Samstag, 9. Oktober 2010

Archiv: Doppelskandal

29.05.2009
Er ist erst 23 Jahre alt und bereits Kult. Wenn er sich in der Öffentlichkeit zeigt, werden jüngere Frauen schwach und ältere wünschen ihn sich als Sohn. Aber auch Männer aller Altersstufen sind hin und weg. Denn er hat diese berühmten drei K: Körper, Können, Kunst. Am liebsten würde er nur für die letzten beiden Eigenschaften verehrt werden, aber selbst das ist ihm zu viel - ein persönlicher Bodyguard hält ihm allzu aufdringliche Fans vom Leib. Den gibt's auf Fotos, die langsam in Umlauf geraten.

Und dann passiert es. Er darf zum ersten Mal sein eigenes Programm machen. Das bereits im Voraus verzückte Publikum freut sich auf einen Hochgenuss wie gewohnt. Der junge Mann, sieben Frauen - das verspricht, ein wundervoller Abend zu werden. Aber der junge Mann tut nicht, was man von ihm gewohnt ist. Stattdessen zelebriert er männliche Erotik, die einigen schon gleich aufstößt. Und dann, als die Frauen geflohen sind, von der einen nur ein Schal zurückbleibt, greift er ihn, bewegt sich mit ihm, legt ihn der Länge nach hin und sich obenauf. Keiner kann genau sehen, ob er es wirklich macht, aber alle sind überzeugt: Er hat es gewagt, auf offener Bühne vor aller Augen zu masturbieren! Der Kritiker vom Figaro ist so entsetzt, dass er ganz vergisst, wie man eine Rezension schreibt. Sein Artikel wird zur moralischen Hetze mit politischen Folgen.

Dem Kultstar jedoch war diese Arbeit noch nicht modern genug. Er möchte weiter gehen. Sein Lebenspartner und "Agent" unterstützt ihn dabei voll, denn er hat die Hochbegabung erkannt. Und er versteht etwas von PR. Der neue Abend findet genau am gleichen Tag statt, möge sich das Publikum erinnern. Sich ins Gerede bringen, macht Reklame.

Derweil hat der Skandalstar moderne Mitstreiter gefunden. Einen jungen Komponisten, der die Menschen mit seinen neuen Disharmonien von den Stühlen reißt. Und einen Künstler, der auch als Ethnologe Erfahrung hat, der Reisen unternimmt. Was das Trio auf die Bühne bringt, ist für das Publikum schlimmer als eine offene Masturbation, es bedeutet den völligen Bruch mit der vertrauten Welt, ein Extrem für alle Sinne. Wie ein Wirbelsturm fegt sie der junge Mann mit diesen Ideen aus allem bisher Vertrauten in einen Abend, der sich verquer anfühlt.

Schon lange bevor sich eine Jungfrau zu Tode tanzt, bricht im Publikum der Tumult los. Buhrufe und Pfiffe steigern sich zur Kakophonie. Der junge Mann, der selbst nicht auftritt, steht gleich hinter der Bühne und zählt so laut er kann, denn inzwischen ist der Lärm so stark, dass man dort die Musik nicht mehr hören kann. Auch als sich im Publikum die ersten Befürworter und Gegner Boxkämpfe liefern, gibt der Impresario kein Zeichen zum Abbruch. Er ahnt, wenn sie das durchstehen, sind sie weltweit in aller Munde, werden die Schwarzmarktpreise für Eintrittskarten massiv steigen. Und der junge Mann wird das sein, was er längst verdient hat - ein Jahrhundertstar.

Beides war heute, am 29. Mai.
Der erste Skandal fand 1912 (!) in Paris statt. Vaslav Nijinsky tanzte seine erste eigene Choreografie zu Debussys Prélude "L'après-midi d'un faune". Ein Jahr später, also am 29.5.1913, choreografierte er wieder, tanzte aber nicht selbst. Der Künstler Nicolas Roerich entwarf Bühnenbild und Kostüme und ein junger, bisher eher unbekannter russischer Komponist wurde weltberühmt: Igor Strawinsky. Das Ballett: Le Sacre du Printemps.
Mehr dazu natürlich in meinem Buch...

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