Sonntag, 31. Oktober 2010

Nijinsky-Projekt startet

Pünktlich zum 1.11.2010 geht das Nijinsky-Projekt in Arbeit und hoffentlich bald auch in Produktion. Weil der ursprünglich für ein Hörbuch produzierte Text nun doch in gedruckter Form erscheinen wird, bieten sich natürlich mehr Möglichkeiten dieses Mediums an - wie etwa Fotos. Aber auch textlich wird die Leserinnen und Leser einiges mehr erwarten.

Drei hochinteressante Kenner der Materie haben ihre Mitarbeit zugesagt und werden das Phänomen Nijinsky mit mir von verschiedenen Seiten beleuchten. Im Moment überlege ich, dazu ein verbindendes Essay zu schreiben. Im Mittelpunkt wird also weiterhin der erzählende Text über Nijinsky stehen - danach gibt es vertiefendes Material in unterschiedlichen Textformen. Parallel zur Textarbeit, die Ende des Monats einschließlich des Lektorats abgeschlossen sein soll, wird bereits die Herstellung geplant - soweit das möglich ist, wenn der Text noch nicht genau steht.

Leider wird das fürs Weihnachtsgeschäft, das eigentlich bereits anläuft, extrem knapp. Es wäre im Hauruckverfahren vielleicht gerade so zu schaffen. Ich habe mich jedoch für Qualität entschieden und deshalb auch einen Hersteller im Auge, bei dem Druckfreigabe nach Prüfung möglich ist. Das kostet wieder mehrfach längere Postwege, aber es wird sich im Endeffekt bezahlt machen. Ich denke also, wer ein besonderes Buch möchte, wartet auch - und verwendet dann einfach das Geld, das zu Weihnachten verschenkt wird, für einen Kauf in aller Ruhe nach dem Trubel.

Bevor es richtig hart losgeht für mich, stimme ich mich erst einmal ein - mit russischen Genüssen und einer Stadt, in der auch Nijinsky sich schon erholt hat.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Mythos Nijinsky

Was fasziniert heute noch so viele Menschen an Nijinsky? Warum begeistern sich Menschen des 21. Jahrhunderts für ihn, obwohl seit seiner Glanzzeit fast hundert Jahre vergangen sind? Die italienische Tanzhistorikerin Patrizia Veroli hat mit ihrer "Hommage an Nijinsky" in "ballettanz" einen faszinierenden Erklärungsversuch vorgelegt, der auch auf andere Starmythen Licht wirft.

Wer sich mehr für eine von Nijinskys Tanzpartnerinnen interessiert, nämlich die weltberühmte Tamara Karsavina, kann sich über einen wertvollen und gründlich recherchierten Bildband freuen. Das englische "ballet magazine" stellt Andrew Foster's Buch vor: "Tamara Karsavina. Diaghilev's ballerina". Für Fans der Tänzerin dürfte interessant sein zu hören, dass vor nicht allzu langer Zeit ein Filmausschnitt entdeckt wurde, auf dem die Karsavina wahrscheinlich 1909 das Solo mit dem Fackeltanz nach der Choreografie von Fokine tanzt. In der wunderbaren Ausstellung des Victoria & Albert Museums ist er zu sehen (s. Links rechts im Menu).

Das mag die fieberhafte Suche nach angeblich vorhandenen Orginalaufnahmen von Nijinsky wieder anheizen, dem Diaghilew ja verboten hatte, vor der Filmkamera aufzutreten. Warum der künstlich animierte, mit dem Computer hergestellte you-tube-Streifen trotz aller Beteuerungen seines Autors von Fans dennoch als echt angesehen wird, das erhellt Patrizia Veroli ebenfalls in ihrem oben genannten Artikel. Nijinsky ist und bleibt für manche Menschen auch eine Rauschdroge...

Montag, 25. Oktober 2010

Strawinsky: Rhythm is it!

Arte einschalten: Ein alter Skandal wird zur neuen Überraschung. Kaum hundert Jahre sind vergangen, seit Nijinsky mit seiner (zweiten) Choreografie für Igor Strawinskys "Le sacre du printemps" nicht nur für Entsetzen unter seinen Tänzern gesorgt hat, sondern für einen der größten Theaterskandale der Geschichte überhaupt. Die berühmte Ida Rubinstein weigerte sich, die Hauptrolle zu tanzen, weil sie sich nicht verrenken wollte. Strawinskys Musik galt als Lärmbelästigung. Und die Handgreiflichkeiten im Publikum setzten sich derart kriegerisch in der fPariser Presse fort, dass manche Zeitgenossen die französisch-russischen Beziehungen gefährdet sahen. Auch wenn wir heute einen aufmerksamen Blick brauchen, um würdigen zu können, wie avantgardistisch und gewagt Nijinskys Choreografie, Strawinskys Musik und die Kostüme samt Bühnenbild von Nicholas Roerich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gewesen sein mussten - dieses Ballett ist zeitlos.

Im Jahr 2003 sorgten Sir Simon Rattle und der Choreograf  Royston Maldoom mit dem gleichen Stück für großes Erstaunen. Sie wollten Le Sacre mit Laien aufführen und zwar nicht mit irgendwelchen. Maldoom hatte es bereits mit äthiopischen Straßenkindern und englischen jugendlichen Strafgefangenen inszeniert. Jetzt war das Projekt mit sogenannten Problemschülern geplant - und zwar aus fünfundzwanzig Nationen. Ein Paradebeispiel für die Macht der Kreativität, des Tanzes und der Musik. Ein wichtiges Dokument dafür, was Förderung bewirken kann und dass "Multikulti" noch lange nicht begraben werden muss.
Filmisch begleitet haben das Projekt Thomas Grube und Enique Sanchez Lansch.

Der preisgekrönte Dokumentarfilm aus dem Jahr 2004 wird am Do., den 28.10.2010 um 21:50 Uhr auf ARTE gezeigt. Er ist auch als DVD erhältlich.

Samstag, 16. Oktober 2010

Pina Bausch und "Tanzträume"

Was hat die wunderbare Pina Bausch mit den Ballets Russes zu tun? Auf den ersten Blick nichts, außer dass ich in diesem Blog auch über den Tellerrand meines Themas schauen möchte. Auf den zweiten Blick jedoch haben die Ballets Russes wohl als erste etwas gewagt, was uns heute so selbstverständlich scheint: Sergej Diaghilew besetzte trotz seines Ensembles aus den besten Tänzern seiner Zeit auch schon mal Rollen mit Laien - tragende Rollen sogar.

Eine, die nie eine fertige Tanzausbildung absolvierte und eigentlich "nur" eine charismatische Schauspielerin war, wurde an der Seite von Vaslav Nijinsky sogar so berühmt, dass sie das Frauenbild einer Epoche aufmischte und veränderte: Ida Rubinstein. 1908 debütierte sie mit etwas, das wir heute Striptanz nennen würden - sie entkleidete sich wirkungsvoll als Salomé beim Tanz der Sieben Schleier. Diaghilew hatte ein Gespür für die Wirkung von Erotik und engagierte sie für die Ballette Kleopatra und Sheherazade. Die hochintelligente, zehnsprachige und vielbegabte Frau wurde zeitlebens als Dilletantin beschimpft, aber sie machte Furore und beeinflusste schließlich sogar das Frauenbild Hollywoods.

Heute dagegen scheint es fast selbstverständlich, auch einmal Laien auf die Bühne zu bringen. Einen ganz besonderen Zauber aber hat die Choreografin Pina Bausch geschaffen, als sie das Stück "Kontakthof" zuerst mit Senioren aufführte und zuletzt mit Jugendlichen ab 14. Ein Film über die letzte Fassung, die wenige Tage vor Pina Bauschs Tod fertiggestellt war, begleitet das Wachsen und Arbeiten der Jugendlichen über ein Jahr lang.

Herausgekommen ist eine berührende Dokumentation von Anne Linsel über das Entstehen eines Stücks aus dem Tanztheater, über die Verwandlung von Laien in Darsteller - und über eine unvergessene Choreografin. Die Filmregisseurin Anne Linsel, die Pina Bauschs Arbeit über Jahre begleitete, sagte in einem lesenswerten Interview mit dem WDR über den besonderen Zauber des Projekts:
"Das Wichtigste, was die Jugendlichen von Pina gelernt haben, ist meiner Meinung, dass man mit seinem ganzen Körper Gefühle ausdrücken kann ....Dadurch haben sie eine Sensibilität für Kunst entwickelt und verstehen gelernt, dass Kunst etwas mit dem Leben zu tun hat und nichts Abgehobenes ist."
Der Film "Tanzträume" hatte in Deutschland im März Premiere und läuft gerade vor einem begeisterten Publikum in französischen Kinos an. Er ist auf DVD erhältlich.

Samstag, 9. Oktober 2010

Zum Archiv

Ein besonderer Service für alle Nijinsky-Fans: Ich habe aus meinem Hauptblog die besten Beiträge über Nijinsky und die Ballets Russes noch einmal chronologisch hierher übertragen, damit man sie nicht mühsam suchen muss (erkennbar am "Archiv").
Ab jetzt geht es dann aktuell weiter, allerdings mit weniger Beiträgen pro Tag...

