Sonntag, 3. Mai 2015

Wichtige ÄNDERUNG

Jetzt endgültig: doch kein Umzug zu Wordpress, sondern Bündelung all meiner Blogs bei

cronenburg.blogspot.com

Dieses Blog ist nun auch mit Social media verknüpft - bitte Bookmarks updaten!!!

Donnerstag, 29. Januar 2015

In der Irrenanstalt

Asyle, die irre machten

Irrenanstalt nannte man die Häuser damals zu Vaslav Nijinskys Zeiten. Diagnosen im heutigen Sinne gab es zunächst nicht, die damaligen Therapien erinnern uns eher an Folter: Isolation und Deprivation, Dauerbäder in kaltem Wasser, Elektroschocks. Die "Insassinnen" oder "Irren" mussten nicht einmal wirklich erkrankt sein - viele wurden wegen Verhaltensauffälligkeiten oder fehlender Anpassung von Familienmitgliedern abgeschoben, so mancher auch, damit ein anderer an ein Erbe kam. Irrenhäuser waren Verwahranstalten. Am schlimmsten schienen die öffentlichen "Asyle", in denen die Menschen wie Gefangene völlig verwahrlost dahinvegetierten und erst an den Umständen irre wurden, wenn sie nicht schon verrückt waren.

Vaslav Nijinsky (aus dem Buch Faszination Nijinsky)
In solchen Asylen steckte Vaslav Nijinskys Bruder Stanislas, der sich seit einem Sturz aus dem Fenster und einer möglichen Hirnblutung nicht mehr richtig entwickelte. In russischen Asylen obendrein, die besonders schlimm gewesen sein mussten - denn hierher verfrachtete man auch Gegner des Zaren, um sie kaltzustellen. Vaslav liebte seinen Bruder innig und besuchte ihn regelmäßig, so oft er konnte - er wusste, was einen erwartete, wenn man plötzlich "austickte". Als es ihm dann tatsächlich passierte, hatte er Glück im Unglück: Er war ein weltberühmter und vermögender Mann im Westen, konnte sich die edelsten Privatkliniken in der Schweiz leisten. Und da war noch ein anderes relatives Glück seiner Zeit: Die Psychiatrie hatte einen wissenschaftlichen Durchbruch erreicht.

Die psychotherapeutische Revolution

Das eine war der Klinikchef der renommierten psychiatrischen Uniklinik Burghölzli von Zürich: Eugen Bleuler. Er entdeckte die Schizophrenie wie den Autismus und hatte - in Orientierung an Sigmund Freud - einen völlig neuen Denkansatz: Er unterschied nicht mehr streng zwischen geistiger Gesundheit und Krankheit. Vaslav Nijinsky, der unter brutalen Umständen 1919 zwangseingewiesen wurde (s.u.), erlebte seine besten und hellsten Momente unter dem Arzt Dr. Eugen Bleuler. Der riet ihm eher zur Scheidung denn zur Massivtherapie. Die andere fortschrittliche Klinik, das Bellevue in Kreuzlingen, orientiert sich an der Moderne und der Direktor lässt seine PatientInnen etwas völlig Ungewöhnliches tun, bisher in der Psychiatrie undenkbar: Sie sollten sich kreativ beschäftigen, malen, tanzen, schreiben ... In beiden Kliniken war Vaslav Nijinsky Patient, aber seine Tragik bestand darin, dass ihn seine Frau immer wieder solch wohltuender Therapie genau dann entriss, wenn sie anzuschlagen begann. Wenn er ihr zu entgleiten drohte.

Dass die Psychiatrie zu jener Zeit einen solch großen Fortschritt erlebte, war den zwei ganz Großen zu verdanken: Sigmund Freud und Carl Gustav Jung. Eugen Bleuler berief sich auf Freuds Methoden der Psychoanalyse. Carl Gustav Jung war zwischen 1900 und 1909 im Burghölzli einer seiner wichtigsten Mitarbeiter gewesen. In diese Zeit fällt der Skandal um Sabina Spielrein, die zuerst Patientin und dann Geliebte Jungs wurde. Sie promovierte als weltweit erste Frau mit einer psychoanalytischen Arbeit und arbeitete bis zum Verbot der Therapiemethode als Psychoanalytikerin in der späteren Sowjetunion.

Wer einmal per Film in jene Zeit des psychiatrischen Aufbruchs und das Umfeld, das Vaslav Nijinsky ab 1919 erwartete, hineinschauen will, dem empfehle ich David Cronenbergs wunderbar besetzten Film "Eine dunkle Begierde", der die Geschichte um Sabina Spielrein und das Zerwürfnis der Giganten Freud und Jung verarbeitet (im Moment in der Mediathek bei ARTE). Bis Vaslav Nijinsky in der Psychiatrie eingeliefert wird, vergeht allerdings noch der Erste Weltkrieg, der die Kliniken mit Traumatisierten überschwemmt, mit Menschen, die an den Kriegsgräueln irre wurden.

Spannend sind die berühmten Protagonisten dieses Films noch in anderer Hinsicht bezüglich Nijinskys Schicksal. Es sind Ende 2014 neue Unterlagen aufgetaucht, die mir zum Zeitpunkt der Fertigstellung meines Buchs "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" noch nicht zur Verfügung standen: Unterlagen von Freud, Jung und Adler.

So weiß man nun mehr über Nijinskys Zwangseinweisung 1919:

Es passierte am Tag nach dem Besuch bei Eugen Bleuler und dessen Diagnose der Schizophrenie (die der Arzt übrigens später widerrief). Nijinskys Schwiegermutter soll ihre Tochter Romola vorsätzlich auf einen Spaziergang gelockt und währenddessen die Zwangseinweisung veranlasst haben.
Vaslav Nijinsky lag nichtsahnend im Bett und wartete aufs Frühstück. Plötzlich brachen Polizei und Feuerwehr in sein Zimmer ein, packten ihn gewaltsam noch im Pyjama. Er fragt nach seiner Frau, stellt Fragen, was das soll - und bekommt keine Antwort. Er wird auf Veranlassung seiner Schwiegermutter verschleppt. Als seine Frau vom Spaziergang zurückkehrt, erfährt nicht einmal sie, wohin man ihren Mann verbracht hat. Sie bittet Eugen Bleuler, ihn zu suchen. Der findet Vaslav Nijinsky mit dreißig anderen Patienten im Staatlichen Asyl - aufgrund des Schocks und der gewalttätigen Behandlung bereits im katatonischen Zustand. In sechs Monten im Bellevue in Kreuzlingen entwickelt er in der Folge Halluzinationen. Wie viel hätte ohne diese Zwangseinweisung vermieden werden können!

Die drei Koryphäen:

Romola Nijinsky hat immer wieder die größten psychiatrischen Koryphäen angefragt, um ihren Mann zu behandeln. Zumindest hat sie es zeitlebens behauptet: Freud, Jung, Adler. In der Harvard Theater Collection sind seit langem Originalbriefe zwischen Familie und Therapeuten aufbewahrt, die erschütternde Familienbeziehungen offenlegen. Neu aufgetaucht sind allerdings zwei Briefe aus Privatbesitz in einer Auktion, beide aus dem Jahr 1933 - der eine von Sigmund Freud, der andere von Carl Gustav Jung, beide an eine amerikanische Kunststudentin gerichtet. Im Vergleich wird deutlich, dass auch die inzwischen unzensierte Fassung von Romolas Nijinsky-Biografie kritisch untersucht werden muss.

