Montag, 1. November 2010

Was, wenn alles ganz anders ist?

Wie irre war Nijinsky? Wer war Nijinsky wirklich? Wie bei jedem Mythos einer Berühmtheit verfolgt und reizt diese Frage während der gesamten Recherche. Obwohl ich weiß, dass es unmöglich ist, Menschen genau zu erfassen, die man nicht mehr selbst fragen kann (und auch bei diesen gelingt Annäherung nur bedingt), will ich ihm doch so nahe wie möglich kommen. Es ist meine Aufgabe als Autorin, so klar wie möglich Interpretationen, Wunschvorstellungen oder sogar Ablehnungen von Dritten auszufiltern. Mehr als Meinung sind manche meiner Ergebnisse nicht - und ich muss sie gegen die Meinungen anderer stehen lassen, damit sich Leserinnen und Leser ein eigenes, ebenfalls subjektives Bild machen können.

Es gibt keine Filme von Nijinsky, das macht eine Annäherung an eine körperliche Realität schwer. Aber es vermeidet auch die Irrtümer, die durch hundert Jahre jüngere Sehgewohnheiten und eine andere Ästhetik auftauchen könnten. Es vergrößert die Projektionsfläche. Trotzdem gibt es zwei Möglichkeiten, Nijinsky direkt in seinem eigenen Ausdruck zu erfahren: in seinen Bildern und in seinen Tagebüchern. Einen Einblick in seine Bilder gibt der Katalog der Hamburger Kunsthalle zur Ausstellung "Nijinskys Auge und die Abstraktion". Nur seine Tagebücher sind nicht gleich direkt zugänglich. Es sind Übersetzungen und damit auch Interpretationen.

Da ich selbst Übersetzerin bin, war mir diese Problematik von Anfang an bewusst. Da überträgt jemand einen Text aus einer Kultur in eine andere, lesbar muss er in der Zielsprache sein, dem Duktus, Ton und Denken des Autors sollte er möglichst nahe kommen. Aber schon beim Nachdenken über den Autor interpretiert der Übersetzer, gibt sein eigenes Verständnis in den Text hinein. Ohne das russische Original zu kennen, schieden in meinen Augen bereits einige Übersetzungen von vornherein aus. Die Übersetzung von Alfred Frank im Suhrkamp-Insel Verlag "Nijinsky. Tagebücher" erschien mir noch als die authentischste, rein vom Sprachgefühl her. Sie ist identisch mit der Hardcover-Version des Berlin Verlags "Nijinsky. Ich bin ein Philosoph, der fühlt".

Bei der Ausgabe von Schirmer / Mosel unter dem Titel "Der Clown Gottes. Ein Tagebuch" stellten sich mir jedoch sofort die Haare auf. Das konnte unmöglich der gleiche Mann sein, über den ich so viel recherchiert hatte, über den ich so viele Zeitzeugenquellen gelesen hatte. Es klang einfach irgendwie falsch. Als ich ins Impressum schaute, erkannte ich warum: Leonore Schlaich hatte damals aus der 1953 erschienenen, von Romola Nijinsky herausgegebenen französischen Ausgabe übersetzt. Heute wissen wir, wie Nijinskys Frau zunächst nicht nur geschönt, sondern auch zensiert hat. Hier spricht Romola Nijinsky lauter als Vaslav Nijinsky. Und noch schlimmer: Es ist die Übersetzung einer Übersetzung. Damit ist der Text nicht mehr wert als eine Nacherzählung zweier Übersetzer, die sich miteinander unterhalten, ohne das Original zu Wort kommen zu lassen.

Es war nicht einfach, an die Quellen zu gelangen, zumal meine Russischkenntnisse rudimentär sind. Ich verstehe es eher über Ähnlichkeiten mit dem Polnischen, erinnere mich nur langsam wieder an in der Schulzeit Gelerntes. Nijinskys Originaltagebücher sind meines Wissens in privatem Sammlerbesitz - nur hin und wieder taucht das Foto einer handgeschriebenen Seite in einem Museum oder bei einer Fotoagentur auf. Und solch ein Foto spricht Bände, kann uns, weil der Text handgeschrieben ist, so viel mehr noch sagen als ein gedruckter Text. Schließlich habe ich diesen in Russland ausfindig gemacht - im Jahr 2000 wurde dort der russische Originaltext veröffentlicht, auch wenn ich leider keine Quelle ausfindig machen konnte.

Zunächst bestätigt er mir, was ich vom Gefühl her vermutete: Franks Übersetzung kommt dem Original so nahe, dass man beide Texte nebeneinander lesen kann - was mir das Verständnis natürlich erheblich erleichtert. Und doch hat es auch einen Vorteil, dass ich nicht wirklich Russisch kann. Ich sehe mir den Text wie ein Kunstwerk an, wie ein Bild mit Chiffren. Angeblich war Nijinsky beim Verfassen bereits in "geistiger Umnachtung" befangen - was auch immer dieser altertümliche blumige Ausdruck bedeuten mag, den sogar Serge Lifar für die Tagebücher benutzte. Angeblich war Nijinsky beim Schreiben höchst verwirrt, zeitweise sogar in Panik. Andere Interpretatoren halten ihn schreiberisch für minderbemittelt, obwohl Arthur Miller die Hefte des Tänzers zu den wichtigsten Texten der Weltliteratur zählte. Müsste man all das nicht im Text sehen können?

