Sonntag, 13. März 2011

Das kranke Genie

Einen Hunger nach Künstlerbiografien und eine Rückkehr zum Thema des "kranken Genies" will "Der Freitag" derzeit ausmachen. Der Mythos vom Künstler, der zwischen Genialität und psychischer Krankheit auf einem schmalen Grat wandert, ist als romantisches Sujet nicht kleinzubekommen. Natürlich passt in dieses Schema der Faszination Vaslav Nijinskys Leben perfekt. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms wurde er in die Psychiatrie zwangseingewiesen. Noch heute gelten seine Tagebücher und auch seine zahlreichen Zeichnungen vielen als Ergebnisse eines kranken Geistes. Dabei ist selbst die Diagnose "Schizophrenie" nach modernem Wissen nicht ganz unumstritten.

Anders als die im "Freitag" zitierte Kunsthistorikerin Bettina Gockel habe ich allerdings eher den Eindruck, dass sich durch die Ausstellungen sogenannter Outsider-Kunst die Diskussion um den Mythos des kranken Genies endlich versachlicht. Gerade die Ausstellung "Weltenwandler" in der Frankfurter Schirn hat verdeutlicht, dass Menschen, die in der Psychiatrie künstlerisch tätig werden, schon "draußen" und im gesunden Leben mit Kunst zu tun hatten - während auch das größte Genie unter schweren psychischen Krankheiten nicht mehr schöpferisch tätig sein kann. An Nijinsky sieht man diesen Zerfall besonders deutlich: Als ihm die Bühne genommen wird, konzentriert sich der Bewegungsmensch auf seine sehr dynamischen Zeichnungen und schließlich aufs Schreiben. Doch irgendwann ist er so krank, dass ihm Kunst auf keine Weise mehr gelingt.

Sind seine Bilder wirklich nur ein Ausdruck von Wahnsinn, Schmierereien eines Gestörten? Oder ist das "echte" Kunst, gibt es Parallelen zu künstlerischen Ideen seiner Zeit? Die Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle "Nijinskys Auge und die Abstraktion" versuchte, einige seiner Bilder im Vergleich mit zeitgenössischer Malerei zu rehabilitieren. Doch eine Gesamtschau und Aufarbeitung des Themas steht noch aus (Der Ausstellungskatalog ist absolut empfehlenswert, Manko sind leider zeitweise briefmarkengroße Abbildungen gegen ganz- und doppelseitige.)

Vaslav Nijinsky war etwa zur gleichen Zeit in der gleichen Klinik wie der im Artikel genannte Maler Ernst Ludwig Kirchner (und andere Künstler) - und es gibt Hinweise, dass er zumindest in der ersten Zeit auch in der Klinik noch gemalt hat. Der Autor Ostwald verortet den Nachlass dieser Schweizer Klinik an der Universität Tübingen. Interessant ist der Hinweis deshalb, weil Bilder dieser Klinik vor allem in die weltberühmte Sammlung Prinzhorn eingingen. Die Sammlung Prinzhorn feiert im Mai 2011 in Heidelberg mit der Sonderausstellung "Von Kirchner bis heute" das zehnjährige Jubiläum des Museums und den 125. Geburtstag Prinzhorns.

In meinem Nijinsky-Buch wird es eine besondere Überraschung geben: Zusammen mit einem Fachmann beschäftige ich mich unter dem Aspekt der Malerei Nijinskys nicht nur eingehender mit der Prinzhorn-Sammlung, sondern auch mit dem Phänomen der Outsider-Kunst oder Art Brut. Ich möchte dabei dem Geheimnis ein wenig näher kommen, ob Nijinskys "andere" Kunst wirklich so verrückt war, wie sie so lange definiert wurde. Und ich möchte der Faszination auf die Spur kommen, der wir erliegen, wenn wir die sehr individuelle Kunst solcher Menschen wie Nijinsky auf uns wirken lassen.

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...