Romola, der bei ihrem aufwändigen Lebensstil ständig Geld für die Kliniken fehlte, tat einiges, um Nijinskys Berühmtheit immer wieder in klingende Münze umzuwandeln. Für die PR der Veranstaltungen wurden dann schon einmal blumige Geschichten erzählt oder Fotos mit dem nunmehr schwer Kranken künstlich gestellt. Bei einer Ausstellung von Nijinskys Zeichnungen und Malereien im New Yorker Waldorf-Astoria etwa wurde vollmundig behauptet, Freud und Jung wären auf diese Malereien aufmerksam geworden und hätten sie in Kommentaren hoch gelobt. Romola wollte die Zeichnungen gut verkaufen.
Bis vor kurzem wusste niemand, dass eine Kunststudentin in Ohio damals bei den beiden Psychotherapeuten nachgefragt hat, ob das denn auch stimme. Bis die Erbin 2014 in einer Fernsehsendung davon erzählte. (Quelle: Detroit Roadshow)

Sigmund Freud
soll eine Therapie Nijinskys rundweg abgelehnt haben. Mit einem Mann, der in einer schweren Katatonie steckte und nicht mehr sprach, ließ sich keine Psychoanalyse durchführen, behauptete Romola. 1933 schreibt Freud jener Amerikanerin allerdings: "In Wirklichkeit habe ich den Tänzer Nijinsky nie gesehen und mit seinem Fall nichts zu tun gehabt." Auch die Kunstwerke hat er nie gesehen. (Brief auf Deutsch)

Carl Gustav Jung
schreibt der Kunststudentin auf Englisch, er glaube, es sei während des ersten Weltkriegs gewesen, dass ihn Romola wegen ihres Mannes kontaktiert habe, er erinnere sich aber nicht mehr genau (Nijinskys Zwangseinweisung war 1919). Nijinsky habe zu jener Zeit an einem schweren katatonischen Zustand von Schizophrenie gelitten und "was mentally so stuperous", dass eine Unterhaltung mit ihm unmöglich gewesen sei. Etwaige Kunstwerke habe man ihm weder gezeigt noch welche erwähnt.
Interessant ist, dass Carl Gustav Jung dann erwähnt, van Gogh sei ein dankbareres Sujet für die Arbeit der Studentin und diese solle sich doch einmal mit der Sammlung Prinzhorn beschäftigen.
Hier schließt sich ein Kreis - mehr zu dieser Sammlung und den Zusammenhängen schreibe ich in meinem Buch "Faszination Nijinsky".

Alfred Adler
Glaubt man Romola Nijinsky, so habe sie zuerst Alfred Adler für eine Therapie engagiert, diesen jedoch aus Unzufriedenheit fristlos entlassen und daraufhin Carl Gustav Jung angefragt. Das stimmt schon von den tatsächlichen Daten her nicht. Für die 1946 veröffentlichten Tagebücher Nijinskys hatte Alfred Adler außerdem bereits 1936 ein Vorwort geschrieben, das von Romola zensiert wurde und nicht mehr veröffentlicht werden durfte. Zuerst hatte Romola den Abdruck bis zu ihrem Tode verboten, dann Adlers Familie, bis man es endlich 1981 in "The Archives of General Psychiatry" zum ersten Mal öffentlich machte.

Seither weiß man, dass Alfred Adler sehr wohl Vaslav Nijinsky untersucht und diagnostiziert hatte - aber was er herausfand, wollte Nijinskys Frau nicht hören. Adler war der Meinung, Nijinskys Krankheit resultiere aus einem sehr starken Minderwertigkeitskomplex, der aus dem dysfunktionalen Familienumfeld, dem Fehlen einer traditionellen Erziehung, mangelnder Kommunikation und Schwierigkeiten mit höheren Gesellschaftsklassen erklärt werden könne. Damit dürfte er ins Schwarze getroffen haben, aber Romola wollte keine Therapie, die auf Verständnis basierte, sondern lediglich stärkere Medikamente.

1934 hat Adler Nijinsky im Sanatorium besucht und als wohl genährt, ruhig, an Besuch interessiert, aber absolut schweigsam erlebt. Seine motorischen, visuellen und auditiven Fähigkeiten hätten weit über dem Durchschnitt gelegen. Adler beschreibt Nijinsky weniger als einen typischen Schizophrenen als vielmehr soziopathisch von Kindheit an: Ein Mensch ohne Freunde, isoliert und sich selbst genügend, der auf diese Weise durchaus Weltkarriere machen kann - bis er an den Anforderungen des Sozial- und Privatlebens zerbrach. Das wollte Romola nicht hören, die Adler im Vorwort absolut totschweigt. Ungewöhnlich für ihn, denn Familie spielte in seiner Therapie eine große Rolle.
Ich denke, wenn ich Zeit genug gehabt hätte, hätte ich ihn heilen können."
Das schrieb Alfred Adler 1936 - Adler starb 1937. 1938 unterzieht Romola ihren Mann gegen den Rat des Klinikleiters von Bellevue einer der brutalsten Therapien seiner Zeit, an deren Folgen er 1950 stirbt.

Lesetipp:
Das Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos"
enthält neben dem Portrait des Tänzers und historischen Fotos ein ausführliches Interview mit dem Museumskurator von Admont und Spezialisten für die Kunst von psychisch Kranken, Dr. Michael Braunsteiner, über die Sammlung Prinzhorn und die heutige Sicht auf die sogenannte "Outsider Art".
Als Hardcover im Print (auch überall im Buchhandel) oder E-Book zu haben.

Donnerstag, 24. April 2014

Nijinsky - Premiere in Baden-Baden

Als ich in den frühen 1980ern in Brenner's Parkhotel als Hilfszimmermädchen jobbte, hätte ich mir nicht im Traum ausgemalt, dass meine Erfahrungen so viele Jahre später in meinem Leben wieder eine Rolle spielen könnten. In einem Stück über Vaslav Nijinsky und Sergej Diaghilew im Schicksalsjahr 1913, das am 27. Mai in Baden-Baden als szenische Lesung gegeben wird: Jeux - russische Spiele in Baden-Baden, von Petra van Cronenburg.

Jeux - russische Spiele in Baden-Baden am 27. Mai im "Gartenhaus"

Ich wurde von der Veranstalterin gebeten, vorher kurz eine Einführung in die Materie zu geben. Es könnte ja sein, dass die beiden Giganten der Ballets Russes beim heutigen Publikum nicht mehr bekannt seien. Und was sie wohl im Hotel Stéphanie-les-Bains suchten, dem heutigen Brenners Parkhotel?
Ich wollte jedoch bei einem Stück mit zwei Schauspielern nicht die Atmosphäre zerstören durch trockenes Vortragen. Also habe ich zu einem Trick gegriffen: Ein Zimmermädchen von damals erinnert sich in einer Radiosendung. Die kann viel deftigere Details erzählen als die seriöse Autorin. Und prompt war eine Szene entstanden, wo das arme Mädel tagelang nur Messingeländer polieren musste. Ich durfte das damals für die englische Prinzessin Anne tun und kann mich heute endlich an dieser Maloche intellektuell "rächen", indem ich die Prinzessin durch Sergej Diaghilew ersetze, den Sauberkeitsfanatiker!

