Dienstag, 28. Dezember 2010

Filme auf ARTE

Einen Filmtipp habe ich für Fans der Ballets Russes:

Paris und seine Künstler
ARTE, 4.1.2011 um 1:35 Uhr

Der Film von Perry Miller Adato zeigt mit einer Fülle von Originaldokumenten und Filmen das einzigartige Leben der Avantgarde in Paris zwischen 1900 und 1930. Im Grunde bringt er genau das, was ich gerade als Buch übersetzt habe, nur sehr viel sachlicher und wissender in den Kontext eingeordnet. Die Ballets Russes kommen dabei nicht zu kurz und werden meines Wissens erstmals in ihrer Bedeutung für die Kunst und Kultur im Paris der Avantgarde gewürdigt. Mehr noch: Fans dürfen sich auf Originalmaterial mit Cocteau, Strawinsky und Mary Rambert freuen - die Frau, die Nijinsky beim Einstudieren seiner Choreografie half, ist im Interview zu sehen. Außerdem dabei: Nicolas Nabokov, der später für die Ballets Russes komponiert hat, Lynn Garafola und Rudolf Nurejew in der Rolle des Fauns.
Wer wissen möchte, in was für einer Atmosphäre, in welchem Umfeld und künstlerischen, multikulturellen Reichtum die Ballets Russes entstanden und Triumphe feierten, sollte diesen Film unbedingt ansehen!

Leider nicht mehr wiederholt wird der englische Spielfilm:

Die roten Schuhe

Auf der Seite bei ARTE kann man hineinschauen und Wissenswertes lesen - etwa, dass hier bahnbrechend neu Ballett und Film miteinander verwoben wurden - preisgekrönt übrigens. Ganz so neu ist die Idee allerdings nicht - bereits frühe Stummfilmer widmeten sich immer wieder dem Ballett, nur eben mit weniger technischen Mitteln. Ein paar davon kommen in meinem Buch vor.

Dieser Film ist für Nijinsky-Fans aus einem anderen Grund interessant: Die Rolle des diabolischen Schuhmachers Grischa wird nämlich von Léonide Massine getanzt. Stellen wir uns die Zeit vor: Als der Film erscheint, lebt Nijinsky noch (er stirbt 1950). Massine hat ihn auch in seiner gesunden Zeit noch gekannt - er ist der Mann, der Nijinsky als Liebhaber und Choreograf bei Diaghilew abgelöst hat.

Unter diesem Aspekt sollte man sich den Film einmal genauer anschauen. Die Geschichte von der Tänzerin, für die im Leben der Tanz die erste Rolle spielen muss, die in ihren roten Schuhen dann aber auch nicht mehr aufhören kann, ist natürlich von Hans Christian Andersen abgeschaut. Trotzdem zeigen Drehbuch und Choreografie (z.B. der Tanz zwischen Maskenmännern) erstaunliche Parallelen zu Le Sacre du printemps und der damals von Nijinsky so grandios inszenierten Selbstopferung der Jungfrau.

Und Boris Lermontov, der Leiter der berühmten Ballett-Truppe - wie viel mag da an Anspielungen auf Diaghilew versteckt sein, wenn ihn die Primaballerina für einen anderen Mann zu verlassen droht? Es lohnt sich außerdem, bei Léonide Massines Tanz genauer hinzuschauen, den er selbst entwickelt haben soll (Sir Robert Helpman war der eigentliche Choreograf des Films): Petruschka lässt grüßen!

Eine Filmografie zu Filmen über Nijinsky oder die Ballets Russes wird sich übrigens in meinem Buch finden, das im Frühjahr erscheinen soll.

