Samstag, 16. Oktober 2010

Pina Bausch und "Tanzträume"

Was hat die wunderbare Pina Bausch mit den Ballets Russes zu tun? Auf den ersten Blick nichts, außer dass ich in diesem Blog auch über den Tellerrand meines Themas schauen möchte. Auf den zweiten Blick jedoch haben die Ballets Russes wohl als erste etwas gewagt, was uns heute so selbstverständlich scheint: Sergej Diaghilew besetzte trotz seines Ensembles aus den besten Tänzern seiner Zeit auch schon mal Rollen mit Laien - tragende Rollen sogar.

Eine, die nie eine fertige Tanzausbildung absolvierte und eigentlich "nur" eine charismatische Schauspielerin war, wurde an der Seite von Vaslav Nijinsky sogar so berühmt, dass sie das Frauenbild einer Epoche aufmischte und veränderte: Ida Rubinstein. 1908 debütierte sie mit etwas, das wir heute Striptanz nennen würden - sie entkleidete sich wirkungsvoll als Salomé beim Tanz der Sieben Schleier. Diaghilew hatte ein Gespür für die Wirkung von Erotik und engagierte sie für die Ballette Kleopatra und Sheherazade. Die hochintelligente, zehnsprachige und vielbegabte Frau wurde zeitlebens als Dilletantin beschimpft, aber sie machte Furore und beeinflusste schließlich sogar das Frauenbild Hollywoods.

Heute dagegen scheint es fast selbstverständlich, auch einmal Laien auf die Bühne zu bringen. Einen ganz besonderen Zauber aber hat die Choreografin Pina Bausch geschaffen, als sie das Stück "Kontakthof" zuerst mit Senioren aufführte und zuletzt mit Jugendlichen ab 14. Ein Film über die letzte Fassung, die wenige Tage vor Pina Bauschs Tod fertiggestellt war, begleitet das Wachsen und Arbeiten der Jugendlichen über ein Jahr lang.

Herausgekommen ist eine berührende Dokumentation von Anne Linsel über das Entstehen eines Stücks aus dem Tanztheater, über die Verwandlung von Laien in Darsteller - und über eine unvergessene Choreografin. Die Filmregisseurin Anne Linsel, die Pina Bauschs Arbeit über Jahre begleitete, sagte in einem lesenswerten Interview mit dem WDR über den besonderen Zauber des Projekts:
"Das Wichtigste, was die Jugendlichen von Pina gelernt haben, ist meiner Meinung, dass man mit seinem ganzen Körper Gefühle ausdrücken kann ....Dadurch haben sie eine Sensibilität für Kunst entwickelt und verstehen gelernt, dass Kunst etwas mit dem Leben zu tun hat und nichts Abgehobenes ist."
Der Film "Tanzträume" hatte in Deutschland im März Premiere und läuft gerade vor einem begeisterten Publikum in französischen Kinos an. Er ist auf DVD erhältlich.

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