Nein, den Abend sollen die beiden Männer bestreiten ... und streiten werden sie durchaus auch. Es kriselt an allen Ecken und Enden zwischen den Giganten der Ballettwelt!

Zwei ganz wunderbare Schauspieler habe ich dafür bekommen, die nicht nur vom Alter her und selbst vom Aussehen her auf die Rollen passen. Sebastian Mirow, der den Diaghilew lesen wird, brauche ich Baden-Badenern nicht mehr vorzustellen, der "Superstar" der Stadt ist zu sehen im Faust, im Großen Gatsby, in Dantons Tod, Floh im Ohr oder Maria Stuart.

Sergej Diaghilew wird gesprochen von Sebastian Mirow

Daniel Arthur Fischer spielt derzeit auch Goethes Werther - allein das rückt ihn in die Nähe des sensiblen Vaslav Nijinsky. Zu sehen ist er auch in Stefan Zweigs "Vierundzwanzig Stunden einer Frau" und im "Politischen Salon".

Vaslav Nijinsky wird gesprochen von Daniel Arthur Fischer

Der Vorverkauf läuft auf Hochtouren, Reservierung für den Abend empfiehlt sich. Diese Reservierung muss direkt bei der Stadtbibliothek erfolgen! (Ein Klick bei FB allein genügt nicht).

Die Fotos zeigen Flyer und Programmheft des Theaters Baden-Baden, die in der Stadt überall ausliegen, aber auch direkt bestellt werden können. Der feine Theaterfotograf ist übrigens Jochen Klenk.

Montag, 21. April 2014

Gänsehaut durch Sir Simon Rattle

Ich glaube, ich hörte kaum ein Stück des 20. Jahrhunderts so intensiv wie Strawinskys "Le Sacre". Begleitend zum Projekt "Faszination Nijinsky" habe ich es immer wieder gehört, habe mir jeden nur erreichbaren Film dazu angesehen und auch die Rekonstruktion der Choreografie. Die meist gehörte Version war dabei nichts Weltberühmtes: das ORF-Sinfonieorchester unter der Leitung von Milan Horvath 1992 (Stück bei Spotify anhören / Nachruf Horvath). Es gab aber auch Fassungen, bei denen mir die Zähne zogen und Strawinsky womöglich gestöhnt hätte. Kann man bei einem solch extremen Musikkonsum denn noch Genuss empfinden?

Ja, man kann. Je besser man in ein klassisches Stück "hineinschauen" kann, je mehr man versteht, wie es "funktioniert", desto größer wird das Staunen: "Le Sacre" ist für mich eine der größten Kompositionen des 20. Jahrhunderts - im Jahr 1913 seiner Zeit weit voraus, 2014 immer noch nicht gealtert.

Gestern gab es live bei den Osterfestspielen in Baden-Baden eine Fassung, die auch mir alten Dauerhörerin Gänsehaut vom Kopf bis zu den Zehenspitzen bescherte. Als Sir Simon Rattle die Berliner Symphoniker dirigierte, sah ich förmlich Vaslav Nijinsky hinter der Bühne laut durchzählen, damit die Tänzer gegen die Schreie des Publikums weitertanzen konnten. Ich sah das Ballett vor meinem geistigen Auge, ich sah aber auch, woher die wunderbaren Klangfarben kommen, die Strawinsky mit seiner damals extrem schrägen Orchesterzusammensetzung erreichte. Genuss vom Feinsten - könnte meine Lieblingsfassung werden (gibt es in einer Version von 2012 auch auf CD).

Dienstag, 11. Februar 2014

Nachruf auf Nijinsky 1950

Eigentlich wird in diesem Jahr der 125. Geburtstag von Vaslav Nijinsky gefeiert. Unter den Fundstücken, die ich dazu in diesem Blog regelmäßig präsentieren möchte, soll aber auch ein Nachruf nicht fehlen. Der englische Guardian brachte ihn am 10. April 1950 - Vaslav Nijinsky starb in England.

Interessant dabei ist nicht so sehr, dass auch zu jener Zeit seine Berühmtheit keineswegs vergessen war: "No male dancer in perhaps any age has had greater fame or a more tragic ending to his career." Vielmehr gab es offensichtlich damals bei den Journalisten Wissenslücken, wie sie zu mancher Mythenbildung geführt haben mögen.

Im Guardian heißt es über Nijinskys Zeit im Ersten Weltkrieg, der Tänzer sei in einem österreichischen Kriegsgefangenenlager interniert gewesen und nur dank Diaghilew gerettet worden: "However, when Nijinsky was interned in an Austrian prison camp after the outbreak of war in 1914 it was Diaghileff who gained his release." Dass Diaghilew trotz ihrer zerrütteten Beziehung im Hintergrund die Fäden spann, um Nijinsky in die USA ausreisen zu lassen, ist richtig. Das ist ihm auch mithilfe politischer und diplomatischer Beziehungen fast im letzten Augenblick gelungen. Für Nijinskys Zustand womöglich zu spät. Falsch ist jedoch der Aufenthaltsort. Die Wahrheit, die wir heute kennen, ist noch viel tragischer. Vaslav Nijinsky geriet mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht nur wegen seines Passes zwischen die Fronten. Reichlich unfähig zu praktischen Lebensentscheidungen folgte er seiner ungarischen Frau in deren Heimat, weil Romola glaubte, in Ungarn sei der Russe sicher. Sie irrte sich angesichts der Weltlage.

Verblendung, die von der Geschichte bestraft wurde. Und dabei hatte Nijinsky noch "Glück". Man internierte ihn, als Zugeständnis an seine Berühmtheit, im Haus der Schwiegereltern: Hausarrest! Und hier begann das große Drama, das in einem echten Gefangenenlager so nie hätte stattfinden können: Die Ehefrau, die er damals schon ablehnt, im Dauerstreit mit ihrer eigenen Mutter, die Ablehnung von Nijinskys Sehnsüchten und Wünschen, das ständige Eingesperrtsein im Turmzimmer, ohne Tanz, ohne Bühnenbekanntschaften, einsam in einem Land, dessen Sprache er weder versteht noch sprechen kann! Zunächst versucht der Tänzer, in der Vaterrolle für die kleine Kyra aufzugehen, aber das Fehlen der Kunst und der Bühnenleute lässt sich nicht unterdrücken. Er greift, um nicht verrückt zu werden an diesem Gefängnis, zum einzigen Bewegungswerkzeug, das ihm bleibt: Er beginnt zu malen.

Sonntag, 9. Februar 2014

Pariser Chic à la Ballets Russes

Spätestens seit dem Spielfilm "Coco Chanel & Igor Stravinsky" ist auch einem breiteren Publikum bekannt, dass die Bühnenkostüme der Ballets Russes nicht nur von berühmten ModerschöpferInnen und Kostümbildnern geschaffen wurden, sondern diese sich durchaus von der Bühne inspirieren ließen. Ich habe in meinem Buch "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" (Hardcover / Kindle-Ausgabe) über die Modemacher, Designer und Luxusparfumeure geschrieben, die sich damals inspirieren ließen.

