Donnerstag, 3. Februar 2011

Boris Godunov

Ich tauge nicht zur Kritikerin für klassische Musik, aber vielleicht kann ich ein wenig die Zeit der Ballets Russes hier fühlbar und vor allem hörbar machen. Denn trotz aller nötigen Recherche stellt sich für uns Autoren immer wieder die Frage: Wie tauche ich in eine mir bisher fremde Welt oder Zeit ein? Oberflächlich lässt sich das bereits beim Frühstück erreichen. So saß ich heute bei frischem russischem Schwarzbrot (mit zartem Korianderduft) und Buchweizenhonig, nebst einem dampfenden Schwarztee in der Tasse. Nicht irgendeinem, sondern einem, den auch Nijinsky theoretisch hätte trinken können. Die Geheimmischung mit Vanille, Zitrusfrüchten  und Gewürzen wurde 1888 in Sankt Petersburg kreiert, um die Gründung des Russischen Reichs 900 Jahre zuvor zu feiern. Während draußen der Regen Eis auf die Straße legte, hörte ich dazu Musik - aber nicht irgendeine...

Ich halte nämlich seit ein paar Tagen eine ganz besondere Aufnahme von Modest Mussorgskys Oper Boris Godunov in Händen. Ballets-Russes-Kenner wissen: Mit dieser Oper eroberte Sergej Diaghilew 1908 Paris im Sturm - in der Bearbeitung von Rimski-Korsakoff* war sie der erste Kulturimport (außer seinen Kunstausstellungen), den er vom Osten in den Westen brachte. Und Diaghilew hatte damals eine Gesangslegende engagiert: Fjodor Iwanowitsch Schaljapin (Chaliapin*), den zu Lebzeiten international berühmten Bass. Nijinskys Schwester Bronja verliebte sich damals unsterblich in den viel älteren Sänger, von dessen Auftritten bereits ihre Eltern den Kinder vorgeschwärmt hatten. In ihren Memoiren hat Bronja Nijinska bezaubernde Tagebucherinnerungen einer Jugendlichen an Schaljapin hinterlassen.

Meine Aufnahme der Oper Boris Godunov* entdeckte ich in schicksalshaftem Zusammenhang mit dem Nijinsky-Projekt und ich ziehe sie allen anderen vor: Es ist die Aufnahme aus dem Pariser Elysée-Theater vom Juli 1952, in welcher der ebenfalls legendäre Boris Christoff eindrucksvoll gleich drei Rollen singt: den Boris Godunov, Pimen und Varlaam.
Hier eine spätere Aufnahme von Boris Christoff* mit der Sterbeszene aus Boris Godunov (1980er):



URL bei Hörproblemen (s.u.): http://www.youtube.com/watch?v=fLAy9d4tiw8

Bei meiner CD-Aufnahme handelt sich ebenfalls um die Bearbeitung durch Rimsky-Korsakov (oder Rimski-Korsakoff*). Es wirken außerdem mit: Nicolai Gedda, Eugenia Zareska, Ludmilla Lebedeva u.a., der Russische Chor von Paris und das französische Radiosymphonieorchester unter der Leitung von Issay Dobrowen. Die drei CDs sind bei Naxos Historical erschienen.



Und jetzt zaubern wir ein wenig. Wir begeben uns zurück ins Jahr 1928. Die Ballets Russes gehen immer noch auf Welttournee. Es ist Juli und wir befinden uns im Londoner Covent Garden - dort, wo auch Nijinsky auftrat. Nijinsky ist zu dieser Zeit krank, sehr krank. Doch Diaghilew kann seinen früheren Geliebten nicht vergessen, er hofft immer noch, ihm irgendwie helfen zu können. Fünf Monate später wird er ein letztes Experiment wagen: Er glaubt fest daran, dass man Nijinsky nur zurück zur Truppe und auf die Bühne bringen müsse. Vielleicht würde ein Wiedererkennen oder ein heilsamer Schock eine Rückkehr ins normale Leben ermöglichen?

Die Fotos von jener Aufführung von Petruschka im Dezember 1928 gehen um die Welt: Sie lächeln alle in die Kamera, nur Nijinsky lächelt wie aus einer anderen Welt. Kaum kann man erkennen, wie er auf der Bühne gestützt wird. Es ist zu spät. Zu lange war er vom Theater isoliert, 1919 hat er das letzte Mal getanzt. Harry Graf Kessler brachte ihn nach der Vorstellung mit Diaghilew zum Auto und zu seinen Pflegerinnen. Er erinnerte sich daran, wie er den einstigen Festgefährten nicht erkannte in diesem Mann, den er als einen völlig ausgebrannten Menschen beschreibt, mit dem Blick eines leidenden, traurigen Tiers. Diaghilew hat wie immer seine Gefühle scheinbar unter Kontrolle, aber er kommt nicht darüber hinweg, dass Nijinsky nicht mehr erreichbar ist. Ein Jahr später stirbt Sergej Diaghilew am Lido von Venedig und die glorreiche Ära der Ballets Russes ist endgültig zu Ende.

Hören wir nun den Mann, in den sich Bronja Nijinska verliebt hatte, der mit der Truppe der Ballets Russes bestens bekannt war und den Diaghilew 1908 auf die Pariser Bühne brachte. Mit seinem Boris Godunov fing all der Zauber an. Ohne diesen Bühnenerfolg der Oper Boris Godunov mit Schaljapin hätte es die Ballets Russes womöglich nie gegeben, die 1909 Premiere hatten. Der junge Nijinsky in seiner Glanzzeit hat Schaljapin persönlich öfter getroffen und so gehört, wie wir das trotz schwieriger Aufnahmebedingungen und unzulänglicher Technik heute noch erahnen können:
Fjodor Schaljapin singt in einer Liveaufnahme vom Covent Garden 1928 die Todesszene aus Boris Godunov:


(wer Hörprobleme hat, kopiere folgende URL hier ein:
http://www.youtube.com/watch?v=t7fWS8nTA-Y )

Anmerkung* : Die Umschriften russischer Namen divergieren z.T. erheblich je nach Sprache. Bei der CD habe ich mich für die englische Umschrift entschieden, damit man die Musik finden kann. Die Links auf Wikipedia zeigen dann meist die deutsche Umschrift, also z.B. Boris Godunow.

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