Dienstag, 11. Februar 2014

Nachruf auf Nijinsky 1950

Eigentlich wird in diesem Jahr der 125. Geburtstag von Vaslav Nijinsky gefeiert. Unter den Fundstücken, die ich dazu in diesem Blog regelmäßig präsentieren möchte, soll aber auch ein Nachruf nicht fehlen. Der englische Guardian brachte ihn am 10. April 1950 - Vaslav Nijinsky starb in England.

Interessant dabei ist nicht so sehr, dass auch zu jener Zeit seine Berühmtheit keineswegs vergessen war: "No male dancer in perhaps any age has had greater fame or a more tragic ending to his career." Vielmehr gab es offensichtlich damals bei den Journalisten Wissenslücken, wie sie zu mancher Mythenbildung geführt haben mögen.

Im Guardian heißt es über Nijinskys Zeit im Ersten Weltkrieg, der Tänzer sei in einem österreichischen Kriegsgefangenenlager interniert gewesen und nur dank Diaghilew gerettet worden: "However, when Nijinsky was interned in an Austrian prison camp after the outbreak of war in 1914 it was Diaghileff who gained his release." Dass Diaghilew trotz ihrer zerrütteten Beziehung im Hintergrund die Fäden spann, um Nijinsky in die USA ausreisen zu lassen, ist richtig. Das ist ihm auch mithilfe politischer und diplomatischer Beziehungen fast im letzten Augenblick gelungen. Für Nijinskys Zustand womöglich zu spät. Falsch ist jedoch der Aufenthaltsort. Die Wahrheit, die wir heute kennen, ist noch viel tragischer. Vaslav Nijinsky geriet mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht nur wegen seines Passes zwischen die Fronten. Reichlich unfähig zu praktischen Lebensentscheidungen folgte er seiner ungarischen Frau in deren Heimat, weil Romola glaubte, in Ungarn sei der Russe sicher. Sie irrte sich angesichts der Weltlage.

Verblendung, die von der Geschichte bestraft wurde. Und dabei hatte Nijinsky noch "Glück". Man internierte ihn, als Zugeständnis an seine Berühmtheit, im Haus der Schwiegereltern: Hausarrest! Und hier begann das große Drama, das in einem echten Gefangenenlager so nie hätte stattfinden können: Die Ehefrau, die er damals schon ablehnt, im Dauerstreit mit ihrer eigenen Mutter, die Ablehnung von Nijinskys Sehnsüchten und Wünschen, das ständige Eingesperrtsein im Turmzimmer, ohne Tanz, ohne Bühnenbekanntschaften, einsam in einem Land, dessen Sprache er weder versteht noch sprechen kann! Zunächst versucht der Tänzer, in der Vaterrolle für die kleine Kyra aufzugehen, aber das Fehlen der Kunst und der Bühnenleute lässt sich nicht unterdrücken. Er greift, um nicht verrückt zu werden an diesem Gefängnis, zum einzigen Bewegungswerkzeug, das ihm bleibt: Er beginnt zu malen.

Sonntag, 9. Februar 2014

Pariser Chic à la Ballets Russes

Spätestens seit dem Spielfilm "Coco Chanel & Igor Stravinsky" ist auch einem breiteren Publikum bekannt, dass die Bühnenkostüme der Ballets Russes nicht nur von berühmten ModerschöpferInnen und Kostümbildnern geschaffen wurden, sondern diese sich durchaus von der Bühne inspirieren ließen. Ich habe in meinem Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" (Hardcover / Kindle-Ausgabe) über die Modemacher, Designer und Luxusparfumeure geschrieben, die sich damals inspirieren ließen.

Poirets Kleid (Zeichnung Iribe) von 1912 ist von Nijinskys Ballett "Nachmittag eines Fauns" inspiriert
Zwei haben sich damals intensiv darum gestritten, wer denn nun die Frauen vom lästigen und vor allem gesundheitsgefährdenden Korsett befreit habe, zwei Modeschöpfer, die in den fließenden und natürlichen Linien der Balletttänzer geradezu schwelgten: Coco Chanel, dank heute noch existierender Firma die Bekanntere - und Paul Poiret, vor dem Ersten Weltkrieg mit die Nummer 1 in Paris. Beide haben für die Ballets Russes auch Parfum kreiert, Paul Poirets Kreationen zu Vaslav Nijinskys Baletten unter dem Firmennamen Rosine werden heute von der Osmothèque in Versailles als historische Zeugnisse bewahrt.

Ich will hier nicht zu viel aus meinem Buch verraten. Allerdings habe ich einen Tipp, wo man sich daneben die bahnbrechende Mode von damals anschauen kann.

Nicht minder berühmt als Paul Poiret ist der Designer und Buchillustrator Paul Iribe, der u.a. Prachtbände über Vaslav Nijinsky gestaltet hat, die damals vor allem in der schwulen Gesellschaft hoch begehrt waren (und wegen der limitierten Luxusauflagen auch heute noch einiges wert sein können). Er hat außerdem Schmuck entworfen und die Modellkleider von Paul Poiret gezeichnet! Übrigens ist der Mann so legendär gewesen, dass die Firma Lanvin heute noch ihr Parfum "Arpège" mit Paul Iribes Originalentwurf verkauft!

Die Openlibrary bietet nun mit Unterstützung des Getty Research Institute ein Digitalisat seines Modebuchs "Les Robes de Paul Poiret" von 1908 an. Man kann das Digitalisat hier anschauen und in allen möglichen Formaten kostenfrei herunterladen.

Wer sich in den Modestil von Paul Poiret vertiefen will, findet einen guten Aufsatz im Metropolitan Museum of Art, wo auch Fotos der Ausstellung zu sehen sind, die die Originalentwürfe nach den Ballets Russes präsentierte. Absolut legendär ist dabei dieses Kostüm mit passendem Turban von 1911, das Nijinskys Kostüm im Ballett Sheherazade nachempfunden ist (Nijinsky in diesem Kostüm kann man auf der Hintergrundgrafik dieses Blogs sehen). Hieraus entwickelte Poiret seine berühmten "Lampenschirm-Silhouette", die so populär wurde, dass sich Vaslav Nijinsky in seinen Tagebüchern darüber aufregt, die Frauen im Publikum würden ihn nur noch nachäffen.

Dienstag, 4. Februar 2014

Gehen, spüren, hören, fliegen

Die schwierigste Szene wahrscheinlich des ganzen Stücks: Ein Monolog Nijinskys, bevor der angelegte Konflikt eskaliert. Dünnhäutig wird er dabei, äußerst dünnhäutig. Aber nicht nur er soll fühlen: Ich will, dass das Publikum ihn spüren kann.