Auf den ersten Blick fällt eine unwahrscheinliche Häufung des Wörtchens "Ich" auf, das im Russischen mit einem einzigen Buchstaben geschrieben wird, der aussieht wie ein großes R in Spiegelschrift. Die Sätze wirken klar gereiht, das Verb findet auch ein Sprachanfänger. War Nijinsky vielleicht gar nicht so philosophisch, sondern nur ein Idiot, ein vielleicht brillanter Idiot? Weil die wenigsten Nijinskys Tagebücher als Literatur einordneten, kamen auch die wenigsten auf die Idee, seine Texte mit denen der damaligen Avantgarde zu vergleichen. Wenn ich seine russischen Texte laut vorlese, erinnern sie mich sofort an Leonid Zypkin oder Andrej Belyj: Auf den ersten Blick erscheinen sie unverdaulich und schräg, aber im Nu entwickeln sie einen vollkommen hypnotischen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann. Das ist gerade umso erstaunlicher, als das Wort "Ich" sich so häuft. Wäre der Text nicht nach irgendetwas komponiert, würde spätestens dieses Wörtchen nerven, die Leser aus der Textmelodie werfen.

Aber genau das fällt auf, wenn man das Original liest: Es ist Sprachmusik. Diese Texte kann man fast tanzen. Hier schreibt jemand, der vielleicht nicht den Wortschatz eines Shakespeare hat, aber er besitzt ein unbedingtes Gefühl für Rhythmus und Melodie von Sprache. Hier tobt nicht jemand seinen Wahnsinn aus, hier sucht jemand sehnsüchtig nach anderen Kunstformen, weil ihm seine ureigene Kunst - der Tanz - verwehrt bleibt. Und ist es nicht so, dass einem das Ich abhanden zu geraten droht, wenn einem die Kunst genommen wird, die Leben bedeutet und den einzigen authentischen Ausdruck? Was ist das für ein Mensch, der verzweifelt sein Ich in der Sprachmusik tanzen muss, weil ihm für den Körper kein Raum mehr bleibt, weil ihm die Bühne genommen ist?

So manches Urteil à la "hier spinnt er" von späteren Interpretatoren entpuppt sich beim Anschauen der Handschrift als Angst oder Unbehagen eben dieser Interpretatoren. Warum sieht die Schrift denn an dieser Stelle ruhig und klar und deutlich aus? Warum ringt er an anderer Stelle um einen treffenderen Ausdruck, streicht durch, formuliert neu? Und streicht er woanders aus Angst, aus Verwirrung? Warum flieht die Schrift plötzlich kleiner werdend bis an den untersten Rand? War es Papiermangel? Waren es innere Zustände? War es die Heimlichkeit vor der eigenen Frau? Wir können ihn nicht mehr fragen. Und genau deshalb müssen wir so vorsichtig mit schnellen Urteilen sein.

Wir werden Nijinsky dann ein Stück näher kommen können, wenn sich endlich einmal jemand mit einer Faksimile-Ausgabe beschäftigen könnte und sich nicht zu fein dazu wäre, Nijinsky im Kontext der künstlerischen Avantgarde seiner Zeit zu betrachten, anstatt als losgelöst existierendes "Problem". Nijinsky hat viel Literatur gelesen, er hat mit den berühmten Schriftstellern und Künstlern seiner Zeit gelebt, gegessen und ihnen zumindest zugehört. Wie irre er wirklich war, woran er überhaupt litt - das werden wir erst dann einigermaßen objektiv erfahren, wenn sich jemand die Mühe machen würde, seinen Text zunächst nur als Text zu betrachten und zu untersuchen. Bis dahin ist Alfred Franks Übersetzung im deutschsprachigen Raum die einzig gute Annäherung. Warum weder Insel noch Berlin Verlag diesen wichtigen Text zum Hundertjährigen der Ballets Russes neu aufgelegt haben, ist mir ein unverständliches Rätsel.

Wer einmal einen völlig anderen bahnbrechenden Text aus dieser Zeit lesen möchte, dem empfehle ich den Jahrhundertroman von Andrej Belyj: Petersburg, in der kongenialen Übersetzung von Gabriele Leupold bei Suhrkamp. Belyjs hypnotisches Werk erschien 1913 - sein Roman war damals Kult. Kein Vergleich zu Nijinskys Texten aus dem Jahr 1919 - aber ein Einblick in das, was die Avantgarde der Zeit sprachlich umtrieb. Vielleicht würde man Nijinskys assoziative Wortspiele heute auch anders deuten, weil man die literarischen Spiele seiner Zeit besser kennt?

Linktipp:
Sprache als Bewegung bei Belyj
Russische Ausgabe der Tagebücher von Nijinsky

PS: Falls mir ein Fehler unterlaufen ist, weil ich nicht genug Russisch verstehe, wäre ich dankbar für einen Kommentar!

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