Samstag, 25. Dezember 2010

Nijinsky - ganz nah

Ich bin jemand, der Quellenstudium bevorzugt, wenn es nur irgendwie möglich ist. Leider sind Originalschriften nicht immer und überall zugänglich. Das hat sich in Bezug auf die Recherche um Nijinsky seit Anfang meiner Arbeit inzwischen etwas gebessert, wahrscheinlich dank der erhöhten Aufmerksamkeit zum Jubiläum der Ballets Russes. So ist es mir inzwischen sogar gelungen, eine russische Ausgabe seiner Tagebücher zu besorgen, die laut Angaben der Autoren anhand von Fotokopien (ohne Quellenangabe) des Originals hergestellt worden sein soll. Leider ist es etwa dreißig Jahre her, seit ich ein - damals typisch für den Westen im Kalten Krieg - unzureichendes, rudimentäres Russisch lernte. Das Polnische kommt mir bei Ähnlichkeiten zu Hilfe und ich übe mit russischen Filmen... Nun schreibt Nijinsky aber zum Glück in einer relativ einfachen, klaren Sprache.

Wie würde es sein, statt der mir vorliegenden, recht nahen Übersetzung seine Worte so zu lesen, wie er sie selbst gedacht hat? Würde sich etwas verändern? Und wie verlässlich war die Übersetzung?

Auffällig ist zunächst das Schriftbild, weil "ich" im Russischen aus dem markanten Buchstaben Я besteht. So wirkt der Text bereits ohne genaues Lesen stark ich-bezogen. Die ständige Wiederholung des Pronomens macht jedoch keinen linkischen oder gar egomanen Eindruck, eher wirkt es wie auch in der deutschen Übersetzung, als kämpfe da jemand mit einer Selbstdefinition, als lote einer aus, wo die Grenzen seines Ichs liegen mögen und wie dieses Ich zu bewahren sei. Der da in Ich-Form schreibt, ist nicht wortkarg oder seiner Sprache zu wenig mächtig: Er setzt seinen Satzbau, seine Worte nach Rhythmen und Klängen ein. Nijinsky tanzt seinen Text, er schreibt voller Musikalität.

In den Gedichten wird dies noch deutlicher, wenn man sie laut liest. Der Übersetzer gerät hier an Grenzen und mischt deutsche Übertragung mit russischen Wörtern, um zu zeigen, dass Nijinsky Wortspiele baut. Dadurch wirkt der übertragene Text leider nicht selten kindisch-naiv, ja manchmal fast debil - nicht umsonst wurde er oft als typisches Gelalle eines Verrückten klassifiziert.

Im Original wirken meiner Meinung nach die Versversuche Nijinskys sehr viel geistreicher und vor allem literarischer. Wie "irre" ist einer, dem es gelingt, Wortspiele nicht nur aus Bedeutungen und Silben, sondern auch aus Klanganalogien zu schöpfen und diese so anzuordnen, dass man sie fast singen kann? Wie irre ist einer, der ungewöhnliche Gegensatzpaare bildet, den Leser durch Wiederholungen einlullt, sozusagen in Sicherheit wiegt, um dann mit einer minimalen Wortvariation einen völlig neuen Sinn in die Aussage zu legen? Warum hat nie jemand diese Texte in ihrem Zeitkontext untersucht, etwa im Vergleich mit Apollinaires klanganspielungsreichen Gedichten, mit expressionistischer Lyrik oder surrealistischen Trancetexten?

Wenn ich eines dieser Gedichte laut auf Russisch lese, geht es unter die Haut. Das ist ein hochemotionaler Dialog eines Mannes mit seiner Frau: Er ringt um Worte, weil er weiß, dass sie ihn nicht versteht, nicht verstehen will. Er äfft sie nach, in Wiederholungen immer schriller erscheinend, setzt wie einen Holzhammer seine eigenen Bedürfnisse dagegen, immer wieder, immer wieder ungehört. Momentaufnahme einer Ehe, in der sich der Unverstandene mehr und mehr in sich selbst zurückzieht, bis er "tiefinnerlich" weint...

