Freitag, 22. April 2011

Baden-Baden: Stadt fürs Inkognito

Künstler brauchen ihre kleinen Fluchten. Das sind nicht einfach nur Orte, um vor den Fans zu flüchten, sondern Umgebungen, die es einem erlauben, aus dem laufenden Kunstbetrieb in eine völlig andere Welt auszusteigen, Neues zu sehen und zu erleben. Kreativität braucht die frische Energie, die das Abschalten gibt. Irgendwie ist für mich im Laufe der Jahre Baden-Baden zu so einem Ort geworden. Es ist zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter im wahrsten Sinne des Wortes in seiner historischen Bausubstanz einfach schön. Allein ein Spaziergang durch die grüne Ader der Innenstadt, die weltberühmte Lichtenthaler Allee, versorgt mit aufmunternden Impressionen wie die Fotos der Baden-Badener Fotografin Nathalie Dautel zeigen. Baden-Baden heute regt die künstlerischen Ideen an, weil es kaum Mittelmaß gibt, aber umso mehr Extreme; weil die Stadt einer vergangenen Zeit nachhängt und mit dem Überleben in der Zukunft kämpft; weil man dort Menschen aus aller Herren Länder beobachten kann, die man sonst so nicht sieht - vor allem Russen.

Lichtenthaler Allee (Foto PvC)

Das ist alles andere als neu. Als Baden-Baden im 19. Jahrhundert zur Sommerhauptstadt Europas wurde, zog es die Adligen und die Schmarotzer, die Millionäre und die Spieler, die Gebildeten und die Eingebildeten, die Künstler und die Kulturlosen zwischen Paris und Petersburg in Scharen an. In seinem zu Unrecht eher vergessenen Roman "Der Rauch" zeichnet Iwan Turgenjew ein herrlich ironisches Bild der Baden-Badener Kur-Schickeria, das alles andere als angestaubt wirkt. Noch heute stolpert man über die Spuren der großen russischen Literaten: Turgenjew lebte nicht nur in der eigenen Villa, er lebte auch ein Dreiecksverhältnis mit der gefeierten Sopranistin Pauline Viardot. Gogol war da, und in dem Haus, in dem der Spieler Dostojewskij nach dem letzten Hemd suchte, das sich versetzen ließ, befindet sich heute eine Luxusimmobilienagentur. Kaum wundert es einen, wenn man auch noch über all die nur kurzzeitig im Kurort weilenden Berühmtheiten stolpert - etwa beim Sanatorium Dengler, in dem sich 1935 Sergej Rachmaninoff von seinen aufreibenden Konzerttourneen erholte.

Hier lebte Dostojewskij ärmlich in Miete (Foto PvC)

Viele große Russen kamen damals wie heute lieber inkognito. Baden-Baden war die sommerliche Verbindungsstelle zwischen Paris und Sankt Petersburg in einer Zeit, als die Avantgarde der europäischen und russischen Welt Kunst und Kultur gehörig umwälzte. So wunderte ich mich kaum, als ich auf eine illustre Liste von Gästen stieß, die sich 1913, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, im noch globalen Städtchen an der Oos erholte: Die Gäste hießen Sergej Diaghilew, Vaslav Nijinsky, Alexandre Benois und Walter Nouvel. Manchen Angaben zufolge soll sogar Igor Strawinsky zugegen gewesen sein, aber das bliebe zu verifizieren.

Die still und leise Erholung Suchenden waren niemand anders als das damalige Führungsgremium der Ballets Russes. Der Russe Walter Fjedorowitsch Nouvel (Nuwel), Musikkritiker für Diaghilews berühmte Kunstzeitschrift Mir Isskustva und sein Freund, war zuständig für die Verwaltung der Ballettunternehmung. Später schrieb er zusammen mit Arnold Hankell eine Diaghilew-Biografie und fungierte für Strawinskys Autobiografie als dessen Ghostwriter. Alexandre Benois, der damals berühmte Künstler, Bühnen- und Kostümbildner saß ebenfalls in der Hauptversammlung des Leitungsgremiums.

