Samstag, 9. Oktober 2010

Archiv: Pitching for Petersburg

10.09.2010
Gestern war so ein Tag mit einem Gefühl, wie man es in diesen verrückten Sommersonnwendnächten im Osten oder Norden bekommt. Nicht als Tourist, sondern wenn man dort lebt und die innere Uhr durchdreht, die ein halbes Jahr Winter gewohnt ist. Es ist schwer zu beschreiben: Irgendwie gehen Zeit und Raum plötzlich verloren und man muss es einfach abfeiern, schlaflos und elektrisiert. Denn der nächste überaus dunkle Winter kommt bestimmt.

Vor 101 Jahren führten die Ballets Russes in Paris in ihrer ersten Ballettsaison "Cléopâtre" auf, eines ihrer legendären "orientalischen" Ballette - zur Musik eines im Westen noch eher unbekannten russischen Komponisten: Anton Arenski. Der junge Nijinsky tanzt einen der Sklaven. Anschließend wird er - wie in einer der Eröffnungsszenen meines Manuskripts - mit Kollegen, Freunden, Mäzenen, Diaghilew, Cocteau und all den anderen wieder einmal ins Larue gegangen sein, einem damals berühmten Lokal.

Hundertundein Jahre nach der Uraufführung des Balletts sitzt die Autorin bei der Uraufführung einer Fassung von Arenskis Streichquartett Nr. 2 a-moll op. 35a, die in der philharmonischen Bibliothek von Petersburg entdeckt wurde. Die Autorin sitzt da ziemlich elektrisiert, weil sie am gleichen Tag die druckfrische fertige Broschüre für den "Grenzgängerweg" in die Hand gedrückt bekam (endlich wieder die eigenen Arbeit anfassen können!) und weil das Elsassbuch mit dem Zander womöglich wunderbare Kapriolen schlagen wird. Und irgendwann viel später an jenem Abend sitzt sie dann auch noch woanders und fühlt sich so zuhause wie lange nicht mehr.

Ein Abend in vier Sprachen und noch mehr Kulturen. Eine der Sprachen ist Russisch. Und da passiert es, wovor Autoren solchen Bammel haben: Spontan-Pitching. "Pitching" kommt eigentlich aus der Filmsprache und meint diesen wahnsinnigen Moment, in dem ein Drehbuchschreiber vor einem Produzenten in etwa einem Satz zusammenfassen muss, was er eigentlich schreibt, warum er das schreibt und warum die Story die gigantischste der Welt ist. Auch Autoren sind heutzutage davor nicht gefeit. Vor jedes sorgsam geschnitzte Exposé sollte man zwei, drei Sätze dieser Art stellen können - und man sollte sie vor allem im Schlaf hervorholen können, falls doch einmal ein Agent oder Verlag anrufen sollte. Wie schwer das ist, etwa zwei Jahre Arbeit in zwei Sätze zu fassen, so dass sich die Faszination überträgt, brauche ich denen, die es kennen, nicht zu sagen. Ich brauche schon allein für ein Exposé manchmal länger als für ein Buchkapitel.

Nun war ich zwar in der entspannten Lage, nichts verkaufen und weder Verleger noch Agenten beeindrucken zu müssen. Aber was macht man, wenn man unversehens von drei Petersburgern gefragt wird: "Wie kamen Sie eigentlich ausgerechnet auf Nijinsky?" mit dem Unterton: "heute, hier?"

Das sind die Momente aus Alpträumen vom Abitur. Da hat man sich furchtbar lang mit der Materie beschäftigt, zig Bücher gewälzt, glaubt alles zu wissen, fühlt sich der Sache gewachsen - und dann muss man aus diesem Wust im Kopf, der ohnehin viel zu undiszipliniert zappelt, plötzlich die Essenz finden, den Schlüssel...

Komisch ... obwohl es nicht verlangt war, gelang mir mein bestes Pitching überhaupt. Was mir spontan zur "Faszination Nijinsky" einfiel, hat für mich selbst noch einmal auf den Punkt gebracht, warum das Thema ein Thema ist - weit über Ballett und Musik hinaus. Es ist nicht nur das Wesen von Kunst, das in diesem begnadeten Künstler deutlich wird. Da ist auch dieser voreuropäische Traum aus den Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg, von einer sich kulturell gegenseitig befruchtenden Gesellschaft, wie sie im Kleinen am Tisch bei Larue saß und im Großen die Avantgarde aufmischte. Dieser unvergessene Weltenbürger hat uns etwas zu sagen. Hochaktuell nicht nur für ein Jubiläumsjahr.

Mit meinem "Spontanpitching", das natürlich im eigentlichen Sinne keins war, wäre ich bei jedem deutschen Verlag, bei jeder großen Agentur abgeschmiert. In den zögernden Antworten wären Ausdrücke vorgekommen wie "zu speziell", "zu hohes Risiko", "kein klar umrissenes Zielpublikum", "aber das ist doch nur Ballett", "da ist zuviel Russland drin, wen interessiert das", "Markt ist dicht", "Sie kommen ein Jahr zu spät, das Hundertjährige ist vorbei".

Die Russen aus Petersburg haben es dagegen sofort verstanden. Da ist Nijinsky sehr lebendig. Und wie der Funke übersprang, das kann mir nun keiner mehr nehmen. Es lässt mich lachen über all die Bedenkenträger und Selbstverhinderer.

Nijinsky lebt. Zwar gibt es das Larue nicht mehr, aber manchmal Momente an einem Tisch, wo man in vier Sprachen und noch mehr Kulturen jenseits des Sprechens versteht, was er in seinen Tagebüchern notiert hat: "Man muss mich nicht denken, man muss mich fühlen."

Der Winter ist gerettet. Langweilen werde ich mich mit der Herausgabe dieses Buchs ganz bestimmt nicht!

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