Er fühlt so tief, dieser Mensch. Dabei ist das "tiefinnerlich" nicht einmal in seinem eigenen Wortschatz gewachsen - sein Landsmann Wassily Kandinsky verwendet es mit Vorliebe - und der hatte auch mit den Ballets Russes einige Berührungspunkte. Wie hochspannend wäre es, Nijinskys Tagebücher einmal nicht zu pathologisieren, sondern als ein literarisches Zeugnis auf solche Verbindungen zu seiner Zeit und seiner Kultur wissenschaftlich zu untersuchen! Nijinsky selbst gibt so viele Hinweise darin, wenn man sie nur ernst nehmen würde.

Hochspannend ist dieses Wort, das er für die "Gefühle" so gern und oft verwendet, dass sogar ein Heft im Russischen danach benannt ist: Чувства (gesprochen Tschuwstwa). Das bedeutet eben nicht reine Emotionen oder Stimmungen, sondern sehr viel mehr! In der Einzahl bezeichnet "Tschuwstwo" zum einen den "Sinn" (Inhalt einer Sache / Sinn für etwas), zum anderen das "Gefühl", die "Empfindung"; durchaus in Richtung von "Empathie" (Einfühlung), die ich bei Nijinsky gern im Deutschen lesen würde, als Prozess einer subjektiven Beurteilung.

Die Wortwurzel stammt aus der alten Kirche, heißt in vielen slawischen Sprachen: hören, riechen, verstehen, fühlen. Wer die Sinne benutzt, empfindet, fühlt. Wer fühlt, versteht; findet einen Sinn. Wer fühlt und versteht, empfindet Mitgefühl - eine andere Wortzusammensetzung.

Die Zusammensetzungen und die Verbform des Wortes kommen Nijinskys Inhalten noch näher: Man kann andere und etwas fühlen, aber auch sich selbst - und sich fühlbar machen - für andere. Das führt zum Selbst-Bewusstsein, das identisch ist mit dem Wort für Würde. Ohne das Fühlen gerät der Mensch in die Katastrophe: Er wird bewusst(seins)los. Allein in dieser einen Vokabel liegt bereits ein Großteil von Nijinskys Philosophie. Seine Tagebücher sind ein einziger Schrei nach dem Fühlen, als wolle er "sich fühlbar machen", um sich zu fühlen. Vor der Liebe, die er propagiert, kommt die Empathie.

Wie sehr passt dazu eine andere Entdeckung kurz vor Abschluss des Buchs: Die Harvard University ist dabei, die Dokumente zu Nijinskys Krankheit ab 1919 einzuscannen. Es handelt sich um Briefe der behandelnden Ärzte und der Familie. Dass Nijinskys Frau eine zwiespältige Rolle in der Aufarbeitung der Tatsachen spielte, ist bekannt. Viel wurde herumgedeutet, warum sie Fakten verändert und Textpassagen zensiert hatte. Und solche Mutmaßungen sind für Autoren nicht einfach, weil Persönlichkeitsrechte bedacht werden müssen. Nijinsky ist zwar längst tot, aber es gibt Nachkommen.

Die Briefe jedoch lassen in einigen Angelegenheiten keinen Zweifel mehr. Für Forscher dürfte es allein schon interessant sein, sich die Handschriften anzusehen: Fast verschwindend, fliehend, winzig die von Romola; regelrecht erschreckend die von Tessa in ihren extremen Biegungen. Ausgerechnet Dr. Frenkel-Tissot (der geheimnisvolle "Dr. Fraenkel"), der aller Wahrscheinlichkeit nach ein tragisch endendes Verhältnis mit Romola hatte, wiederholt immer wieder, was diese angetrieben haben soll: "Liebe, Ruhm, Macht und Geld". Spricht hier der enttäuschte Liebhaber oder der Arzt und Menschenkenner? Sie beide haben Nijinsky, noch bevor er einen Psychiater gesehen hatte, regelmäßig ein starkes, süchtig machendes Schlafmittel ins Essen gemischt, das ist belegt (s. Ostwald: A Leap into Madness). Nijinsky war nicht umnachtet, so dass er selbst den Verdacht in seinen Tagebüchern äußern konnte.