Um so etwas schreiben zu können, muss ich mich selbst dünnhäutig machen, muss durchlässig werden. Das sind die Tage, die schöpferisch Tätige auch in anderen Künsten kennen: Man meidet Menschenansammlungen, schließt sich vor dem Geschrei der Wirklichkeit da draußen ab, bringt sich in eine Art Schwebezustand. Nichts darf einen in diesem Moment zurückholen in die Gegenwart der anderen, denn dann wäre der Zauber gebrochen.

Manchmal reicht ein guter Kaffee, ein Fetzen Musik. Aber diesmal ist es anders. Es geht in die Schmerzen eines zutiefst Gepeinigten hinab. Nijinsky hat eine Liebe verloren, zwei seiner Stücke sind abgesetzt und was er vermutet, klingt nur vornehmlich wie Verfolgungswahn. Denn die Intrige, die er feinsinnig erspürt, ist echt. Dazu schwebt wie ein Damoklesschwert über ihm der Wunsch Diaghilews, er möge für ein Jahr aussetzen. Einfach nur aussetzen, Urlaub machen. Wie macht das einer, der ohne Bewegung nicht sein kann, dem die Bühne alles ist - das Leben, die große Liebe? Einer, der im Alltag nicht besteht, alles abgenommen bekommt vom Leibdiener und vom Geliebten? Ein Jahr ohne Tanz ... und das einem Vollbluttänzer, der von Kindesbeinen nichts anderes getan hat? Er will es nicht, aber er klammert sich an die große Aussicht: Ein Ballett nach Musik von Johann Sebastian Bach. Wieder Tänzer und Choreograph zugleich sein ...

Ich trage die Szene, die nun kommen soll, wohl schon ewig mit mir herum ... wie so viele ungeschriebene, aber erfühlte Szenen. Manche von ihnen brauchen Leben und Zeit und seltsame Zufälle um sich herum, um zu wachsen. Da ist der Choreograph, den ich kennenlernte, der als junger Ballettschüler einen ganz besonderen Lehrer hatte: Leon Wojcikowski, einen Tänzer, der noch persönlich mit Vaslav Nijinsky und den Ballets Russes auf der Bühne gestanden hatte! Näher kommt kaum etwas einem Augenzeugenbericht nach hundert Jahren. Und wie er mir vom Geheimnis des Fenstersprungs von Nijinsky erzählt ... etwas, das in keinem Buch steht. Das Niemandem, den ich kenne, auch nur irgendwie bewusst ist. Der Fenstersprung Nijinskys im Ballett "Der Rosengeist" war legendär - in meinem Buch beschreibe ich die schier unmenschliche Anstrengung dahinter. Aber warum sprang Nijinsky einmal rückwärts!?

Nijinsky, Vaslav 2104 / photog... Digital ID: nijinsky_2104v. New York Public Library

Nie werde ich den Gänsehauteffekt vergessen. Da war auf einmal dieses Gefühl aus Kindertagen. Wenn ich aufmerksam den Gehweg entlanggehüpft bin und nicht auf die Linien treten durfte. Immer nur ins Innere der Steinplatten. Auf eine Linie treten, das war wie Chaos in die Welt bringen, das musste ausradiert werden, rückgängig gemacht, mit einem Rückwärtssprung in die Mitte. Kinder haben solche magischen Spiele, die sie irgendwann vergessen. Nur manchmal ist da noch eine leise Ahnung, wie man sich den Kosmos in Ordnung hüpfte, wie es sich anfühlte, wenn er scheinbar in Unordnung geriet, wie man gegensteuerte, sich bewegte, hüpfte, tanzte. Nijinsky hat die Sache mit dem Fenster nicht zufällig getanzt. Sein geliebter Bruder war als Kind aus dem Fenster gefallen, Stockwerke tief. Tagelang lag er bewusstlos, dann das wundersame Erwachen. Aber etwas im Kopf des Bruders war ver-rückt, war aus der geordneten Bewegung geraten. Nijinsky sprang immer wieder für seinen Bruder ... zurück.

Es ist ein Bild für meine Szene. Und da ist noch eine Kindheitserinnerung von ihm, nicht mir, hochemotional. Ich muss in Nijinskys Sprache, seinen Tonfall, seinen Atem finden.

Ich gehe. Gehe über Wiesen, Felder, durch den Wald. Höre Gustav Mahlers Fünfte und gehe ins Gefühl hinein. So viel Traurigkeit, so viel Sehnen ... fast ist die Musik nicht auszuhalten. Es erdet mich mein Hund, der ganz andere Linien verfolgt als choreographische. Aber ich darf nicht stehenbleiben, wie ich dünnhäutiger werde. Raben begleiten mich und Vorfrühlingsvogelsang, der ins Pianissimo dringt. Wie ist das, wenn einem die Kunst genommen werden soll? Wenn man funktionieren soll wie all die anderen da draußen, im Alltag, da, wo es laut ist und das Leben quirlt. Was muss sich einer abschneiden, der das Leben aus sich heraustanzt, der gefühlt werden will von den anderen, der vor Liebe nur so überströmt, als andere ihn abschieben wollen?

Es ist nicht einfach. Daheim, am Laptop sitzend, schalte ich leise, ganz leise Schostakowitsch ein. Das ist die Musik für so etwas: die fünfte Symphonie, auch bei ihm die fünfte .... als ginge es um eine verborgene Symmetrie. Man hört die Anklänge von Mahler bei Schostakowitsch obendrein. Zufallswahl. Zufall? Das Stichwort: Symmetrie. Bevor ich daran gehe, sie komplett zu zerstören.

Dann ist es da. Es schreibt mich. Ich nehme nichts mehr wahr, bin ganz da, ganz vorhanden in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Ich bin mit Nijinsky Kind und ich sitze verzweifelt mit ihm im Hotelzimmer. Spreche für ihn, fühle ...

Irgendwann noch ein Durchgang, ein wenig feilen. Wie immer, wenn etwas so aus mir herausgeflossen ist, muss nicht viel verändert werden. Eine ganze Symphonie lang hat dieser kleine Monolog gebraucht. So viele Tage stecken in dieser winzigen Szene. Der letzte Ton - ein Punkt. Mein erschreckter Blick auf die Uhr, die jemand vorgedreht haben muss ... und dann der Schüttelfrost.

Ich klappere mit den Zähnen, bin völlig ausgelaugt und erschöpft. Einen Espresso und einen Kraftriegel später bin ich fähig, meine eigenen Worte laut durchzulesen. Worte, die mir immer fremd vorkommen und die mit dem Musiker enden, den ich während des Prozesses eigenartigerweise nicht habe hören können:
"Ich gebe ihnen nicht mehr das Tier. Bach. Das ist der Knall Gottes. Das Rauschen hinter dem geöffneten Fenster. Bach ist die Mathematik der getanzten Formen. Fliegen, ohne je gesprungen zu sein."
Habe ich das geschrieben? Es muss wohl so sein. Morgen wird Diaghilew ins Zimmer platzen, Nijinskys Monolog genau an dieser Stelle unterbrechen. Morgen muss ich in Sergej Diaghilew schlüpfen ...