Bei den Archivbeiträgen beachte man das Datum. Frisch gesammelt klingt das jetzt plötzlich, als käme das Nijinsky-Buch gar nicht. Keine Angst! Was nicht produziert werden konnte, war eine Hörbuchfassung - daraufhin ging der Text wieder den altmodischen altvertrauten Weg - es wird ein gedrucktes Buch zum Anfassen und Blättern werden. Und weil zwischen zwei Buchdeckel auch sehr viel mehr Text passt als auf CDs, gibt es jede Menge Extras!

Archiv: Absinthbonbons

2.10.2010
Ich habe die Anekdote schon einmal erzählt, aber nun passt sie einfach perfekt. Nachdem ich meine Rechte am Nijinsky wiederhatte, bekam ich von einem sehr feinen Verlag eine telefonische Fast-Zusage für eine größere Version des Themas, sogar der Erscheinungstermin im Herbst 2011 war bereits geplant. Freudig dachte ich mir nichts Böses, bis die Vertreterkonferenz stattfand. Danach erfuhr ich dann mehr oder weniger zufällig, dass die Vertreter sich gegen das Projekt ausgesprochen hatten. Die Begründung ließ mich kurz perplex zurück, anschließend bekam ich einen veritablen Lachanfall. Es hieß nämlich, das Victoria & Albert Museum bringe gerade einen Ausstellungskatalog zu den Ballets Russes heraus, sogar mit Musik auf CDs - und damit sei der deutsche Markt für dieses Thema ruiniert!

Signed photograph of Vaslav Nijinsky in Le Spectre de la rose, photograph by Bert, 1912. V&A Theatre & Performance Collections, Valentine Gross Archive

Nein, das ist kein Witz. Das Wort "ruiniert" fiel tatsächlich. Mir hat es fast meinen Glauben an den gesunden Menschenverstand von Buchleuten ruiniert. Klar gab es zum Hundertjährigen Jubiläum Ausstellungen auf der ganzen Welt, die Autorin hat selbst so ziemlich jeden erreichbaren Katalog erworben, um sich weiterzubilden und Spaß zu haben. Eine Konkurrenz zwischen Kuratoren und Autoren wäre mir auch im schlimmsten Alptraum nicht aufgefallen, denn das muss man mal laut sagen: Die meisten Ausstellungskataloge sind nur für Fachleute verstehbar. Ich bin mir jedoch sicher, dass irgendein deutscher Verlag diesen Katalog für ein Mehrfaches der Kosten eigenproduzierter Bücher übersetzen lassen wird. Nun denn - nie mehr im Leben werde ich das Victoria & Albert Museum vergessen, zumal ich selbst gierige Kundin für deren Preziose bin. Aber ich bin eben wie alle von den Ballets Russes gebissenen Fans. Mir reicht ein Katalog nicht oder ein Buch: Ich will sie am liebsten alle haben. So ist dann bekanntlich mein Trotzprojekt entstanden. Jetzt erst recht.

Und ich mache jetzt genau das, wovor ein Verlag Angst hatte. Für mich gibt es keine Konkurrenz. Das Victoria & Albert Museum als Marktvernichter zu betrachten, kommt mir abstrus vor - für mich ist es ein Marktöffner, ein Verbündeter. Wenn ich dort im Shop sehe, dass sich Frauen von Nijinsky inspirierte Faunstrümpfe, Nymphenschals und sogar ein "Diaghilew-Parfum" kaufen können, dann muss an der Faszination Nijinsky auch im Jahr 2010 oder 2011 noch etwas dran sein. Diaghilews Schnurrbart gibt es auf Kinderpantoffeln, die Museumsbesucher lutschen fleißig im Stil der Zeit Absinthbonbons und die Herren können sich Diaghilews Zylinder oder Kosakenmützen kaufen. Man kann über solche Vermarktungen denken, was man mag - es gäbe diesen Handel nicht, wenn das Thema die Leute nicht anspräche.

Wo Platz ist für Schnurrbartpantoffeln und Ohrringe à la Nijinsky, muss doch auch Platz für ein Buch sein, das es so noch nicht gibt, schon gar nicht in deutscher Sprache.

Ich gehe einen Schritt weiter und mache hemmungslos Werbung für die vielversprechend aussehende Austellung:
Diaghilev and the Golden Age of the Ballets Russes 1909-1929
vom 25.9.200 bis 9.1.2011 im Victoria & Albert Museum London

Im Shop des Museums gibt es den Prachtkatalog dazu und eine Sammlung sämtlicher Ballettmusiken auf drei CDs - und natürlich auch die Absinthbonbons.
Ganz wunderbar gemacht ist das Blog zur Ausstellung, das die Kuratorin Jane Pritchard betreut.

Es würde mich nicht wundern, wenn auch das ein oder andere Bild des Museums in mein Buch findet, ich habe bereits mit leuchtenden Augen bei der Agentur geschwelgt - und nicht nur das...

Ich danke dem Victoria & Albert Museum für die großzügige Regelung, Bilder von deren Website für nichtkommerzielle Beiträge wie diesen kostenlos nutzen zu dürfen - und Frank Peters für die Erinnerung an eine wunderbare Ausstellung.

Archiv: Ralf Rossas Ballett

25.09.2010
Manchmal ist es traurig, dass die Welt doch aus so vielen Kilometern besteht. So entgeht mir vorerst der Live-Genuss eines Nijinsky-Balletts, dem ich aus reinem Eigennutz eine Tournee in meine Nähe wünsche (oder hallo ARTE, wie wäre es mit einer Aufzeichnung?!?)
Der Choreograf Ralf Rossa hat mit dem Rossa Ballett an den Bühnen Halle eine ganz besondere Reminiszenz an den "Gott des Tanzes" geschaffen: Nijinsky - Star des russischen Balletts. Heute ist Wiederaufnahme - unbedingt hingehen, wer mobiler ist als ich. Entdeckt hatte ich das Projekt durch eine Rezension im Tanznetz.

Für die armen Daheimgebliebenen wie mich gibt es aber wundervolle Fotos, die ein bißchen von dem Charisma des Tänzers Yann Rezavov erahnen lassen, der schon vom Aussehen und Körperbau Nijinsky erstaunlich nahe kommt. Tipp: Oben rechts kann man sie in eine großflächige Diashow umwandeln.

Archiv: Pitching for Petersburg

10.09.2010
Gestern war so ein Tag mit einem Gefühl, wie man es in diesen verrückten Sommersonnwendnächten im Osten oder Norden bekommt. Nicht als Tourist, sondern wenn man dort lebt und die innere Uhr durchdreht, die ein halbes Jahr Winter gewohnt ist. Es ist schwer zu beschreiben: Irgendwie gehen Zeit und Raum plötzlich verloren und man muss es einfach abfeiern, schlaflos und elektrisiert. Denn der nächste überaus dunkle Winter kommt bestimmt.

Vor 101 Jahren führten die Ballets Russes in Paris in ihrer ersten Ballettsaison "Cléopâtre" auf, eines ihrer legendären "orientalischen" Ballette - zur Musik eines im Westen noch eher unbekannten russischen Komponisten: Anton Arenski. Der junge Nijinsky tanzt einen der Sklaven. Anschließend wird er - wie in einer der Eröffnungsszenen meines Manuskripts - mit Kollegen, Freunden, Mäzenen, Diaghilew, Cocteau und all den anderen wieder einmal ins Larue gegangen sein, einem damals berühmten Lokal.

Hundertundein Jahre nach der Uraufführung des Balletts sitzt die Autorin bei der Uraufführung einer Fassung von Arenskis Streichquartett Nr. 2 a-moll op. 35a, die in der philharmonischen Bibliothek von Petersburg entdeckt wurde. Die Autorin sitzt da ziemlich elektrisiert, weil sie am gleichen Tag die druckfrische fertige Broschüre für den "Grenzgängerweg" in die Hand gedrückt bekam (endlich wieder die eigenen Arbeit anfassen können!) und weil das Elsassbuch mit dem Zander womöglich wunderbare Kapriolen schlagen wird. Und irgendwann viel später an jenem Abend sitzt sie dann auch noch woanders und fühlt sich so zuhause wie lange nicht mehr.

Ein Abend in vier Sprachen und noch mehr Kulturen. Eine der Sprachen ist Russisch. Und da passiert es, wovor Autoren solchen Bammel haben: Spontan-Pitching. "Pitching" kommt eigentlich aus der Filmsprache und meint diesen wahnsinnigen Moment, in dem ein Drehbuchschreiber vor einem Produzenten in etwa einem Satz zusammenfassen muss, was er eigentlich schreibt, warum er das schreibt und warum die Story die gigantischste der Welt ist. Auch Autoren sind heutzutage davor nicht gefeit. Vor jedes sorgsam geschnitzte Exposé sollte man zwei, drei Sätze dieser Art stellen können - und man sollte sie vor allem im Schlaf hervorholen können, falls doch einmal ein Agent oder Verlag anrufen sollte. Wie schwer das ist, etwa zwei Jahre Arbeit in zwei Sätze zu fassen, so dass sich die Faszination überträgt, brauche ich denen, die es kennen, nicht zu sagen. Ich brauche schon allein für ein Exposé manchmal länger als für ein Buchkapitel.

Nun war ich zwar in der entspannten Lage, nichts verkaufen und weder Verleger noch Agenten beeindrucken zu müssen. Aber was macht man, wenn man unversehens von drei Petersburgern gefragt wird: "Wie kamen Sie eigentlich ausgerechnet auf Nijinsky?" mit dem Unterton: "heute, hier?"

