheinlichkeit die von Nijinsky choreografierten Werke und seinen Tanz nicht in den Uraufführungen erlebt. Diaghilew lernte er erst in Genf kennen und dirigierte zunächst 1915 für die Ballets Russes, um dann mit ihnen (und Nijinsky) 1916 auf Amerikatournee zu gehen. Vaslav Nijinsky war aufgrund seiner Heirat seit 1913 nicht mehr Mitglied der Ballets Russes und kam 1916 nur ausnahmsweise zurück. Im Netz kursieren viele widersprüchliche Angaben über Ansermets Arbeit für Diaghilew, die fälschlicherweise vor 1915 Ansermet mit Pierre Monteux verwechseln.


Eine ganz andere Meinung: Der bekannte Ballettkritiker Horst Koegler schreibt über die Uraufführung im Koegler-Journal beim Tanznetz

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...