Bevor ich diesen Beitrag hier schreibe, schlage ich nach: 5. Symphonie von Schostakowitsch. Und lese dessen Worte:
"Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich hin: Jubeln sollen wir, jubeln sollen wir ..."
Seltsam. Genau das hätte mein Nijinsky in jener Szene auch sagen können.

Der Vorverkauf für die Premiere in Baden-Baden hat bereits begonnen: Hier Karten reservieren!

Dienstag, 21. Januar 2014

Walk like an Egyptian

Wer hat nicht sofort den Ohrwurm "Walk like an Egyptian" im Ohr und möchte gleich lostanzen zum Nummer-1-Hit der Bangles aus dem Jahr 1986! Lustig war das, mit diesen komischen Bewegungen wie auf altägyptischen Friesen - die Hände vorgeruckt ... wie im nicht minder legendären Video der Band. Es heißt, der Song sei von Leuten inspiriert worden, die herumeierten, um von einer Fähre zu kommen - den Texter habe das an alte ägyptische Fresken erinnert. Aber das ist wohl nur eine Mär, denn der Text selbst gibt einen viel spannenderen Hinweis, wenn es von diesen alten Figuren heißt: "They do the sand dance ..."

Der Sand Dance war nämlich nicht minder berühmt und verbreitete sich einst wie ein Virus. Dabei hatte alles so harmlos angefangen: Ein Komponist namens Alexandre Luigini schrieb die Musik für ein "Ballet égyptien", das genau hundert Jahre vor den Bangles als Teil der Oper Aida Aufsehen erregte. In einer Fassung als Orchester-Suite hatte das Stück auch noch im beginnenden 20. Jahrhundert großen Erfolg - die Leute waren verrückt nach exotischen Themen. In den 1920ern fand diese Musik als Hit aus den Konzerthäusern hinaus in die Variétés und Music Halls von Amerika und Europa. Das Trio Wilson, Keppel and Betty (gegr. 1917) brachte mit seinem "Sand Dance" das Publikum nicht nur zum Kochen ... sondern zum Mittanzen. Der Sand Dance war voll in Mode, die Leute schwelgten im Ägyptenfieber. Abgesehen von den Bewegungen, die alten Fresken nachempfunden waren, war das Ganze auch noch lustig und als "Cleopatra's Nightmare" machte der Tanz dann vor allem in den 1930ern Furore ... Weltweit berühmt war das Trio - nur im Deutschen Reich führte ihre Darbietung, die sie 1936 in Berlin noch gaben, zum Verbot durch Goebbels als "entartete Kunst". Die Tänzerin Betty erlebte eine späte Genugtuung - sie wechselte später in den Journalismus und wurde Korrespondentin bei den Nürnberger Prozessen.
Ob der Songwriter von The Bangles wirklich nichts von diesem Vorbild wusste?
Cleopatra's Nightmare bei youtube anschauen
Wilson, Keppel & Betty bei youtube anschauen
(Das Einbetten der Videos ist leider deaktiviert)

Die wenigsten Menschen jedenfalls kennen den sogenannten Missing Link, das wirkliche Vorbild, das zwischen dem 19. Jahrhundert und den 1920er Jahren überhaupt erst die Ägyptomanie in der Tanzsszene salonfähig machte ... zu seiner Zeit jedoch reichlich skandalumwittert: Vaslav Nijinsky!

Es ist 1912. Vaslav Nijinsky tanzt nach seiner eigenen - übrigens ersten - Choreographie "L'après-midi d'un faune" von Debussy. Die Tänzer tragen Kostüme, die an alte griechische Statuen erinnern, aber ihre seltsamen Bewegungen erinnern an altägyptische Fresken:
"Den Oberkörper unbeweglich zum Publikum gewandt, zeigen ihre Füße schon in Fluchtrichtung, die Köpfe jedoch starr rückwärts zum Faun. Und dann immer wieder das gleiche Spiel: Brust oder Rücken bleiben starr zum Publikum gerichtet, Füße und Köpfe verdrehen sich ins Profil. Keine Miene verzieht sich während der zwölfminütigen Aufführung. In abrupten, starren Winkelungen entwickeln die Gliedmaßen ein Eigenleben, als seien sie abgebrochen von einer Statue, als müssten sie auf einer zweidimensionalen Fläche agieren." (Petra van Cronenburg: Faszination Nijinsky)
Wie es dazu kam, darüber gibt es eine nette Anekdote: Wie immer scheuchte der Impresario Diaghilew seinen Startänzer Nijinsky und den Bühnen- und Kostümbildner Leon Bakst zu Studienzwecken ins Museum. Dumm nur, dass die beiden ausgerechnet im Louvre aneinander vorbei liefen! Bakst wartete im Erdgeschoss auf Nijinsky, sichtlich fasziniert von den Sammlungen aus dem antiken Griechenland. Nijinsky war wieder einmal zu schnell vorausgestürmt: in die ägyptischen Sammlungen einen Stock darüber. Ob er schon einmal einen frühen "Sand Dance" auf der Bühne gesehen hat, ist nicht überliefert. Aber er hat sich seine Bewegungen auf eben jenen altägyptischen Fresken abgeschaut. Seine Idee von der Choreografie war bahnbrechend: Alles sollte so aussehen, als sei es zweidimensional auf eine Wand gemalt!

Als die Ballets Russes dieses Ballett und schließlich auch "Cléopatre" auf die Bühne brachten, grassierte in Europa gerade das Altägyptenfieber. Spektakuläre archäologische Funde rückten die Antike wieder ins Blickfeld - einer der berühmtesten war der Fund der Nofretete 1912. Man schwelgte in den Farben der Fresken und ahmte den Stil der alten Ägypter in Mode und Design nach. Bis die zweite große Welle dieser Mode kam - mit der Öffnung des Grabs von Tut-ench-Amun 1922. Ob Wilson, Kettle & Betty nicht sogar die Vorbilder der Ballets Russes parodierten? Sie gründeten ihre Gruppe im Jahr nach deren legendärer USA-Tournee ...

L'Après-midi d'un faune aus einem Film von 1931. Ein besonderer Leckerbissen für Kenner - die Choreographie stammt vom ehemaligen Mitglied der Ballets Russes, Leon Woizikowski, der noch mit Vaslav Nijinsky auf der Bühne gestanden hat. Er versuchte damals zum ersten Mal, dessen Choreographie einigermaßen zu rekonstruieren. Die Version des Joffrey Ballet (Farbe), das eine wissenschaftlichere Rekonstruktion versuchte, kann man hier anschauen.