Poirets Kleid (Zeichnung Iribe) von 1912 ist von Nijinskys Ballett "Nachmittag eines Fauns" inspiriert
Zwei haben sich damals intensiv darum gestritten, wer denn nun die Frauen vom lästigen und vor allem gesundheitsgefährdenden Korsett befreit habe, zwei Modeschöpfer, die in den fließenden und natürlichen Linien der Balletttänzer geradezu schwelgten: Coco Chanel, dank heute noch existierender Firma die Bekanntere - und Paul Poiret, vor dem Ersten Weltkrieg mit die Nummer 1 in Paris. Beide haben für die Ballets Russes auch Parfum kreiert, Paul Poirets Kreationen zu Vaslav Nijinskys Baletten unter dem Firmennamen Rosine werden heute von der Osmothèque in Versailles als historische Zeugnisse bewahrt.

Ich will hier nicht zu viel aus meinem Buch verraten. Allerdings habe ich einen Tipp, wo man sich daneben die bahnbrechende Mode von damals anschauen kann.

Nicht minder berühmt als Paul Poiret ist der Designer und Buchillustrator Paul Iribe, der u.a. Prachtbände über Vaslav Nijinsky gestaltet hat, die damals vor allem in der schwulen Gesellschaft hoch begehrt waren (und wegen der limitierten Luxusauflagen auch heute noch einiges wert sein können). Er hat außerdem Schmuck entworfen und die Modellkleider von Paul Poiret gezeichnet! Übrigens ist der Mann so legendär gewesen, dass die Firma Lanvin heute noch ihr Parfum "Arpège" mit Paul Iribes Originalentwurf verkauft!

Die Openlibrary bietet nun mit Unterstützung des Getty Research Institute ein Digitalisat seines Modebuchs "Les Robes de Paul Poiret" von 1908 an. Man kann das Digitalisat hier anschauen und in allen möglichen Formaten kostenfrei herunterladen.

Wer sich in den Modestil von Paul Poiret vertiefen will, findet einen guten Aufsatz im Metropolitan Museum of Art, wo auch Fotos der Ausstellung zu sehen sind, die die Originalentwürfe nach den Ballets Russes präsentierte. Absolut legendär ist dabei dieses Kostüm mit passendem Turban von 1911, das Nijinskys Kostüm im Ballett Sheherazade nachempfunden ist (Nijinsky in diesem Kostüm kann man auf der Hintergrundgrafik dieses Blogs sehen). Hieraus entwickelte Poiret seine berühmten "Lampenschirm-Silhouette", die so populär wurde, dass sich Vaslav Nijinsky in seinen Tagebüchern darüber aufregt, die Frauen im Publikum würden ihn nur noch nachäffen.

Dienstag, 4. Februar 2014

Gehen, spüren, hören, fliegen

Die schwierigste Szene wahrscheinlich des ganzen Stücks: Ein Monolog Nijinskys, bevor der angelegte Konflikt eskaliert. Dünnhäutig wird er dabei, äußerst dünnhäutig. Aber nicht nur er soll fühlen: Ich will, dass das Publikum ihn spüren kann.

Um so etwas schreiben zu können, muss ich mich selbst dünnhäutig machen, muss durchlässig werden. Das sind die Tage, die schöpferisch Tätige auch in anderen Künsten kennen: Man meidet Menschenansammlungen, schließt sich vor dem Geschrei der Wirklichkeit da draußen ab, bringt sich in eine Art Schwebezustand. Nichts darf einen in diesem Moment zurückholen in die Gegenwart der anderen, denn dann wäre der Zauber gebrochen.

Manchmal reicht ein guter Kaffee, ein Fetzen Musik. Aber diesmal ist es anders. Es geht in die Schmerzen eines zutiefst Gepeinigten hinab. Nijinsky hat eine Liebe verloren, zwei seiner Stücke sind abgesetzt und was er vermutet, klingt nur vornehmlich wie Verfolgungswahn. Denn die Intrige, die er feinsinnig erspürt, ist echt. Dazu schwebt wie ein Damoklesschwert über ihm der Wunsch Diaghilews, er möge für ein Jahr aussetzen. Einfach nur aussetzen, Urlaub machen. Wie macht das einer, der ohne Bewegung nicht sein kann, dem die Bühne alles ist - das Leben, die große Liebe? Einer, der im Alltag nicht besteht, alles abgenommen bekommt vom Leibdiener und vom Geliebten? Ein Jahr ohne Tanz ... und das einem Vollbluttänzer, der von Kindesbeinen nichts anderes getan hat? Er will es nicht, aber er klammert sich an die große Aussicht: Ein Ballett nach Musik von Johann Sebastian Bach. Wieder Tänzer und Choreograph zugleich sein ...

Ich trage die Szene, die nun kommen soll, wohl schon ewig mit mir herum ... wie so viele ungeschriebene, aber erfühlte Szenen. Manche von ihnen brauchen Leben und Zeit und seltsame Zufälle um sich herum, um zu wachsen. Da ist der Choreograph, den ich kennenlernte, der als junger Ballettschüler einen ganz besonderen Lehrer hatte: Leon Wojcikowski, einen Tänzer, der noch persönlich mit Vaslav Nijinsky und den Ballets Russes auf der Bühne gestanden hatte! Näher kommt kaum etwas einem Augenzeugenbericht nach hundert Jahren. Und wie er mir vom Geheimnis des Fenstersprungs von Nijinsky erzählt ... etwas, das in keinem Buch steht. Das Niemandem, den ich kenne, auch nur irgendwie bewusst ist. Der Fenstersprung Nijinskys im Ballett "Der Rosengeist" war legendär - in meinem Buch beschreibe ich die schier unmenschliche Anstrengung dahinter. Aber warum sprang Nijinsky einmal rückwärts!?

Nijinsky, Vaslav 2104 / photog... Digital ID: nijinsky_2104v. New York Public Library

Nie werde ich den Gänsehauteffekt vergessen. Da war auf einmal dieses Gefühl aus Kindertagen. Wenn ich aufmerksam den Gehweg entlanggehüpft bin und nicht auf die Linien treten durfte. Immer nur ins Innere der Steinplatten. Auf eine Linie treten, das war wie Chaos in die Welt bringen, das musste ausradiert werden, rückgängig gemacht, mit einem Rückwärtssprung in die Mitte. Kinder haben solche magischen Spiele, die sie irgendwann vergessen. Nur manchmal ist da noch eine leise Ahnung, wie man sich den Kosmos in Ordnung hüpfte, wie es sich anfühlte, wenn er scheinbar in Unordnung geriet, wie man gegensteuerte, sich bewegte, hüpfte, tanzte. Nijinsky hat die Sache mit dem Fenster nicht zufällig getanzt. Sein geliebter Bruder war als Kind aus dem Fenster gefallen, Stockwerke tief. Tagelang lag er bewusstlos, dann das wundersame Erwachen. Aber etwas im Kopf des Bruders war ver-rückt, war aus der geordneten Bewegung geraten. Nijinsky sprang immer wieder für seinen Bruder ... zurück.

