Samstag, 9. Oktober 2010

Archiv: folie à deux

20.05.2009
In Frankreich kann man an unterschiedlichen Sorten von "folie" leiden. Im schlimmsten Fall muss man damit in die Psychiatrische. Im freundlicheren Wortsinn bedeutet "folie", dass der gesunde Menschenverstand ab und zu einmal Urlaub einreicht. "Folie" ist aber auch eng an Leidenschaft und Begeisterung geknüpft. So kann man z.B. eine "folie à livres" haben - eine Krankheit, die einem kein Arzt der Welt freiwillig kuriert und keine Krankenkasse zahlt - denn wer ohne Unterlass dringend Bücher sammeln und lesen muss, ist selbst schuld. Und natürlich gibt es im angeblichen Land der Liebe auch die "folie à deux", so etwas wie eine Liebesbeziehung zwischen zweien, die vor Leidenschaft bersten und den Verstand in Dauerurlaub an die Cote d'Azur geschickt haben.

Ich leide an einer Sonderform, die nicht im Wörterbuch steht. Ich habe die "folie à deux" mit dem jeweiligen Buch, an dem ich schreibe. Das führt zu unkontrollierten Handlungen im wahren Leben und Spinnereien um erfundene Geschichten. So brauchte ich letztens dringend ein adäquates Kleid für einen Auftritt im edlen Jugendstil-Rosengarten. Was Einkaufen betrifft, habe ich aber scheinbar nur männliche Gene - ich hasse es. Ach, dachte ich, das bestelle ich jetzt im Internet, ratzfatz.

Ich muss ausholen. Ich schwärme schon immer für eine bestimmte Mode der 1910er, 1920er. Jetzt, mit dem Projekt über die Ballets Russes habe ich einen Modeschöpfer entdeckt, der zu jenem Freundeskreis gehörte und womöglich sogar Mäzen war. Er selbst ließ sich von den Kostümen der Ballets Russes inspirieren: Paul Poiret. Als ich bei den Recherchen auf Bilder seiner Modelle stieß, war ich hin und weg. Ich gäbe etwas darum, nähen zu können! Und wie schön man das modernisieren könnte! Aber unsereins bestellt halt 2009 schnöde aus dem französischen Katalog. Und dann das Erstaunen - Ein Schnitt wie bei Poiret. Komisches Unterbewusstsein...

Folie wird das aber erst bei Aktionen wie heute. Ich brauche für das Kleid in Grautönen noch irgendeinen Windschutz für alle Fälle. Jäckchen, Stola, Tuch? Aber ich kaufe ja nicht gern ein, ich werde schon etwas im Schrank finden. Heute morgen dann ein anstrengender Termin in Strasbourg. Höllenverkehr wegen der Trambaustellen. Wie versüße ich mir einen derart verlorenen Tag? Meldet sich irgendein unterentwickeltes Einkaufsgen, das für sein Leben gern in einem uralten Jugenstil(aha!)-Kaufhaus in Stoffen wühlt. Das kann ich stundenlang...

Irgendeine Stimme (typisch: immer auf andere schieben) sagte mir: Du gehst da jetzt hin, findest hier und jetzt den ultimativen Stoff für eine graue Stola. Und du denkst ganz fest, du wärst bei den Ballets Russes, sagen wir mal 1910. Du findest!

Madame betritt den Laden, zieht eine Schnute, weil die diesjährige Mode in Frankreich offensichtlich trist sein soll, amüsiert sich in der extremen Lurex-Glitzer-Pailettenabteilung und sieht eine dicke hohe Säule neben den schmiedeeisernen Geländern stehen. Fehlte obenauf nur der riesige Farn, dann hätte die Säule mit ihrer Stoffverkleidung aus dem Grandhotel Des Bains am Lido von Venedig sein können. Das ist dieser Luxuskasten, in dem Nijinsky Urlaub gemacht und Visconti seinen "Tod in Venedig" gedreht hat.

Was Dekorationen und Inszenierungen von Räumen betrifft, bin ich immer neugierig. Und wie ich so plötzlich mit Lesebrillenmodus an die Sache herangehe, entdecke ich, dass das gar keine mit Stoff verkleidete Säule ist! Sondern nur eine spezielle Rolle mit Spannvorrichtung, auf die man Pannésamt wickelt. Der war grau und der Wahnsinn (hier sind wir bei der deutschen Übersetzung von folie). Wellenprägung. Und ein nachgemachtes Ausbrennmuster mit Blumen ... so um 1910. Belle Epoque pur.

Ich wickelte zur Probe, je nach Licht ist er silbrig-grau oder hat einen rosaperlmuttfarbenen oder sanft lilagrauen Schimmer. Ein Traum. Als ich an der Kasse schon den passenden Faden verlangte, kam mein gesunder Menschenverstand durch den Laden gerannt. Ich hätte vergessen, nach dem Preis zu fragen, ich Verrückte! So eine folie kann schließlich auch darin ausarten, dass man mehr Geld ausgibt, als man besitzt. Owei. Aber wenn irgendetwas, irgendein Stoff heute noch dieser Atmosphäre der Kostüme der Ballets Russes nahekommt, dann dieser! Was, wenn er schon geschnitten und nicht bezahlbar wäre?

Sechs Euro zwanzig der Meter, sagte die Verkäuferin. Und wunderte sich, dass ich ihr einen besonders wundervollen Tag wünschte.

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...