Das sind die Momente aus Alpträumen vom Abitur. Da hat man sich furchtbar lang mit der Materie beschäftigt, zig Bücher gewälzt, glaubt alles zu wissen, fühlt sich der Sache gewachsen - und dann muss man aus diesem Wust im Kopf, der ohnehin viel zu undiszipliniert zappelt, plötzlich die Essenz finden, den Schlüssel...

Komisch ... obwohl es nicht verlangt war, gelang mir mein bestes Pitching überhaupt. Was mir spontan zur "Faszination Nijinsky" einfiel, hat für mich selbst noch einmal auf den Punkt gebracht, warum das Thema ein Thema ist - weit über Ballett und Musik hinaus. Es ist nicht nur das Wesen von Kunst, das in diesem begnadeten Künstler deutlich wird. Da ist auch dieser voreuropäische Traum aus den Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg, von einer sich kulturell gegenseitig befruchtenden Gesellschaft, wie sie im Kleinen am Tisch bei Larue saß und im Großen die Avantgarde aufmischte. Dieser unvergessene Weltenbürger hat uns etwas zu sagen. Hochaktuell nicht nur für ein Jubiläumsjahr.

Mit meinem "Spontanpitching", das natürlich im eigentlichen Sinne keins war, wäre ich bei jedem deutschen Verlag, bei jeder großen Agentur abgeschmiert. In den zögernden Antworten wären Ausdrücke vorgekommen wie "zu speziell", "zu hohes Risiko", "kein klar umrissenes Zielpublikum", "aber das ist doch nur Ballett", "da ist zuviel Russland drin, wen interessiert das", "Markt ist dicht", "Sie kommen ein Jahr zu spät, das Hundertjährige ist vorbei".

Die Russen aus Petersburg haben es dagegen sofort verstanden. Da ist Nijinsky sehr lebendig. Und wie der Funke übersprang, das kann mir nun keiner mehr nehmen. Es lässt mich lachen über all die Bedenkenträger und Selbstverhinderer.

Nijinsky lebt. Zwar gibt es das Larue nicht mehr, aber manchmal Momente an einem Tisch, wo man in vier Sprachen und noch mehr Kulturen jenseits des Sprechens versteht, was er in seinen Tagebüchern notiert hat: "Man muss mich nicht denken, man muss mich fühlen."

Der Winter ist gerettet. Langweilen werde ich mich mit der Herausgabe dieses Buchs ganz bestimmt nicht!

Archiv: Peter Panther sieht Nijinsky

31.08.2009
Meine LeserInnen mögen sich inzwischen mit Kurt Tucholskys Blick auf die Ballets Russes vergnügen - da er seit mehr als 70 Jahren tot ist, darf man ihn in voller Länge mit Quellenangabe zitieren. Er schrieb den Beitrag in der Schaubühne 1914, in dem Schicksalsjahr, in dem Nijinsky die Ballets Russes verlassen musste:
Kurt Tucholsky / Peter Panter: Russisches Ballett
Die Schaubühne
, 19.03.1914, Nr. 12, S. 347, gefunden bei Zeno.

Russisches Ballett

Ach, Nijinsky, wo bist du? Jedenfalls nicht bei dieser gottverlassenen Truppe. Die schöne Dekoration im ›Geist der Rose‹ erinnert noch an dich, und die Kostüme des ›Karneval‹, den die Slawen damals so deutsch herausbrachten, daß man das Land, das Schumann mit Seele und Musik ersehnte, noch mehr liebte denn je. Damals sprangst du noch herum; du tanztest nicht, obgleich du das konntest. Du tatest irgend etwas andres – man begriff auf einmal, was dieses Springen und Hüpfen zu bedeuten hatte. Und letzten Endes gibt es ja nur ein Kriterium in allen Künsten: die Gänsehaut.

Das ist lange her. Heute vermißt man dich umso schmerzlicher, als Fokin dich ersetzen möchte. Fokin, der immer aussieht wie der Märchenprinz der kleinen Matzke aus dem ›Schlaraffenland‹! Nein, damit ist es nichts. Das Theater (am Nollendorfplatz) allein war nicht schuld. Obgleich in der einen Loge die Harfe saß (nicht etwa die Pauke); obgleich der Kapellmeisterbart die Szenerie verdeckte, obgleich alles so kümmerlich aussah. Was ist aus euch geworden? Das war doch früher nicht. Nicht diese süßlichen Posen, diese Attitüden des Zirkusballetts: »Kommt, Mädchen, laßt uns eine Gruppe bilden!«; nicht diese gezwungenen Stellungen mit neckisch geneigten Köpfchen; nicht diese Finales, die aufgehen wie eine Regeldetri. Was ist euch die Musik? Ihr tanzt doch zuckrig und kümmert euch nicht darum, obs Chopin oder Weber oder Arensky ist. Wo habt ihr das früher getan: malerische Trachten, wie sie das schlechte Varieté liebt, zur Schau zu tragen? Wo hättet ihr früher so unbedenklich gekitscht? Gewiß, ihr könnt noch alle tanzen. Einmal sogar, in einem Narrentanz, sehr gut: wie da alle bei einem dumpfen Celloton in der Luft schwebten! Und doch . . .

Wo bist du, Nijinsky! Komm, lege noch einmal deinen Schleier nieder, und siehe: er wurde zum Weib, weil du es wolltest. Fahre noch einmal wie ein buntes Rad unter die Tanzenden! Ach, Nijinsky, wo bist du?

Archiv: Die Fachidiotin

05.08.2009
Wie man Zielgruppen verprellt oder erzieht

Mein Blog gehorchte einmal der schwammigen Zielgruppenbeschreibung: "Menschen, die meine Texte gern lesen und sich für Bücher, Kunst und Kultur interessieren." Damit habe ich mir insgeheim erfüllt, was ein in meinen Augen gutes Sachbuch erreichen muss: eine breite Leserschicht, der man - verkleidet in ihr großes Interessensgebiet - seltene bis seltsame Themen unterschieben darf. Wäre ich ein geschickterer Werbemensch, würde ich dagegen ständig meine alten Buchthemen aufwärmen, um womöglich Käufer zu gewinnen. Aber ich bin ungeschickt, weil dieses Blog noch einen Zweck erfüllen soll: mir Spaß machen. Also denke ich gern laut und exzessiv über laufende Projekte nach ...
Heute will ich anhand des laufenden Projekts von einer Eigenheit bei der Sachbuchrecherche erzählen.

Wer neu hinzugekommen ist, dem sei gesagt, dass die Schlagwörter Russland und Petersburg mich noch eine Weile weiter umtreiben werden, weil die Ballets Russes nun einmal aus dem Marijnsky-Theater in Petersburg hervorgegangen sind und außerdem eine der faszinierendsten Entwicklungen einer Ost-West-Beziehung waren. Wer trotzdem fliehen möchte, dem sei gesagt, dass es noch mindestens genauso viel mit Paris zu tun haben wird, ja sogar mit Berlin und München, Wien, Los Angeles oder New York. Das Problem beim Bloggen ist nur das: Ich kenne in Paris inzwischen wahrscheinlich jede einzelne Kneipe, in der sich die Avantgarde besoff, ich weiß, wer wann wo mit der Pistole herumschoss, welcher Künstler in welcher Wohnung woran jämmerlich verreckte und vieles mehr. Und wenn ich es nicht weiß, muss ich mich nur ins Auto oder in den Zug setzen; mit dem TGV bin ich in knapp drei Stunden dort.

Unbekanntes Terrain

Die über 2000 Kilometer in ein visumpflichtiges Petersburg schaffe ich nicht mal so schnell zwischendurch. Und was würde mich dort von meiner "Geschichte" erwarten? Sicherlich bräuchte ich einen Spezialisten als Führer, denn da ist ein Bruch, den Paris nie erlebt hat: der Stalinismus hat mit vielem gründlichst aufgeräumt. Kommt dazu, dass ich von der Sprache nur Brocken verstehe und von der Geschichte her weder auf Vorbildung aus der Schule noch dem Studium zurückgreifen kann. Der Eiserne Vorhang in meiner Jugend war das im Wortsinn. Ich muss mich als "Rechercheuse" also gezielt und konzentriert auf die weißen Flecken meiner eigenen Landkarte stürzen, muss herausfinden, was ich nicht weiß. Die kleine Handvoll Spezialisten der Russischen Avantgarde, die es weltweit gibt, hilft jedoch nur bei Fachfragen - ihre Forschungen reichen zum Verständnis allein nicht aus.

Wer sich mit Geschichte beschäftigt, hat nur scheinbar Fakten vor sich. Auch Geschichtsschreibung ist von Zeitströmungen und Ansichten einer Gesellschaft geprägt, ist kollektiven Verdrängungen, Vorurteilen, Ignoranz oder Propaganda unterworfen. Ich habe gelernt, jede Quelle, auch die tagesaktuellen Nachrichten, mit einem einfachen Satz zu hinterfragen: Cui bono, wem nützt es? Das macht es manchmal leichter, Gegenquellen zu finden, die man dann vergleichen kann. Leider ist diese kritische Analyse nicht immer so einfach wie mit Texten aus Diktaturen, aus Unterdrückungssystemen. Propaganda - und sei es nur die für ein harmloses Markenprodukt, ist nämlich grundsätzlich immer und überall möglich: Texte können manipulieren.