Aber auch die anderen Ärzte waren damals nicht zimperlich, meist wussten sie es nicht besser. Für eine Zugreise empfiehlt man, Nijinsky mit einer Skopolaminspritze ruhig zu stellen. Und ein anderer Arzt schreibt an den berühmten Dr. Ludwig Binswanger im Dezember 1919: "Die ganze Behandlung war blödsinnig zwecklos." Engagiert gingen nicht alle mit Nijinsky um.

Leider wird mein Buch erscheinen, bevor das gesamte Material der Sammlung der Harvard Theatre Collection eingescannt sein wird. Aber auch das gehört zum Schreiben: Der Mut zur Lücke, das Erfassen eines größeren Ganzen unter dem Verzicht auf so manche spannende Kleinigkeit, die vielleicht nur das Rechercheursherz erfreut ... Die interessanten Kleinigkeiten kann ich ja in diesem Blog festhalten.

Freitag, 17. Dezember 2010

Bildertest

Die modernen Techniken zur Buchherstellung machen so manche Vorfreude möglich. Noch bevor überhaupt der gesamte Text vorhanden ist, habe ich mir heute einen "Grobentwurf" meines Nijinsky-Buchs mit Bebilderung anschauen können. "Grob" bedeutet, dass da nur Platzhalter stehen und manches Foto nach Bedarf durch ein anderes eingetauscht werden kann. Außerdem ist es eine Maximalversion mit elf ganzsseitigen Abbildungen. Für die werden jetzt die Rechte geprüft und nach Bedarf eingekauft.

Natürlich könnte ich mir den prachtvollsten Bildband vorstellen und wüsste sofort, wo ich bisher so gut wie nie veröffentlichte Bilder von Nijinsky herbekäme. Aber das Projekt soll ja bezahlbar bleiben. Heute, nach der Sichtung, habe ich den Eindruck, es könnte ein richtig schönes Buch werden: zwar textlastig, aber eben auch etwas fürs Auge. Allerdings muss noch heftig viel passieren, bis es so aussieht wie in meinem Kopf. Noch sind ja nicht einmal die Schrifttypen ausgewählt. Kurzum: Für Laien sieht so ein "Grobentwurf" aus wie Kraut und Rüben. Aber bekanntlich wird aus einem Wirrwarr von Schritten manchmal sogar ein Ballett...

Sonntag, 12. Dezember 2010

Tipp für Fans

Einige Fans schauen hier immer wieder vergeblich nach, ob sich im Blog etwas getan hat. Ich bestücke ihn derzeit nicht täglich. Deshalb ein kleiner Tipp, um Zeit zu sparen: Wie jedes Blog lässt sich auch dieses abonnieren - rechts im Menu. Auf diese Art kann man im eigenen Browser bei den Feeds ganz bequem nachschauen, ob ein neuer Beitrag im Blog erschienen ist und diesen bei Bedarf aufrufen.

Montag, 6. Dezember 2010

Vorabpremiere

Ich habe das noch nie zuvor getan. Ich habe noch nie einen Text zum öffentlichen Lesen zur Verfügung gestellt, der nicht absolut perfekt war. Dieser Text ist zwar grob lektoriert, hat aber noch keine Endkorrekturen erlebt. Er sieht auch nur aus wie in einem Buch, ist aber nicht endgültig gesetzt. Kurzum - die Vorableseprobe ist eine Arbeitsversion.
Trotzdem möchte ich all meinen Leserinnen und Lesern ein kleines Nikolausgeschenk machen und einen Einblick in mein Nijinsky-Buch geben, das 2011 erscheinen wird. Wann genau und unter welchem Titel wird man natürlich in diesem Blog erfahren können!

