Samstag, 25. Dezember 2010

Nijinsky - ganz nah

Ich bin jemand, der Quellenstudium bevorzugt, wenn es nur irgendwie möglich ist. Leider sind Originalschriften nicht immer und überall zugänglich. Das hat sich in Bezug auf die Recherche um Nijinsky seit Anfang meiner Arbeit inzwischen etwas gebessert, wahrscheinlich dank der erhöhten Aufmerksamkeit zum Jubiläum der Ballets Russes. So ist es mir inzwischen sogar gelungen, eine russische Ausgabe seiner Tagebücher zu besorgen, die laut Angaben der Autoren anhand von Fotokopien (ohne Quellenangabe) des Originals hergestellt worden sein soll. Leider ist es etwa dreißig Jahre her, seit ich ein - damals typisch für den Westen im Kalten Krieg - unzureichendes, rudimentäres Russisch lernte. Das Polnische kommt mir bei Ähnlichkeiten zu Hilfe und ich übe mit russischen Filmen... Nun schreibt Nijinsky aber zum Glück in einer relativ einfachen, klaren Sprache.

Wie würde es sein, statt der mir vorliegenden, recht nahen Übersetzung seine Worte so zu lesen, wie er sie selbst gedacht hat? Würde sich etwas verändern? Und wie verlässlich war die Übersetzung?

Auffällig ist zunächst das Schriftbild, weil "ich" im Russischen aus dem markanten Buchstaben Я besteht. So wirkt der Text bereits ohne genaues Lesen stark ich-bezogen. Die ständige Wiederholung des Pronomens macht jedoch keinen linkischen oder gar egomanen Eindruck, eher wirkt es wie auch in der deutschen Übersetzung, als kämpfe da jemand mit einer Selbstdefinition, als lote einer aus, wo die Grenzen seines Ichs liegen mögen und wie dieses Ich zu bewahren sei. Der da in Ich-Form schreibt, ist nicht wortkarg oder seiner Sprache zu wenig mächtig: Er setzt seinen Satzbau, seine Worte nach Rhythmen und Klängen ein. Nijinsky tanzt seinen Text, er schreibt voller Musikalität.

In den Gedichten wird dies noch deutlicher, wenn man sie laut liest. Der Übersetzer gerät hier an Grenzen und mischt deutsche Übertragung mit russischen Wörtern, um zu zeigen, dass Nijinsky Wortspiele baut. Dadurch wirkt der übertragene Text leider nicht selten kindisch-naiv, ja manchmal fast debil - nicht umsonst wurde er oft als typisches Gelalle eines Verrückten klassifiziert.

Im Original wirken meiner Meinung nach die Versversuche Nijinskys sehr viel geistreicher und vor allem literarischer. Wie "irre" ist einer, dem es gelingt, Wortspiele nicht nur aus Bedeutungen und Silben, sondern auch aus Klanganalogien zu schöpfen und diese so anzuordnen, dass man sie fast singen kann? Wie irre ist einer, der ungewöhnliche Gegensatzpaare bildet, den Leser durch Wiederholungen einlullt, sozusagen in Sicherheit wiegt, um dann mit einer minimalen Wortvariation einen völlig neuen Sinn in die Aussage zu legen? Warum hat nie jemand diese Texte in ihrem Zeitkontext untersucht, etwa im Vergleich mit Apollinaires klanganspielungsreichen Gedichten, mit expressionistischer Lyrik oder surrealistischen Trancetexten?

Wenn ich eines dieser Gedichte laut auf Russisch lese, geht es unter die Haut. Das ist ein hochemotionaler Dialog eines Mannes mit seiner Frau: Er ringt um Worte, weil er weiß, dass sie ihn nicht versteht, nicht verstehen will. Er äfft sie nach, in Wiederholungen immer schriller erscheinend, setzt wie einen Holzhammer seine eigenen Bedürfnisse dagegen, immer wieder, immer wieder ungehört. Momentaufnahme einer Ehe, in der sich der Unverstandene mehr und mehr in sich selbst zurückzieht, bis er "tiefinnerlich" weint...

Er fühlt so tief, dieser Mensch. Dabei ist das "tiefinnerlich" nicht einmal in seinem eigenen Wortschatz gewachsen - sein Landsmann Wassily Kandinsky verwendet es mit Vorliebe - und der hatte auch mit den Ballets Russes einige Berührungspunkte. Wie hochspannend wäre es, Nijinskys Tagebücher einmal nicht zu pathologisieren, sondern als ein literarisches Zeugnis auf solche Verbindungen zu seiner Zeit und seiner Kultur wissenschaftlich zu untersuchen! Nijinsky selbst gibt so viele Hinweise darin, wenn man sie nur ernst nehmen würde.