Montag, 9. Dezember 2013

Nijinsky auf der Bühne in Baden-Baden

Es ist noch ein wenig früh, aber die Texte kommen schon in die Jahresprogramme und Flyer, so dass es nie zu spät ist, sich das Datum vorzumerken. Ich habe die Ehre und das besondere Vergnügen, Vaslav Nijinsky und Sergej Diaghilew in einer szenischen Lesung auf die Bühne zu bringen ... in genau der Stadt, wo sie 1913 incognito abstiegen.

Ihr Aufenthalt in Baden-Baden ist relativ unerforscht. Davor liegen die größten Theaterskandale der europäischen Kulturwelt, zuletzt der von Strawinskys Le Sacre. Danach fand die völlig überstürzte und bis heute im Motiv nicht geklärte Heirat Nijinskys mit seinem "Groupie" Romola statt - obwohl er noch kurz zuvor gemeinsam mit seinem Partner Sergej Diaghilew als Europas berühmtestes schwules Paar kein Verstecken nötig hatte. Was war in jenen Sommertagen geschehen?

Im Hotel Stéphanie-les-Bains, dem Vorgänger von Brenners Parkhotel,  stiegen die beiden Ballettgiganten 1913 ab

Jeux – russische Spiele in Baden-Baden
Ein Stück von Petra van Cronenburg
in einer szenischen Lesung mit Schauspielern des Baden-Badener Theaters. Eine Veranstaltung der Bibliotheksgesellschaft Baden-Baden in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater am Di., den 27.5.2014 im Literaturmuseum("Gartenhaus").

Ein rätselhaftes Vabanquespiel in Baden-Baden. Zwei Männer, die ihre Träume, Sehnsüchte und die Kunst auf eine Karte setzen.
Im Hotel Stéphanie steigen 1913 zwei Giganten der Theaterwelt ab: Vaslav Nijinsky, weltweit als „Gott des Tanzes“ verehrt, und Sergej Diaghilew, „Gottvater“ der legendären Ballets Russes. Ein ungleiches Paar privat wie auf der Bühne, bei dem es heftig kriselt: Nijinsky tanzt nicht mehr den schillernd schönen Sklaven. In der Weltpresse zerreißt man sich das Maul über seine ultramodernen Choreografien. Der Skandal um Strawinskys „Le Sacre“ hat fast zu diplomatischem Streit zwischen Frankreich und Russland geführt. Dem Impresario Diaghilew steht finanziell das Wasser bis zum Hals, die Mäzene werden unruhig – er sucht den Rausch in altem Pomp. Offiziell plant das Paar in der Kurstadt ein neues Bach-Ballett, will sich von den Skandalen der Pariser Saison erholen. Doch im Hintergrund spinnt jemand unsichtbare Fäden – eine Ménage à trois mit einem Unbekannten verlangt vollen Einsatz.

Montag, 11. November 2013

Jener schicksalshafte Totentanz

Seltsames Publikum strömt in den Ballsaal. Die meisten haben sich eben noch beim Sport vergnügt oder sich die Zeit an der Hotelbar vertrieben ... sie sind vergnügungssüchtig, ballern sich zu. Es hat lange keine Vergnügungen mehr gegeben. Die anderen tragen die Nase hoch und eine schwere Geldbörse unterm Smoking: Man hat es und man zeigt es. Schließlich ist man nicht irgendwo, sondern in Sankt Moritz. Schließlich kann man sich den Urlaub im Schneeparadies leisten und endlich alles, alles vergessen. Im November des vergangenen Jahres feierte man erst den Waffenstillstand. Es ist noch nicht lange her, da versank die blühende kosmopolitische Kultur eines Europas, das von Paris bis Petersburg reichte, in Barbarei, in nationalen Hass und schließlich in Schutt und Asche. Die anfängliche Begeisterung für Fortschritt, Bewegungen und Maschinen kippte schon vor Jahren um in tiefes Leid. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hat man seine Mitmenschen auf eine industrielle, maschinelle Weise abgeschlachtet. All die 200 Gäste, die sich im Ballsaal eines St. Moritzer Hotels versammeln, wollen endlich den Ersten Weltkrieg vergessen, wollen feiern und Seelenbalsam genießen, dürsten nach Unterhaltung.

Nijinsky als Sklave in "Le Roi Candaule", 1906, unbekannter Fotograf
Die Pianistin hat all die schönen und harmonischen Standards aus der Friedenszeit vor dem Krieg geprobt. Aber das Publikum tuschelt. Derjenige, den sie erwarten, soll einmal der berühmteste Star der Welt gewesen sein. Nun ja, gleichzeitig mit dem Amerikaner Charlie Chaplin, den er ausgerechnet mitten im Krieg in den USA kennengelernt hat. Chaplin wird seinen Altersgenossen nie mehr vergessen, wird in seinen eigenen Bildern von ihm geprägt. Aber die Menschen im Ballsaal haben vergessen, was der Weltstar hat aushalten müssen, weil er den falschen Pass zur falschen Zeit hatte, ins falsche Land obendrein geraten. Die meisten wissen gar nicht, was er hat durchmachen müssen. Da war jene geheimnisvolle plötzliche Heirat des bisher berühmtesten Schwulen Europas mit einer Frau ... eine Ehe, die schon gleich eigentlich keine mehr war und aus der es kein Ausbrechen mehr geben sollte. Dazu das viele Leid auf den Bahnhöfen während der Tourneen, als die Ballets Russes trotzdem und immer wieder das Reisen wagten. Dann haben sie ihm die Bewegungsfreiheit genommen. Kriegsgefangenschaft. Gemalt hat er, um sich bewegen zu können. Der berühmte Nijinsky ist nun frei. Er soll inzwischen aus Platzmangel auf dem Balkon seiner Villa proben.

Komisch soll er geworden sein, raunt es durchs Publikum. Ob er vielleicht verrückt ist? Typisch Künstler, sagen die einen. Einfach überarbeitet, ausgebrannt, vermuten die Mitfühlenderen. Aber seine Frau, die auch zugegen ist, macht kaum einen Hehl daraus, dass sie eigentlich gegen die Veranstaltung ist, dass sie ihren Mann in der Tat für verrückt hält. Einen Quacksalber in Sachen Psyche hat sie geholt, einen Sportarzt. "Leichte Hysterie" ist zunächst die Diagnose. Der Künstler, der zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf einer Bühne stehen darf und der viel vorhat mit seinem Solo, soll schlaflos und erregt sein, seine Familie mit Wutausbrüchen erschreckt haben, weil diese die Hektik nicht verstehen kann. Und ist es nicht absolut verrückt, dass einer wie ein Besessener an einer Choreografie arbeitet, während alle anderen dem Après-Ski fröhnen? Ist einer noch normal, der im Ort Farben kauft und Bahnen von Stoff, so viel Stoff! Was hat er nur vor?