Es ist ein Bild für meine Szene. Und da ist noch eine Kindheitserinnerung von ihm, nicht mir, hochemotional. Ich muss in Nijinskys Sprache, seinen Tonfall, seinen Atem finden.

Ich gehe. Gehe über Wiesen, Felder, durch den Wald. Höre Gustav Mahlers Fünfte und gehe ins Gefühl hinein. So viel Traurigkeit, so viel Sehnen ... fast ist die Musik nicht auszuhalten. Es erdet mich mein Hund, der ganz andere Linien verfolgt als choreographische. Aber ich darf nicht stehenbleiben, wie ich dünnhäutiger werde. Raben begleiten mich und Vorfrühlingsvogelsang, der ins Pianissimo dringt. Wie ist das, wenn einem die Kunst genommen werden soll? Wenn man funktionieren soll wie all die anderen da draußen, im Alltag, da, wo es laut ist und das Leben quirlt. Was muss sich einer abschneiden, der das Leben aus sich heraustanzt, der gefühlt werden will von den anderen, der vor Liebe nur so überströmt, als andere ihn abschieben wollen?

Es ist nicht einfach. Daheim, am Laptop sitzend, schalte ich leise, ganz leise Schostakowitsch ein. Das ist die Musik für so etwas: die fünfte Symphonie, auch bei ihm die fünfte .... als ginge es um eine verborgene Symmetrie. Man hört die Anklänge von Mahler bei Schostakowitsch obendrein. Zufallswahl. Zufall? Das Stichwort: Symmetrie. Bevor ich daran gehe, sie komplett zu zerstören.

Dann ist es da. Es schreibt mich. Ich nehme nichts mehr wahr, bin ganz da, ganz vorhanden in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Ich bin mit Nijinsky Kind und ich sitze verzweifelt mit ihm im Hotelzimmer. Spreche für ihn, fühle ...

Irgendwann noch ein Durchgang, ein wenig feilen. Wie immer, wenn etwas so aus mir herausgeflossen ist, muss nicht viel verändert werden. Eine ganze Symphonie lang hat dieser kleine Monolog gebraucht. So viele Tage stecken in dieser winzigen Szene. Der letzte Ton - ein Punkt. Mein erschreckter Blick auf die Uhr, die jemand vorgedreht haben muss ... und dann der Schüttelfrost.

Ich klappere mit den Zähnen, bin völlig ausgelaugt und erschöpft. Einen Espresso und einen Kraftriegel später bin ich fähig, meine eigenen Worte laut durchzulesen. Worte, die mir immer fremd vorkommen und die mit dem Musiker enden, den ich während des Prozesses eigenartigerweise nicht habe hören können:
"Ich gebe ihnen nicht mehr das Tier. Bach. Das ist der Knall Gottes. Das Rauschen hinter dem geöffneten Fenster. Bach ist die Mathematik der getanzten Formen. Fliegen, ohne je gesprungen zu sein."
Habe ich das geschrieben? Es muss wohl so sein. Morgen wird Diaghilew ins Zimmer platzen, Nijinskys Monolog genau an dieser Stelle unterbrechen. Morgen muss ich in Sergej Diaghilew schlüpfen ...

Bevor ich diesen Beitrag hier schreibe, schlage ich nach: 5. Symphonie von Schostakowitsch. Und lese dessen Worte:
"Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich hin: Jubeln sollen wir, jubeln sollen wir ..."
Seltsam. Genau das hätte mein Nijinsky in jener Szene auch sagen können.

Der Vorverkauf für die Premiere in Baden-Baden hat bereits begonnen: Hier Karten reservieren!

Dienstag, 21. Januar 2014

Walk like an Egyptian

Wer hat nicht sofort den Ohrwurm "Walk like an Egyptian" im Ohr und möchte gleich lostanzen zum Nummer-1-Hit der Bangles aus dem Jahr 1986! Lustig war das, mit diesen komischen Bewegungen wie auf altägyptischen Friesen - die Hände vorgeruckt ... wie im nicht minder legendären Video der Band. Es heißt, der Song sei von Leuten inspiriert worden, die herumeierten, um von einer Fähre zu kommen - den Texter habe das an alte ägyptische Fresken erinnert. Aber das ist wohl nur eine Mär, denn der Text selbst gibt einen viel spannenderen Hinweis, wenn es von diesen alten Figuren heißt: "They do the sand dance ..."

Der Sand Dance war nämlich nicht minder berühmt und verbreitete sich einst wie ein Virus. Dabei hatte alles so harmlos angefangen: Ein Komponist namens Alexandre Luigini schrieb die Musik für ein "Ballet égyptien", das genau hundert Jahre vor den Bangles als Teil der Oper Aida Aufsehen erregte. In einer Fassung als Orchester-Suite hatte das Stück auch noch im beginnenden 20. Jahrhundert großen Erfolg - die Leute waren verrückt nach exotischen Themen. In den 1920ern fand diese Musik als Hit aus den Konzerthäusern hinaus in die Variétés und Music Halls von Amerika und Europa. Das Trio Wilson, Keppel and Betty (gegr. 1917) brachte mit seinem "Sand Dance" das Publikum nicht nur zum Kochen ... sondern zum Mittanzen. Der Sand Dance war voll in Mode, die Leute schwelgten im Ägyptenfieber. Abgesehen von den Bewegungen, die alten Fresken nachempfunden waren, war das Ganze auch noch lustig und als "Cleopatra's Nightmare" machte der Tanz dann vor allem in den 1930ern Furore ... Weltweit berühmt war das Trio - nur im Deutschen Reich führte ihre Darbietung, die sie 1936 in Berlin noch gaben, zum Verbot durch Goebbels als "entartete Kunst". Die Tänzerin Betty erlebte eine späte Genugtuung - sie wechselte später in den Journalismus und wurde Korrespondentin bei den Nürnberger Prozessen.
Ob der Songwriter von The Bangles wirklich nichts von diesem Vorbild wusste?
Cleopatra's Nightmare bei youtube anschauen
Wilson, Keppel & Betty bei youtube anschauen
(Das Einbetten der Videos ist leider deaktiviert)

Die wenigsten Menschen jedenfalls kennen den sogenannten Missing Link, das wirkliche Vorbild, das zwischen dem 19. Jahrhundert und den 1920er Jahren überhaupt erst die Ägyptomanie in der Tanzsszene salonfähig machte ... zu seiner Zeit jedoch reichlich skandalumwittert: Vaslav Nijinsky!

