Freitag, 3. Dezember 2010

Modewellen

Gab es in den 1960ern und 1970ern eine Art russischer Modewelle? Und woher kam sie? Diese Frage stellte ich mir gerade in einem Kommentar in meinem Blog "cronenburg". Dann tickte es in meinem Kopf, ich schaute in meinen Büchern nach und entdeckte Erstaunliches: Die Ballets Russes inspirierten nicht nur die Modemacher ihrer eigenen Epoche! Es gab ein mehrfaches Revival - und zwar immer dann, wenn außergewöhnliche Ausstellungen weltweit von sich reden machten. Den wenigsten Frauen, die ihre Kleidung von der Stange oder aus dem Katalog kaufen, wird der Zusammenhang zu Originalkostümen der Ballets Russes klar gewesen sein - und doch bezaubern die Schnitte und Textilien auch in den einfachsten Versionen.

Mary E. Davis hat es in ihrem Buch "Ballets Russes Style. Diaghilev's Dancers and Paris Fashion" (Reaktion Books) aufgeschrieben, wann solche bahnbrechenden Ausstellungen oder Veranstaltungen den Geschmack beeinflussten. 1967/68 kam es zu einem ersten Mode-Revival im Stil der Ballets Russes, als bei Sotheby's  die Kostümsammlung von Grigorjew versteigert wurde - die erste Großversteigerung dieser Art. Im Stil der Diaghilew-Ausstellung von Richard Buckle 1954 setzte Sotheby's ganz auf Erlebnis und Ambiente und begleitete den Verkauf mit Veranstaltungen, zu denen gekrönte Häupter und noch lebende Tänzer des Ensembles kamen. Damit war auch eine breite Presse garantiert. Im Jahr darauf kam es zu einer weiteren großen Kostümversteigerung aus den Nachlässen von Massine und de Basil.

Das Timing hätte nicht besser sein können. All die opulenten Stoffe, der orientalische Look, die altrussischen Muster - das alles traf auf die Hippiekultur mit ihrer Sehnsucht nach ethnischen und verspielten Kleidern, nach Rollenbrüchen und Unkonventionellem. Über Versteigerungen für Sammler wirkten die Ballets Russes also lange nach ihrer Auflösung bis in die Kleiderschränke von ganz normalen Leuten hinein.

Die nächste Welle kam aus der Haute Couture. Yves Saint Laurent machte 1976 Furore mit einer Hommage an die Ballets Russes - eine ganze Kollektion widmete er dem Thema und auch sein Parfum "Opium" (1978) soll davon inspiriert worden sein. Die große Kostümausstellung 1978 im Metropolitan Museum of Art (siehe Links) tat ihr übriges zum neuen Russenrausch in der Bekleidung - und ich behaupte frech, auch die beliebten James Bond Filme und das Kino schürten das Interesse an dem damals noch geheimnisvollen, exotischen Land hinter dem Eisernen Vorhang.

Interessant ist, dass Mary E. Davies ein neues Revival des "Ballets Russes Style" im Gefolge der weltweiten Hundertjahrfeiern und Ausstellungen ausmacht. Sie nennt Karl Lagerfelds Kollektion "Paris-Moscou" 2009 für Chanel - wobei die Gründerin der Firma, Coco Chanel, bekanntlich eine der großen Mäzeninnen der Ballets Russes war und auch Bühnenkostüme entwarf. Lagerfeld kam natürlich nicht nur das Hundertjährige entgegen, sondern auch die Tatsache, dass in Frankreich 2010 das russisch-französische Kulturjahr eingeläutet wurde - mit unzähligen kulturellen Veranstaltungen und Society-Events. Inzwischen ist das Kulturjahr fast vorbei, die Franzosen haben mit Begeisterung russische Musik, Literatur und Kunst genossen und nie gab es so viele russische Produkte im Land. Russland ist plötzlich hip.

Es dauert natürlich immer eine Weile, bis sich Ideen der Haute Couture bis zum Discounter fortsetzen. Manchmal bleiben sie auch nur Minderheitengeschmack für eine einzige Saison. Trotzdem kann ich zumindest für Frankreich behaupten, dass es noch nie so einfach war, sich ein wenig "Ballets Russes Feeling" zu verschaffen, für jeden Geldbeutel. Da sind all die falschen Plüschpelze und die Pelzkragen zum Umhängen, samtene Uniformjacken in Rot, Grün und Blau wie zu des Zaren Zeiten - und geraffte, fließende Oberteile über Leggings, als wären sie von Poiret für seine orientalischen Pluderhosen gemacht. Auch die trägt man in Frankreich wieder, in der etwas schlankeren afrikanischen Form, Sarouel genannt.

Schmuck darf wieder üppig und orientalisch blinken und plötzlich sieht man überall dieses Blau, für das Benois so berühmt wurde und das sich Cartier einst abgeschaut hat. Und zu allem Überfluss kann man sich heute noch in die gleichen Düfte hüllen, die einst Nijinsky und Diaghilew als völlig neue Avantgarde-Düfte in der Nase gehabt haben. Welche Parfums diese hundert Jahre überlebt haben, weil sie heute noch zeitlos sind, verrate ich in meinem Buch - mitsamt ihrer "russischen" Geschichte. Chanel hat es sich jedenfalls auch nicht nehmen lassen, zum Hundertjährigen der Ballets Russes einen alten, vergessenen Duft von 1924 neu aufzulegen: "Cuir de Russie" (Russisch Leder). Die Rezeptur stammt wie beim weltberühmten "Chanel No. 5" vom Parfumeur des Zaren, den Coco durch Diaghilew kennengelernt hatte. Kein Wunder, dass es bereits ein älteres russisches Parfum von Lt Piver gab. Eigenartig, dass beide meiner Nase bisher entgangen sind...

Surftipps:
Anmerkung: L.T. Piver hatte unwahrscheinlich alte Düfte aus der Belle Epoque im Programm, aber sowohl der Server der Firma scheint platt als auch der Verkäufer. Im Web findet man nur noch Vintage-Fläschchen. Ich werde mal hier in Frankreich nachforschen, ob die Firma überhaupt noch existiert.

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