Den schönen Prinzen soll er doch geben, seine berühmten göttlichen Sprünge zeigen zu freundlicher Musik. Gewiss, ein wenig kürzer muss er hier schon treten, das Ferienhotel ist schließlich nicht die Pariser Oper! Man trinkt noch einen und noch einen, man schwatzt und träumt von jenen prächtigen Kostümen vor dem Krieg, sicher hat er dafür all den Stoff gebraucht. Seine Frau Romola weist die Pianistin an, Chopin zu spielen, sie will ihren Mann elfenhaft tanzen sehen in seiner alten Rolle aus "Les Sylphides". Man macht sich bereit, in den guten alten Zeiten zu schwelgen.

Und plötzlich der offene Affront. Der Tänzer, absolut nicht im Kostüm, verlangt, was er von den großen Bühnen gewohnt ist: Absolute Stille und Ungestörtheit auch während der Vorbereitungen. Keine Musik und schon gar nicht diese! Seine Frau verlässt gekränkt den Saal, manche überlegen, an die Bar zurückzukehren.

"Dies ist meine Hochzeit mit Gott", sagt Nijinsky nur. Kein Chopin, kein elfenhafter Prinz. Das kann er nach den Kriegsjahren, die ihn und so viele andere fast zerstört haben, nicht mehr. Nicht so kurze Zeit nach dem Kriegsende, 1919. Er will die Agonie tanzen, jenen Tanz auf dem Vulkan, der im Verlust der Menschlichkeit gründete. Er will die eigene Agonie als Künstler auf jene improvisierte Bühne bringen, auf der er so gottverlassen und isoliert gelandet ist, eingesperrt von den Schneebergen, den Gernegroß-Gästen.

Was dann kommt, versteht niemand mehr. Es ist so unerhört. Dieser Mann setzt sich auf einen Stuhl, fixiert die Zuschauer ... und bewegt keinen Muskel! Aber ein Tänzer muss doch tanzen, sich drehen, springen ... Nijinsky sitzt und schweigt und starrt. Es ist, als wolle er die Energie eines jeden einzelnen erspüren. Sein altes Publikum existiert nicht mehr. Das hätte begriffen, dass er zeitlebens seine Choreografien aus der Stille entwickelte, aus der Horizontalen der Erde. Dieses Publikum jedoch will Spaß. Und da steht dieser Verrückte irgendwann auf, packt seine Stoffballen und wirft sie durch den Saal. Schwarzer und weißer Samt bilden auf dem Boden ein riesiges Kreuz. Dahinter steht der Tänzer und wird in seinen sparsamen Bewegungen selbst zum Kreuz, wandelt sich hinein in die Figur eines Gekreuzigten. Er muss vollkommen übergeschnappt sein, denn er tanzt nicht nur, er spricht!

"Jetzt werde ich euch den Krieg tanzen, mit seinem Leid, seiner Zerstörung, seinem Tod. Den Krieg, den ihr nicht verhindert habt, für den ihr also mitverantwortlich seid!" So soll er gesprochen haben. So hat noch nie jemand mit seinem Publikum gesprochen!

Und was er dann tanzte, das muss nicht nur in jenen Elementen seiner Zeit weit voraus gewesen sein und unserem modernen Tanz geähnelt haben. Es muss trotz aller Provokation und des Schocks grandios gewesen sein. Es gibt keinerlei objektive Augenzeugenberichte, aber selbst seine Frau, die ihn da schon für komplett verrückt hielt, musste zugeben, dass er brillant war, mit monumentalen Gesten. Seine "Hochzeit mit Gott" katapultiert ihn wohl in jenes mystische Erleben des Einsseins, das schon im Mittelalter als "unio mystica" beschrieben wird. Seine Tagebücher, die er in jenem Jahr schreibt, sind voll von diesem Erleben. Und das überträgt sich auf das Publikum. Es herrscht diese absolute Stille, die er anfangs fast vergeblich verlangte. Sie hängen an ihm wie die Marionetten, er hat sie in seiner Hand, selbst die Vergnügungsüchtigsten. Jener geheimnisvolle Funke des Theaters ist übergesprungen! Sie belohnen ihn mit donnerndem Applaus.

Es ist sein letzter Tanz. Es ist sein letzter Tanz in Freiheit. Noch im gleichen Jahr wird ihn seine Schwiegerfamilie durch einen äußerst brutalen Polizeieinsatz in die Psychiatrie zwangeinweisen lassen. Vaslav Nijinsky hat sich als Choreograf selbst übertroffen und sich in einen Strudel hineingetanzt, aus dem es kein Entrinnen mehr für ihn gibt ... Und der ihm doch auch vielleicht jenen Ruhepunkt schuf, nach dem seine Seele in dieser verrückt gewordenen Welt so dürstete.

(c) Petra van Cronenburg

Anmerkung: Dieser Text stammt nicht aus meinem Buch, sondern ist frei erzählt, so, wie ich mir aufgrund der Recherchen jenen Abend vorstelle. Aber das Ereignis und die Zeit vorher und danach kommen natürlich auch im Buch vor: "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos". Als Hardcover überall im Buchhandel, als E-Book derzeit bei Amazon (kindle) und bald auch in anderen Shops (epub). Für mehr Infos Link anklicken.
Fans können sich vormerken, dass ich zum 125sten Geburtstag Vaslav Nijinskys eine Veranstaltung in Baden-Baden vorbereite, jenem Ort, wo er sich in seinem Schicksalsjahr incognito aufgehalten hat. Ich informiere rechtzeitig darüber.

Samstag, 2. November 2013

Tanznetz über "Faszination Nijinsky"

Die Zeitschrift Tanznetz hat ihre Seiten umstrukturiert. Deshalb hier noch einmal der aktualisierte Link der Kritik von "Faszination Nijinsky" mit Innenfotos der Druckfahnen des Buchs (leider farbverändert durch die Kamera).




Annette Bopp schreibt über "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" bei tanznetz.de:
"Das Besondere an diesem Buch ist, wie Petra van Cronenburg sowohl die künstlerische wie die menschliche Seite Nijinskys nahebringt, auf ganz unprätentiöse, einfühlsame Art, vor allem aber immer darauf bedacht, der vielschichtigen Persönlichkeit Nijinskys im Rahmen seiner Zeit gerecht zu werden. Da ist viel Neugier spürbar, aber auch großer Respekt, Zuneigung und Zurückhaltung, Bewunderung und Skepsis. Auf diese Weise holt sie auch diejenigen unter ihren Lesern ab, die mit Nijinsky bisher vielleicht nicht so viel anfangen konnten. Sie macht ihn und sein Leben, seine Kunst, verstehbar, nachvollziehbar." 
Hier die gesamte Rezension lesen. 

