Mittwoch, 16. März 2011

Gift und Galle

Vaslav Nijinskys Choreografie zu L'après-midi d'un faune mit der Musik von Claude Debussy war der erste große Ballettskandal der Geschichte. Es ist nicht ganz klar, ob er in der Schlussszene eine Masturbation auf der Bühne spielt, aber die Fotos von Baron de Meyer sprechen Bände. Undenkbar in den moralinsauren Kreisen im Paris des Jahres 1912 - ein willkommener und beklatschter Aufreger für die Intellektuellen, Künstler und Liberalen.

Auch der Zeitungsstreit ging in die Geschichte ein. Gaston Calmette, Chefredakteur von Le Figaro, kippte kurzerhand die vorgesehene Theaterkritik und setzte sich selbst an die Tasten, um am 30.5.1912 Gift und Galle gegen Nijinsky und die Ballets Russes zu spucken. Die Antwort von niemand geringerem als Auguste Rodin unter der Ghostwriterfeder von Marx im Le Matin war ebenfalls nicht von Pappe. Paris spaltete sich in Anhänger der Belle Epoque und der Avantgarde, das Ganze zog Kreise, die kurzzeitig beinahe die guten politischen Beziehungen zwischen Frankreich und Russland belastet hätten.

Spannend, wenn man solche Geschichten in Büchern nachlesen kann. Noch spannender aber, wenn man gleich die Originalzeitung auf dem Bildschirm hat. Dank französischer Nationalbibliothek ist das kein Problem, so dass ich auch für mein Buch direkt aus dem Original übersetzen kann.

Hier die Ausgabe von Le Figaro vom 30.5.1912 mit Calmettes Antwort auf Rodin und Diaghilew "à propos d'un faune" auf der ersten Seite:

Le Figaro (Paris. 1854)
Le Figaro (Paris. 1854)
Source: Bibliothèque nationale de France

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