Freitag, 3. Dezember 2010

Modewellen

Gab es in den 1960ern und 1970ern eine Art russischer Modewelle? Und woher kam sie? Diese Frage stellte ich mir gerade in einem Kommentar in meinem Blog "cronenburg". Dann tickte es in meinem Kopf, ich schaute in meinen Büchern nach und entdeckte Erstaunliches: Die Ballets Russes inspirierten nicht nur die Modemacher ihrer eigenen Epoche! Es gab ein mehrfaches Revival - und zwar immer dann, wenn außergewöhnliche Ausstellungen weltweit von sich reden machten. Den wenigsten Frauen, die ihre Kleidung von der Stange oder aus dem Katalog kaufen, wird der Zusammenhang zu Originalkostümen der Ballets Russes klar gewesen sein - und doch bezaubern die Schnitte und Textilien auch in den einfachsten Versionen.

Mary E. Davis hat es in ihrem Buch "Ballets Russes Style. Diaghilev's Dancers and Paris Fashion" (Reaktion Books) aufgeschrieben, wann solche bahnbrechenden Ausstellungen oder Veranstaltungen den Geschmack beeinflussten. 1967/68 kam es zu einem ersten Mode-Revival im Stil der Ballets Russes, als bei Sotheby's  die Kostümsammlung von Grigorjew versteigert wurde - die erste Großversteigerung dieser Art. Im Stil der Diaghilew-Ausstellung von Richard Buckle 1954 setzte Sotheby's ganz auf Erlebnis und Ambiente und begleitete den Verkauf mit Veranstaltungen, zu denen gekrönte Häupter und noch lebende Tänzer des Ensembles kamen. Damit war auch eine breite Presse garantiert. Im Jahr darauf kam es zu einer weiteren großen Kostümversteigerung aus den Nachlässen von Massine und de Basil.

Das Timing hätte nicht besser sein können. All die opulenten Stoffe, der orientalische Look, die altrussischen Muster - das alles traf auf die Hippiekultur mit ihrer Sehnsucht nach ethnischen und verspielten Kleidern, nach Rollenbrüchen und Unkonventionellem. Über Versteigerungen für Sammler wirkten die Ballets Russes also lange nach ihrer Auflösung bis in die Kleiderschränke von ganz normalen Leuten hinein.

Die nächste Welle kam aus der Haute Couture. Yves Saint Laurent machte 1976 Furore mit einer Hommage an die Ballets Russes - eine ganze Kollektion widmete er dem Thema und auch sein Parfum "Opium" (1978) soll davon inspiriert worden sein. Die große Kostümausstellung 1978 im Metropolitan Museum of Art (siehe Links) tat ihr übriges zum neuen Russenrausch in der Bekleidung - und ich behaupte frech, auch die beliebten James Bond Filme und das Kino schürten das Interesse an dem damals noch geheimnisvollen, exotischen Land hinter dem Eisernen Vorhang.

Interessant ist, dass Mary E. Davies ein neues Revival des "Ballets Russes Style" im Gefolge der weltweiten Hundertjahrfeiern und Ausstellungen ausmacht. Sie nennt Karl Lagerfelds Kollektion "Paris-Moscou" 2009 für Chanel - wobei die Gründerin der Firma, Coco Chanel, bekanntlich eine der großen Mäzeninnen der Ballets Russes war und auch Bühnenkostüme entwarf. Lagerfeld kam natürlich nicht nur das Hundertjährige entgegen, sondern auch die Tatsache, dass in Frankreich 2010 das russisch-französische Kulturjahr eingeläutet wurde - mit unzähligen kulturellen Veranstaltungen und Society-Events. Inzwischen ist das Kulturjahr fast vorbei, die Franzosen haben mit Begeisterung russische Musik, Literatur und Kunst genossen und nie gab es so viele russische Produkte im Land. Russland ist plötzlich hip.

Es dauert natürlich immer eine Weile, bis sich Ideen der Haute Couture bis zum Discounter fortsetzen. Manchmal bleiben sie auch nur Minderheitengeschmack für eine einzige Saison. Trotzdem kann ich zumindest für Frankreich behaupten, dass es noch nie so einfach war, sich ein wenig "Ballets Russes Feeling" zu verschaffen, für jeden Geldbeutel. Da sind all die falschen Plüschpelze und die Pelzkragen zum Umhängen, samtene Uniformjacken in Rot, Grün und Blau wie zu des Zaren Zeiten - und geraffte, fließende Oberteile über Leggings, als wären sie von Poiret für seine orientalischen Pluderhosen gemacht. Auch die trägt man in Frankreich wieder, in der etwas schlankeren afrikanischen Form, Sarouel genannt.