Alle Infos zum Buch inklusive ausführlicher Leseprobe

Donnerstag, 1. August 2013

Videos zu Le Sacre

100 Jahre Le sacre du Printemps - damals einer der größten nur denkbaren Theaterskandale aufgrund der Musik von Igor Strawinsky und der Choreografie von Vaslav Nijinsky - beiden ihrer Zeit weit voraus. Das Tanznetz hat hier viele Videos zu Aufführungen im Jubiläumsjahr gesammelt, nebst hilfreichen Links.

Montag, 29. Juli 2013

Das nie gelüftete Geheimnis

Es ist seltsam mit den Geheimnissen, die über die Jahrzehnte zur Mythenbildung beitragen. Manchmal sind sie nämlich in Wirklichkeit gar keine. Manchmal müsste man nur die richtigen Augenzeugen finden, die richtigen Texte zusammentragen ... und plötzlich jene unsichtbaren Linien erkennen, die Handlungen zusammenhalten. Und so muss ich mich nun selbst revidieren, muss vielen berühmteren Kollegen widersprechen: Was 1913 mit Nijinsky geschah, ist gar nicht wirklich ein Geheimnis!



Jene nie ganz gelüftete Auseinandersetzung zwischen Nijinsky und Diaghilew, jener angebliche Inkognito-Aufenthalt in Baden-Baden, die wundersame Wandlung des schwul lebenden Nijinsky zum Ehemann eines Groupies - das alles wird plötzlich nachvollziehbar, wenn man ein wenig auf die unbekannteren Protagonisten schaut, die Leute, die nicht berühmt genug sind, dass man sie in jedem Buch zitiert ... oder die einfach gegen die Giganten Nijinsky und Diaghilew den Platz nicht bekommen. Und wenn man vor allem die Buchhaltung des Unternehmens Ballets Russes studiert.

Ich will nicht angeben, schon gar nicht vorab. Aber ich glaube, ich weiß jetzt, wie es gewesen sein könnte. Ich sage bewusst nicht "war". Die Wahrheit werden wir nie herausfinden. Denn es gibt von diesem tragischen Wendepunkt-Sommer weder Film- noch Tonaufnahmen, sondern nur Erinnerungen Dritter, die diese sehr lange nach den Ereignissen zu Papier gebracht haben. Wie unverlässlich die Erinnerung von Zeitzeugen sein kann, ist bekannt. Man muss Aussagen gegeneinander abwägen, mit der bekannten Geschichte vergleichen. Und doch - alles läuft sehr logisch und folgerichtig auf verschiedene Entwicklungen zu.

Ich habe das Glück, keine Wissenschaftlerin zu sein, sondern als Autorin durchaus auch Fiktion bemühen zu dürfen. So schreibe ich im Moment an jenem nie überlieferten Dialog zwischen Nijinsky und Diaghilew. Ursprünglich als reine Fiktion geplant, bin ich nun selbst überrascht, wie die Wirklichkeit mir die besten Konflikte liefert, die verrücktesten Fallstricke einer Liebe zwischen zwei Männern und zur Kunst. Nein, mein Buch "Faszination Nijinsky" muss ich nicht umschreiben deshalb. Und was ich derzeit zu Papier bringe, wird - hoffentlich - live zu erleben sein. Falls dieses völlig verrückte Mammutprojekt zustande kommen sollte, könnte man tatsächlich erwägen, danach ein Essay über die Lösung des großen Rätsels von 1913 zu schreiben. Eigentlich ist es der ganz große Stoff, nach dem sich viele Romanciers sehnen, denn es geht um Leidenschft und Geld.

Freitag, 26. Juli 2013

Sommerfilm: Augenzeugin Marie Rambert

Marie Rambert arbeitete ursprünglich an der damals weithin berühmten Tanzschule von Emile Jaques-Dalcroze in Hellerau bei Dresden, wo man intensiv mit Eurythmie umging. Diaghilew engagierte sie, um Nijinsky bei seiner schwierigsten Choreografie beizustehen: Für Le Sacre von Strawinsky mussten die Tänzer zunächst all die klassischen Tanzschritte vergessen lernen. Marie Rambert tanzte selbst eines der Mädchen in der Aufführung - sie ist also eine der Augenzeuginnen, die besonders intensiv und nah Vaslav Nijinsky erlebt haben. Hier erzählt sie von ihm in seinen unterschiedlichen Rollen:

In einem anderen Video erzählt sie über den Aufruhr bei der Aufführung von Le Sacre, die Szene, die auch in meinem Buch "Faszination Nijinsky" vorkommt: Video 2 anschauen.

Freitag, 31. Mai 2013

Orientalismus im Ballett

Einen sehr guten Artikel über den Orientalismus in den ersten Balletten der Ballets Russes habe ich gefunden, leider etwas ärmlich bebildert. Aber er zeigt sehr deutlich, wie wenig realer Orient im Märchenreich jener Zeit steckte, dafür aber umso mehr Folklore aus südlicheren und östlicheren Regionen des großen russischen Zarenreichs. Vor allem aber erfährt man, wie viele Vorstellungen, die wir uns heute noch vom Orient machen, von den Ballets Russes ins kollektive Gedächtnis gebrannt wurden. Laurel Victoria Gray schreibt: Russian Orientalism and the Ballet Russe.

Wer dagegen gern noch in Bildern schwelgen möchte, wird bei der Library of Congress in Washington fündig. Die hatte nämlich im Jubiläumsjahr der Gründung eine eigene Ausstellung mit Fotomaterial veranstaltet. (Zu den Einzelbildern). Übrigens ist es auch der LOC mit ihren Sammlungen zu verdanken, dass ich mein Buch über Vaslav Nijinsky so reich bebildern konnte - europäische Sammlungen waren leider entweder kaum zu erreichen oder unbezahlbar teuer.

