Freitag, 8. Oktober 2010

Die verbotene Tür

Wie kommt man als Autorin eigentlich zu einem Thema aus dem Ballett, wenn man selbst nicht tanzt?

 Zunächst glaubte ich an einen sehr banalen Grund - eine Verlegerin hatte mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, etwas über die Ballets Russes zu schreiben. Warum nicht, hatte ich vorsichtig und abwartend geantwortet, denn ich wollte mich erst ein wenig vertiefen, um zu spüren, ob es mich genügend begeistern würde, so dass ich nunmehr zwei Jahre harte Arbeit und Disziplin dafür aufbringen würde. Als Journalistin habe ich zwar gelernt, mich mit allen Sujets vertraut machen zu können - aber die Arbeit an einem Buch erfordert doch eine ganz andere Hingabe.

Nijinsky nahm mich von dem Augenblick an gefangen, als ich seine Tagebücher aufschlug. Das ist für mich heute noch ein Stück Weltliteratur, ein ungeheuer wichtiges Buch, das so überaus sensibel eine Künstlerseele zeigt, die an Lebensumständen und Krieg krank wird, vielleicht auch an den eigenen Erwartungen an sich selbst. Ich verstehe auch nicht, warum dieses Buch von Suhrkamp-Insel nicht einmal im Jubiläumsjahr neu aufgelegt wurde. Aber was die Ballets Russes betraf, hatte ich das seltsame Gefühl eines Déja vu. Klar, die Zeit der Avantgarde ist eine meiner "Lieblingsepochen". Seit meiner Schulzeit liebe ich die Bilder der damaligen Künstler, interessiere mich für die Mode damals mit den Entwürfen von Sonia Delaunay-Terk. Aber irgendwie, das fühlte ich, musste mich Ballett schon früher interessiert haben.

In meinem Hauptblog hat eben ein Kommentator das Rätsel gelöst (danke!). Der Dialog dort liest sich so:
"...und erinnert sich, dass sie als Kind schon mal so eine Ballettserie aus Frankreich verschlungen hat."

Du auch? :))
Hah! "Die verbotene Tür"! Das ist mittlerweile Kult...

Plötzlich sind die Erinnerungen wieder da! Vom gigantischen Ambiente auf dem Dach der Pariser Oper, von den Ballettmädchen, der aufregenden Geschichte. Plötzlich schauert es mich, weil ein Déja vu sich erklärt, das ich bei Nijinskys Lebensgeschichte hatte. In der Kultserie der Sechziger, die in Frankreich "L' Âge heureux" (Das glückliche Alter) hieß und in Deutschland "Die verbotene Tür", haben die Ballettelevinnen verbotenerweise das Dach der Oper betreten. Beim Versuch, durch ein Fenster wieder nach unten zu steigen, bricht sich eine ein Bein. Was habe ich als Kind gebangt! Und etwa vierzig Jahre später lese ich von der Szene in der Petersburger Ballettschule, als die Jungs Nijinsky einen üblen Streich spielen. Er springt über einen Notenständer, den sie plötzlich höher gestellt haben - und verletzt sich lebensgefährlich. Und da ist auch immer wieder dieses Fenster, durch das sein Bruder im Kleinkindalter stürzt - durch das er seinen Bühnenabgang inszeniert. Dieses Fenster ... emotional aufgeladen durch Kindheitserinnerungen an einen Film...

Die plötzliche Erinnerung an die vierteilige Miniserie aus dem Jahr 1966 erklärt mir aber auch ein rätselhaftes Foto aus dieser Zeit. Ich lief nur noch mit diesem goldenen Haarband herum, das meine Mutter "affig" fand und das ich ganz zufällig dieses Jahr wiedergefunden habe. Als das Foto geschossen wurde, war Faschingssonntag, das Haarband also offiziell erlaubt. Unter dem knallroten Mantel mit weißem Pelz und weißen Knöpfen (mein "russischer" Mantel) trage ich irgendetwas Tülliges...

Jeden freien Platz nutzte ich zum "Tanzen" und natürlich, jetzt erinnere ich mich wieder, hat auch mich diese Serie dazu gebracht, unbedingt Ballerina werden zu wollen. Stattdessen wurde ich leider von Zuhause aus dazu gedrillt, etwas "Ordentliches" zu lernen und auf keinen Fall Künstlerin zu werden. Ballettunterricht hätten mir meine Eltern nie bezahlt, selbst wenn sie das Geld gehabt hätten. Zum Glück ist dann wenigstens doch nichts Ordentliches aus mir geworden - und wenn man schon selbst nicht tanzen kann, kann man wenigstens darüber schreiben.

Freunde der Serie aus Frankreich können heute noch eine DVD kaufen, leider ohne Untertitel oder andere Sprachfassungen. Die Vorlage zum Film war ein Roman der Tänzerin, Schauspielerin und Schriftstellerin Odette Joyeux (1914-2000), die im Film die Mutter der Delphine spielt und im echten Leben die Mutter von Claude Brasseur war, in zweiter Ehe verheiratet mit dem Regisseur der Miniserie, Philippe Agostini (Fotos). Nur ein Roman ist in deutscher Sprache vielleicht noch antiquarisch aufzutreiben, "Ballettzauber", 1977 bei Goldmann erschienen. In Frankreich sind Odette Joyeuxs Bücher sehr viel bekannter. Vielleicht liegt eines der Geheimnisse der Verzauberung darin, dass Odette Joyeux selbst an der Pariser Oper Ballett gelernt hat und die Tanzwelt so genau von innen kannte.

Sie hat nicht nur in Frankreich eine ganze Generation für das Ballett begeistern können und ihre Geschichten unvergesslich ins Gedächtnis eingeschrieben. Und diese nachhaltige Wirkung hat sie vielleicht gerade deshalb erreicht, weil sie nicht - wie heute in Mädchenbüchern üblich - eine rosa Tütü-Welt verniedlichte, sondern auch die Härten und Herausforderungen zeigte, sowohl in der Ausbildung des Körpers wie der einer Tänzerpersönlichkeit. Natürlich ließen ihre Bücher viel Raum fürs Schwärmen, sie ließen die jungen Mädchen aber auch wachsen.

Kommentare:

Frank Peters hat gesagt…

Es zeigt doch wie sehr Menschen instinktiver Natur sind, auch wenn man es anfaenglich nicht merkt (oder merken will). Doch, was ist es was letztendlich einem "Grand jeté" motiviert?

Faszination?

PvC hat gesagt…

Ich kann nur sagen, was mich antreibt, das ist schlecht in deutscher Sprache zu beschreiben ... die Franzosen sagen "je suis mordu" ("ich bin gebissen"), die Elsässer: "s'het mich enthusiasmiert".

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