Schmuck darf wieder üppig und orientalisch blinken und plötzlich sieht man überall dieses Blau, für das Benois so berühmt wurde und das sich Cartier einst abgeschaut hat. Und zu allem Überfluss kann man sich heute noch in die gleichen Düfte hüllen, die einst Nijinsky und Diaghilew als völlig neue Avantgarde-Düfte in der Nase gehabt haben. Welche Parfums diese hundert Jahre überlebt haben, weil sie heute noch zeitlos sind, verrate ich in meinem Buch - mitsamt ihrer "russischen" Geschichte. Chanel hat es sich jedenfalls auch nicht nehmen lassen, zum Hundertjährigen der Ballets Russes einen alten, vergessenen Duft von 1924 neu aufzulegen: "Cuir de Russie" (Russisch Leder). Die Rezeptur stammt wie beim weltberühmten "Chanel No. 5" vom Parfumeur des Zaren, den Coco durch Diaghilew kennengelernt hatte. Kein Wunder, dass es bereits ein älteres russisches Parfum von Lt Piver gab. Eigenartig, dass beide meiner Nase bisher entgangen sind...

Surftipps:
Anmerkung: L.T. Piver hatte unwahrscheinlich alte Düfte aus der Belle Epoque im Programm, aber sowohl der Server der Firma scheint platt als auch der Verkäufer. Im Web findet man nur noch Vintage-Fläschchen. Ich werde mal hier in Frankreich nachforschen, ob die Firma überhaupt noch existiert.

    Donnerstag, 2. Dezember 2010

    Design weg

    Leider gab es im Blog eine Havarie - das wunderschöne Design ist zerschossen.
    Der Anbieter hatte seine Fotos dazu nicht richtig gehostet und leider funktioniert es über die Designerin selbst auch nur ab und zu, dann mal wieder nicht. Pech, wenn man externe Layouts verwendet.
    Im Moment habe ich bei Blogger ein Layout gewählt, das in meinem Augen erst einmal als "Notdesign" dient, bevor ich Zeit zu mehr Bastelarbeiten habe. Ich bitte, das Chaos zu entschuldigen.

    Bücher-Welten erleben

    Ich hasse Shopping. Ich feiere kein Weihnachten. Aber jedes Mal, wenn ich ein größeres Projekt zu Ende gebracht habe, mache ich mir für die Arbeit ein ganz besonderes Geschenk. Oft hat das dann zufällig mit einem meiner Bücher zu tun, weil ich zu der verrückten Sorte Autoren gehöre, die sich mit ihren Kopfwelten auch greifbar umgeben müssen.

    Nun ist es kein Geheimnis, dass ich nicht nur für die Ballets Russes schwärme, sondern auch deren Hinterlassenschaften in Mode, Parfumerie oder Design bewundere und liebe. An manchen Tagen rieche ich sogar nach einem Duft von 1919, der aus dem Dunstkreis der Ballets Russes stammt. Und über meine ganz besondere Vorliebe für ein bestimmtes Blau habe ich bereits mehrfach geschrieben: Als "Benois-Blau" wurde es sogar dem berühmten Künstler, Kostümmacher und Bühnenausstatter der Ballets Russes, Alexandre Benois, zugeschrieben. Nun ist dieses Blau natürlich nicht von Benois geschaffen worden, auch wenn die Russen ganz besonders viele Wörter für die Farbe Blau haben und diese offensichtlich anders unterscheiden können. Doch ist kaum eine andere Farbe so stark mit den Bühnenbildern und Kostümen der Ballets Russes verbunden wie dieses. Selbst Kandinsky schwelgt darin und beschrieb einmal, dass er es als tiefe Orgeltöne wahrnahm.