Es ist 1912. Vaslav Nijinsky tanzt nach seiner eigenen - übrigens ersten - Choreographie "L'après-midi d'un faune" von Debussy. Die Tänzer tragen Kostüme, die an alte griechische Statuen erinnern, aber ihre seltsamen Bewegungen erinnern an altägyptische Fresken:
"Den Oberkörper unbeweglich zum Publikum gewandt, zeigen ihre Füße schon in Fluchtrichtung, die Köpfe jedoch starr rückwärts zum Faun. Und dann immer wieder das gleiche Spiel: Brust oder Rücken bleiben starr zum Publikum gerichtet, Füße und Köpfe verdrehen sich ins Profil. Keine Miene verzieht sich während der zwölfminütigen Aufführung. In abrupten, starren Winkelungen entwickeln die Gliedmaßen ein Eigenleben, als seien sie abgebrochen von einer Statue, als müssten sie auf einer zweidimensionalen Fläche agieren." (Petra van Cronenburg: Faszination Nijinsky)
Wie es dazu kam, darüber gibt es eine nette Anekdote: Wie immer scheuchte der Impresario Diaghilew seinen Startänzer Nijinsky und den Bühnen- und Kostümbildner Leon Bakst zu Studienzwecken ins Museum. Dumm nur, dass die beiden ausgerechnet im Louvre aneinander vorbei liefen! Bakst wartete im Erdgeschoss auf Nijinsky, sichtlich fasziniert von den Sammlungen aus dem antiken Griechenland. Nijinsky war wieder einmal zu schnell vorausgestürmt: in die ägyptischen Sammlungen einen Stock darüber. Ob er schon einmal einen frühen "Sand Dance" auf der Bühne gesehen hat, ist nicht überliefert. Aber er hat sich seine Bewegungen auf eben jenen altägyptischen Fresken abgeschaut. Seine Idee von der Choreografie war bahnbrechend: Alles sollte so aussehen, als sei es zweidimensional auf eine Wand gemalt!

Als die Ballets Russes dieses Ballett und schließlich auch "Cléopatre" auf die Bühne brachten, grassierte in Europa gerade das Altägyptenfieber. Spektakuläre archäologische Funde rückten die Antike wieder ins Blickfeld - einer der berühmtesten war der Fund der Nofretete 1912. Man schwelgte in den Farben der Fresken und ahmte den Stil der alten Ägypter in Mode und Design nach. Bis die zweite große Welle dieser Mode kam - mit der Öffnung des Grabs von Tut-ench-Amun 1922. Ob Wilson, Kettle & Betty nicht sogar die Vorbilder der Ballets Russes parodierten? Sie gründeten ihre Gruppe im Jahr nach deren legendärer USA-Tournee ...

L'Après-midi d'un faune aus einem Film von 1931. Ein besonderer Leckerbissen für Kenner - die Choreographie stammt vom ehemaligen Mitglied der Ballets Russes, Leon Woizikowski, der noch mit Vaslav Nijinsky auf der Bühne gestanden hat. Er versuchte damals zum ersten Mal, dessen Choreographie einigermaßen zu rekonstruieren. Die Version des Joffrey Ballet (Farbe), das eine wissenschaftlichere Rekonstruktion versuchte, kann man hier anschauen.



Montag, 9. Dezember 2013

Nijinsky auf der Bühne in Baden-Baden

Es ist noch ein wenig früh, aber die Texte kommen schon in die Jahresprogramme und Flyer, so dass es nie zu spät ist, sich das Datum vorzumerken. Ich habe die Ehre und das besondere Vergnügen, Vaslav Nijinsky und Sergej Diaghilew in einer szenischen Lesung auf die Bühne zu bringen ... in genau der Stadt, wo sie 1913 incognito abstiegen.

Ihr Aufenthalt in Baden-Baden ist relativ unerforscht. Davor liegen die größten Theaterskandale der europäischen Kulturwelt, zuletzt der von Strawinskys Le Sacre. Danach fand die völlig überstürzte und bis heute im Motiv nicht geklärte Heirat Nijinskys mit seinem "Groupie" Romola statt - obwohl er noch kurz zuvor gemeinsam mit seinem Partner Sergej Diaghilew als Europas berühmtestes schwules Paar kein Verstecken nötig hatte. Was war in jenen Sommertagen geschehen?

Im Hotel Stéphanie-les-Bains, dem Vorgänger von Brenners Parkhotel,  stiegen die beiden Ballettgiganten 1913 ab

Jeux – russische Spiele in Baden-Baden
Ein Stück von Petra van Cronenburg
in einer szenischen Lesung mit Schauspielern des Baden-Badener Theaters. Eine Veranstaltung der Bibliotheksgesellschaft Baden-Baden in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater am Di., den 27.5.2014 im Literaturmuseum("Gartenhaus").

Ein rätselhaftes Vabanquespiel in Baden-Baden. Zwei Männer, die ihre Träume, Sehnsüchte und die Kunst auf eine Karte setzen.
Im Hotel Stéphanie steigen 1913 zwei Giganten der Theaterwelt ab: Vaslav Nijinsky, weltweit als „Gott des Tanzes“ verehrt, und Sergej Diaghilew, „Gottvater“ der legendären Ballets Russes. Ein ungleiches Paar privat wie auf der Bühne, bei dem es heftig kriselt: Nijinsky tanzt nicht mehr den schillernd schönen Sklaven. In der Weltpresse zerreißt man sich das Maul über seine ultramodernen Choreografien. Der Skandal um Strawinskys „Le Sacre“ hat fast zu diplomatischem Streit zwischen Frankreich und Russland geführt. Dem Impresario Diaghilew steht finanziell das Wasser bis zum Hals, die Mäzene werden unruhig – er sucht den Rausch in altem Pomp. Offiziell plant das Paar in der Kurstadt ein neues Bach-Ballett, will sich von den Skandalen der Pariser Saison erholen. Doch im Hintergrund spinnt jemand unsichtbare Fäden – eine Ménage à trois mit einem Unbekannten verlangt vollen Einsatz.

Montag, 11. November 2013

Jener schicksalshafte Totentanz

Seltsames Publikum strömt in den Ballsaal. Die meisten haben sich eben noch beim Sport vergnügt oder sich die Zeit an der Hotelbar vertrieben ... sie sind vergnügungssüchtig, ballern sich zu. Es hat lange keine Vergnügungen mehr gegeben. Die anderen tragen die Nase hoch und eine schwere Geldbörse unterm Smoking: Man hat es und man zeigt es. Schließlich ist man nicht irgendwo, sondern in Sankt Moritz. Schließlich kann man sich den Urlaub im Schneeparadies leisten und endlich alles, alles vergessen. Im November des vergangenen Jahres feierte man erst den Waffenstillstand. Es ist noch nicht lange her, da versank die blühende kosmopolitische Kultur eines Europas, das von Paris bis Petersburg reichte, in Barbarei, in nationalen Hass und schließlich in Schutt und Asche. Die anfängliche Begeisterung für Fortschritt, Bewegungen und Maschinen kippte schon vor Jahren um in tiefes Leid. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hat man seine Mitmenschen auf eine industrielle, maschinelle Weise abgeschlachtet. All die 200 Gäste, die sich im Ballsaal eines St. Moritzer Hotels versammeln, wollen endlich den Ersten Weltkrieg vergessen, wollen feiern und Seelenbalsam genießen, dürsten nach Unterhaltung.

