Samstag, 9. Oktober 2010

Archiv: Jackson und Nijinsky

12.07.2009
Zwei Tage vor meiner Lesung befinde ich mich im üblichen Vorauftrittsloch. Dauerregen lässt mich ums Open-Air bangen, dazu kommen die üblichen Ängste von Verkehrskatastrophen (nur ein winziger Grenzübergang offen) und eingebildeten Lampenfieberkrankheiten, die sich sachte ankündigen und am Dienstag zuschlagen werden. Sie sind wie alte Kumpel, man weiß genau, wann sie klingeln werden. Freunde, die mich ablenken könnten, sind dagegen alle irgendwie verreist, also werde ich zur Betäubung arbeiten.

Ein wenig Atem- und Lesetraining, denn ausgerechnet jetzt spinnt der Kehlkopf und kratzt. Primelwurzeln, Königskerzenblüten, offene Zischlaute halten. Und dann einfach mit Nijinsky in seine Bühnenwelt abtauchen. Hat da jemand Bühne gesagt? Wie soll das ablenken? Hilft alles nichts, der Abgabetermin schreit bereits vernehmlich. Kürzlich hat mir eine gesagt, warum das mit dem Nijinsky ganz sicher so sei wie mit dem Michael Jackson. Da könne einer irre viel und irre gut, aber leben könne er nicht. Und dann schaue man dessen Leben an, diese durchgeknallten Höhen und Tiefen und Extreme und sei froh, dass man kein Künstler ist. Dass man nur ein kleines, unscheinbares Leben voller grauer Alltage habe.

Leute wie Nijinsky und Michael Jackson, meinte sie, machten einem das fade Leben erträglicher. Und manchmal sogar das schlechte Gewissen, das bohre, warum man damals nicht ausgebrochen sei, warum man damals nicht gewagt habe. Und dann erzählt die Frau, die im Büro tagaus tagein Rechnungen abhakt, wie sie einmal Designerin habe werden wollen, aber das sei nicht vernünftig genug gewesen. Und sehen Sie, sagt sie, der Jackson und der Nijinsky, die sind beide durchgeknallt und es gibt doch so viele Künstler, die verrückt sind, die leben ja schon anders und ich, ich bin in meinem Büro und noch normal. Also war das gut so damals mit der Ausbildung.

Sie sind doch auch noch normal geblieben, findet sie, arbeiten jeden Tag und dann haben Sie mal einen Auftritt und stellen sich hin und lesen vor, ohne Spinnereien, ohne Lampenfieber, geht doch! Sie gehen einfach da raus und machen das und können das, so wie ich meine Rechnungen schreibe, ja zum Teufel noch mal, man kann doch auch Künstler sein und normal bleiben, auch wenn wir lieber die Geschichten von den anderen lesen, den spinnerten. Wie ich ihr bedeute, dass ich da nicht einfach "rausgehe", sondern zumindest einen Moment die Augen schließe und zehn Mal sehr tief atme und manchmal einen Tag vorher krank bin, da meint sie, naja, ein bißchen Koketterie müsse wohl sein in meinem Beruf, ich träte doch auch ohne Angst in ihr Büro und sage einfach Guten Tag und rede und so ein Publikum, das könne doch nicht anders sein als ein Büroplausch.

Passen Sie bloß auf, dass es Ihnen nicht wie dem Nijinsky geht, zu viel Kunst ist ungesund, das sehe man immer wieder; wenn einer schon anfange, anders zu leben als die anderen oder komische Sachen denke.

Und dann komme ich heim, schalte den Fernseher ein, um abzuschalten, und werde aufgeklärt, dass es jetzt Antidepressiva gebe, die man gegen Lampenfieber und alltägliche Stimmungsschwankungen verschreibe. Auf einmal sehne ich mich regelrecht nach etwas mehr Lampenfieber, denn Lampenfieber ist gesund. Es hält einen aufmerksam und wach, gibt einem die Gabe, sich nachher selbst zu beobachten und zu analysieren, während man agiert. Ich denke, nur mit diesem zusätzlichen Adrenalinstoß ist es möglich, extrem aufmerksam, ohne nachzulassen, sein Bestes zu geben. Ich frage mich, was passieren würde, wenn man kleine, Lampenfieber auslösende Pillen in Bürokaffees mischen würde.

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