Wie Personen ihren Charakter durch die Sprache ändern können

Ich möchte einmal an einem konkreten Beispiel zeigen, in welche Fallen ein Sachbuchautor mit scheinbar harmlosen Aussagen fallen kann - und wie man dagegen ankämpft.
Ich recherchiere mein Ost-West-Thema in mehreren Sprachen, nicht nur wegen der Breite der Aussagen, sondern weil viel Fachliteratur nie übersetzt wurde. Hauptsprache der Sekundärliteratur ist dabei Englisch / Amerikanisch, die Originalquellen sind fast ausschließlich französisch geschrieben (die Sprache der russischen Emigranten), in deutscher Sprache gibt es extrem wenig. Russische Bücher sind mir zum einen kaum zugänglich, zum anderen schaffe ich es allenfalls einmal, einen kleinen Absatz "zusammenzureimen" - ich bin hier auf Übersetzungen angewiesen, deren Übersetzer und Herausgeber ich mir genau anschauen muss.

Das kann seltsame Blüten treiben. Ursprünglich lag mir eine deutschsprachige Übersetzung von Nijinskys Tagebüchern vor, die mir äußerst seltsam vorkam. Nach allem, was ich von Nijinsky schon wusste, erschien er mir hier fremd. Er war polnischstämmiger Russe (hat zuhause Polnisch gesprochen) - und genau das stieß mir bei der Übersetzung auf: So würde kein Pole seine Gedanken und Gefühle ausdrücken. Schlimmer noch: Es ging in diesem Text um das "tiefinnerliche Fühlen von Kunst", aber das klang, als würde ein Franzose im Smalltalk "Gefühle teilen".
Eine kleine Recherche erwies, dass der deutsche Verlag die Tagebücher aus der französischen, von Nijinskys Frau (einer Ungarin) stark zensierten Übersetzung hatte übertragen lassen - nicht aus dem Original, das zur Drucklegung noch nicht vorlag!

Dann bekam ich zum Glück die unzensierte und aus dem Russischen neu übersetzte Ausgabe aus dem Suhrkamp Verlag. Streckenweise scheinbar der gleiche Text, könnte man meinen. Aber nicht einmal die übereinstimmenden Abschnitte ähnelten sich besonders. Das schrieb ein völlig anderer Mensch, das waren völlig andere Aussagen, andere Nuancen. Und ich bin mir bewusst, dass ich mich Nijinsky damit nur angenähert habe - den echten, wirklichen müsste ich im Original lesen oder es daneben legen. Mir ist selten so extrem aufgefallen, wie nicht nur das Übersetzen, sondern auch das Übertragen in unterschiedliche Kulturkreise Aussagen derart deutlich verändern kann.

Vorurteilen und Klischees auf der Spur

Noch schlimmer ist das mit den bewusst oder unbewusst einseitigen Sichtweisen der Fachautoren. Ich könnte allein ein Buch darüber schreiben, wie in welchem Land mit der offensichlichen Bisexualität Nijinskys und all den schwulen Künstlern seiner Zeit umgegangen wird, um nur ja ein Aussprechen zu vermeiden und so zu tun, als hätte es das alles nie gegeben. Es gibt wissenschaftlich anerkannte, vielgepriesene Biografien von Künstlern, die selbst dann die sexuelle Orientierung peinlichst verschweigen, wenn sie tatsächlich eine immense Rolle in ihrer Kunst spielt - und das tut sie bei den Ballets Russes, weil sie auch das Rollenbild der Frau radikal verändert hat.

All das sind sehr offensichtliche Beispiele, wo man beim Recherchieren nachhaken und forschen muss. Fieser sind die Kleinigkeiten, die einem selbst nicht auffallen. Die scheinbar unpolitisch und nebensächlich sind. Da ist z.B. Diaghilew, der vor allem bei angelsächsischen Autoren ziemlich exzentrisch, wenn nicht gar zwangsneurotisch erscheint - in einer Verfilmung wird das bis zur Lächerlichkeit auf die Spitze getrieben. Die scheinbaren (!) Fakten: Diaghilew soll extrem abergläubisch gewesen sein und allerhand Rituale geliebt haben, "echter Russe eben", setzen einige Autoren dann urteilend hinzu. Und Diaghilew soll eine derart panische Angst vor Schifffahrten über das Meer gehabt haben, dass er sie mied und darum auch nicht bei der USA-Tournee dabei war. Und weil angeblich alle Russen abergläubisch und irgendwie mystisch veranlagt seien, gerät seine Figur auch in Fachbüchern schnell zu einer Karikatur - einer Karikatur der Vorurteile von Fachautoren.

Klischees im Sachbuch?

Hier trage ich als Sachbuchautorin Verantwortung. Wie viele Vorurteile trage ich weiter? Wie viel Blödsinn, der vielleicht in Zeiten des Stalinismus oder des Kalten Krieges aufgebaut wurde, schreibe ich fest, indem ich mich auf solche "Fakten" beziehe? Natürlich bin auch ich in meiner Kultur gefangen und wahrscheinlich auch von Vorurteilen und Klischees geprägt - dieser Subjektivität kann keiner ganz entschlüpfen. Aber ich muss an jedem auch nur erdenklichen Klischee kratzen. Ich muss wie ein Bildhauer den groben Klotz, als der Diaghilew erscheint, freimeißeln. Indem ich möglichst viele Bücher über ihn lese, aus möglichst unterschiedlichen Kulturkreisen. Indem ich möglichst viele Aussagen von Zeitzeugen sammle, Originalquellen, Aussagen von ihm selbst, seinen Freunden und Feinden - und alles miteinander vergleiche.

Das Märchen von der ominösen Schiffsreise

Das reicht dann z.B. im Fall der Schiffsreisen. Ich bin auch nicht der Typ, der sich auf dem Dach eines Wolkenkratzers cool nach unten beugt - und trotzdem fahre ich Aufzug. Was soll also dieses Getue um seine Angst? Ist einer mit einer Angst schon verrückt? Und hoppla, der Lieblingsurlaubsort von Diaghilew war Venedig! Wie kam er eigentlich von Paris nach London, etwa in einer Mondrakete? Das Geheimnis war durch Augenzeugenberichte seiner Zeit schnell gelöst: Natürlich fuhr der Mann, wenn es nicht anders ging und immer mit Leibarzt, auf Schiffen. Dass er nicht mit nach New York ging, hatte ganz andere Gründe, viel gewichtigere. Aber der Mythos war einfach zu schön! Weil ausgerechnet auf dieser Reise sein Geliebter eine Frau heiratete. All die Autoren, die damit beweisen wollten, dass Nijinsky doch "richtig herum" war, hätten ihr Pulver nicht verschießen können, wenn sie hätten zugeben müssen, dass die beiden schon damals kein Paar mehr waren. Also lieber Mythos im Fachbuch. Vornehmlich in amerikanischen. Wer ist da nun "mystisch veranlagt"?

Das Märchen vom "mystischen Russen"

Der zweite Punkt stieß mir gestern abend noch einmal auf, als ich eine Reportage von Gerd Ruge über eine Reise nach Moskau anschaute. Solche scheinbar unzusammenhängenden Beschäftigungen mit dem Grundthema gehören auch zur Recherche, um sich ein Bild zu machen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln. Da fiel sie wieder, die Aussage; nicht ganz so explizit, aber im Grundton gleich: Russen seien furchtbar abergläubisch und empfänglich für Rituale. In dem Moment war mir endgültig klar: Der ach so abergläubische Diaghilew mit seinen Ritualen war eine Erfindung eines entmystifizierten, kopfbetonten Westens. Tatsächlich kommt er in der Nijinsky-Biografie von Bronja Nijinska viel menschlicher und normaler herüber. Musste ich also wieder kratzen, am heute noch fröhlich blühenden Klischee!

Wer je an einer Bühne gearbeitet hat, wird die seltsamen Rituale und abergläubischen Gesten kennen, auch im äußersten Westen, denn sie sind international. Man klopft dreimal auf Holz, sagt unverständliche Zaubersprüche wie "toitoitoi", geht nicht unter der Leiter des Bühnenarbeiters hindurch oder spuckt seinem Kollegen dreimal hinter die Schulter. Künstler sind verdammt abergläubisch. Ich halte es da wie die Kollegen: Wer etwa über einen noch nicht signierten Vertrag laut spricht, wird ihn nie signieren können. Und wenn ich mir jetzt vorstelle, ich hätte Anfang des 20. Jahrhunderts zig Millionen von reichen Sponsoren in ein Projekt gepumpt, das alle für völlig durchgeknallt halten, und das mich, meine Truppe, ganze Theaterhäuser, Banker und andere in den Ruin treiben würde, wenn es an diesem einen Abend fehlschlägt ... ich weiß nicht, was ich alles an Ritualen ausgeführt hätte!

Ist auch dieses Klischee als solches durchschaut, wird der Weg zu einer Persönlichkeit freier. Statt der fast lächerlichen, ach so abergläubischen Figur kommt plötzlich ein Mann mit immens großem Mut und Durchsetzungsvermögen zum Vorschein. Der ach so mystisch herumfühlende Russe wird plötzlich zu einem Menschen, der zwar seine Leidenschaften und Visionen intensiv lebt, der aber auch unwahrscheinlich stark seinen scharfen Verstand benutzt, um solche Mammutprojekte in die Wirklichkeit umzusetzen, um den gesamten Apparat dazu aufzubauen und anzuleiten. Abgesehen von den diplomatischen und strategischen Fähigkeiten, die ein solcher Impresario braucht. Eine klitzekleine Kleinigkeit nur in der Recherche - und plötzlich steht da ein völlig anderer Mensch.