Hochspannend ist dieses Wort, das er für die "Gefühle" so gern und oft verwendet, dass sogar ein Heft im Russischen danach benannt ist: Чувства (gesprochen Tschuwstwa). Das bedeutet eben nicht reine Emotionen oder Stimmungen, sondern sehr viel mehr! In der Einzahl bezeichnet "Tschuwstwo" zum einen den "Sinn" (Inhalt einer Sache / Sinn für etwas), zum anderen das "Gefühl", die "Empfindung"; durchaus in Richtung von "Empathie" (Einfühlung), die ich bei Nijinsky gern im Deutschen lesen würde, als Prozess einer subjektiven Beurteilung.

Die Wortwurzel stammt aus der alten Kirche, heißt in vielen slawischen Sprachen: hören, riechen, verstehen, fühlen. Wer die Sinne benutzt, empfindet, fühlt. Wer fühlt, versteht; findet einen Sinn. Wer fühlt und versteht, empfindet Mitgefühl - eine andere Wortzusammensetzung.

Die Zusammensetzungen und die Verbform des Wortes kommen Nijinskys Inhalten noch näher: Man kann andere und etwas fühlen, aber auch sich selbst - und sich fühlbar machen - für andere. Das führt zum Selbst-Bewusstsein, das identisch ist mit dem Wort für Würde. Ohne das Fühlen gerät der Mensch in die Katastrophe: Er wird bewusst(seins)los. Allein in dieser einen Vokabel liegt bereits ein Großteil von Nijinskys Philosophie. Seine Tagebücher sind ein einziger Schrei nach dem Fühlen, als wolle er "sich fühlbar machen", um sich zu fühlen. Vor der Liebe, die er propagiert, kommt die Empathie.

Wie sehr passt dazu eine andere Entdeckung kurz vor Abschluss des Buchs: Die Harvard University ist dabei, die Dokumente zu Nijinskys Krankheit ab 1919 einzuscannen. Es handelt sich um Briefe der behandelnden Ärzte und der Familie. Dass Nijinskys Frau eine zwiespältige Rolle in der Aufarbeitung der Tatsachen spielte, ist bekannt. Viel wurde herumgedeutet, warum sie Fakten verändert und Textpassagen zensiert hatte. Und solche Mutmaßungen sind für Autoren nicht einfach, weil Persönlichkeitsrechte bedacht werden müssen. Nijinsky ist zwar längst tot, aber es gibt Nachkommen.

Die Briefe jedoch lassen in einigen Angelegenheiten keinen Zweifel mehr. Für Forscher dürfte es allein schon interessant sein, sich die Handschriften anzusehen: Fast verschwindend, fliehend, winzig die von Romola; regelrecht erschreckend die von Tessa in ihren extremen Biegungen. Ausgerechnet Dr. Frenkel-Tissot (der geheimnisvolle "Dr. Fraenkel"), der aller Wahrscheinlichkeit nach ein tragisch endendes Verhältnis mit Romola hatte, wiederholt immer wieder, was diese angetrieben haben soll: "Liebe, Ruhm, Macht und Geld". Spricht hier der enttäuschte Liebhaber oder der Arzt und Menschenkenner? Sie beide haben Nijinsky, noch bevor er einen Psychiater gesehen hatte, regelmäßig ein starkes, süchtig machendes Schlafmittel ins Essen gemischt, das ist belegt (s. Ostwald: A Leap into Madness). Nijinsky war nicht umnachtet, so dass er selbst den Verdacht in seinen Tagebüchern äußern konnte.

Aber auch die anderen Ärzte waren damals nicht zimperlich, meist wussten sie es nicht besser. Für eine Zugreise empfiehlt man, Nijinsky mit einer Skopolaminspritze ruhig zu stellen. Und ein anderer Arzt schreibt an den berühmten Dr. Ludwig Binswanger im Dezember 1919: "Die ganze Behandlung war blödsinnig zwecklos." Engagiert gingen nicht alle mit Nijinsky um.

Leider wird mein Buch erscheinen, bevor das gesamte Material der Sammlung der Harvard Theatre Collection eingescannt sein wird. Aber auch das gehört zum Schreiben: Der Mut zur Lücke, das Erfassen eines größeren Ganzen unter dem Verzicht auf so manche spannende Kleinigkeit, die vielleicht nur das Rechercheursherz erfreut ... Die interessanten Kleinigkeiten kann ich ja in diesem Blog festhalten.

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