Mittwoch, 29. Mai 2013

Le Sacre - der große Skandal

1913 ist das große Schicksalsjahr für die Ballets Russes - mit der Uraufführung des Ballets Le Sacre du Printemps (Musik: Igor Strawinsky / Choreografie Valav Nijinsky) verursachen sie den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Was damals passiert ist, erzähle ich in diesem etwas älteren Blogbeitrag mit Links zu den Originalkostümen von Nicolas Roerich - und natürlich auch in meinem Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" von Petra van Cronenburg

Festabend 100 Jahre Sacre du printemps

Mehrere hundert Aufführungen gibt es weltweit zum 100jährigen Jubiläum der Aufführung von Le Sacre du Printemps. Wer nicht die Möglichkeit hat(te), an einer der Live-Veranstaltungen teilzunehmen, wird heute abend von ARTE verwöhnt. Das widmet den Abend ganz dem größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts, den die Herren Strawinsky und Nijinsky zu verantworten hatten.
Im Mittelpunkt steht die Fast-Liveübertragung eines ganz besonderen Bonbons: Das Mariinsky-Theater bringt im Pariser Théatre du Chatelet genau die rekonstruierte Choreografie Vaslav Nijinskys in den nachgemachten Kostümen, die damals samt Bühnenbild Nicolas Roerich geschaffen hatte. Das ist auch deshalb besonders, weil genau vor 100 Jahren in genau diesem Theater der Tumult losbrach.

Außerdem schließt sich ein Kreis in der Geschichte - das Mariinsky hat sich mit den Protagonisten der Ballets Russes inzwischen versöhnt. Das war nicht immer so. Vaslav Nijinsky, der dort ausgebildet worden war, ist hochkant aus seiner Tänzeranstellung geflogen, weil er ein angeblich "unziemliches" Kostüm getragen hatte. Und der Impresario der Ballets Russes, Sergej Diaghilew, war in seiner Modernität untragbar geworden. Die Ächtung der beiden hat der Welt einen Segen kosmopolitischen Ausmaßes gebracht: Ohne die Russen wäre das französische Ballett nie revolutioniert worden und als Kunst womöglich sogar untergegangen. Und ohne die Pariser hätten die Russen keinen Auftrittsort gehabt, der ihnen die Freiheit zu kühnen Entwürfen gab.

Heute abend auf ARTE:
20.15-21:45 Uhr eine Dokumentation über das Jahr 1913
21:45-22:20 Uhr die Galavorstellung von Le Sacre in der Choreografie von Nijinsky
22:20-23:35 Uhr eine Dokumentation über die Geschichte des Balletts Le Sacre
23:35 der Spielfim Coco Chanel & Igor Strawinsky

Mehr über Nijinsky und die Ballets Russes im ersten deutschsprachigen Portrait "Faszination Nijinsky" von Petra van Cronenburg.

Dienstag, 12. März 2013

Happy Birthday, Nijinsky!

Im Jahr 1889 sieht die Landkarte anders aus als heute - der wohl berühmteste russische Tänzer aller Zeiten, Vaslav Nijinsky, kommt bei einer Tournee seiner polnischstämmigen Eltern in Kiew zur Welt. Die Mutter Eleonora Bereda und der Vater Tomasz Nieżyński sind beide Tänzer - das Söhnchen hüpft schon in Kleinkinderjahren im Warschauer Teatr Wielki bei den Proben auf der Bühne herum. Sehr eng ist das Verhältnis zu seinen Geschwistern Bronja und Stanislaw - Bronja, die später selbst eine weltberühmte Choreografin werden wird; Stanislaw, dessen tragisches Schicksal den Bruder zeitlebens nicht mehr loslassen wird, das er symbolisch auf der Bühne umsetzt. Ob Vaslav Nijinsky wirklich heute und wirklich 1889 Geburtstag hat, war lange Zeit jedenfalls nicht klar: Zu oft fälschte man seine Papiere, um der Karriere willen, um des Überlebens willen.

Vaslav Nijinsky 1910 als Prinz Albert in "Giselle". Neben tänzerischer Höchstleistung begeisterte er schon in jungen Jahren durch Aussehen und Charisma. Foto: Auguste Bert


Zuerst trickste wohl die Mutter, damit der Sohn nicht zum Militärdienst musste, denn gerade wurde er als Talent am Kaiserlichen Theater in Sankt Petersburg entdeckt, dem heutigen Mariinsky Theater. Später - die Landkarte änderte sich massiv und das alte Europa mit Russland zerfiel in Trümmer - da war Vaslav Nijinsky ein Opfer seiner Internationalität: Ein polnischstämmiger Russe mit dem Pass eines Staatenlosen, verheiratet mit einer Ungarin und zum falschen Zeitpunkt auf dem Boden Österreich-Ungarns. Kriegsgefangener, zum Glück aufgrund seiner Berühmtheit nur im Haus seiner Schwiegereltern interniert, zum Unglück am Tanzen gehindert. Wieder mussten alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, dem Impresario Sergej Diaghilew gelang es nur mit Hilfe oberster amerikanischer Behörden, den russischen Tänzer für eine Amerikatournee frei zu bekommen. Und dann der letzte Schwindel, wahrscheinlich mit den Papieren eines Toten. Damit Nijinsky, der wieder durch seine Frau zur falschen Zeit am falschen Ort gelandet war, in letzter Minute dank seines polnischen Pflegers vor der Ermordung durch die Nazis gerettet werden konnte. Da galt er schon als "Geisteskranker" und stand auf der Todesliste.

Die extremen Brüche ziehen sich durch sein Leben. In Russland lebt er als junger Eleve in der homosexuellen Glitzerwelt eines reichen Society-Mäzens. Es ist normal, dass sich die jungen Tänzer an Mäzene und Förderer verkaufen, vom mickrigen Honorar können sie und ihre Familien nicht überleben. Aber schon damals geht ein Mann in Nijinskys Familie aus und ein, der das außergewöhnliche Talent des jungen Mannes erkennt und aktiv fördert. Er macht Nijinsky mit den Künsten vertraut, mit der Literatur, schleppt ihn mit in Museen und gibt wahrscheinlich sogar dem Liebhaber-Mäzen Geld, damit dieser sich zurückzieht.

Der sehr viel ältere Sergej Diaghilew und Vaslav Nijinsky werden ein Paar. Unzertrennlich, weil keiner ohne den anderen leben kann, aber auch, weil es Sergej Diaghilews 1908 gegründete Ballets Russes nicht ohne seinen Startänzer gäbe - und der weltberühmte Balletttänzer und Choreograf ohne die Truppe ein Nichts wäre. Die beiden leben ihre Beziehung völlig offen, werden zum berühmtesten schwulen Paar Europas. Im Lieblingshotel der Szene, dem Grandhotel am Lido in Venedig, wo Nijinsky einen eigenen Trainingssaal hat, macht just zu jener Zeit ein deutscher Dichter Urlaub. Thomas Mann schreibt seine legendäre Novelle "Tod in Venedig". Keiner, weder der Dichter noch der Impresario ahnen, dass Sergej Diaghilew wie Aschenbach an genau diesem Ort sterben wird.