Historische Postkarte Hotel Stéphanie-les-Bains Baden-Baden

Die Russen stiegen ab, wo es die Schönen, Reichen und Berühmten am meisten hinzog: Im Hotel "Stéphanie-les-Bains". Auch als die Belle Époque bereits im Sterben lag, gab sich die Stadt edel im Idiom des Zarenhofs und von Paris - die Verbindungen mit Frankreich waren nicht nur sprachlich gesehen eng. Prinzessin Stephanie von Baden, die Landesmutter zwischen 1811 und 1818, war immerhin die Adoptivtochter Napoleons. Der ursprüngliche Gebäudekomplex des Hotels "Stephanienbad" steht nicht mehr (historische Ansichten), aber das Haupthaus mit der Villa Augusta zieht noch heute eine illustre Gästeliste an - als Brenner's Park Hotel & Spa, direkt an der Lichtenthaler Allee gelegen. Als die Männer von den Ballets Russes dort abstiegen, war am hinteren Teil der Allee gerade der neue Jugendstilgarten fertiggestellt worden, der heute unter dem Namen "Gönneranlage" einer der schönsten Rosengärten Europas sein soll.

Es lohnt sich ein Blick in die Gästeliste des Hotels, bevor Nijinsky dort ankam. Nach dem Maharadscha von Kapurthala hält im Jahr 1907 König Chulalongkorn von Siam und Laos im Hotel Stéphanie-les-Bains Hof. Was aber haben diese exotischen Persönlichkeiten mit den Ballets Russes zu tun? Die dinierten schließlich in Monaco wie Paris auch mit dem Aga Khan - man musste sich jede Menge Sponsoren warmhalten. Und 1907 weilte Nijinsky nicht in Baden-Baden.

Trotzdem ist jener sagenumwobene König von Laos und Siam, vor der Zeit, in der Mata Hari aufkam und die orientalischen Ballette Diaghilews, ein wichtiges "missing link", um Nijinskys Art zu tanzen zu verstehen. In vielen Büchern, vor allem in der sonst meisterhaften Nijinsky-Biografie des Psychiaters Ostwald, wird nämlich Nijinskys Arbeit mit Handstellungen und bizarren Fingerhaltungen nachträglich aus der Diagnosetheorie "Schizophrenie" interpretiert. Ostwald versteigt sich sogar so weit, zu behaupten, Nijinsky habe seine Handstellungen hirngeschädigten Kindern abgeschaut, die er bei Besuchen seines Bruders in Kliniken gesehen haben sollte. Der wahre Hintergrund ist jedoch ganz weltlich, gesund und sehr global. Jener König reiste nämlich nicht nur nach Baden-Baden, sondern hielt auch in Petersburg Hof. Vor allem aber hatte er einen für damalige Verhältnisse revolutionären Exportschlager dabei: seine eigene Tanztruppe. Die russische und europäische Avantgarde war hin und weg von den anmutigen und so völlig anderen Bewegungen der Siamesen. Nijinsky hat sie in Petersburg tanzen sehen und ihnen im Ballett "Les Orientales" selbst tänzerisch ein Denkmal gesetzt.

Heute: Brenner's Park Hotel & Spa, links die Villa Augusta (Foto PvC)

Als er selbst nach Baden-Baden kommt, kriselt es tüchtig in der Liebesbeziehung zwischen ihm und Diaghilew. Nijinsky hat gerade den zweiten großen Theaterskandal verkraften müssen, die Premiere zu Strawinskys "Le Sacre" sorgte kurzzeitig sogar für diplomatische Verwicklungen zwischen Frankreich und Russland. Nijinsky ist ausgepowert, wird von Fans verfolgt und von Feinden geschmäht. Und was da in Baden-Baden als Kurzurlaub deklariert ist, soll eigentlich ein völlig neues Ballett vorbereiten.

Johann Sebastian Bach will man spielen, die Kostüme ganz im Rokoko halten. Nijinsky soll choreografieren. Von Baden-Baden aus unternehmen die Russen Besichtigungstouren im Badischen - die Barockschlösser haben es ihnen angetan. Auch Bruchsal und sogar Würzburg stehen auf ihrer Reiseliste. Von diesen Schlössern soll das Bühnenbild profitieren, das Benois entwerfen will. Der erinnert sich 1954 in einem französischen Radiointerview, dass der Inkognito-Kurzurlaub schlicht die Planung der nächsten Saison beinhaltete und "ein herbeigerufener Pianist" auf dem unzulänglichen Hotelflügel spielen musste.

Im August nach diesem Baden-Badener Intermezzo kommt der große Bruch. Nijinsky wird auf der Überfahrt zur Südamerikatournee von einer Frau eingefangen, die wir heute als Groupie bezeichnen würden: Zwei Jahre schon verfolgt sie den "Gott des Tanzes" auf Schritt und Tritt - sie will seine Ehefrau werden, dem Genie Kinder gebären und ihn von seiner Männerliebe "reformieren". Nach dieser Schiffahrt ist nichts mehr wie es einmal war ...