Und die Moral von der Geschicht...

Solche Recherchen machen demütig. Ich kann mich wahrscheinlich noch so anstrengen, auch mir werden aus meiner eigenen Zeitsicht heraus solche Verzerrungen unterlaufen, trotz aller Sorgfalt. Ich muss mir einer Sache immer bewusst bleiben: Ein Sachbuch erzählt nicht nur etwas über ein bestimmtes Thema. Es erzählt unterschwellig auch immer etwas über seinen Autor, über dessen Zeit und Kultur. Meine Aufgabe ist es, möglichst unsichtbar zurückzutreten, möglichst wenig von mir und meiner Zeit einfließen zu lassen. Lebendig werden sollen diejenigen, die wir nicht mehr fragen können, wie das damals wirklich war. Gar nicht so einfach...

Archiv: Jackson und Nijinsky

12.07.2009
Zwei Tage vor meiner Lesung befinde ich mich im üblichen Vorauftrittsloch. Dauerregen lässt mich ums Open-Air bangen, dazu kommen die üblichen Ängste von Verkehrskatastrophen (nur ein winziger Grenzübergang offen) und eingebildeten Lampenfieberkrankheiten, die sich sachte ankündigen und am Dienstag zuschlagen werden. Sie sind wie alte Kumpel, man weiß genau, wann sie klingeln werden. Freunde, die mich ablenken könnten, sind dagegen alle irgendwie verreist, also werde ich zur Betäubung arbeiten.

Ein wenig Atem- und Lesetraining, denn ausgerechnet jetzt spinnt der Kehlkopf und kratzt. Primelwurzeln, Königskerzenblüten, offene Zischlaute halten. Und dann einfach mit Nijinsky in seine Bühnenwelt abtauchen. Hat da jemand Bühne gesagt? Wie soll das ablenken? Hilft alles nichts, der Abgabetermin schreit bereits vernehmlich. Kürzlich hat mir eine gesagt, warum das mit dem Nijinsky ganz sicher so sei wie mit dem Michael Jackson. Da könne einer irre viel und irre gut, aber leben könne er nicht. Und dann schaue man dessen Leben an, diese durchgeknallten Höhen und Tiefen und Extreme und sei froh, dass man kein Künstler ist. Dass man nur ein kleines, unscheinbares Leben voller grauer Alltage habe.

Leute wie Nijinsky und Michael Jackson, meinte sie, machten einem das fade Leben erträglicher. Und manchmal sogar das schlechte Gewissen, das bohre, warum man damals nicht ausgebrochen sei, warum man damals nicht gewagt habe. Und dann erzählt die Frau, die im Büro tagaus tagein Rechnungen abhakt, wie sie einmal Designerin habe werden wollen, aber das sei nicht vernünftig genug gewesen. Und sehen Sie, sagt sie, der Jackson und der Nijinsky, die sind beide durchgeknallt und es gibt doch so viele Künstler, die verrückt sind, die leben ja schon anders und ich, ich bin in meinem Büro und noch normal. Also war das gut so damals mit der Ausbildung.

Sie sind doch auch noch normal geblieben, findet sie, arbeiten jeden Tag und dann haben Sie mal einen Auftritt und stellen sich hin und lesen vor, ohne Spinnereien, ohne Lampenfieber, geht doch! Sie gehen einfach da raus und machen das und können das, so wie ich meine Rechnungen schreibe, ja zum Teufel noch mal, man kann doch auch Künstler sein und normal bleiben, auch wenn wir lieber die Geschichten von den anderen lesen, den spinnerten. Wie ich ihr bedeute, dass ich da nicht einfach "rausgehe", sondern zumindest einen Moment die Augen schließe und zehn Mal sehr tief atme und manchmal einen Tag vorher krank bin, da meint sie, naja, ein bißchen Koketterie müsse wohl sein in meinem Beruf, ich träte doch auch ohne Angst in ihr Büro und sage einfach Guten Tag und rede und so ein Publikum, das könne doch nicht anders sein als ein Büroplausch.

Passen Sie bloß auf, dass es Ihnen nicht wie dem Nijinsky geht, zu viel Kunst ist ungesund, das sehe man immer wieder; wenn einer schon anfange, anders zu leben als die anderen oder komische Sachen denke.

Und dann komme ich heim, schalte den Fernseher ein, um abzuschalten, und werde aufgeklärt, dass es jetzt Antidepressiva gebe, die man gegen Lampenfieber und alltägliche Stimmungsschwankungen verschreibe. Auf einmal sehne ich mich regelrecht nach etwas mehr Lampenfieber, denn Lampenfieber ist gesund. Es hält einen aufmerksam und wach, gibt einem die Gabe, sich nachher selbst zu beobachten und zu analysieren, während man agiert. Ich denke, nur mit diesem zusätzlichen Adrenalinstoß ist es möglich, extrem aufmerksam, ohne nachzulassen, sein Bestes zu geben. Ich frage mich, was passieren würde, wenn man kleine, Lampenfieber auslösende Pillen in Bürokaffees mischen würde.

Archiv: Der Kaiser tanzt

16.06.2009
Wir fahren in Gedanken südlich von Strasbourg zur Hochkönigsburg. Touristen werden das Gemäuer besser kennen als ich, das einst im Ruf stand, zu Disney-Kitsch-Größe tot restauriert worden zu sein - und von dem man heute weiß, dass der Architekt öfter in Originalpläne geschaut hat als vermutet. Man hat die Restauratoren nämlich nicht geliebt. Kaiser Wilhelm II. hatte sie geschickt, als das Elsass wieder einmal von den Deutschen besetzt war.

Was aber hat das mit den Ballets Russes zu tun?
Eine sehr ausführliche Burgbesichtigung habe ich in Gymnasiumszeiten erlebt. Unser Deutsch- und Geschichtslehrer, ein Franzose aus Hugenottenfamilie, bürstete dort wie üblich mit uns die offizielle Geschichte quer. Ich erinnere mich noch heute, wie er in einem Raum, dessen Lampe ein überdimensionales Urmel zierte, von Kaiser Wilhelms "geheimen Herrenabenden" erzählte. Ich weiß bis heute nicht, was daran war, aber wir gruselten und amüsierten uns gleichzeitig, zu erfahren, dass jene Abende meist in der folterkammerähnlichen Waffenkammer begonnen hätten und darin gipfelten, dass Wilhelm in eben jenem Urmelraum Ballettschrittchen zum Besten gegeben habe. Unserem Lehrer zufolge sogar im Tutu (da hatte er aber wahrscheinlich zwei verwechselt...).

Jetzt, bei der Recherche zum Leben Vaslav Nijinskys, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Kaiser Wilhelm II. hat die Trümmer der Hochkönigsburg zwischen 1901 und 1908 für Repräsentations- und Prunkzwecke restaurieren und ausbauen lassen. 1909, vor genau hundert Jahren, entstanden die Ballets Russes. 1910 traten die Ballets Russes zum ersten Mal im Ausland auf, u.a. im Mai in Berlin im Theater des Westens (wohin sie 1912 zurückkehrten) - mit Erfolg. Wenn ich jetzt nur noch die Stelle wiederfinden würde, in der es heißt, Kaiser Wilhelm habe in Berlin wiederum ein paar ballettartige Schritte imitiert und seine hohen Beamten zum Ballettbesuch verdonnert ... Aber man muss ja nicht alles auswendig wissen, bevor das Buch geschrieben ist. Immerhin, falls er unter diesem Urmel wirklich so getan hat, als könne er tanzen, dann hat er eindeutig die Ballets Russes nachgeahmt!

Archiv: Doppelskandal

29.05.2009
Er ist erst 23 Jahre alt und bereits Kult. Wenn er sich in der Öffentlichkeit zeigt, werden jüngere Frauen schwach und ältere wünschen ihn sich als Sohn. Aber auch Männer aller Altersstufen sind hin und weg. Denn er hat diese berühmten drei K: Körper, Können, Kunst. Am liebsten würde er nur für die letzten beiden Eigenschaften verehrt werden, aber selbst das ist ihm zu viel - ein persönlicher Bodyguard hält ihm allzu aufdringliche Fans vom Leib. Den gibt's auf Fotos, die langsam in Umlauf geraten.

Und dann passiert es. Er darf zum ersten Mal sein eigenes Programm machen. Das bereits im Voraus verzückte Publikum freut sich auf einen Hochgenuss wie gewohnt. Der junge Mann, sieben Frauen - das verspricht, ein wundervoller Abend zu werden. Aber der junge Mann tut nicht, was man von ihm gewohnt ist. Stattdessen zelebriert er männliche Erotik, die einigen schon gleich aufstößt. Und dann, als die Frauen geflohen sind, von der einen nur ein Schal zurückbleibt, greift er ihn, bewegt sich mit ihm, legt ihn der Länge nach hin und sich obenauf. Keiner kann genau sehen, ob er es wirklich macht, aber alle sind überzeugt: Er hat es gewagt, auf offener Bühne vor aller Augen zu masturbieren! Der Kritiker vom Figaro ist so entsetzt, dass er ganz vergisst, wie man eine Rezension schreibt. Sein Artikel wird zur moralischen Hetze mit politischen Folgen.