Nijinsky im Danse Siamoise des Balletts Les Orientales 1910. Foto: Eugène Druet, aufgenommen im Garten des Malers Jacques-Émile Blanche, der Nijinsky nach den Fotos malte. Die Fotoserie beinhaltet auch das einzige Foto von Nijinsky im Sprung, eines der ersten Bewegungsfotos dieser Art überhaupt.

1913 erscheint wieder einer der unbegreiflichen Brüche. Im Sommer sitzt das Leitungsgremium der Ballets Russes, darunter Sergej Diaghilew und Vaslav Nijinsky, noch incognito im Baden-Badener Hotel Stéphanie Les Bains (dem heutigen Brenners Parkhotel). Scheinbar einvernehmlich besuchen sie Barockschlösser, um Inspirationen für ein neues Bühnenbild zu suchen, sie wollen die neue Saison planen. Die Baden-Badener wissen wohl gar nicht, dass sie es mit Weltberühmtheiten zu tun haben. Im Hotel steht kein Flügel zur Verfügung, erst nach einigem Hin- und her wird ein Piano von irgendwo herbeigeschafft.

Ein Jahr zuvor hat Nijinsky mit seiner ersten Choreografie einen Skandal in Paris verursacht, der bis in höchste politische Kreisen Spuren hinterließ. Da ist er gerade einmal 23 Jahre alt. Debussys "Faun" hat er nicht nur in einer völlig abstrakten Choreografie auf die Bühne gebracht, sondern mit einer Masturbationsszene auf der Bühne beendet. Sein Altersgenosse Charlie Chaplin wird von dem Stück begeistert sein! Kurz vor dem Baden-Badener Aufenthalt dann der zweite, vielleicht noch größere Skandal: Igor Strawinskys "Le Sacre du printemps" wird von Musikern als Lärm und Getöse beschimpft, Nijinskys Choreografie ist ihrer Zeit so weit voraus, dass aus dem Pfeifkonzert eine Prügelei im Publikum wird. Avantgarde prügelt auf Belle Époque und umgekehrt - die Polizei muss eingreifen.

Alles könnte so wunderbar laufen in jenem Schicksalssommer vor hundert Jahren. Aber es gibt Spannungen beruflicher Art. Dann reist Nijinsky ohne seinen Lebenspartner auf eine Tournee nach Südamerika ab. Mit an Bord: ein Society-Girl aus Ungarn, eine verwöhnte junge Frau, die gewohnt ist, zu bekommen, was sie haben will. Seit zwei Jahren verfolgt sie wie ein Groupie Nijinsky auf Schritt und Tritt quer durch Europa, viel hat sie dafür bezahlt, mit an Bord gehen zu können. Ihr einziges Ziel: Auf dieser Schiffsreise, fern von Diaghilew, Nijinsky zu ihrem Mann zu machen und von diesem Genie einmal Kinder zu bekommen. Völlig überstürzt heiraten die beiden bald nach der Ankunft - eine der rätselhaftesten Hochzeiten der Geschichte.

Für Nijinsky ist die Heirat Romolas der Anfang vom Ende. Was nun folgt, ist eine Verkettung von unglücklichen Zufällen, unglücklicher Ehe und dem Festhalten an der Fassade. Krankheitsanzeichen mehren sich. Der Tänzer, der nie Urlaub machte, wirkt vollkommen erschöpft und treibt sich mit letzter Kraft zu Höchstleistungen. Die Ehefrau interessiert sich eher für Geld und Ruhm als für Kunst. 1919 bricht Nijinsky endgültig zusammen. Diagnose: Schizophrenie, die Krankheit wurde in jener Zeit überhaupt erst entdeckt. Heute, nach Lage der Krankenakten, kommen ganz andere Dinge zutage.

Romola hat ein Verhältnis mit Nijinskys Arzt und beide mischen ihm das süchtig machende Chlorhydrat ins Essen. Der von ihm angeblich getanzte "Wahnsinn" hat völlig reale Hintergründe, war Jahre zuvor von ihm und Diaghilew so angedacht gewesen. War Nijinsky manisch-depressiv? Würde er heute wegen eines Burnout-Syndroms behandelt werden? Damals gab es kein Zurück. Der Erste Weltkrieg, der Verlust des Tanzens, die familiären Probleme ... zuerst versucht sich der Bewegungssüchtige in die Malerei zu retten, schließlich ins Schreiben. Seine weltberühmten Tagebücher sind das letzte, was Vaslav Nijinsky vor seiner völligen Umnachtung 1919 hinterließ. Gelebt hat er bis 1950. Die Jahre des großen Tanzmythos bis dahin erscheinen wie eine große griechische Tragödie.

Lesetipp:
Petra van Cronenburg: Vaslav Nijinsky. Annäherung an einen Mythos (Seite mit großer Leseprobe)
Rezension des Buchs bei Tanznetz
Das Buch kann in der Buchhandlung Strass in Baden-Baden auch signiert vorbestellt werden.

Donnerstag, 14. Februar 2013

Der Mann mit dem langen Atem

Gestern hätte der berühmteste Bass-Sänger des 20. Jahrhunderts seinen 140sten Geburtstag gefeiert: Fjodor Schaljapin. Fans der Ballets Russes kennen ihn durch zwei Ereignisse.

Schaljapin am Klavier 1922, Foto: Arnold Genthe
Mit ihm fing alles an. Sergej Diaghilew wollte in Paris zunächst gar kein Ballett inszenieren, sondern Opern. Für die Premiere im Jahr 1908 hatte er, bereits damals äußerst geschäftstüchtig, den Weltstar Fjodor Schaljapin in der Hauptrolle engagiert. Zur Aufführung kam die Oper Boris Godunov - fortan die Paraderolle Schaljapins. Weniger bekannt ist dagegen eine recht einseitige Romanze: Eine junge Balletttänzerin hatte sich unsterblich in den viel älteren Schaljapin verliebt und schrieb später in ihren Memoiren ganz rührend darüber. Die verliebte junge Frau wurde später gefeierte Choreografin bei den Ballets Russes - es handelte sich um niemand anderen als Vaslav Nijinskys Schwester Bronja.
Fjodor Schaljapin wird auch in einem später erscheinenden Buchprojekt von mir eine Rolle spielen. Er besuchte nämlich wie so viele Berühmtheiten Baden-Baden. Und von diesem Aufenthalt hat mir jemand eine wunderbare Anekdote anvertraut, die bisher nie veröffentlicht wurde.

Weiterer Lesestoff zum Sänger:
Kurzbiografie mit Original-Filmaufnahme
Artikel von mir über die Oper Boris Godunov mit Plattentipp und Original-Tonaufnahme

Was hat "Der Name der Rose" mit Schaljapin zu tun?

 

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