Diaghilew wird kurz vor seinem Tod im Jahr 1929 noch einmal mit seiner neuesten Talententdeckung in Baden-Baden Station machen: dem Dirigenten und Komponisten Igor Markevitch. Die beiden arbeiten an einem "deutschen" Ballett nach Musik von Paul Hindemith. Später - Nijinsky ist längst schon in seiner Wahnwelt gefangen - wird Igor Markevitch Nijinskys Tochter Kyra in erster Ehe heiraten.

Wann genau Igor Strawinsky in seiner Eigenschaft als Mitglied der Ballets Russes in Baden-Baden weilte, ist nicht ganz so einfach auszumachen. Als Musiker und Komponist jedenfalls war er der Stadt immer sehr verbunden - so verbunden, dass er einen seiner großen Exil-Grundsätze vergaß. Offiziell hatte Strawinsky 1933 sein letztes Konzert auf deutschem Boden gegeben. Im April 1936 machte er für Baden-Baden eine Ausnahme und spielte mit seinem Sohn Soulima dort das Concerto für zwei Solopianos. Erst 1951 sollte er wieder für ein Konzert nach Deutschland zurückkehren. Die Baden-Badener Philharmonie hält den Komponisten noch heute hoch und hat bei Haenssler-Klassik anlässlich des hundertjährigen Ballets-Russes-Jubiläums eine CD-Reihe mit Ballettmusiken herausgebracht.

Der Kreis schließt sich mit dem Festspielhaus, wo nicht nur John Neumeier mit seinem Hamburger Ballett regelmäßig gastiert, sondern auch das Sankt Petersburger Marijnsky-Theater, in dem Nijinsky einst seine Ausbildung absolvierte.

Auch das ist Baden-Baden: Mein Studium habe ich mir teilweise als "Hilfzimmermädchen" in Brenner's Park Hotel finanziert. Wenn ich den inzwischen renovierten Raum saugen musste, in dem man heute gepflegt Tee trinkt, saugte ich mich jedes mal in eine andere Welt. Ich schwebte in einem Film von Visconti: Tod in Venedig. Die Möbel, das Teppichmuster, die Architektur, sogar die Menschen darin - alles schien aus dieser fernen dekadenten Welt Thomas Manns herüber zu wabern. Damals ahnte ich nicht, wer alles über diesen Boden geschritten war, am wenigsten hatte ich von Nijinsky, dem Jahrhunderttänzer, gehört. Wenn man mir damals gesagt hätte, wie sich eines Tages der Ring schließen würde zwischen dem Hotel Stéphanie-les-Bains in Baden-Baden und dem Hotel Des Bains am Lido in Venedig, hätte ich denjenigen für verrückt erklärt. Diaghilew ist in letzterem verstorben - und er hat sich in seinen letzten Jahren geradezu als Aschenbach inszeniert. Könnten sich Sergej Diaghilew, Vaslav Nijinsky und Thomas Mann vielleicht sogar in einem dieser alten Grandhotels über den Weg gelaufen sein? Die Antwort verrate ich in meinem Buch - in dem übrigens Nijinsky auch in seiner Rolle in "Les orientales" zu sehen sein wird.

Unter dem Label "enhanced book" werde ich in unregelmäßigen Abständen auch nach Erscheinen meines Buchs die Geschichten erzählen, die naturgemäß aus einem Buch gestrichen oder gar nicht erst aufgenommen werden - weil sie vom Hundertsten ins Tausendste führen würden, nicht in die Komposition passen oder nur für ein sehr spezielles Spezialpublikum von Interesse wären. Das ist das Schöne an der Vernetzung unterschiedlicher Medien - das Blog wird zum "Extra". Selbstverständlich sind auch meine Blogtexte und eigenen Fotos urheberrechtlich geschützt!

Die Autorin steht für Auftritte in Baden-Baden zur Verfügung.

Kommentare:

Jatman hat gesagt…

Ein sehr interessanter Artikel über Baden Baden und „seine Russen“.
Da interessiert Sie vielleicht diese Page über Dostojewski, die sich neben vielem anderen eben auch mit Dostojewski in Baden Baden beschäftigt, oder aber das Verhältnis von Turgenjew und Dostojewski auch eben in der Zeit, da beide in Baden Baden weilten. Ich hoffe Sie schauen einmal vorbei und finden sich gut unterhalten:
http://dostojewski.npage.de/

PvC hat gesagt…

Danke für den Tipp - Sie sind ja ein ganz großer Dostojewskij-Fan!

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