Dem Kultstar jedoch war diese Arbeit noch nicht modern genug. Er möchte weiter gehen. Sein Lebenspartner und "Agent" unterstützt ihn dabei voll, denn er hat die Hochbegabung erkannt. Und er versteht etwas von PR. Der neue Abend findet genau am gleichen Tag statt, möge sich das Publikum erinnern. Sich ins Gerede bringen, macht Reklame.

Derweil hat der Skandalstar moderne Mitstreiter gefunden. Einen jungen Komponisten, der die Menschen mit seinen neuen Disharmonien von den Stühlen reißt. Und einen Künstler, der auch als Ethnologe Erfahrung hat, der Reisen unternimmt. Was das Trio auf die Bühne bringt, ist für das Publikum schlimmer als eine offene Masturbation, es bedeutet den völligen Bruch mit der vertrauten Welt, ein Extrem für alle Sinne. Wie ein Wirbelsturm fegt sie der junge Mann mit diesen Ideen aus allem bisher Vertrauten in einen Abend, der sich verquer anfühlt.

Schon lange bevor sich eine Jungfrau zu Tode tanzt, bricht im Publikum der Tumult los. Buhrufe und Pfiffe steigern sich zur Kakophonie. Der junge Mann, der selbst nicht auftritt, steht gleich hinter der Bühne und zählt so laut er kann, denn inzwischen ist der Lärm so stark, dass man dort die Musik nicht mehr hören kann. Auch als sich im Publikum die ersten Befürworter und Gegner Boxkämpfe liefern, gibt der Impresario kein Zeichen zum Abbruch. Er ahnt, wenn sie das durchstehen, sind sie weltweit in aller Munde, werden die Schwarzmarktpreise für Eintrittskarten massiv steigen. Und der junge Mann wird das sein, was er längst verdient hat - ein Jahrhundertstar.

Beides war heute, am 29. Mai.
Der erste Skandal fand 1912 (!) in Paris statt. Vaslav Nijinsky tanzte seine erste eigene Choreografie zu Debussys Prélude "L'après-midi d'un faune". Ein Jahr später, also am 29.5.1913, choreografierte er wieder, tanzte aber nicht selbst. Der Künstler Nicolas Roerich entwarf Bühnenbild und Kostüme und ein junger, bisher eher unbekannter russischer Komponist wurde weltberühmt: Igor Strawinsky. Das Ballett: Le Sacre du Printemps.
Mehr dazu natürlich in meinem Buch...

Archiv: folie à deux

20.05.2009
In Frankreich kann man an unterschiedlichen Sorten von "folie" leiden. Im schlimmsten Fall muss man damit in die Psychiatrische. Im freundlicheren Wortsinn bedeutet "folie", dass der gesunde Menschenverstand ab und zu einmal Urlaub einreicht. "Folie" ist aber auch eng an Leidenschaft und Begeisterung geknüpft. So kann man z.B. eine "folie à livres" haben - eine Krankheit, die einem kein Arzt der Welt freiwillig kuriert und keine Krankenkasse zahlt - denn wer ohne Unterlass dringend Bücher sammeln und lesen muss, ist selbst schuld. Und natürlich gibt es im angeblichen Land der Liebe auch die "folie à deux", so etwas wie eine Liebesbeziehung zwischen zweien, die vor Leidenschaft bersten und den Verstand in Dauerurlaub an die Cote d'Azur geschickt haben.

Ich leide an einer Sonderform, die nicht im Wörterbuch steht. Ich habe die "folie à deux" mit dem jeweiligen Buch, an dem ich schreibe. Das führt zu unkontrollierten Handlungen im wahren Leben und Spinnereien um erfundene Geschichten. So brauchte ich letztens dringend ein adäquates Kleid für einen Auftritt im edlen Jugendstil-Rosengarten. Was Einkaufen betrifft, habe ich aber scheinbar nur männliche Gene - ich hasse es. Ach, dachte ich, das bestelle ich jetzt im Internet, ratzfatz.

Ich muss ausholen. Ich schwärme schon immer für eine bestimmte Mode der 1910er, 1920er. Jetzt, mit dem Projekt über die Ballets Russes habe ich einen Modeschöpfer entdeckt, der zu jenem Freundeskreis gehörte und womöglich sogar Mäzen war. Er selbst ließ sich von den Kostümen der Ballets Russes inspirieren: Paul Poiret. Als ich bei den Recherchen auf Bilder seiner Modelle stieß, war ich hin und weg. Ich gäbe etwas darum, nähen zu können! Und wie schön man das modernisieren könnte! Aber unsereins bestellt halt 2009 schnöde aus dem französischen Katalog. Und dann das Erstaunen - Ein Schnitt wie bei Poiret. Komisches Unterbewusstsein...

Folie wird das aber erst bei Aktionen wie heute. Ich brauche für das Kleid in Grautönen noch irgendeinen Windschutz für alle Fälle. Jäckchen, Stola, Tuch? Aber ich kaufe ja nicht gern ein, ich werde schon etwas im Schrank finden. Heute morgen dann ein anstrengender Termin in Strasbourg. Höllenverkehr wegen der Trambaustellen. Wie versüße ich mir einen derart verlorenen Tag? Meldet sich irgendein unterentwickeltes Einkaufsgen, das für sein Leben gern in einem uralten Jugenstil(aha!)-Kaufhaus in Stoffen wühlt. Das kann ich stundenlang...

Irgendeine Stimme (typisch: immer auf andere schieben) sagte mir: Du gehst da jetzt hin, findest hier und jetzt den ultimativen Stoff für eine graue Stola. Und du denkst ganz fest, du wärst bei den Ballets Russes, sagen wir mal 1910. Du findest!

Madame betritt den Laden, zieht eine Schnute, weil die diesjährige Mode in Frankreich offensichtlich trist sein soll, amüsiert sich in der extremen Lurex-Glitzer-Pailettenabteilung und sieht eine dicke hohe Säule neben den schmiedeeisernen Geländern stehen. Fehlte obenauf nur der riesige Farn, dann hätte die Säule mit ihrer Stoffverkleidung aus dem Grandhotel Des Bains am Lido von Venedig sein können. Das ist dieser Luxuskasten, in dem Nijinsky Urlaub gemacht und Visconti seinen "Tod in Venedig" gedreht hat.

Was Dekorationen und Inszenierungen von Räumen betrifft, bin ich immer neugierig. Und wie ich so plötzlich mit Lesebrillenmodus an die Sache herangehe, entdecke ich, dass das gar keine mit Stoff verkleidete Säule ist! Sondern nur eine spezielle Rolle mit Spannvorrichtung, auf die man Pannésamt wickelt. Der war grau und der Wahnsinn (hier sind wir bei der deutschen Übersetzung von folie). Wellenprägung. Und ein nachgemachtes Ausbrennmuster mit Blumen ... so um 1910. Belle Epoque pur.

Ich wickelte zur Probe, je nach Licht ist er silbrig-grau oder hat einen rosaperlmuttfarbenen oder sanft lilagrauen Schimmer. Ein Traum. Als ich an der Kasse schon den passenden Faden verlangte, kam mein gesunder Menschenverstand durch den Laden gerannt. Ich hätte vergessen, nach dem Preis zu fragen, ich Verrückte! So eine folie kann schließlich auch darin ausarten, dass man mehr Geld ausgibt, als man besitzt. Owei. Aber wenn irgendetwas, irgendein Stoff heute noch dieser Atmosphäre der Kostüme der Ballets Russes nahekommt, dann dieser! Was, wenn er schon geschnitten und nicht bezahlbar wäre?

Sechs Euro zwanzig der Meter, sagte die Verkäuferin. Und wunderte sich, dass ich ihr einen besonders wundervollen Tag wünschte.

Archiv: Nijinsky-Fieber

19.05.2009
Heute war es passiert - am 19.5.1909, vor genau hundert Jahren...

Ein gerade zwanzigjähriger Russe tanzte in Paris im noch recht konventionellen Ballett "Le Pavillon d'Armide" zur Musik von Tscherepnin und gewann die Herzen der Zuschauer im Sturm. Es war die Geburtsstunde der Ballets Russes und der Anfang der atemberaubenden Karriere von Vaslav Nijinsky. Der als achtes Weltwunder bestaunte "Gott des Tanzes" berührte die Menschen nicht nur von der Bühne aus. Vaslav Nijinskys Leben war eine Existenz der Extreme. Höchster Ruhm, tiefstes Leid, Hochbegabung und dann im Alter von nur 30 Jahren die Zwangseinweisung in die Psychiatrie. Er verschwand für den Rest seines Lebens nach zweifelhaften Diagnosen in teilweise dubiosen Therapien - und auch bedingt durch die Zeitgeschichte in völliger Isolation von der Kunst und Gleichgesinnten. Was der Tänzer und Choreograf, der seiner Zeit weit voraus war, wirklich geleistet hat, tritt erst in den letzten Jahren zutage.

Ich wollte heute ursprünglich erzählen, was mich an Vaslav Nijinsky so fasziniert, aber dann las ich morgens den mitreißenden Artikel seines größten Sammlers und Spezialisten, des Chefchoreografen des Hamburg Balletts, John Neumeier. Ich wollte nur dasitzen und zuhören, vielmehr hinlesen ... (und empfehle das jedem, der etwas von der Faszination spüren will, die Nijinsky noch heute ausübt).
Ich brenne erst seit Spätherbst 2008 im Nijinsky-Fieber, schreibe erst seit Jahreswechsel unter Vertrag, das ist ein Wimpernschlag, nicht mehr.

