![]() |
| Lichtenthaler Allee (Foto PvC) |
![]() |
| Hier lebte Dostojewskij ärmlich in Miete (Foto PvC) |
Die still und leise Erholung Suchenden waren niemand anders als das damalige Führungsgremium der Ballets Russes. Der Russe Walter Fjedorowitsch Nouvel (Nuwel), Musikkritiker für Diaghilews berühmte Kunstzeitschrift Mir Isskustva und sein Freund, war zuständig für die Verwaltung der Ballettunternehmung. Später schrieb er zusammen mit Arnold Hankell eine Diaghilew-Biografie und fungierte für Strawinskys Autobiografie als dessen Ghostwriter. Alexandre Benois, der damals berühmte Künstler, Bühnen- und Kostümbildner saß ebenfalls in der Hauptversammlung des Leitungsgremiums.
![]() |
| Historische Postkarte Hotel Stéphanie-les-Bains Baden-Baden |
Es lohnt sich ein Blick in die Gästeliste des Hotels, bevor Nijinsky dort ankam. Nach dem Maharadscha von Kapurthala hält im Jahr 1907 König Chulalongkorn von Siam und Laos im Hotel Stéphanie-les-Bains Hof. Was aber haben diese exotischen Persönlichkeiten mit den Ballets Russes zu tun? Die dinierten schließlich in Monaco wie Paris auch mit dem Aga Khan - man musste sich jede Menge Sponsoren warmhalten. Und 1907 weilte Nijinsky nicht in Baden-Baden.
Trotzdem ist jener sagenumwobene König von Laos und Siam, vor der Zeit, in der Mata Hari aufkam und die orientalischen Ballette Diaghilews, ein wichtiges "missing link", um Nijinskys Art zu tanzen zu verstehen. In vielen Büchern, vor allem in der sonst meisterhaften Nijinsky-Biografie des Psychiaters Ostwald, wird nämlich Nijinskys Arbeit mit Handstellungen und bizarren Fingerhaltungen nachträglich aus der Diagnosetheorie "Schizophrenie" interpretiert. Ostwald versteigt sich sogar so weit, zu behaupten, Nijinsky habe seine Handstellungen hirngeschädigten Kindern abgeschaut, die er bei Besuchen seines Bruders in Kliniken gesehen haben sollte. Der wahre Hintergrund ist jedoch ganz weltlich, gesund und sehr global. Jener König reiste nämlich nicht nur nach Baden-Baden, sondern hielt auch in Petersburg Hof. Vor allem aber hatte er einen für damalige Verhältnisse revolutionären Exportschlager dabei: seine eigene Tanztruppe. Die russische und europäische Avantgarde war hin und weg von den anmutigen und so völlig anderen Bewegungen der Siamesen. Nijinsky hat sie in Petersburg tanzen sehen und ihnen im Ballett "Les Orientales" selbst tänzerisch ein Denkmal gesetzt.
![]() |
| Heute: Brenner's Park Hotel & Spa, links die Villa Augusta (Foto PvC) |
Als er selbst nach Baden-Baden kommt, kriselt es tüchtig in der Liebesbeziehung zwischen ihm und Diaghilew. Nijinsky hat gerade den zweiten großen Theaterskandal verkraften müssen, die Premiere zu Strawinskys "Le Sacre" sorgte kurzzeitig sogar für diplomatische Verwicklungen zwischen Frankreich und Russland. Nijinsky ist ausgepowert, wird von Fans verfolgt und von Feinden geschmäht. Und was da in Baden-Baden als Kurzurlaub deklariert ist, soll eigentlich ein völlig neues Ballett vorbereiten.
Johann Sebastian Bach will man spielen, die Kostüme ganz im Rokoko halten. Nijinsky soll choreografieren. Von Baden-Baden aus unternehmen die Russen Besichtigungstouren im Badischen - die Barockschlösser haben es ihnen angetan. Auch Bruchsal und sogar Würzburg stehen auf ihrer Reiseliste. Von diesen Schlössern soll das Bühnenbild profitieren, das Benois entwerfen will. Der erinnert sich 1954 in einem französischen Radiointerview, dass der Inkognito-Kurzurlaub schlicht die Planung der nächsten Saison beinhaltete und "ein herbeigerufener Pianist" auf dem unzulänglichen Hotelflügel spielen musste.
Im August nach diesem Baden-Badener Intermezzo kommt der große Bruch. Nijinsky wird auf der Überfahrt zur Südamerikatournee von einer Frau eingefangen, die wir heute als Groupie bezeichnen würden: Zwei Jahre schon verfolgt sie den "Gott des Tanzes" auf Schritt und Tritt - sie will seine Ehefrau werden, dem Genie Kinder gebären und ihn von seiner Männerliebe "reformieren". Nach dieser Schiffahrt ist nichts mehr wie es einmal war ...
