Samstag, 22. Januar 2011

Wie viel Wahn darf sein?

Der Choreograf John Neumeier zerreisst den Film "Black Swan" in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt und erzählt von der Realität des Balletts:
"Die ganze Ballettwelt wird als eine Welt von Kranken dargestellt, in der monströse Menschen junge Mädchen ausnutzen, die natürlich alle magersüchtig sind. Das stimmt doch alles nicht. Ballett ist eine Kunst, in der viele verschiedene Künstler Platz haben."
Darren Aronofsky, der den Film mit Natalie Portman in der Hauptrolle gedreht hat, beschreibt seine Intention völlig anders:
"Ich wollte zeigen, wie viel Arbeit und Schmerz die Tänzer bewältigen müssen, um ihre Kunst zu schaffen. Ich hoffe, das verschafft dieser Kunst mehr Respekt."
So konträr die Meinungen über den Film sein mögen, der als Oscar-Anwärter gilt, so zeigen sie doch deutlich eines: Das Klischee vom verrückten oder seelisch und körperlich leidenden Künstler zieht auch noch nach Jahrhunderten. Die Traumfabrik Hollywood dürfte selbstverständlich kaum im Sinne haben, Aufklärungsarbeit über den Ballettalltag zu betreiben - Faszination der Massen ist eher das Ding der Filmindustrie.

Warum aber fasziniert der leidende Künstler, der verrückte Künstler, der kranke Künstler all die Nicht-Künstler?
John Neumeier gilt als der weltweit größte Sammler in Sachen Vaslav Nijinsky - und der ist eigentlich ein Prototyp für eine solche Fragestellung. Gesellschaftlich gesehen war der Mann ein totaler Langweiler, wortkarg und humorloser als ein Mönch. Im Anzug sah er aus wie ein Buchhalter von nebenan. Und seine Choreografien mögen dem ein oder anderen heute auch schon verstaubt erscheinen. Charisma entwickelte Nijinsky auf der Bühne. Und trotzdem kennt ihn auch heute noch jeder, der auch nur annähernd mit Ballett zu tun hat. Trotzdem fasziniert er im 21. Jahrhundert selbst Menschen, die von Ballett keine Ahnung haben.

Die Frage muss erlaubt sein: Wäre Nijinsky zu diesem Mythos geworden, wenn er nicht psychisch krank gewesen wäre, wenn er nicht so vieles für seine Kunst geopfert hätte (nicht immer zum Guten), wenn er nicht derart gelitten hätte? Wäre er mit einem Durchschnittsprivatleben mit Frau, Kindern, Eigenheim und Blümchensex je so in die Schlagzeilen geraten?

All die legendären Persönlichkeiten dieser Welt, deren Lebensrealität vom eigenen Mythos überwuchert wurde, zeigen neben ihren Leistungen einen tragischen Moment, etwas Gebrochenes in der Seele oder im Lebenslauf - ob das John F. Kennedy, Che Guevara, Marilyn Monroe oder Michael Jackson war. Warum soll dieser Mechanismus der Faszination von Tänzern anders funktionieren?

Natürlich ist das Gros der Künstlerinnen und Künstler dieser Welt weder krank noch verrückt noch leidend. Natürlich kann ein psychisch oder körperlich Kranker seine Kunst nur schwer oder gar nicht ausführen - Nijinsky ist auch hierfür ein Beispiel. Aber an den Unbeeinträchtigten kann man sich selbst nicht reiben. Mit den "ganz normalen" Künstlerpersönlichkeiten lässt sich für Außenstehende das Fremde, das Anderssein nicht ausloten oder beschreiben. Und dass man bei einem Leben für die Kunst irgendwie anders sein muss - das spüren die Menschen. Der Hunger danach, das Geheimnis dieses Mysteriums aufzudecken, ist groß genug, dass solche Filme Erfolg haben - mögen sie auch noch so unrealistisch sein.

In meinem Buch über Nijinsky wird es auch um diese Frage gehen: Was fasziniert uns an "verrückten" Künstlern?

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