Und warum brenne ich so? Wie komme ich dazu, über Vaslav Nijinsky zu schreiben? Ich kann es nur so erklären: es fühlt sich an, als würden sich mit diesem Projekt Kreise schließen, deren Anfänge uralt sind. Das ist von Anfang an nie ein "normales" Buch gewesen. Und es ist für mich persönlich ein absoluter Traum, weil ich die Ebene des gedruckten Textes verlassen darf, weil hier Text neben Musik inszeniert wird - gesprochen von einem Schauspieler. Ich glaube, ich darf das laut sagen: Es ist auch für meine Verlegerin ein Traum. So viele Jahre hat sie Nijinsky im Kopf. Und einige Jahre ist sie bereits meine Verlegerin, blieb mir aber immer anonym. Sie hatte in Lizenz das Elsass-Buch zum Hörbuch gemacht.

Wie das Leben manchmal so spielt, liefen wir uns plötzlich ein paar Mal über den Weg. Ob ich mir vorstellen könne, über die Ballets Russes und Vaslav Nijinsky zu schreiben?
Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie ich reagiert habe. Natürlich kam mir zuerst in den Sinn, dass ich von Ballett keine Ahnung habe. Ich gehe in die Vorstellungen wie jeder andere Laie auch - so wie ich ins Theater und in Konzerte gehe. Aber ich würde nie als Fachfrau jeden einzelnen Schritt auseinandernehmen können. Wie sollte so eine wie ich über ein Thema aus dem Ballett schreiben können? Aber hatte ich nicht in meiner Ausbildung gelernt, mich in jedes nur erdenkliche Thema einarbeiten zu können? Hatte ich nicht auch über Rosen geschrieben, ohne Gärtnerin zu sein?

Ob mich das interessiere? Mmmmh, ja, Russisches liegt mir sehr. Ich hatte als Kind kyrillische Buchstaben als Geheimschrift gelernt, ging später in einen Russischkurs und erlebe heute die Russen in Baden-Baden, warum eigentlich nicht? Ballets Russes, Moment, wann waren die noch gleich, was war da los? Als meine Verlegerin von den Künstlern, Komponisten und Schriftstellern schwärmte, die mit den Ballets Russes und Nijinsky verbandelt waren, hat es mich gepackt. Das war doch diese Zeit, in die ich schon immer mit der Zeitmaschine fliegen wollte! Meine Lieblingskünstler obendrein. Entweder hatte ich sie in Ausstellungen gesehen oder in Büchern. Und ihre Kunstdrucke hängen an meinen Wänden. Spannend. Ja, über diese Zeit der Avantgarde zu recherchieren, welch ein Vergnügen!

Es gab damals eine feste Clique, die täglich mit Nijinsky und Diaghilew in Paris speiste. Und einer von denen ging mir nicht aus dem Kopf. Er erinnerte mich an etwas. Rostand ... Rostand ... kein Name, den man in deutschen Schulen lernt. Aber genau über den habe ich mir vor über sieben Jahren den Kopf zerbrochen. Ich arbeitete damals mit den BBC an einer DVD über Francis Poulenc und zitierte einen Claude Rostand. Ich erinnere mich noch, wie ich das Zitat ständig gegenprüfte. War das nicht doch Maurice Rostand? Der verkehrte irgendwie mit Cocteau und mit Poulenc, war da nicht so eine hochspannende Clique? Der Regisseur von den BBC seufzte, ja, eine spannende Zeit. Das war damals mit den Russen. Da war Poulenc noch jung, hat auch mit den Ballets Russes gearbeitet.

Ich war fast ein wenig traurig, dass wir uns mit dem älteren Komponisten beschäftigten. Ach, einmal im Leben wieder so ein Projekt, multimedial und aus dem Vollen der Künste geschöpft! Einmal im Leben vielleicht sogar ein Projekt über meine Lieblingszeit, über all diese Leute, die ich seit meiner Schulzeit bewundere und die ich in Frankreich sehr lebendig entdecken durfte. Wassilij Kandinsky, Sonia Delaunay-Terk, Pablo Picasso, Henri Matisse ... und all die anderen, Klimt, Modigliani, Rodin, Bakst, Redon, Kokoschka, Chagall - sie alle haben Vaslav Nijinsky entweder gemalt oder persönlich gekannt. Ganz zu schweigen von Leuten wie Marcel Proust, Hugo von Hoffmannsthal, Igor Strawinsky, Isadora Duncan, Maurice Ravel und all den anderen von den Ballets Russes "gebissenen" Künstlern! Das Abenteuer konnte beginnen.

Ich habe mich also Vaslav Nijinsky über Umwege genähert. Und dann seine Tagebücher gelesen, die er angeblich im Wahn verfasst hat. Es ist eins der Bücher, die mich seit langem tief berührt haben. Hier sprach kein durchgedrehter Tänzer aus der Umnachtung, hier machte sich ein hochsensibler Künstler luzide Gedanken über die Kunst und litt daran, dass man ihm diese große Liebe seines Lebens genommen hatte. In dem Moment gab es kein Zurück mehr für mich. Ich wollte diesen Mann näher kennen lernen.

Nein, das war keine normale Recherche mehr. Nijinsky hat auch mein Leben verändert. Ich habe gelernt, wo ich mich selbst schreibend hinsehne. Ich habe dann die verrückteste Entscheidung meines Lebens getroffen (in den Augen anderer) und einen bereits fast 200 Seiten umfassenden Unterhaltungsroman zurückgezogen. Ich will nicht zur "Schreibmaschine" werden. Dass ich trotz widrigster äußerer Umstände dann noch "nebenbei" ein altes Traumprojekt bearbeitete, habe ich meinem Agenten, meiner Verlegerin - und Nijinsky zu verdanken. Jetzt oder nie - das Leben kann so kurz sein und die Zeiten für Kunst sind nie günstig. Wagen.

Ich habe natürlich noch einen Traum. Ich wünsche mir, diese Begeisterung übertragen zu können. Und ich wünsche mir, als lernende Dilettantin diesem wunderbaren Projekt gewachsen zu sein. Und jetzt trinke ich erst einmal einen Sekt auf Vaslav Nijinsky und die Ballets Russes! Ein großartiger Tag heute.

Anmerkung: Das Hörbuch konnte leider aus finanziellen Gründen nicht verwirklicht werden. Im Moment arbeite ich den Text wieder um für das Medium, in dem ich normalerweise schreibe: gedruckte Bücher.

Archiv: Mittellos zum Weltruhm

17.05.2009
Zwischen Armut und Aga Khan

Das größte Gesamtkunstwerk des letzten Jahrhunderts war eigentlich ein Unfall. Kunst braucht Geld - viel Kunst braucht sogar Mäzene. Und da gab es diesen hellen Kopf, der Künstler wie Geldgeber begeistern konnte, der ein zielsicheres Gespür für Talente und Zeitströmungen hatte - und der Kunst über alles liebte. Mit bahnbrechenden Ausstellungen fing er an, versammelte in seiner Kunstzeitschrift "mir isskustva" in Sankt Petersburg führende Experten und Kritiker und führte via Paris die westlichen Europäer an Russland heran. Der Mann, der so viele Künste schätzte, inszenierte außerdem Konzerte und Opern in Moskau, in Paris.

Die Rede ist von Sergej Diaghilew, jenem berühmten Impresario, der Millionen für die Kunst ausgab und selbst sein ganzes Leben lang nur einen einzigen Anzug besessen haben soll. Vielleicht nur eine kleine Legende wie so viele Legenden, die sich um seine Unternehmungen ranken. Denn stets war er eindrucksvoll und elegant gekleidet, wenn er Partys mit dem Aga Khan oder der Marchesa Luisa Casati feierte, oder wenn er mit der berühmten schwulen Runde der Pariser Jeunesse Dorée speiste, zusammen mit Freunden und Bekannten wie Jean Cocteau, Maurice Rostand, Hugo von Hoffmannsthal, Harry Graf Kessler, Igor Strawinsky oder Pablo Picasso. Immer war Diaghilew auf der Suche nach bahnbrechender neuer Kunst, nach jungen Talenten - und vor allem nach Geld.

Die Katastrophe

Plötzlich passierte die Katastrophe. Schon war die Opernsaison geplant, aber noch waren Unsummen zu stemmen. In dem Moment starb ihm sein Hauptmäzen weg. Sergej Diaghilew hatte den Parisern seine russischen Künstler versprochen, die Saison stand vor der Tür. Ein Rückzug war nicht mehr möglich, Oper nicht bezahlbar. Ausgeträumt, der Traum von den schönen Künsten?

"Jetzt erst recht", muss er sich gedacht haben, als er improvisierte - und umdisponierte. Noch gab es eine Kunst, die im restlichen Europa nicht so sehr anerkannt war, die darum vernachlässigt wurde, die vielleicht eher zu bezahlen war. Doch Diaghilew machte keine halben Sachen. Er reiste zurück nach Russland und sammelte die Crème de la Crème um sich. Wenn er Paris zeigen wollte, was Ballett ist, dann nur mit den Stars.