Nijinsky als Sklave in "Le Roi Candaule", 1906, unbekannter Fotograf
Die Pianistin hat all die schönen und harmonischen Standards aus der Friedenszeit vor dem Krieg geprobt. Aber das Publikum tuschelt. Derjenige, den sie erwarten, soll einmal der berühmteste Star der Welt gewesen sein. Nun ja, gleichzeitig mit dem Amerikaner Charlie Chaplin, den er ausgerechnet mitten im Krieg in den USA kennengelernt hat. Chaplin wird seinen Altersgenossen nie mehr vergessen, wird in seinen eigenen Bildern von ihm geprägt. Aber die Menschen im Ballsaal haben vergessen, was der Weltstar hat aushalten müssen, weil er den falschen Pass zur falschen Zeit hatte, ins falsche Land obendrein geraten. Die meisten wissen gar nicht, was er hat durchmachen müssen. Da war jene geheimnisvolle plötzliche Heirat des bisher berühmtesten Schwulen Europas mit einer Frau ... eine Ehe, die schon gleich eigentlich keine mehr war und aus der es kein Ausbrechen mehr geben sollte. Dazu das viele Leid auf den Bahnhöfen während der Tourneen, als die Ballets Russes trotzdem und immer wieder das Reisen wagten. Dann haben sie ihm die Bewegungsfreiheit genommen. Kriegsgefangenschaft. Gemalt hat er, um sich bewegen zu können. Der berühmte Nijinsky ist nun frei. Er soll inzwischen aus Platzmangel auf dem Balkon seiner Villa proben.

Komisch soll er geworden sein, raunt es durchs Publikum. Ob er vielleicht verrückt ist? Typisch Künstler, sagen die einen. Einfach überarbeitet, ausgebrannt, vermuten die Mitfühlenderen. Aber seine Frau, die auch zugegen ist, macht kaum einen Hehl daraus, dass sie eigentlich gegen die Veranstaltung ist, dass sie ihren Mann in der Tat für verrückt hält. Einen Quacksalber in Sachen Psyche hat sie geholt, einen Sportarzt. "Leichte Hysterie" ist zunächst die Diagnose. Der Künstler, der zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf einer Bühne stehen darf und der viel vorhat mit seinem Solo, soll schlaflos und erregt sein, seine Familie mit Wutausbrüchen erschreckt haben, weil diese die Hektik nicht verstehen kann. Und ist es nicht absolut verrückt, dass einer wie ein Besessener an einer Choreografie arbeitet, während alle anderen dem Après-Ski fröhnen? Ist einer noch normal, der im Ort Farben kauft und Bahnen von Stoff, so viel Stoff! Was hat er nur vor?

Den schönen Prinzen soll er doch geben, seine berühmten göttlichen Sprünge zeigen zu freundlicher Musik. Gewiss, ein wenig kürzer muss er hier schon treten, das Ferienhotel ist schließlich nicht die Pariser Oper! Man trinkt noch einen und noch einen, man schwatzt und träumt von jenen prächtigen Kostümen vor dem Krieg, sicher hat er dafür all den Stoff gebraucht. Seine Frau Romola weist die Pianistin an, Chopin zu spielen, sie will ihren Mann elfenhaft tanzen sehen in seiner alten Rolle aus "Les Sylphides". Man macht sich bereit, in den guten alten Zeiten zu schwelgen.

Und plötzlich der offene Affront. Der Tänzer, absolut nicht im Kostüm, verlangt, was er von den großen Bühnen gewohnt ist: Absolute Stille und Ungestörtheit auch während der Vorbereitungen. Keine Musik und schon gar nicht diese! Seine Frau verlässt gekränkt den Saal, manche überlegen, an die Bar zurückzukehren.

"Dies ist meine Hochzeit mit Gott", sagt Nijinsky nur. Kein Chopin, kein elfenhafter Prinz. Das kann er nach den Kriegsjahren, die ihn und so viele andere fast zerstört haben, nicht mehr. Nicht so kurze Zeit nach dem Kriegsende, 1919. Er will die Agonie tanzen, jenen Tanz auf dem Vulkan, der im Verlust der Menschlichkeit gründete. Er will die eigene Agonie als Künstler auf jene improvisierte Bühne bringen, auf der er so gottverlassen und isoliert gelandet ist, eingesperrt von den Schneebergen, den Gernegroß-Gästen.

Was dann kommt, versteht niemand mehr. Es ist so unerhört. Dieser Mann setzt sich auf einen Stuhl, fixiert die Zuschauer ... und bewegt keinen Muskel! Aber ein Tänzer muss doch tanzen, sich drehen, springen ... Nijinsky sitzt und schweigt und starrt. Es ist, als wolle er die Energie eines jeden einzelnen erspüren. Sein altes Publikum existiert nicht mehr. Das hätte begriffen, dass er zeitlebens seine Choreografien aus der Stille entwickelte, aus der Horizontalen der Erde. Dieses Publikum jedoch will Spaß. Und da steht dieser Verrückte irgendwann auf, packt seine Stoffballen und wirft sie durch den Saal. Schwarzer und weißer Samt bilden auf dem Boden ein riesiges Kreuz. Dahinter steht der Tänzer und wird in seinen sparsamen Bewegungen selbst zum Kreuz, wandelt sich hinein in die Figur eines Gekreuzigten. Er muss vollkommen übergeschnappt sein, denn er tanzt nicht nur, er spricht!

"Jetzt werde ich euch den Krieg tanzen, mit seinem Leid, seiner Zerstörung, seinem Tod. Den Krieg, den ihr nicht verhindert habt, für den ihr also mitverantwortlich seid!" So soll er gesprochen haben. So hat noch nie jemand mit seinem Publikum gesprochen!

Und was er dann tanzte, das muss nicht nur in jenen Elementen seiner Zeit weit voraus gewesen sein und unserem modernen Tanz geähnelt haben. Es muss trotz aller Provokation und des Schocks grandios gewesen sein. Es gibt keinerlei objektive Augenzeugenberichte, aber selbst seine Frau, die ihn da schon für komplett verrückt hielt, musste zugeben, dass er brillant war, mit monumentalen Gesten. Seine "Hochzeit mit Gott" katapultiert ihn wohl in jenes mystische Erleben des Einsseins, das schon im Mittelalter als "unio mystica" beschrieben wird. Seine Tagebücher, die er in jenem Jahr schreibt, sind voll von diesem Erleben. Und das überträgt sich auf das Publikum. Es herrscht diese absolute Stille, die er anfangs fast vergeblich verlangte. Sie hängen an ihm wie die Marionetten, er hat sie in seiner Hand, selbst die Vergnügungsüchtigsten. Jener geheimnisvolle Funke des Theaters ist übergesprungen! Sie belohnen ihn mit donnerndem Applaus.

Es ist sein letzter Tanz. Es ist sein letzter Tanz in Freiheit. Noch im gleichen Jahr wird ihn seine Schwiegerfamilie durch einen äußerst brutalen Polizeieinsatz in die Psychiatrie zwangeinweisen lassen. Vaslav Nijinsky hat sich als Choreograf selbst übertroffen und sich in einen Strudel hineingetanzt, aus dem es kein Entrinnen mehr für ihn gibt ... Und der ihm doch auch vielleicht jenen Ruhepunkt schuf, nach dem seine Seele in dieser verrückt gewordenen Welt so dürstete.

(c) Petra van Cronenburg

Anmerkung: Dieser Text stammt nicht aus meinem Buch, sondern ist frei erzählt, so, wie ich mir aufgrund der Recherchen jenen Abend vorstelle. Aber das Ereignis und die Zeit vorher und danach kommen natürlich auch im Buch vor: "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos". Als Hardcover überall im Buchhandel, als E-Book derzeit bei Amazon (kindle) und bald auch in anderen Shops (epub). Für mehr Infos Link anklicken.
Fans können sich vormerken, dass ich zum 125sten Geburtstag Vaslav Nijinskys eine Veranstaltung in Baden-Baden vorbereite, jenem Ort, wo er sich in seinem Schicksalsjahr incognito aufgehalten hat. Ich informiere rechtzeitig darüber.