Diaghilew wird kurz vor seinem Tod im Jahr 1929 noch einmal mit seiner neuesten Talententdeckung in Baden-Baden Station machen: dem Dirigenten und Komponisten Igor Markevitch. Die beiden arbeiten an einem "deutschen" Ballett nach Musik von Paul Hindemith. Später - Nijinsky ist längst schon in seiner Wahnwelt gefangen - wird Igor Markevitch Nijinskys Tochter Kyra in erster Ehe heiraten.
Wann genau Igor Strawinsky in seiner Eigenschaft als Mitglied der Ballets Russes in Baden-Baden weilte, ist nicht ganz so einfach auszumachen. Als Musiker und Komponist jedenfalls war er der Stadt immer sehr verbunden - so verbunden, dass er einen seiner großen Exil-Grundsätze vergaß. Offiziell hatte Strawinsky 1933 sein letztes Konzert auf deutschem Boden gegeben. Im April 1936 machte er für Baden-Baden eine Ausnahme und spielte mit seinem Sohn Soulima dort das Concerto für zwei Solopianos. Erst 1951 sollte er wieder für ein Konzert nach Deutschland zurückkehren. Die Baden-Badener Philharmonie hält den Komponisten noch heute hoch und hat bei Haenssler-Klassik anlässlich des hundertjährigen Ballets-Russes-Jubiläums eine CD-Reihe mit Ballettmusiken herausgebracht.
Der Kreis schließt sich mit dem Festspielhaus, wo nicht nur John Neumeier mit seinem Hamburger Ballett regelmäßig gastiert, sondern auch das Sankt Petersburger Marijnsky-Theater, in dem Nijinsky einst seine Ausbildung absolvierte.
Auch das ist Baden-Baden: Mein Studium habe ich mir teilweise als "Hilfzimmermädchen" in Brenner's Park Hotel finanziert. Wenn ich den inzwischen renovierten Raum saugen musste, in dem man heute gepflegt Tee trinkt, saugte ich mich jedes mal in eine andere Welt. Ich schwebte in einem Film von Visconti: Tod in Venedig. Die Möbel, das Teppichmuster, die Architektur, sogar die Menschen darin - alles schien aus dieser fernen dekadenten Welt Thomas Manns herüber zu wabern. Damals ahnte ich nicht, wer alles über diesen Boden geschritten war, am wenigsten hatte ich von Nijinsky, dem Jahrhunderttänzer, gehört. Wenn man mir damals gesagt hätte, wie sich eines Tages der Ring schließen würde zwischen dem Hotel Stéphanie-les-Bains in Baden-Baden und dem Hotel Des Bains am Lido in Venedig, hätte ich denjenigen für verrückt erklärt. Diaghilew ist in letzterem verstorben - und er hat sich in seinen letzten Jahren geradezu als Aschenbach inszeniert. Könnten sich Sergej Diaghilew, Vaslav Nijinsky und Thomas Mann vielleicht sogar in einem dieser alten Grandhotels über den Weg gelaufen sein? Die Antwort verrate ich in meinem Buch - in dem übrigens Nijinsky auch in seiner Rolle in "Les orientales" zu sehen sein wird.
Unter dem Label "enhanced book" werde ich in unregelmäßigen Abständen auch nach Erscheinen meines Buchs die Geschichten erzählen, die naturgemäß aus einem Buch gestrichen oder gar nicht erst aufgenommen werden - weil sie vom Hundertsten ins Tausendste führen würden, nicht in die Komposition passen oder nur für ein sehr spezielles Spezialpublikum von Interesse wären. Das ist das Schöne an der Vernetzung unterschiedlicher Medien - das Blog wird zum "Extra". Selbstverständlich sind auch meine Blogtexte und eigenen Fotos urheberrechtlich geschützt!
Die Autorin steht für Auftritte in Baden-Baden zur Verfügung.




Kommentare:
Ein sehr interessanter Artikel über Baden Baden und „seine Russen“.
Da interessiert Sie vielleicht diese Page über Dostojewski, die sich neben vielem anderen eben auch mit Dostojewski in Baden Baden beschäftigt, oder aber das Verhältnis von Turgenjew und Dostojewski auch eben in der Zeit, da beide in Baden Baden weilten. Ich hoffe Sie schauen einmal vorbei und finden sich gut unterhalten:
http://dostojewski.npage.de/
Danke für den Tipp - Sie sind ja ein ganz großer Dostojewskij-Fan!
Kommentar veröffentlichen