    Nun liebe ich auch Stoffe - wahrscheinlich weil die Schubladen und Knopfschachteln meiner Mutter, die Schneiderin war, zu den ersten Schatzkisten meines Lebens zählten. Und in der Zeit meiner Rosenrecherche sind mir die typischen russischen Kopftücher mit ihren opulenten Rosen wieder eingefallen. Solche Folkloremuster haben die Ballets Russes mit Vorliebe künstlerisch aufgenommen. Also müssten doch auch noch heutzutage ähnliche Stoffe zu haben sein?

    Das Internet ist zwar ein hervorragendes Rechercheinstrument, aber auch hochgefährlich. Ich stolperte nämlich über einen Traum von Tuch (mit 1,50 m eher eine Stola), der direkt aus einer Ballettdekoration hätte stammen können. Es wäre ideal für eine der Buden in Strawinskys "Petruschka"!

    Das Original (feiner Wollstoff) hat ein sehr viel tieferes, dunkleres, kobaltartiges Blau, als es die farbverfälschende Kamera zeigt. Und plötzlich war die Erinnerung an eines meiner frühesten Lieblingskleider wieder da, bei dem ich nur verwünschte, dass es ein "Sonntagskleid" war wie damals üblich. Ich durfte das Prachtstück nämlich nicht jeden Tag anziehen, einfach schrecklich! Meine Mutter hatte mir aus einem Wollstoff in eben diesem Blau ein "Russenkleid" geschneidert, mit Stehkragen und assymetrisch seitlichem Schlitz, wie eine Bauernbluse geschnitten. Kragen, Schlitz, Bündchen und die Ärmel waren von Hand mit Hexenstich bestickt, in Sonnengelb und Zinnoberrot. Ich wusste damals noch lange nicht, was Russen sind, aber weil meine Mutter "Russenkleid" dazu sagte, wurden das fortan für mich "Russenfarben". Es ist schon erstaunlich, wie tief einen Erinnerungen an Farben oder Gerüche prägen! Und kommt dann auch noch ein so sinnliches Thema wie die Ballets Russes hinzu, setzt der Verstand aus: der Schal wurde heute geliefert.

    Die Prachtstücke stammen aus der berühmten Manufaktur Pavlovo Possad bei Moskau, die 2012 zweihundert Jahre alt wird und jedes Jahr 200 Modelle herausbringt. Kaum zu glauben ist die Geschichte dieser weltweit begehrten Sammlerstücke. Was sich heute auch Amerikanerinnen oder Französinnen um die Schulter legen, war einst genau das, was in vielen Ländern der westlichen Welt verboten werden soll oder wurde: die religiös vorgeschriebene Kopfbedeckung von Frauen. Später wurde die Stola zum wärmenden Accessoire und Prestigeobjekt. Heutzutage möbelt man damit auch einmal ein langweiliges Abendkleid auf. Nach den orientalischen Mustern entwickelten sich in Russland sehr bunte florale Vorlagen - symbolisch sind sie mit dem Garten Eden und ewiger Glückseligkeit verbunden - und heute eines der Symbole für russische Volkskunst überhaupt.

    Übrigens sind die Preise für die Schals in Deutschland schlicht unverschämt, so dass ich guten Gewissens keinen Händler empfehlen kann. Aber es gibt ja das Internet, wo man auch im Ausland bestellen kann...
    Ich widme mich jetzt einem anderen Päckchen, das unterm Firmenzettel von Pavlovo-Possad hervorlugt: einem Buch über Nijinsky. Noch einem von insgesamt acht, die in diesen Tagen eintreffen werden. Und nein, das macht es natürlich nicht unmöglich, dass ich die Welt mit einem zusätzlichen beglücke, denn all diese Bücher sind längst nicht mehr auf dem Markt und in allen möglichen Sprachen erschienen - nur nie auf Deutsch.
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