Ein verrückter Traum

Künstler wie Bakst, Benois, Roerich fürs Bühnenbild und die Kostüme, Strawinsky für die Musik und Ballerinen wie die Pawlowa, die Kschesinska und Karsavina - eingekauft im berühmten Sankt Petersburger Mariinsky-Theater. Michael Fokin für die Choreographie und Meister Cecchetti für den Unterricht. Und einer war dabei, ein Tänzer von gerade mal zwanzig Jahren, dem dieses Ereignis zum Schicksal wurde: Vaslav Nijinsky. Künftig größter Tänzer des Jahrhunderts, verehrt als achtes Weltwunder und "Gott des Tanzes", später skandalträchtiger und avantgardistischer Choreograph.

Es hätte alles glatt laufen können. Aber wie das manchmal so ist mit Mäzenen, wollte einer der größten, der Onkel des Zaren, beim Programm und der Rollenvergabe mitreden. Sergej Diaghilew tat das einzig richtige: Er verzichtete auf den Mäzen. Dessen Freunde zogen ihre Gelder ebenfalls zurück. Der Probenraum im Kaiserlichen Theater der Eremitage wurde den russischen Künstlern verschlossen. Mühsam suchten sie sich einen anderen. Denn sie gaben nicht auf, jetzt erst recht! Keiner konnte sich vorstellen, wie diese Saison je über die Bühne gehen sollte.

Der Impresario biss sich durch. Bettelte, suchte und soll sogar irgendwie für jemanden einen Adelstitel verkauft haben. Und dann waren da noch die Freunde in Paris, die russischen Gönner im Ausland. Er und sein Tänzer Vaslav Nijinsky würden nach Frankreich gehen, koste es, was es wolle! Und so zogen sie alle nach Westen, nannten sich fortan die Ballets Russes, wollten das Ballett zur gleichberechtigten Kunst machen und obendrein revolutionieren.

Der Traum macht sich selbstständig

Die Ballets Russes mieteten das Chatelet in Paris und probten bereits während der Umbauarbeiten. Es musste alles sehr schnell gehen, so viel Zeit war durch die Suche nach Ressourcen vergangen. Ob die Premiere des gewagten Unternehmens dann am Freitag oder Samstag stattfand, ist unerheblich. Offiziell war es am 19. Juni 1909 so weit: Das verwöhnte Pariser Publikum zeigte sich begeistert und hingerissen - die Ballet Russes waren geboren, Vaslav Nijinsky wurde weltweit zum Star.

Vor hundert Jahren brach eine Ära an, die es seither nie wieder so gegeben hat: Russland und der Westen befruchteten sich gegenseitig intensiv in Kunst und Kultur; es wurde ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das eine Epoche bewegte und völlig veränderte. Die Avantgarde, die mit den Ballets Russes auf der Bühne und hinter den Kulissen mit all den bildenden Künstlern, Schriftstellern, Musikern, Modeschöpfern, Filmemachern und Komponisten entstand, führte Europa künstlerisch von der Belle Epoque in die Moderne.

Freitag, 8. Oktober 2010

Die verbotene Tür

Wie kommt man als Autorin eigentlich zu einem Thema aus dem Ballett, wenn man selbst nicht tanzt?

 Zunächst glaubte ich an einen sehr banalen Grund - eine Verlegerin hatte mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, etwas über die Ballets Russes zu schreiben. Warum nicht, hatte ich vorsichtig und abwartend geantwortet, denn ich wollte mich erst ein wenig vertiefen, um zu spüren, ob es mich genügend begeistern würde, so dass ich nunmehr zwei Jahre harte Arbeit und Disziplin dafür aufbringen würde. Als Journalistin habe ich zwar gelernt, mich mit allen Sujets vertraut machen zu können - aber die Arbeit an einem Buch erfordert doch eine ganz andere Hingabe.

Nijinsky nahm mich von dem Augenblick an gefangen, als ich seine Tagebücher aufschlug. Das ist für mich heute noch ein Stück Weltliteratur, ein ungeheuer wichtiges Buch, das so überaus sensibel eine Künstlerseele zeigt, die an Lebensumständen und Krieg krank wird, vielleicht auch an den eigenen Erwartungen an sich selbst. Ich verstehe auch nicht, warum dieses Buch von Suhrkamp-Insel nicht einmal im Jubiläumsjahr neu aufgelegt wurde. Aber was die Ballets Russes betraf, hatte ich das seltsame Gefühl eines Déja vu. Klar, die Zeit der Avantgarde ist eine meiner "Lieblingsepochen". Seit meiner Schulzeit liebe ich die Bilder der damaligen Künstler, interessiere mich für die Mode damals mit den Entwürfen von Sonia Delaunay-Terk. Aber irgendwie, das fühlte ich, musste mich Ballett schon früher interessiert haben.

In meinem Hauptblog hat eben ein Kommentator das Rätsel gelöst (danke!). Der Dialog dort liest sich so:
"...und erinnert sich, dass sie als Kind schon mal so eine Ballettserie aus Frankreich verschlungen hat."

Du auch? :))
Hah! "Die verbotene Tür"! Das ist mittlerweile Kult...

Plötzlich sind die Erinnerungen wieder da! Vom gigantischen Ambiente auf dem Dach der Pariser Oper, von den Ballettmädchen, der aufregenden Geschichte. Plötzlich schauert es mich, weil ein Déja vu sich erklärt, das ich bei Nijinskys Lebensgeschichte hatte. In der Kultserie der Sechziger, die in Frankreich "L' Âge heureux" (Das glückliche Alter) hieß und in Deutschland "Die verbotene Tür", haben die Ballettelevinnen verbotenerweise das Dach der Oper betreten. Beim Versuch, durch ein Fenster wieder nach unten zu steigen, bricht sich eine ein Bein. Was habe ich als Kind gebangt! Und etwa vierzig Jahre später lese ich von der Szene in der Petersburger Ballettschule, als die Jungs Nijinsky einen üblen Streich spielen. Er springt über einen Notenständer, den sie plötzlich höher gestellt haben - und verletzt sich lebensgefährlich. Und da ist auch immer wieder dieses Fenster, durch das sein Bruder im Kleinkindalter stürzt - durch das er seinen Bühnenabgang inszeniert. Dieses Fenster ... emotional aufgeladen durch Kindheitserinnerungen an einen Film...

Die plötzliche Erinnerung an die vierteilige Miniserie aus dem Jahr 1966 erklärt mir aber auch ein rätselhaftes Foto aus dieser Zeit. Ich lief nur noch mit diesem goldenen Haarband herum, das meine Mutter "affig" fand und das ich ganz zufällig dieses Jahr wiedergefunden habe. Als das Foto geschossen wurde, war Faschingssonntag, das Haarband also offiziell erlaubt. Unter dem knallroten Mantel mit weißem Pelz und weißen Knöpfen (mein "russischer" Mantel) trage ich irgendetwas Tülliges...

Jeden freien Platz nutzte ich zum "Tanzen" und natürlich, jetzt erinnere ich mich wieder, hat auch mich diese Serie dazu gebracht, unbedingt Ballerina werden zu wollen. Stattdessen wurde ich leider von Zuhause aus dazu gedrillt, etwas "Ordentliches" zu lernen und auf keinen Fall Künstlerin zu werden. Ballettunterricht hätten mir meine Eltern nie bezahlt, selbst wenn sie das Geld gehabt hätten. Zum Glück ist dann wenigstens doch nichts Ordentliches aus mir geworden - und wenn man schon selbst nicht tanzen kann, kann man wenigstens darüber schreiben.

Freunde der Serie aus Frankreich können heute noch eine DVD kaufen, leider ohne Untertitel oder andere Sprachfassungen. Die Vorlage zum Film war ein Roman der Tänzerin, Schauspielerin und Schriftstellerin Odette Joyeux (1914-2000), die im Film die Mutter der Delphine spielt und im echten Leben die Mutter von Claude Brasseur war, in zweiter Ehe verheiratet mit dem Regisseur der Miniserie, Philippe Agostini (Fotos). Nur ein Roman ist in deutscher Sprache vielleicht noch antiquarisch aufzutreiben, "Ballettzauber", 1977 bei Goldmann erschienen. In Frankreich sind Odette Joyeuxs Bücher sehr viel bekannter. Vielleicht liegt eines der Geheimnisse der Verzauberung darin, dass Odette Joyeux selbst an der Pariser Oper Ballett gelernt hat und die Tanzwelt so genau von innen kannte.

Sie hat nicht nur in Frankreich eine ganze Generation für das Ballett begeistern können und ihre Geschichten unvergesslich ins Gedächtnis eingeschrieben. Und diese nachhaltige Wirkung hat sie vielleicht gerade deshalb erreicht, weil sie nicht - wie heute in Mädchenbüchern üblich - eine rosa Tütü-Welt verniedlichte, sondern auch die Härten und Herausforderungen zeigte, sowohl in der Ausbildung des Körpers wie der einer Tänzerpersönlichkeit. Natürlich ließen ihre Bücher viel Raum fürs Schwärmen, sie ließen die jungen Mädchen aber auch wachsen.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Nijinsky - das Buch

Normalerweise sollte man über ein Buch nichts verraten, bevor es nicht erschienen ist.
Dieses Blog ist anders. Die Autorin ist zu begeistert von Vaslav Nijinsky und den Ballets Russes, als dass sie an sich halten könnte. Und so gibt es vorab, begleitend zur Produktion und natürlich auch nach Erscheinen Beiträge zum Thema. Auch wenn es viele werden sollten - in Wirklichkeit verrät die Autorin natürlich vorab überhaupt nichts über das, was nachher wirklich im Buch stehen wird. Das sollte nämlich schon einmaliger werden als ein Blog.
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...