Samstag, 2. November 2013

Tanznetz über "Faszination Nijinsky"

Die Zeitschrift Tanznetz hat ihre Seiten umstrukturiert. Deshalb hier noch einmal der aktualisierte Link der Kritik von "Faszination Nijinsky" mit Innenfotos der Druckfahnen des Buchs (leider farbverändert durch die Kamera).




Annette Bopp schreibt über "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" bei tanznetz.de:
"Das Besondere an diesem Buch ist, wie Petra van Cronenburg sowohl die künstlerische wie die menschliche Seite Nijinskys nahebringt, auf ganz unprätentiöse, einfühlsame Art, vor allem aber immer darauf bedacht, der vielschichtigen Persönlichkeit Nijinskys im Rahmen seiner Zeit gerecht zu werden. Da ist viel Neugier spürbar, aber auch großer Respekt, Zuneigung und Zurückhaltung, Bewunderung und Skepsis. Auf diese Weise holt sie auch diejenigen unter ihren Lesern ab, die mit Nijinsky bisher vielleicht nicht so viel anfangen konnten. Sie macht ihn und sein Leben, seine Kunst, verstehbar, nachvollziehbar." 
Hier die gesamte Rezension lesen. 

Alle Infos zum Buch inklusive ausführlicher Leseprobe

Donnerstag, 1. August 2013

Videos zu Le Sacre

100 Jahre Le sacre du Printemps - damals einer der größten nur denkbaren Theaterskandale aufgrund der Musik von Igor Strawinsky und der Choreografie von Vaslav Nijinsky - beiden ihrer Zeit weit voraus. Das Tanznetz hat hier viele Videos zu Aufführungen im Jubiläumsjahr gesammelt, nebst hilfreichen Links.

Montag, 29. Juli 2013

Das nie gelüftete Geheimnis

Es ist seltsam mit den Geheimnissen, die über die Jahrzehnte zur Mythenbildung beitragen. Manchmal sind sie nämlich in Wirklichkeit gar keine. Manchmal müsste man nur die richtigen Augenzeugen finden, die richtigen Texte zusammentragen ... und plötzlich jene unsichtbaren Linien erkennen, die Handlungen zusammenhalten. Und so muss ich mich nun selbst revidieren, muss vielen berühmteren Kollegen widersprechen: Was 1913 mit Nijinsky geschah, ist gar nicht wirklich ein Geheimnis!



Jene nie ganz gelüftete Auseinandersetzung zwischen Nijinsky und Diaghilew, jener angebliche Inkognito-Aufenthalt in Baden-Baden, die wundersame Wandlung des schwul lebenden Nijinsky zum Ehemann eines Groupies - das alles wird plötzlich nachvollziehbar, wenn man ein wenig auf die unbekannteren Protagonisten schaut, die Leute, die nicht berühmt genug sind, dass man sie in jedem Buch zitiert ... oder die einfach gegen die Giganten Nijinsky und Diaghilew den Platz nicht bekommen. Und wenn man vor allem die Buchhaltung des Unternehmens Ballets Russes studiert.

Ich will nicht angeben, schon gar nicht vorab. Aber ich glaube, ich weiß jetzt, wie es gewesen sein könnte. Ich sage bewusst nicht "war". Die Wahrheit werden wir nie herausfinden. Denn es gibt von diesem tragischen Wendepunkt-Sommer weder Film- noch Tonaufnahmen, sondern nur Erinnerungen Dritter, die diese sehr lange nach den Ereignissen zu Papier gebracht haben. Wie unverlässlich die Erinnerung von Zeitzeugen sein kann, ist bekannt. Man muss Aussagen gegeneinander abwägen, mit der bekannten Geschichte vergleichen. Und doch - alles läuft sehr logisch und folgerichtig auf verschiedene Entwicklungen zu.

Ich habe das Glück, keine Wissenschaftlerin zu sein, sondern als Autorin durchaus auch Fiktion bemühen zu dürfen. So schreibe ich im Moment an jenem nie überlieferten Dialog zwischen Nijinsky und Diaghilew. Ursprünglich als reine Fiktion geplant, bin ich nun selbst überrascht, wie die Wirklichkeit mir die besten Konflikte liefert, die verrücktesten Fallstricke einer Liebe zwischen zwei Männern und zur Kunst. Nein, mein Buch "Faszination Nijinsky" muss ich nicht umschreiben deshalb. Und was ich derzeit zu Papier bringe, wird - hoffentlich - live zu erleben sein. Falls dieses völlig verrückte Mammutprojekt zustande kommen sollte, könnte man tatsächlich erwägen, danach ein Essay über die Lösung des großen Rätsels von 1913 zu schreiben. Eigentlich ist es der ganz große Stoff, nach dem sich viele Romanciers sehnen, denn es geht um Leidenschft und Geld.

Freitag, 26. Juli 2013

Sommerfilm: Augenzeugin Marie Rambert

Marie Rambert arbeitete ursprünglich an der damals weithin berühmten Tanzschule von Emile Jaques-Dalcroze in Hellerau bei Dresden, wo man intensiv mit Eurythmie umging. Diaghilew engagierte sie, um Nijinsky bei seiner schwierigsten Choreografie beizustehen: Für Le Sacre von Strawinsky mussten die Tänzer zunächst all die klassischen Tanzschritte vergessen lernen. Marie Rambert tanzte selbst eines der Mädchen in der Aufführung - sie ist also eine der Augenzeuginnen, die besonders intensiv und nah Vaslav Nijinsky erlebt haben. Hier erzählt sie von ihm in seinen unterschiedlichen Rollen:

In einem anderen Video erzählt sie über den Aufruhr bei der Aufführung von Le Sacre, die Szene, die auch in meinem Buch "Faszination Nijinsky" vorkommt: Video 2 anschauen.

Freitag, 31. Mai 2013

Orientalismus im Ballett

Einen sehr guten Artikel über den Orientalismus in den ersten Balletten der Ballets Russes habe ich gefunden, leider etwas ärmlich bebildert. Aber er zeigt sehr deutlich, wie wenig realer Orient im Märchenreich jener Zeit steckte, dafür aber umso mehr Folklore aus südlicheren und östlicheren Regionen des großen russischen Zarenreichs. Vor allem aber erfährt man, wie viele Vorstellungen, die wir uns heute noch vom Orient machen, von den Ballets Russes ins kollektive Gedächtnis gebrannt wurden. Laurel Victoria Gray schreibt: Russian Orientalism and the Ballet Russe.

Wer dagegen gern noch in Bildern schwelgen möchte, wird bei der Library of Congress in Washington fündig. Die hatte nämlich im Jubiläumsjahr der Gründung eine eigene Ausstellung mit Fotomaterial veranstaltet. (Zu den Einzelbildern). Übrigens ist es auch der LOC mit ihren Sammlungen zu verdanken, dass ich mein Buch über Vaslav Nijinsky so reich bebildern konnte - europäische Sammlungen waren leider entweder kaum zu erreichen oder unbezahlbar teuer.
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